Curved

Kommentar
Curved, E-Plus und warum Geldgeber ungern genannt werden wollen

Da freust du dich ueber Wochen auf ein Streitgespraech, ueberlegst dir immer mal wieder wie du genau die Antworten provozieren kannst, die du insgeheim kennst und dann das. Was ich auf der Rock the Blog Konferenz (uebrigens dickes Lob an die Veranstalter fuer dieses Format und die Hoffnung, dass wir auch im naechsten Jahr bei „Blogs“ bleiben) erlebte, haette ich mir in meinen kuehnsten Traeumen nicht vorstellen koennen.

Curved, E-Plus und das Content-Marketing

Bevor sich jemand einen ueber tausende Woerter gestreckten Kommentar wuenscht…. den wird es nicht geben. Eine umfangreichere Analyse zu Curved, einer von E-Plus finanzierten Seite die dazu dient moeglichst viele Leser in die hauseigenen Shops von Base, Smartkauf unf Co. zu locken, folgt irgendwann naechsten Monat (Reichweitenkauf, Contentstrategie, etc. pp). Heute geht es um das angesprochene Panel mit Matthias Schrader, dem Kopf hinter Curved, und meiner Wenigkeit waehrend der CeBIT.

Content-Marketing, Native Ads, Advertorials, Sponsored Post…. BINGO! Richtig… Ich kann es selber nicht mehr hoeren und dabei bin ich mit Mobile Geeks durchaus auch ein Teil dieser Entwicklung. Dennoch gibt es einen gewaltigen Unterschied und der bezieht sich auf die Transparenz der beiden Plattformen. Muss man auf Curved erst ordentlich scrollen um festzustellen. dass es sich dabei um eine „Initiative“ von E-Plus handelt (hoert sich auch besser an als „powered“ oder „bezahlt“), war und ist es mir immer wichtig direkt Sponsoren zu nennen. Warum auch nicht? Wir sind stolz auf unsere Kooperationspartner und haben hier nichts zu verstecken. Anders bei Curved, denn nach Matthias Schraders Aussagen wuerde die Nennung von E-Plus den eigenen Content diskreditieren.

Moment und wtf??? Hat er das wirklich so oeffentlich zugegeben? Jau, hat er! Jetzt ist dies natuerlich zuerst einmal keine Ueberraschung, denn genau dieser Strategie war ich mir seit dem Start der Seite bewusst und ja, dies ist ebenfalls eine Bankrotterklaerung an das Image von E-Plus, die Marke also, die eh in Folge des grossen Telefonica/O2-Mergers eingestampft wird. Aber zum 1. Mal hat hier ein dt. Agentur Chef ganz offen gesagt, dass es wichtig ist den Geldgeber zu verschleiern, denn ansonsten wuerden die Leser den Content nicht annehmen. Dies wiederum hat dann zur Folge, dass diese Besucherstroeme nicht mehr auf die Shops der E-Plus Gruppe gelenkt werden koennen.

E-Plus findet bei uns nicht statt – Felix Disselhoff, Chefredakteur Curved

Im Interview mit dem Branchenmagazin Journalist gab Curved Chefredakteur Felix Disselhoff durchaus erstaunliche Statements von sich, die mich zum einen fragen lassen ob er selber daran glaubt oder ob diese zuvor von der E-Plus Gruppe vorgegeben wurden.

Wir beschäftigen uns nicht mit Mobilfunkanbietern. Tarife finden bei uns nicht statt – und damit auch nicht E-Plus.

Das sind durchaus interessante Statements, wenn man vereinzelte Curved Artikel anschaut:

Bildschirmfoto 2014-09-18 um 11.35.37

Auch der Versuch den Lesern mal eben einen E-Plus Vertrag „aufzubloggen“, wohlgemerkt mit einer Rethorik, die eher an einen Strukturvertrieb erinnert:

Curved Deals

Vielleicht hat der gute Felix auch nicht mitbekommen, dass BASE einen schicken Flyer fuer Curved gebastelt und diesen im Bundle mit eigener Werbung in die Briefkaesten gestopft hat:

curved

 

Was ebenso erklaeren koennte, dass er nicht weiss wie Curved in Zusammenarbeit mit E-Plus aufgebaut wurde. Dies wird in dem wunderbaren Artikel „Der Fisch muss schmecken“ von Axel Bergander, Director Content Strategy SinnerSchrader beschrieben.

SEO-Experten helfen uns, Themen und Keywords zu priorisieren und die Website technisch perfekt für Google aufzubereiten. Diese Besucherströme sind monetarisierbar. Artikel werden ergänzt mit Links zu passenden Produkten in den E-Plus Shops. Ergänzt wird dies durch nichtstörenden Einsatz von Bannern und Advertorials zu speziellen, nur für Curved-Leser verfügbaren Angeboten. Gleichzeitig generiert die Seite Daten, mit denen E-Plus Werbemedien auf anderen Websites erheblich zielgenauer und effektiver ausspielen kann.

und

einem ins Team integrierten Vertreter des Kunden, der die meisten Entscheidungen zeitnah vor Ort treffen und komplexere Themen mit der Zentrale verhandelt kann

sowie:

Das Ergebnis: Nach einem halben Jahr über eine Million eindeutige Besucher ohne nennenswerte Media-Spendings. Magazine wie Prinz oder Rolling Stone schaffen nur die Hälfte. Die Erfolgsfaktoren: ein Bekenntnis zu Content First und redaktioneller Integrität; Präsenz in Google News durch eine hohe Frequenz und Aktualität; Longtail-Artikel, die nachhaltig Nischen besetzen; klar definierte Führung der User auf Curved und von da aus in den Sales Tunnel; inhaltliche Qualität auf Augenhöhe mit den führenden Magazinen.

Ja E-Plus findet in der Tat nicht auf Curved statt, mal von der vernachlaessigbaren Realtime-Analyse der Besucherstroeme abgesehen, die ja letztendlich in die E-Plus Shops muessen:

20140922_Markenwerkstatt_E-Plus_04
Quelle: http://apgd.de/2014/09/22/der-fisch-muss-schmecken/

 

Rainer Markussen, verantwortlich für CURVED.de, schreibt hierzu:
======================================

Das Hauptziel von CURVED ist ein erhöhter Share of Voice bei Google, und das funktioniert auch: Eine Reichweite von 1,7 Mio. Personen konnte nach einem halben Jahr am Markt erreicht werden.

Learnings nach einem halben Jahr CURVED

  • Der Erfolg ist abhängig von einem themenbasierten Prozess, den man schnell entwickeln kann.
  • Dinge schnell auszuprobieren ist unabdingbar, es braucht editoriale Unabhängigkeit.
  • Ständige Optimierung durch A/B-Tests: Der Weg vom Artikel in den Shop wurde schon 5 Mal umdesignt.
  • Prozesse müssen datengetrieben sein, mit Bauchgefühl kommt man nicht besonders weit.

Wir sind gespannt, wie es mit CURVED weitergeht!

======================================

Das ist doch alles Mimimi und Neid…

Was ich in den letzten Monaten ob meiner Kritik aus der Ecke der Agenturen und Werber hoere, laesst mich langsam aber sicher an meinem gesunden Menschenverstand zweifeln. Curved wird dort nicht nur als Musterbeispiel fuer erfolgreiches Content-Marketing gefeiert, ja haeufig erhalte ich dann sogar den Vorwurf, dass ich letztendlich nur die Konkurrenz fuerchte.

Nein, ich fuerchte vor allen Dingen den Verfall jeder irgendwann mal halbwegs vorhandenen Ethik und Moral, wenn es ums Publishing geht. Wenn es darum geht seinen Lesern ehrlich Content aufzubereiten, darzubieten und Werbung, sowie Sponsoren davon strikt zu trennen. Genau dies findet bei Curved nicht statt. Schlimmer noch. Von Anfang war es das Ziel dem Leser E-Plus wo es nur geht unterzujubeln und zwar so, dass dieser es moeglichst nicht merkt.

Du schreibst doch auch fuer Firmenblogs

Und ob ich das tue. Ich  habe bereits fuer Vodafone, Audi, Daimler und Salesforce geschrieben. Gerne sogar und kostenlos. Wobei ich inzwischen diese Strategie geaendert habe und Beitraege fuer Corporate-Blogs in Rechnung stelle. Die Einnahmen hiervon gehen an Kiva.org, sprich ich spende diese komplett.

Keine der zuvor genannten Firmen hat mir irgendwelche Bedingungen genannt. All diese Blogs sind klar und deutlich gekennzeichnet und nein, meine Artikel dienten auch nicht als Grundlage fuer einen potentiellen Shop-Besuch des Lesers.

Das ist erst der Anfang

Curved, Turn-On und Co. sind erst der Anfang. Wir werden in Zukunft massenhaft Publikationen vorgesetzt bekommen, die auf den ersten Blick unabhaengigen Content bieten, jedoch von Marken finanziert und betrieben werden. Textbutzen wie Contentfleet schreiben dann passende Artikel fuer die Suchmaschinen und Google News. Blogger und Journalisten, die fuer den finanziellen Erfolg auch auf „Initiative der NSA“ ein Datensicherheitsblog betreiben wuerden halten ihre Ruebe und vermeintliche Reputation dafuer hin und der unbedarfte User bekommt gar nicht mehr mit, dass er letztendlich wie ein Versuchskarnickel durch die Artikel gezielt zum Shop geschleust wird. Schoene neue Welt des „Content-Marketing“

Lasst euch nicht verbiegen

Es gibt verdammt tolle Techblogs da draussen und das wissen auch all die Agenturen, Firmen und Marketingspezis. Ich kann nur an euch appellieren, die eigene Glaubwuerdigkeit nicht derartig aufs Spiel zu setzen, wie es die Mitarbeiter der zuvor genannten Seiten machen. Nehmt euch das als Beispiel dafuer, wie Blogging nicht funktioniert. Die Demokratisierung des Publishings hat uns allen so viele wunderbare Chancen gegeben offen und ehrlich unsere Meinung zu sagen. Diese Entwicklung wird durch die Kuckuckskinder des Techbloggings, Curved und Turn-On, untergraben und das sollte fuer euch da draussen Ansporn genug sein, diese Entwicklung nicht mitzumachen.

Bloggen hat auch mit Verantwortung seinen Lesern gegenueber zu tun und somit letztendlich auch mit dem ganz persoenlichen Anspruch, den ihr an euch stellt.

P.S. Ja, ihr wollt das komplette Video sehen, auch wenn ich mich durchaus mit Provokationen zurueckgehalten habe: