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AfD-Fans entfreunden? Vorsicht beim neuen Facebook-„Trendsport“

Die AfD zog gestern in gleich drei Landtage ein. Einhergehend mit der Abneigung vieler Facebook-Nutzer gegen diese Partei greifen Viele zu drastischen Mitteln und entfreunden alle Anhänger, die sich im eigenen Freundeskreis finden. Ein Schritt, den ihr euch vorher gründlich überlegen solltet.

Fast jeder von uns hat ihn in seinem Bekanntenkreis: Diesen Typen, den man schon ewig und drei Tage kennt, mit dem man vieles erlebt hat – und der politisch auf einmal sehr merkwürdig tickt in eine vermeintlich rechte Ecke. Das alles gibt es in verschiedenen Abstufungen. Bei manchem entwickelt sich ein klar erkennbar fremdenfeindliches Bild, bei sehr vielen anderen hingegen ist es wohl eher eine latente Angst vor etwas nicht wirklich Greifbarem, was sich dann unter anderem in einer Abneigung gegenüber Flüchtlingen manifestiert. Schließlich muss ja irgend jemand Schuld daran sein, dass es mir a) schlecht geht oder b) schlecht gehen könnte in Zukunft.

Für ganz viele Wähler der AfD – genügend viele, dass es in gleich drei Bundesländern gestern für zweistellige Ergebnisse reichte – hat man diesen Schuldigen sowohl in den Politikern ausgemacht, als auch in den Flüchtlingen, die als Folge der schlechten Politik hier landen. Das muss man nicht super finden (mich persönlich belastet das sogar tatsächlich nicht erst seit gestern, dass mit dumpfen Parolen so viele Stimmen zu holen sind), aber man muss irgendwie damit umgehen.

Für mich ist das eine ziemlich ambivalente Nummer: Manchmal nervt mich das Thema selbst so sehr, dass ich am liebsten keine Kommentare mehr dazu lesen möchte, generell aber diskutiere ich gerade bei Facebook gerne mit und versuche darauf hinzuweisen, wieso das Kreuzchen bei der AfD gelinde gesagt eher so eine maximal mittelgute Idee sein könnte.

Manchmal verzweifelt man an Menschen, die partout nicht diskutieren oder argumentieren wollen (oder können) und bei denen man früher oder später zu dem Schluss kommt: Freundschaft hin oder her – den brauche ich nicht mehr in meiner Freundesliste. Gerade in den letzten Tagen und Wochen habe ich bei Facebook immer wieder die Bitte gelesen, dass sich AfD-Fans doch am besten selbst als Freund entfernen sollen. Andere lassen wissen, dass sie pauschal jeden entfreundet haben, der sein Like unter anderem auch der AfD gegeben hat. Das Entfreunden ist auf Facebook zu einem echten Trend-Sport geworden, den ich für ziemlich problematisch halte und ich will euch auch sagen, wieso:

  • Das „gefällt mir“ könnte eine Altlast sein, also etwas, was der jeweilige Nutzer gar nicht mehr auf dem Schirm hat.
  • Ihr lauft Gefahr, euch in eurer Filterblase einzurichten und den objektiven Blick zu verlieren.
  • Das angezeigte „Like“ könnte einem technischen Fehler entspringen.

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Gefällt mir? Von wegen!

Fangen wir mit dem letzten Punkt der Aufzählung an – dem technischen Fehler. Wir neigen dazu, das als gegeben hinzunehmen, was wir bei Facebook angezeigt bekommen. Steht da, dass jemand die Band X, das Unternehmen Y oder eben die Partei Z mag, dann ist das vermutlich auch so, oder etwa nicht? Die Graph Search von Facebook ist mittlerweile schon ziemlich mächtig und somit könnt ihr den vermeintlichen schwarzen Schafen unter euren Freunden denkbar leicht auf die Schliche kommen.

Bestimmt erinnert ihr euch noch daran, dass damals – Ende 2014 – beim Aufkommen von Pegida vielfach dieser Graph in Anspruch genommen wurde, um per Suche zu ermitteln, welcher unserer Freunde mit Pegida sympathisiert. Marc hat seinerzeit bei Testspiel.de einen Artikel mit passenden Links veröffentlicht, die euch beim Anklicken direkt zu den Suchergebnissen auf Facebook brachten. Auch die AfD war eine Such-Option in dem Beitrag und alternativ zur Facebook-Suche „My friends who like Alternative für Deutschland AfD“ genügte ein einziger Klick für die Auflistung der vermeintlich politisch Verwirrten. 

Problem bei der Geschichte: Nicht immer bekommt ihr zuverlässig angezeigt, welcher eurer Freunde einer Seite ein „Like“ verpasst hat und wer nicht. Beispiel dafür bin ich selbst:

Facebook Casi AfD

Ich mag schuldig sein, wenn es um denkbar beknackte Profilfotos geht, aber selbstverständlich bin ich kein Fan der AfD und ebenso selbstverständlich habe ich deren Seite auch nicht mit „gefällt mir“ markiert. Dummerweise werde ich aber zuverlässig immer wieder für meine Freunde dennoch so gelistet. Meistens sprechen mich dann Leute drauf an und fragen, ob ich da aus anderen Gründen geklickt habe oder vielleicht vergessen habe, dass ich die irgendwann mal geliked habe. Ich kann aber natürlich nicht ausschließen, dass ich dafür auch schon von anderen entfreundet worden bin.

Nehmt es also nicht automatisch selbstverständlich an, wenn euch ein Freund als AfD-Fan (oder NPD, Pegida, was auch immer) angezeigt wird. Freund Caschy hat da bereits vor zwei Jahren drüber gebloggt übrigens. Ärgerlich, dass Facebook das in dieser Zeit augenscheinlich immer noch nicht in den Griff bekommen hat. Falls zufällig ein Facebook-Mensch mitliest: Lasst es mich wissen, wenn sich daran was ändern sollte, dass ich als AfD-Supporter gelistet werde.

Das Altlast-Like

Die AfD war nicht immer diese Partei mit scheinbar nur dem einen Thema „Flüchtlinge“ – vorher war es irgendwann mal eine Euro-kritische Partei und auch in meinem Umfeld hielten tatsächlich damals einige diese Partei für eine tatsächliche Alternative. Mag also sein, dass euer Freund sich gar nicht mehr darüber im klaren ist, dass er bei der AfD irgendwann einmal auf „gefällt mir“ geklickt hat. Bevor ihr blind Leute kickt, hört also vielleicht lieber erst einmal nach, was es damit auf sich hat.

Im besten Fall hat derjenige tatsächlich dieses Like nur vergessen und ist euch dankbar für den Hinweis. Manchmal liken Facebook-Nutzer bestimmte Seiten auch, ohne dass sie sich mit den Inhalten identifizieren – einfach nur, um eine Seite besser im Blick behalten zu können. Kann ich persönlich nicht unbedingt nachvollziehen, gibt es aber. Auch das lässt sich im persönlichen Gespräch klären.

Die Filter-Bubble – unsere selbstgemachte Wohlfühl-Oase

Einen dritten Grund möchte ich noch nennen, der euch eventuell davon abhalten könnte, euren Facebook-Freund trotz AfD-Affinität zu kicken: Die Filter-Bubble! Mag ja sein, dass es kein technischer Fehler und kein vergessenes Like ist, sondern euer Bekannter tatsächlich nun mal sein Kreuz bei der „Alternative für Deutschland“ gemacht hat. Soll jetzt hier auch gar kein Thema sein, ob das passiert ist, weil er Flüchtlinge per se scheiße findet, oder einfach nur der Regierung durch eine Protestwahl einen Denkzettel verpassen wollte.

Facebook gefällt mir (meistens) auch deswegen so gut, weil dort so viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Geschmäckern, Interessen und Ansichten aufeinander treffen. Das bedeutet, dass mir auch Links in den News Feed gespült werden, die zu Artikeln führen, die ich sonst niemals gesehen hätte. Artikel, die vielleicht ganz anders über ein Thema berichten, als die Beiträge, die ich zum selben Thema geteilt habe.

Sowohl bei Freunden als auch bei unseren Informationsquellen laufen wir stets Gefahr, dass wir uns nur noch mit dem umgeben, was uns in den Kram passt. In unserer eigenen kleinen Wohlfühl-Oase aka Filter-Bubble haben wir also massig Menschen, die unserer Meinung sind und uns auf die Schulter klopfen und wir teilen oft dieselben Links zu Beiträgen, die uns in unserer Meinung weiter bestärken. Das fühlt sich gut an – wer möchte nicht von seinen Freunden bestätigt bekommen, dass er zu den „Guten“ gehört und sich im Recht fühlen darf.

Dummerweise funktioniert das anders herum aber ebenso: Ist man AfD-Fan, dann liest man vielleicht andere Online-Zeitungen, teilt andere Links, sammelt andere Facebook-Freunde um sich. Und die präsentieren sich ebenso geschlossen einer Meinung, schimpfen auf „die da oben“ und auf „Bahnhofsklatscher“ und können nicht verstehen, wieso die anderen alle ihren Irrtum nicht erkennen.

Deswegen lösche ich nicht pauschal Menschen, die einer Partei folgen, mit der ich mich null identifizieren kann. Bei nicht wenigen habe ich das Gefühl, dass sie weder rassistisch noch pauschal gegen Flüchtlinge eingestellt sind. Vielleicht fühlen sie sich von der Politik im Stich gelassen, vielleicht sind sie einfach nur verunsichert. Klar – wer sich eindeutig rassistisch äußert, wird auch von mir gekickt, wenn ich a) mich vergewissert habe, dass ich da nichts in den falschen Hals bekommen habe und b) nicht mehr das Gefühl habe, diesen Menschen in irgendeiner Weise erreichen oder zum Umdenken bewegen zu können.

In den meisten Fällen glaube ich aber, dass es Leute sind, mit denen man noch reden kann, die trotz AfD-Like nicht automatisch Flüchtlinge hassen und bei denen noch nicht alles verloren scheint. Generell – also auch losgelöst von der AfD und von Politik – macht es für mich darüber hinaus Sinn, möglichst viel verschiedene Meinungen aufschnappen zu können, was letztendlich auch meiner eigenen Meinungsbildung hilft. Selbst, wenn man anderer Meinung ist, hilft es vielleicht, die andere Meinung besser nachvollziehen zu können, auch wenn man sie nicht teilt.


Auch, wenn es gerade heute nach den gestrigen teils schockierenden Wahlergebnissen in den drei Bundesländern in den Fingern juckt, einfach mal flott auf „unfriend“ zu klicken: Behaltet das oben Geschriebene dabei vielleicht einfach mal im Hinterkopf. Ich selbst bin auch dabei, meine Freundesliste weiter auszudünnen, weil sich schlicht zu viel angesammelt hat. Aber dabei kicke ich eher Menschen, mit denen mich so ziemlich gar nichts verbindet, oder die mich in irgendeiner Art persönlich angreifen. Bei allem anderen schau ich mir die Kandidaten genau an und so würde ich sicher keinen AfD-Fan kicken, nur weil mir Facebook das so anzeigt.

Schon öfters haben wir euch gerade bezüglich Facebook gebeten, immer eine gewisse Form und Höflichkeit zu wahren, neben Schwarz und Weiß auch die Grautöne zu berücksichtigen und eben nicht diesen Beschimpfungs-Irrsinn mitzumachen, der aktuell um sich greift. Zu dieser „Netiquette“ gehört für mich auf jeden Fall auch, Menschen nicht zu schnell auszuschließen und mir auch andere Meinungen zumindest anzuhören. Gehen wir alle ein bisschen entspannter zu Werke, könnte man eventuell auch wieder wahrnehmen, wie unser Gegenüber tickt – und so auch im Dialog jemanden wieder ins Boot holen, den man heute vielleicht noch politisch verloren glaubt.