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Ankommen: Flüchtlings-Hetze jetzt auch im App Store

Die "Ankommen"-Android-App für Flüchtlinge kommt vom Bayrischen Rundfunk und stützt sich auf Inhalte vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesagentur für Arbeit und dem Goethe-Institut. Auch in den Bewertungen zur App wird mittlerweile gegen Flüchtlinge gehetzt.
von Carsten Drees am 14. Januar 2016

Schwierige Zeiten – so auf zwei Worte komprimiert spiegelt das natürlich nicht im Ansatz wider, in welcher Situation sich unser Land und jeder, der darin lebt, aktuell befindet. Komische Einleitung für einen Artikel, in welchem eigentlich eine Android-App vorgestellt werden soll? Jau, finde ich auch! Aber der Reihe nach:

Ankommen – Android-App für Flüchtlinge in Deutschland

Wer bei Google Play vorbeischaut, findet dort seit zwei Tagen eine nagelneue App vom Bayrischen Rundfunk. Die heißt „Ankommen“ und Name ist dabei Programm, denn sie richtet sich direkt an Flüchtlinge, die neu in Deutschland ankommen. Die Anwendung ist ein Angebot des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, das gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und auch dem Goethe-Institut für die Inhalte verantwortlich ist. In App-Form gegossen hat das Ganze dann schließlich der Bayrische Rundfunk, der die App auch in den App-Store gebracht hat.

Ankommen
Preis: Kostenlos
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Flüchtlinge finden in dieser App Inhalte, die ihnen den Einstieg in Deutschland auf gleich mehreren Ebenen leichter machen sollen. Dazu gehören Hilfen bei den sprachlichen Barrieren, aber auch beim Finden von Jobs und dem Asylverfahren an sich. In der App-Beschreibung heißt es:

– Deutsch lernen. Ein Grundsprachkurs vom Goethe Institut zum Selbstlernen. Mit vielen Übungen zum Hören, Schreiben und Lesen.
– Informationen zum Asylverfahren. Schritt für Schritt von der Registrierung bis zur Anhörung. Zusammengestellt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
– Wege in Ausbildung und Arbeit. Zusammengestellt von der Bundesagentur für Arbeit.
– Leben in Deutschland. Von praktischen Tipps bis hin zu Einblicken in Werte und Regeln für das Zusammenleben in Deutschland. Mit Hinweisen von Menschen, die schon länger in Deutschland angekommen sind.

All das wird in einem Stream aufbereitet, so dass der Nutzer der App jeden Tag neue Tipps und Hilfestellungen zu lesen bekommt. Darf ich mir eine Wohnung suchen als Asylbewerber? Wie steht es mit der politischen und rechtlichen Ordnung in Deutschland und welche Werte werden hier gelebt? All das wird in der Anwendung beantwortet, daneben finden sich im Stream Sprach-Übungen des Goethe-Instituts und auch immer wieder Geschichten und Anmerkungen von Menschen, die nach einem Asylverfahren in Deutschland heimisch geworden sind.

Logisch, dass diese App mehrsprachig angeboten wird – aktuell kann sie in fünf verschiedenen Sprachen genutzt werden. Ebenso logisch, dass sie umsonst genutzt werden kann, werbefrei ist sie zudem auch und kann offline genutzt werden. Technisch fein umgesetzt, liegt sie derzeit leider nur für Android vor. Bleibt zu hoffen, dass Umsetzungen für Windows und iOS flott folgen werden. Wem die Idee bekannt vorkommt: Unsere Vera hat vor einigen Tagen schon über die ähnlich ausgerichtete Welcome App Germany berichtet. Die gibt es übrigens auch für iOS und Windows!

Ankommen

Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…

Eigentlich könnte der Artikel jetzt am Ende angelangt sein: Ich hab euch auf die App hingewiesen, hab euch erklärt, von wem sie stammt, für wen sie gedacht ist und erklärt, was sie kann – den Download-Link gibt es auch. Dennoch muss ich hier noch ein paar Sätze dranhängen und damit bin ich wieder bei den eingangs erwähnten „Schwierigen Zeiten“ in unserem eigentlich doch so schönen Land.

Bereits im August letzten Jahres hab ich im Beitrag Hetze gegen Flüchtlinge – Facebook, mach was auf die Diskussions-Kultur auf dem Netzwerk hingewiesen und auch in der Folge haben wir uns hier bei mobilegeeks.de immer wieder klar positioniert: Pro Flüchtlinge und irgendwie auch immer pro gesunder Menschenverstand, denn der sollte einem schon verklickern, dass hier nicht unsere Kultur oder gar das Abendland bedroht wird, wenn Menschen in Gefahr hierzulande Hilfe suchen.

Immer wieder – und das gilt leider nicht nur für Facebook – muss man aber feststellen, dass es mit diesem eingeforderten gesunden Menschenverstand nicht weit her ist. Speziell nach den Ereignissen in Köln und einigen anderen Städten in der Silvesternacht scheint hier in Deutschland das totale Chaos auszubrechen und erschreckend viele Menschen pauschalisieren jetzt munter drauf los, dass vermeintlich alle männlichen Flüchtlinge zwangsläufig auch Diebe, übergriffig und „Antänzer“ sein müssen.

Bevor man uns das jetzt auch hier in den Kommentaren wieder aufs Brot schmiert: Nein, natürlich darf niemand – auch kein Flüchtling – machen, was er will und hat das Gesetz zu achten. Menschen, die andere Menschen bestehlen oder sexuell belästigen, müssen verknackt werden, ist doch klar! Das hat nichts mit Herkunft oder Asyl oder sonst was zu tun, sondern mit Recht, Ordnung, dem gesunden Menschenverstand und auch mit Respekt und Anstand.

Dennoch darf man jetzt aber nicht jeden Asylbewerber in Sippenhaft nehmen, weil sich ein Haufen Idioten Silvester deutlich daneben benommen hat. Lest die Kommentare auf Facebook und Co und ihr wisst, dass unter 80 Millionen Einwohnern jede Menge Arschlöcher existieren – wieso sollte das bei einer Million Flüchtlingen anders sein?

Wieso überhaupt jetzt diese Ansprache, wenn es doch eigentlich um eine Android-App geht? Hätte ich in meiner Wut jetzt fast vergessen. Wie immer, wenn ich über eine App berichte, schaue ich mir auch die Bewertungen an. Gibt es technische Probleme oder berechtigte Kritik an der Umsetzung, Probleme mit der Kompatibilität bei einigen Devices oder auch mal Hinweise auf eine ähnliche App etc. – es gibt mehrere Gründe, wieso sich der Blick in diese Bewertungen lohnt.

In diesem Fall ist mir jedoch echt schlecht geworden, denn es gibt tatsächlich Menschen, die in ihrem Hass auf Flüchtlinge – oder vermutlich alles Fremde – diese Anwendung mit einem Stern abwerten und dort dann auch ihre Hasstiraden loswerden. Gegen Flüchtlinge, gegen die Regierung und natürlich auch gegen vermeintlich gleichgeschaltete Medien wird dort gehetzt, dass es (k)eine Freude ist. Übrigens gibt es auch Bewertungen mit 3-5 Sternen, in denen dennoch gehetzt wird – klingt für mich schizophren, erfreulicherweise kann ich in diese Köpfe nicht hineinschauen.

Ankommen HetzeAufmerksam geworden bin ich auf die App übrigens gestern Abend, als sie nämlich mein guter Freund Caschy in seinem Beitrag vorstellte. Auch dort tun sich in den Kommentaren Abgründe auf, die mich echt an der Menschheit zweifeln lassen und mich wieder ein bisschen mehr zum Misanthropen werden lassen.

Jeder, der sein Blog regelmäßig liest, weiß doch, was Caschy für ein Schlag Mensch ist. Da ist es mir ein Rätsel, wieso die Beiträge dann auch von so vielen dummen, rassistischen Idioten gelesen werden.

Sowohl in den Bewertungen auf Google Play als auch bei Caschy in den Kommentaren (und übrigens auch unter unserem Beitrag zur Welcome-App) findet sich immer wieder die Nr.1 der beknacktesten Möchtegern-Argumente der besorgen Bürger und Berufsnörgler: „Wieso haben diese Flüchtlinge überhaupt Smartphones?“ wird wieder und wieder gefragt.

Ankommen App - Kommentare bei Caschy
Auch bei Caschys Blog ist unter dem Artikel zur Ankommen-App die Hölle bzw. der braune Mob los

Meine Fresse, weil man sich auch in Syrien Smartphones kaufen kann, weil Smartphones zur Verständigung, zur Information und auch zur Orientierung in fremden Ländern lebenswichtig sind und somit logischerweise zur Grundausrüstung eines Flüchtenden gehören.

Immer mehr wird auch auf Länder wie Polen und Ungarn verwiesen, die ja „derzeit alles richtig machen“. Genau, Freunde – die nehmen nämlich keine Flüchtlinge auf und sorgen mit dafür, dass die alle bei uns auf der Matte stehen. Wenn übrigens hier schon über gleichgeschaltete Medien geschimpft wird, dann wollen diejenigen sicher nicht mit den Medien in diesen Ländern tauschen.

Schon aus technischer Sicht nervt es mich, dass ein Bewertungssystem für eine Anwendung zweckentfremdet und somit als Instrument lahmgelegt wird. Viel schlimmer finde ich aber die Argumentationen der Flüchtlings-Kritiker. Ja, die Situation ist alles andere als angenehm, ja, die Politik muss hier jetzt langsam mal beweisen, dass „wir schaffen das“ nicht nur eine platte Behauptung war, sondern auch an der Umsetzung gearbeitet wird und ja, auch unter Flüchtlingen gibt es Idioten. All das rechtfertigt aber keine angezündeten Flüchtlingsunterkünfte, keinen blinden Hass, keine Plattitüden, keine unpassenden Vergleiche, Halbwahrheiten und erst recht keine Gewaltandrohungen sowie Selbstjustiz.

Plakate bei einer Legida-Demo - Rapefugees not welcome
Mit so ekelhaften Plakaten wird in Deutschland gegen Flüchtlinge – und die Regierung – demonstriert

Ich krieg das einfach nicht in die Birne, dass wir uns hier das Leben selbst so schwer machen und – egal, ob online oder offline – so viel Energie verballern, uns die Köpfe einzuhauen bei diesem Thema. Natürlich muss ich mir dabei an die eigene Nase fassen, weil mich dass eben auch beschäftigt und ich selbst viel mitdiskutiere. Zumindest bilde ich mir aber ein, beide Seiten zu betrachten: Die Flüchtlings-Lage auf der einen Seite, gepaart mit dem vollsten Verständnis, dass man in unserem Land Schutz, Hilfe und ein besseres Leben sucht und auf der anderen Seite all die Komplikationen, die mit diesem Ansturm verbunden sind, ebenso die Verfehlungen der Politik, die fraglos vorhanden sind.

Äußert man sich aber Pro-Flüchtling, dann ist man gleich der „links-versiffte Gutmensch“, der auf das Gewäsch der System-Medien reingefallen ist. Gleichzeitig krabbeln diese Menschen oft ziemlich zügig in ihre gemütliche Opfer-Rolle, in der sie als Nazi diffamiert werden – meistens ohne dass sie wirklich jemand so genannt hat. Werdet ihr übrigens auch von mir nicht hören, dass ich Menschen ohne Weiteres als Nazi beschimpfe. Wer mir aber weismachen will, dass er was Besseres ist, lediglich weil er das Glück hatte, hier geboren worden zu sein und der sich geschlossene Grenzen wünscht und Ausländer jeder Couleur ablehnt – den halte ich in der Tat für einen Rassisten mit fehlendem Einfühlungsvermögen.

Ich würde mir wünschen, dass die Kommentarspalte unter diesem Artikel nun nicht überläuft mit Comments in der Art „Die sollen abhauen“, oder „Köln war nur der Anfang, ihr werdet sehen“ oder gar „komisch, dass die alle ein Handy haben“, sondern würde mir wünschen, dass wir uns inhaltlich über die App und meinetwegen auch über die damit verbundene Flüchtlingsproblematik unterhalten. Ich denke, dass das möglich sein sollte, dass wir auch dann sachlich diskutieren, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.