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iAds: Mach Dich nackig, mit Apple
Apple patentiert sich Werbeanzeigen, die auf eurem Konto- & Kreditkarten-Guthaben basieren

Erinnert ihr euch, es ist noch gar nicht lange her, da zog der Apple-CEO Tim Cook über die gesamte Konkurrenz im Silicon Valley her und prangerte deren Datensammelwut an. Das Geschäftsmodell von Facebook, Google und anderen Unternehmen basiere auf einem völlig unangebrachten Wohlbehagen der Benutzer und bedeute nicht nur das Ende jeglicher Privatsphäre, es führe sogar – und da bekommt der Durchschnitts-Amerikaner mächtig Angst – zum Niedergang des „American Way Of Life“.

Viel Applaus gab es für die Rede, und die Auszeichnung als „Champion of Freedom“ gleich noch oben ‚drauf. Endlich mal jemand, der Ross und Reiter beim Namen nennt, schließlich weiß doch mittlerweile jeder: „Wenn Du nichts bezahlen musst, bist Du das Produkt!“, nicht wahr? Apple hingegen, so Cook, sei anders.

„Some of the most prominent and successful companies have built their businesses by lulling their customers into complacency about their personal information. They’re gobbling up everything they can learn about you and trying to monetize it. We think that’s wrong. And it’s not the kind of company that Apple wants to be.“ Tim Cook, CEO Apple (Juni 2015)

Nun, irgendjemand bei Apple hat von der für Juni geplanten Rede des Chefs drei Monate zuvor nichts gewusst – oder Cook selbst hat wider besseren Wissens die versammelten Gäste an der Nase herumgeführt. Anders lassen sich zwei Patente aus Cupertino nicht erklären, die beide nur eines im Sinn haben: das Auslesen persönlichster Daten zur Auslieferung von hochpersonalisierten Werbeanzeigen über Apples eigene Anzeigenplattform iAd. Apple iAd, das im Vergleich zu Adsense noch sanft vor sich hin schlummernde Werbeanzeigensystem, mit dem nun endlich die 800 Millionen iOS-Benutzer auf diesem Planeten mit personalisierter Werbung zu Geld gemacht werden sollen.

Liebe Apple-User, ihr habt doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ausgerechnet ihr davon verschont bleibt, oder?

Das erste der beiden Patente vom 24. März 2015 soll dafür sorgen, dass euch zukünftig auf einem iPhone, einem iPad oder einem anderen System mit Zugriff auf euren Apple-Account nur noch Werbeanzeigen für Produkte angezeigt werden, die ihr euch momentan tatsächlich leisten könntet – basierend auf eurem aktuellen Kontostand bzw. Kreditkarten-Limit.

Apple greift damit eines der größten Probleme in der Werbebranche auf, zur sicherlich dort eintretenden Begeisterung. Die Ausspielung von irrelevanten Werbeanzeigen für Dinge, die der jeweilige Benutzer vielleicht gerne kaufen würde, sich aber momentan gar nicht kaufen kann, kostet die Werbefirmen dieser Welt jährlich Unsummen. Mal ist der Dispo schon bis zum Anschlag ausgereizt, mal reicht das Einkommen des jeweiligen Benutzers ohnehin nicht für teurere Anschaffungen – wenn dann Werbeanzeigen für (individuell zu) teure Produkte angezeigt werden, ist das nicht nur sinnlos und kostspielig, es erzeugt auch ein Dilemma für die Werbefirmen.

Die werden nämlich heutzutage in den meisten Fällen am unmittelbaren „Erfolg“ der Werbebanner gemessen. Kauft sich ein Benutzer erst nach vier, sechs oder acht Wochen ein Produkt, dann ist der Zusammenhang mit einer irgendwann einmal eingeblendeten Werbeanzeige meistens nicht mehr sauber messbar. Im Idealfall soll der Kauf also immer möglichst zeitnah und protokollierbar erfolgen. Sehen, Klicken, Kaufen, Tschüss.

Apple frisst sich fett

„What the Fuck?“ werdet ihr jetzt vermutlich (hoffentlich!) denken, woher will Apple oder irgendein anderes Unternehmen denn wissen, was ich mir in dieser Minute leisten kann und was nicht? Und falls Apple es weiß – was geht das irgendeine Werbeklitsche an?

Die Funktionsweise des neuen Patents ist schnell erklärt. Vereinfacht zusammengefasst schnappt sich Apple einfach euer aktuelles Kreditkartenlimit bzw. -guthaben oder den Kontostand und stuft euch damit als relevant oder irrelevant für die Anzeige entsprechend kategorisierter Werbeanzeigen ein. Hose runter, rein virtuell.

Falls ihr jetzt die Augen rollt und euch fragt, woher Apple denn diese Informationen haben soll, sei kurz an den Mobile Payment Dienst Apple Pay oder an die Zahlungsdaten und Konteninformationen erinnert, die jeder Benutzer spätestens beim Anlegen einer Apple-ID für den iTunes-Store angeben muss.

Theoretisch wäre es sogar möglich, dass Apple einfach eure auf den Apple-Servern weiterhin unverschlüsselt vorliegenden Mails nach werbe- und kontorelevanten Informationen durchsucht, also Bestellbestätigungen aus irgendwelchen Onlineshops, Mails eurer Bank oder eures Kreditkartenanbieters etc. – die genaue Methode, wie Apple an die Daten gelangen will, wird leider in dem Patentantrag nicht detailliert erläutert. Fakt ist: man kommt da ran, dessen ist sich Apple offenbar sicher.

Der Patenantrag geht aber noch einen Schritt weiter und beinhaltet einen Part, in dem den Werbeunternehmen sogar die Möglichkeit offeriert wird, ganz gezielt die Guthaben- und Kredit-Limits der Apple Benutzer auszureizen, je nach Schmerzgrenze.

So soll es z.B. möglich sein, gezielt personalisierte Werbeanzeigen für Produkte einzublenden, nach deren Kauf noch zehn, zwanzig, dreißig Prozent Guthaben auf dem Konto des Benutzers verbleiben würden. Das wäre dann übertragen aufs „echte“ Leben ungefähr so, als würdet ihr jedem Verkäufer beim Betreten eines Geschäfts erst einmal euer geöffnetes Portemonnaie unter die Nase halten, damit der sich dann entscheiden kann, ob es sich überhaupt lohnt euch bestimmte Produkte im Laden zu zeigen. Wenn ihr dann erwidert, das sei euch zu teuer, entgegnet der, dass euer Geld dafür doch locker reicht.

Es ist – wie auch businessinsider.com (via) richtig anmerkt – ziemlich unwahrscheinlich, dass Apple eure Daten ungefiltert auf dem Silbertablett an irgendwelche Werbefirmen weitergibt. Vielmehr steckt hinter diesem neuen Werbesystem genau das gleiche Prinzip wie bei Facebook und Google – also der beiden Unternehmen, die Tim Cook in seinem Anfall maßloser Selbstbeweihräucherung so fein abgekanzelt hat.

Es geht um den exklusiven Zugriff auf persönlichste Daten, die dann in verwertbarer Form für Geschäftspartner von Apple aufbereitet werden. Als Rohdaten „verkaufen“ würde auch Apple diese Daten nie, derart stark personalisiert sind sie viel zu wertvoll.

Neu und erschreckend an dem Patent ist, dass hier erstmals der Anbieter eines Werbenetzwerks tatsächlich den ganz intimen Bereich „persönliche Kreditwürdigkeit“ verwertet, und zwar in Echtzeit und nicht basierend auf irgendwelchen ungenauen und veralteten Schufa-Einträgen o.ä. Schnickschnack.

Einen Ausblick auf solche in Echtzeit datenverarbeitende Algorithmen hatten wir schon vor einigen Tagen skizziert, am eigentlich naheliegenden Beispiel Amazon.

Dass nun ausgerechnet Apple als Handlanger der Werbeindustrie vorprescht und de facto alles auf den Kopf stellt, was Tim Cook und auch sein Vorgänger Steve Jobs immer und wieder betont haben – Apple verdiene sein Geld ausschließlich mit Hardware wie dem iPhone, man speichere und verwerte keine benutzerspezifischen Informationen, das täten nur „die anderen“ – damit haben wir irgendwie nicht gerechnet. Und Steve Jobs vermutlich auch nicht.

Offenbar gibt es beim Apple von heute – dem Unternehmen mit der größten Sammlung an Kreditkarteninformationen auf diesem Planeten – längst diese Pläne. Und der ein oder andere Android-Benutzer fragt sich nun vermutlich, ob die uns so grossherzig versprochene Apple Music App nicht eigentlich nur dazu dient, auch unsere Kreditkarteninformationen in Cupertino zu erfassen, damit auch wir zukünftig auf Internetseiten oder in Apps mit eingebundenen iAds in den „Genuss“ des neuen Targeting-Levels kommen.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, und jetzt wird es wirklich ganz, ganz perfide. Apple hatte kurz nach Tim Cooks vielbeachteter Rede im Namen des Datenschutzes angekündigt, dass die nächste Version des vorinstallierten Safari-Browsers einen integrierten Adblocker besitze – auch dafür gab es selbstverständlich viel Applaus.

Die Fußnote, dass die via Apple iAds ausgelieferte Werbung selbstverständlich nicht geblockt wird, haben leider die meisten Medien und Apple-Benutzer irgendwie überlesen.

Apple plant hier also folgendes:

  • man verkauft (ziemlich teure und lukrative) Hardware
  • installiert auf dieser Hardware einen mehr oder weniger exklusiv genutzten Browser namens Safari (sowie weitere iAd-Apps wie den neuen News-Kiosk)
  • schottet diesen Browser und alle anderen iOS/iAd-Apps „zum Wohl der Benutzer“ mit einem Adblocker gegen die Werbeanzeigen der großen und kleinen Konkurrenten wie Facebook, Google & Co. ab
  • und vermarktet dann stattdessen die mit ultra-persönlichsten Informationen feingetunten Werbeanzeigen des eigenen Werbenetzwerks iAd

Adblock Plus Mafia

Wir haben schon im Rahmen unserer „legendären“ Recherche zu Adblock Plus mehrfach darauf hingewiesen, dass die Kontrolle über einen Internetbrowser (originär oder über ein Add-On) ein unglaublich hohes Missbrauchspotential birgt, weil man damit de facto entscheiden kann, wer im Internet Geld verdienen darf – und wer nicht.

Offenbar hat irgendjemand bei Apple die letzten zwei Jahre genutzt und unsere damals noch belächelte Vision mal durchgerechnet – und dann abgenickt. Gegen das, was sich nun hier abzeichnet, mit dieser Masse von 800 Millionen iOS-Benutzern, wirkt die ABP-Nummer wie Sandkasten-Geplänkel unter Kleinkindern.

Machen wir uns nichts vor: Apple ist mittlerweile so dermaßen getrieben vom allmächtigen Shareholder Value, von dem Zwang ein ums andere Quartal nochmal eine Schippe draufzulegen und den nächsten Rekordgewinn zu vermelden … man kann in Cupertino gar nicht auf die Vermarktung der Benutzer verzichten, und man will es im Schutz geworfener Rauchbomben wie der o.e. Rede offenbar auch längst nicht mehr.

Sicherlich zerbrechen sich die PR- und Marketingabteilung schon heute den Kopf, mit wie vielen „Awesome!“ und „Beautiful!“ und „Great!“ man das den Benutzern beibringen soll – aber funktionieren wird es, so wie man es bei jedem #Fail irgendwie schafft.

Wir hatten eingangs zwei Apple-Patente erwähnt, mit denen Apple zukünftig persönliche Daten vermarkten will. Mit dem zweiten Patent protokolliert („trackt“) und verwertet Apple – vereinfacht zusammengefasst – eure persönliche Interaktion mit Werbeanzeigen in Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook. Dabei sollen u.U. nur Apple bekannte Daten wie euer Name, euer Alter und eure Adresse mit euren Likes, Dislikes und den bisher gesehenen Werbeanzeigen in dem jeweiligen Sozialen Netzwerk geräteübergreifend kombiniert werden. So ergibt sich dann zusammen mit dem ersten Patent ein richtig gläserner Apple-Benutzer, der feuchte Traum eines jeden Werbefuzzies.

Mir ist jetzt leider angesichts der Scheinheiligkeit dieses Unternehmens schon so schlecht, in dieses zweite Patent müsst ihr euch ganz alleine einlesen.

I mog net mehr.