Collage aus einem Zombie-Gesicht und Smartphones

Smartphone-Käufe finanzieren die Rebellen im Kongo
Coltan: An fast all unseren Smartphones klebt Blut

Tantal ist ein äußerst rares Metall, welches aus dem Erz Coltan gewonnen wird. Es findet sich in jedem Mobiltelefon und stammt oftmals aus der Demokratischen Republik Kongo. Durch die Erträge wird dort der Bürgerkrieg finanziert, was Coltan zum Konfliktmineral macht. Schärfer formuliert: Viele Smartphone-Hersteller haben Blut an den Händen, wenn sie auf Tantal setzen, welches aus der Kongo-Region stammt.
von Carsten Drees am 21. September 2015

Jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge besitzen 94 Prozent der Deutschen ein Handy. Das ist – mit Abweichungen – natürlich weltweit so und nicht etwa nur in unserem Land, so dass wir insgesamt ähnlich viele Smartphones und Feature Phones im Einsatz haben, wie Menschen auf diesem Planeten existieren. Diese Info schicke ich mal voraus, damit ihr das Folgende besser einordnen könnt.

Berichten wir bei Mobilegeeks.de über Smartphones, dann interessieren wir uns zumeist für das, was so ein Handset zu leisten imstande ist und weniger, was es mit der Produktion auf sich hat. Manchmal lohnt es sich aber, auch da mal genau hinzuschauen – selbst, wenn die Erkenntnisse oftmals keine schönen sind. So wissen wir beispielsweise, dass die Bedingungen, unter denen Smartphones in den Fabriken montiert werden, oftmals unter aller Sau sind und nicht annähernd dem entsprechen, was wir uns unter einem akzeptablen Arbeitsplatz vorstellen.

Collage aus einem Zombie-Gesicht und SmartphonesEs gibt keine Unternehmen, die da besonders auffallen – weil schlicht fast alle Smartphone-Hersteller unter ähnlichen Bedingungen produzieren lassen. Das Übel fängt aber zumeist schon an, lange bevor ein fertig entwickeltes neues Modell in den Fabriken zusammengeschraubt wird: Bei den benötigten Rohstoffen.

Die im Smartphone verwendeten raren Mineralien und Erden stammen nicht selten aus Afrika, beispielsweise wie das eingangs erwähnte Erz Coltan aus Minen in der DR Kongo. Coltan ist alles andere als beliebig lange verfügbar, die Weltvorräte neigen sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Davon ab lässt sich in den Coltan- (und Kobalt-, Niob-, Gold- etc) Minen verhältnismäßig gutes Geld verdienen, weshalb man nach einem schnellen, oberflächlichen Blick meinen könnte, dass der Coltan-Abbau dem Land und seiner Bevölkerung gut tut.

Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall, doch zum besseren Verständnis müssen wir weit zurück in die Vergangenheit schauen – nämlich zur Mitte der Neunziger, als so mancher der heutige Smartphone-Nutzer noch gar nicht auf der Welt war.

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Bodies of Rwandan refugees DF-ST-02-03035“ von MSGT Rose Reynolds – DF-ST-02-03035. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Mit dem Abschlachten in Ruanda fing es an

Es war 1994, als Ruanda für negative Schlagzeilen und Entsetzen in der Welt sorgte. Der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi spitzte sich zu und gipfelte in dem Völkermord, bei dem mit geschätzt 800.000 bis 1.000.000 Toten die Kaste der Tutsi zu 75 Prozent ausradiert wurde. Daraufhin wurde die ganze Region, zu der auch Zaire (heute die Demokratische Rebpublik Kongo) zählt, destabilisiert – was sich bis zum heutigen Tag hinzieht.

In der Folge fanden die kongolesischen Kriege statt, die allein zwischen 1998 und 2007 5,4 Millionen (!) Menschen das Leben kosteten und auch, wenn mittlerweile offiziell Frieden herrscht, sterben noch heute jeden Monat um die 45.000 Menschen im Krisengebiet im Osten des Kongo. Viele verschiedene Interessensgruppen – darunter die Tutsi-Rebellen – machen die Situation unübersichtlich und oftmals liegt es am Reichtum an Bodenschätzen in der Region, dass die Gewaltspirale kein Ende findet.

Frauen wurden und werden tausendfach vergewaltigt und versklavt – die Gewalt gegen Frauen ist daher auch ein Thema, dessen sich missio angenommen hat. Das Internationale Katholische Missionswerk engagiert sich schon lange für die Menschen in der DR Kongo und speziell für die Frauen, die unter dem Morden, den Massenvergewaltigungen und der Versklavung zu leiden haben.

Reich an Bodenschätzen – ein Desaster für die Bevölkerung

Sollte es sich für ein Land und dessen Einwohner nicht auszahlen, wenn man das Glück hat, mit reichlich gefragten Bodenschätzen gesegnet zu sein? In der Demokratischen Republik Kongo ist das nicht der Fall, wenngleich man in den Minen deutlich besser verdienen kann als beispielsweise in der Landwirtschaft. Es finden erbitterte Kämpfe um die Rohstoffe – wie eben Coltan – statt und sowohl diese Kämpfe als auch die Bedingungen in den Minen kosten heute noch zahlreiche Menschenleben. Indirekt sterben dadurch aber noch viel mehr Menschen, denn durch das Veräußern dieser Rohstoffe wird das Kriegstreiben der Rebellen immer weiter finanziert und somit ermöglicht, dass das Morden weiter geht.

Es kam während der Kriegszeit in den Minen in Tausenden Fällen zu Raub und schwersten Menschenrechtsverletzungen, darunter Mord, Vergewaltigungen, willkürliche Verhaftungen und Folter. Erwachsene und Kinder wurden teilweise zur Arbeit in den Minen gezwungen. Aus der Menschenrechts-Studie 59 von missio

Soldaten im Kongo
Bildquelle: missio

Wieso unternimmt die Politik nichts gegen das Elend in dieser Region?

Lange schon wird gefordert, dass sich Europa und andere Industrienationen deutlich positionieren und untersagen, dass sogenannte Konfliktrohstoffe aus dem Krisengebiet gekauft und verarbeitet werden. Ein ganzes Land wird zugrunde gerichtet, denn das Geld fließt an der Regierung vorbei, die so gut wie keine Kontrolle über den Abbau hat und nicht zuletzt wird ein schrecklicher Raubbau an der Umwelt betrieben, der beispielsweise den eh schon spärlichen Lebensraum von Gorillas weiter empfindlich einschränkt.

Somit ist diese Region im Kongo auch auf lange Sicht gefährdet, dennoch zögern sowohl Politik als auch Industrie, dort entscheidend einzugreifen. Bereits vor fünf Jahren hat Michael Bitala für die Süddeutsche sehr schön zusammengefasst, wieso die Politik nicht handelt – der Grund dafür ist unter anderem das schlechte Gewissen gegenüber Ruanda, weil man beim Abschlachten der Tutsi 1994 tatenlos zugesehen hat:

Warum es bis heute kein Handelsverbot für kongolesische Bodenschätze gibt, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl, dass die Kongoplünderer Ruanda und Uganda auch heute noch in Amerika und in Europa geschont werden, eine Mehrheit für Sanktionen im Sicherheitsrat würde es nicht geben. Ruanda, das gerade mal so groß ist wie Rheinland-Pfalz, wird nicht kritisiert, weil beim dortigen Völkermord 1994 die Welt weggesehen hat. So traut sich immer noch fast niemand, Vorwürfe gegen Ruanda zu erheben, weil es in Kongo Kriegsverbrechen begeht und das Land systematisch ausschlachtet. Uganda wird ebenfalls verschont, weil Präsident Yoweri Museveni als Vorbild gilt, was die Aids-Bekämpfung angeht. Michael Bitala, SZ

Minen-Arbeiter im Osten Kongos
Minen-Arbeiter im Osten Kongos. Bildquelle: missio

Was ist mit der Industrie?

Die Politik hält sich also vornehm zurück, aber was ist mit denjenigen, die die kostbaren Rohstoffe kaufen? Coltan, bzw. das daraus resultierende Tantal ist aktuell ein elementar wichtiger Stoff für allerlei Produkte: Es wird in der Chirurgie eingesetzt in Implantaten, Tantal-Kondensatoren kommen in der Raumfahrt zum Einsatz, aber auch in allerlei Technik des täglichen Gebrauchs, wie zum Beispiel Notebooks, Fernseher und eben Smartphones. Das zumeist aus Coltan gewonnene Tantal ist dabei nahezu alternativlos und genau das macht es so wertvoll. Laut Angaben von Nokia kommen in einem Gerät zwar gerade einmal 0,04 Prozent des Gewichts zusammen, die auf Tantal-Kondensatoren entfallen – dennoch ist es unverzichtbarer Bestandteil.

In den Minen im Osten Kongos wird es tonnenfach abgebaut und finanziert wie bereits erwähnt das Morden der Rebellen. Die Organisation missio hat daher die Aktion Saubere Handys ins Leben gerufen und fordert nun Folgendes:

Die Handy-Hersteller werden aufgefordert,

  • von ihren Lieferanten den Nachweis zu verlangen, dass für die Produktion der Handys kein Coltan aus der Dem. Rep. Kongo verwendet wird, von dessen Handel Milizen profitieren. Dieser Nachweis muss durch externe Kontrollen überprüft werden.
  • den Aufbau transparenter Handelsstrukturen über gezielte Verträge mit ihren Lieferanten aktiv zu unterstützen.
  • sich an „runden Tischen“ zu beteiligen, bei denen die betroffenen Händler, Kleinschürfer, Zertifizierer und Regierungsstellen gemeinsam Richtlinien erarbeiten, wie Transparenz-Initiativen gestaltet sein sollen.

Das klingt in der Theorie super, in der Praxis ist es aber dennoch schwierig umsetzbar, auch wenn Unternehmen wie Intel sich bereits seit Jahren dafür stark machen, auf Konfliktrohstoffe zu verzichten.

Eines der Probleme ist die Zertifizierung bzw. der Nachweis, aus welchen Minen exakt der Rohstoff geliefert wird. Die unzähligen Zulieferer weisen das oftmals nicht nach, selbst wenn die Smartphone-Hersteller drauf drängen. Ein weiteres großes Problem: Je mehr darauf geachtet wird, dass man konfliktfreie Ressourcen einsetzt, desto mehr entwickelt sich die ganze Geschichte auch zu einem reinen Kongo-Boykott: Selbst, wenn man nachweisen kann, dass das abgebaute Coltan bzw. das daraus gewonnene Tantal exakt aus der Bürgerkriegs-Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo stammt, ist das noch lange kein Indiz dafür, dass es auch tatsächlich aus einer von Rebellen kontrollierten Mine stammt!

Bei heise hieß es bereits im letzten Jahr deshalb schon: „Konfliktfrei heißt bislang meist einfach Kongo-frei.“ Leiden müssen darunter unbescholtene Minen-Arbeiter, die mit dem Abbau ein – für ihre Verhältnisse – gutes Geld verdienen und vielfach hätten auch ehemalige Rebellen das Morden aufgegeben, um nun in den Minen rechtmäßig ihrem Unterhalt nachzugehen. Man darf also nicht blind den kompletten Kongo boykottieren, sondern muss auf jede einzelne Mine schauen, ob sie zertifiziert ist oder nicht. Intel will bis 2016 komplett konfliktfrei sein bei seinen verwendeten Rohstoffen und hat sich zudem auf die Fahnen geschrieben, eben nicht Kongo pauschal zu boykottieren, sondern bei jeder einzelnen Mine sorgfältig hinzuschauen. Das soll in Zusammenarbeit mit Solutions for Hope und der Conflict-Free Tin Initiative geschehen.

Mine in Kalimbi

Apple wird gerne mal erwähnt, wenn es darum geht, auf schlechte Arbeitsbedingungen in Produktionsstätten wie denen von Foxconn hinzuweisen. Auch bei den verwendeten Rohstoffen hat man keine komplett weiße Weste, weil die Quellen für Materialien wie Gold und Wolfram immer noch nicht zu hundert Prozent nachgewiesen werden können. Das liegt natürlich an den Zulieferern, verhindert aber dadurch, dass Apple mit konfliktfreien Produkten werben kann. Immerhin allerdings kann man mittlerweile nachweisen, dass zumindest das verwendete Tantal zu 100 Prozent „conflict-free“ ist. Lobenswert ist dabei, dass eben nicht pauschal der Kongo boykottiert wird, sondern dass bei jeder einzelnen Mine erneut überprüft wird, ob regulär gearbeitet wird oder unter Rebellen-Kontrolle.

Die Beispiele Apple und Intel zeigen, dass es durchaus Unternehmen gibt, die nachhaltig arbeiten (wollen) und auch beim Thema Coltan-Abbau die Augen offen halten. Dennoch wird in exakt diesen Minen immer noch viel zu viel Geld in die Hände der Rebellen gewirtschaftet, weshalb missio die oben bereits erwähnte Aktion Saubere Handys initiiert hat und mit einer Unterschriftenaktion erreichen möchten, dass die Unternehmen – und auch wir Verbraucher – für das Thema der konfkliktfreien Mineralien und Erden sensibilisiert werden.

Aktion von missio: Saubere Handys

Ziemlich allein auf weiter Flur steht man aktuell allerdings, wenn man sein Smartphone wirklich komplett konfliktfrei produzieren lassen möchte. In aller Munde ist dabei stets das Fairphone, welches noch im Herbst in der neuesten Generation erscheinen wird. Selbst die Holländer mussten erkennen, dass man aktuell selbst unter größter Sorgfalt und Mühe nicht komplett die conflict-free-Karte ausspielen kann. Hier könnt ihr aber nachlesen, dass sich das Unternehmen in höchstem Maße reinkniet, möglichst fair produzieren zu lassen. So hat man sich beispielsweise die Minen im Kongo mit eigenen Augen angeschaut vor der Produktion des ersten Fairphones.

Blick auf eine Mine im Kongo

Dem gegenüber stehen Unternehmen wie beispielsweise der in Niedersachsen beheimatete Konzern H.C.Starck, einer der größten Abnehmer von Tantal. Schon mehrfach ist das Unternehmen dafür in die Kritik geraten, dass man eben nicht so genau hinschaut, von wo denn die Rohstoffe stammen.

Die EU ist nun dabei, einen Gesetzesentwurf auf den Weg zu bringen, der die Industrie dazu anhalten soll, auf faire Rohstoffe zu setzen. Der jedoch geht nicht so weit wie der Dodd-Frank-Act in den USA, an den sich die Unternehmen jenseits des großen Teiches bereits jetzt zu halten haben: Konfliktrohstoffe müssen in den Vereinigten Staaten explizit ausgewiesen werden – nicht zuletzt vermutlich ein guter Grund, wieso Apple und Co so ein großes Interesse daran haben, diese Schandflecken aus der Produktionskette zu beseitigen.

Asiatische Unternehmen wie LG, Sony, Samsung oder HTC müssen sich nicht an den Dodd-Frank-Act halten, machen das aber aus freien Stücken und appellieren zumindest an ihrer Zulieferer, auf konfliktfreie Rohstoffe zu setzen. In der Praxis lässt sich das aktuell noch nicht immer überprüfen und wie man im Menschenrechts-Report von missio nachlesen kann, wird das Vorgehen bei den meisten Unternehmen auch nicht besonders offensiv kommuniziert.

Da darf man sich wünschen, dass das Umdenken künftig noch ein bisschen weiter geht als bislang und wir mehr und mehr Smartphones angeboten bekommen, in denen sich so viele faire Rohstoffe wie möglich befinden. Daher ist es genau richtig, dass Institutionen wie missio sehr energisch den Finger in diie Wunde legen und damit auch uns Smartphone-Nutzer dafür sensibilisieren, welches Elend noch immer in der Region im Ostkongo herrscht.

Minenarbeiter im Kongo

Ich hoffe, indem ich euch diese Problematik um Tantal/Coltan hier geschildert habe, erreichen wir Mobile Geeks auch noch den ein oder anderen, der dieses Drama um Sklaverei, Vergewaltigungen und Ausbeutung einer ganzen Region überhaupt noch nicht auf dem Schirm hatte. Selbst, wenn die Industrie sich jetzt selbst streng diszipliniert, wird es noch Jahre dauern, diese Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Persönlich glaube ich, dass wir immer mehr Unternehmen sehen, die sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst sind, und bei denen ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit eingesetzt hat.

Wir werden noch lange viele Umstände bemängeln können in der Industrie, dessen bin ich mir auch sicher. Nichtsdestotrotz glaube ich fest daran, dass sich die Dinge ändern, wenn wir es nur weiter in die Welt tragen, was eben beispielsweise im Osten Kongos vor sich geht. Ich hab versucht, das mit diesem Artikel zu tun und würde mich freuen, wenn auch ihr dieses Thema auf dem Schirm behaltet. Wir dürfen nicht wegsehen, wenn es darum geht, dass Menschen in Afrika leiden oder gar dafür sterben müssen, dass unsere Smartphones in der Summe vielleicht 10 Euro günstiger produziert werden können. Nehmen wir die Industrie also in die Verantwortung – aber geben ihnen auch gleichzeitig die Zeit, die zwingend notwendig ist, um einschneidende Änderungen vorzunehmen.

 

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