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Don Dahlmann
Autonome Fahrzeuge: Bitte haben sie Geduld!

Seit zwei Jahren reden die Automobilhersteller davon, dass teil- hoch- und vollautomatisierte Fahrzeuge demnächst unsere Straßen bevölkern werden. Doch so schnell wird es nicht gehen. Eine Übersicht über die größten momentanen Probleme.

Ins Auto einsteigen, dem Computer das Ziel mitteilen, los fahren und währenddessen noch schnell die Serie von gestern Abend auf dem Tablet zu Ende schauen. Dieses Szenario wird uns von Zukunftsforschern seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts versprochen. Tatsächlich sind die Hersteller auf einem guten Weg zu diesem Traum, aber ganz so schnell wird es dann doch nicht gehen. Die Probleme, vor denen die Hersteller stehen, sind teilweise noch kaum zu lösen.

1. Sensoren

Audi SensorenDamit ein Auto alleine durch die Gegend fahren kann, benötigt es jede Menge Sensoren. Ultraschall, Radar, Kameras (auch für Infrarot), Laserscanner. Teilweise sind diese Sensoren schon recht preisgünstig zu bekommen, teilweise, wie im Fall der Laser, liegen die Preise aber noch im Bereich eines Kleinwagens. Ein ungelöstes Problem ist die Frage, wie man ganzen Sensoren vor Dreck oder Schneematsch schützt. Wer einmal bei Schneeregen über die Autobahn gefahren ist, weiß wie eine Front aussehen kann. Man erkennt sein eigenes Auto nicht mehr. Eine Lösung für dieses Problem gibt es noch nicht. Vollautomatisierte Fahrzeuge bleiben Schön-Wetter-Autos.

2. Karten

Mercedes MaplayerGPS und das vorhandene Kartenmaterial reicht einfach nicht. Normales GPS hat eine Auflösung von zwei bis fünf Metern. Aber selbst unter den bestmöglichen Bedingungen kommt man mit GPS alleine nicht weiter. Auf abgeschlossenen Strecken nutzen die Hersteller im Moment Differential-GPS, aber das kann man kaum weltweit flächendeckend aufbauen. Auf engen Landstraßen kann aber schon eine Abweichung von 30 Zentimetern eine Katastrophe bedeuten. Oft hilft der „Lane Assist“ aber gerade kleinere Landstraßen haben keine erkennbare Linie an der Seite. Als Mercedes Benz vor zwei Jahren mit einem Versuchsfahrzeug von Pforzheim nach Mannheim fuhr, hatte man auf der Strecke alle paar Meter Wegpunkte gesetzt, aber das kann keine Lösung sein.

3. Ampeln

amplenIn der Stadt wartet eine Art Endgegner auf die Fahrzeuge: Ampeln. Es gibt ca. 1.5 Millionen Ampelanlagen in Deutschland und diese unterscheiden sich wiederum teilweise erheblich. Manche haben ein extra großes rotes Licht, manche haben eine Abdeckung, manche nicht. Manche stehen so nah an der Haltelinie, dass der Winkel für die Sensoren zu spitz wird und diese nicht das Licht erkennen können. Schon als Fahrer muss man oft den Kopf verrenken, damit die Ampel überhaupt sehen kann. Und über Ampelanlagen im Ausland haben wir noch gar nicht gesprochen. Dazu kommt: Was ist, wenn eine Ampel mal ausfällt, oder die Abdeckung der Lichter verbogen ist und daher schlecht einsehbar wird?

Die Lösung wäre, alle Ampelanlagen mit einem Sender auszustatten, der die Autos mit den nötigen Informationen versorgt. Doch wer soll so eine Umrüstung bezahlen? Die notorisch klammen Städte und Gemeinde? Die Hersteller, die gerne ihre Autos in der Stadt einsetzen wollen? Ein Investitionsprogramm muss her, doch dies müsste die Politik entscheiden.

4. Software Updates

Die Menge an Codezeilen, die man für die Software moderner Autos schreiben muss, ist enorm. (Quelle mit Infos zu den Codezeilen) . Das bedeutet auch, dass die Software ab und zu mal ein Update benötigt. Sei es aus Sicherheitsgründen, sei es, weil sie neue Funktionen mit sich bringt. Im Moment kann einem dann so etwas passieren:

Sicher, man kann eine Routine programmieren, die darauf hinweist, dass ein Update wartet und bei Gelegenheit installiert werden möchte. Aber jeder, der mal ein größeres Update für sein Smartphone installiert hat, weiß, wie lange so was dauern kann. Was macht man da? Im Auto vor der Haustür warten, bis alles fertig ist? Oder soll der Wagen diese Update selber machen, zum Beispiel Nachts, wenn es nicht benutzt wird? Rein technisch ginge das sicher, aber normalerweise muss ein Nutzer einem Update zustimmen, was wiederum rechtliche Probleme nach sich zieht.

5. Abwärtskompatibilität und Unterstützungsdauer

Ein modernes Auto hat eine Lebensdauer von rund 15 Jahren und mehr. Die Frage ist aber, wie lange die Hersteller alte Modelle und damit veraltete Systeme in Zukunft unterstützen wollen und können. Updates kosten jede Menge Geld, die Entwicklung neuer Software muss so gestaltet werden, dass auch ältere Systeme damit klar kommen. Das wird in Zukunft vermutlich nicht in allen Fällen möglich sein. Die Möglichkeit besteht, dass man ältere Fahrzeuge irgendwann einfach keine neuen Updates mehr erhalten werden und somit auch technologisch gesehen unsicher werden. Nicht im dem Sinne, dass sie nicht mehr fahrbereit wären, aber Sicherheitslücken werden dann offen bleiben. Auch das kennt man ja schon zum Beispiel von Android.

6. Rechtliche Probleme

rechtWer ist schuld, wenn es zwei teil- oder vollautomatisierte Fahrzeuge kollidieren? Der Halter? Der Hersteller? Der Programmierer? Wessen Versicherung muss dann zahlen, welche Prämie geht dann hoch? Was passiert bei einem Unfall mit einem Fußgänger oder Fahrradfahrer?

Aber man muss nicht mal einen Unfall als Beispiel nehmen. Bekannt ist schon heute, dass Autodiebe Sicherheitslücken in der Software kennen und ausnutzen. Wie ist das eigentlich, wenn mir mein Auto gestohlen wird, weil der Fehler bei der Herstellerfirma, aber nicht bei mir lag? In den AGB der Hersteller wird sich vermutlich irgendwo der Passus finden, dass dieser nicht für solche Fälle haftbar gemacht werden kann. Ein befreundeter Rechtsanwalt meinte aber, dass diese Frage noch zu diskutieren sei. Bei einer Vollkaskoversicherung liegt der Schaden bei der Versicherung, die aber wird sich auch fragen, warum sie für Schäden aufkommen soll, die von einem Hersteller zu verantworten sind. Hersteller haften ja auch bei konstruktionsbedingten Fehlern.

7. Ethische Probleme

fussgaengerEin Kind läuft zwischen zwei geparkten Fahrzeugen auf die Straße. Es herrscht starker Gegenverkehr. Die Zeit reicht nicht aus, um dem Fahrer die Entscheidung zu übertragen. Was soll die Maschine machen? Rechts in die parkenden Autos? Links in den Gegenverkehr? Oder doch geradeaus? Für diesen Fall gibt es keine befriedigende Lösung, auch als Mensch ist man mit der Entscheidung überfordert, aber man übernimmt die Verantwortung, egal wie die Entscheidung ausfällt. Und die Situation kommt öfter vor, als einem lieb ist. 2012 war jeder siebte Tote im Straßenverkehr ein Fußgänger (Statistisches Bundesamt).

Die Hersteller sagen, dass die Software so programmiert ist, dass die Entscheidung immer zugunsten des möglichst geringsten Personenschaden fallen soll. Aber sollen Maschinen darüber entscheiden, welche Verletzung ich mir oder anderen zufüge? Nur angenommen, bei einer nachträglichen Überprüfung erweist sich die Entscheidung der Maschine als falsch? Wer ist dann haftbar? Müssten dann alle Fahrzeuge des Herstellers so lange ein „Fahrverbot für vollautomatisiertes Fahren“ erhalten, bis der Hersteller die Sache geklärt hat?

In rund zwei Jahren sollen die ersten hochautomatisierten Fahrzeuge auf den Markt kommen um den Fahrer auf der Autobahn zu entlasten. Bis dahin müssen zumindest ein Teil der hier genannten Fragen genannt werden. Da kommt noch eine Menge Arbeit auf die Verantwortlichen zu.