Berlin Hackescher Markt

Maries Reiseblogging - Berlin
Die Drei Damen vom Grill Royal.

Man kann nicht immer nur über Fussball schreiben.

Wir schlendern die Alte Schönhauser Strasse runter Richtung Hackesche Höfe. Es ist Samstag, 01:00 Uhr. Für eine Februarnacht ist es ziemlich mild. Am Nachmittag, nach einem torlosen Grottenkick des BVB im Olympiastadion, habe ich mir hier auf dem Markt am S-Bahnhof Hackescher Markt holländisches Lakritz gekauft. Ich liebe Lakritz und dieses Lakritz ist einfach das beste der Welt. Wann immer ich am einem Samstag in Berlin bin, fahre ich hier vorbei und kaufe so viel Lakritz, wie ich tragen kann. Frustriert über ein 0:0, das mir einige Stunden meines Lebens geklaut hat, die mir niemand wieder bringen wird, habe ich die 500 Gramm schwarzes Gold als Abendessen deklariert und aufgegessen. Das werden einige Tage zusätzlicher Arbeit im Fitnessstudio, bei denen ich mich nicht damit ablenken kann, 4 Stunden Selfies zu machen um dann bei Facebook „4 Stunden Gym, völlig fertig“ posten zu können.

Ist Berlin das neue (hier bitte aktuellen HotSpot eintragen)

Egal. Berlin. In dieser Nacht flanieren wir durch den Teil von Mitte, der noch nicht für Touristen und neureiche Zugezogene, die nach 1,5 Jahren Berlin ihr Startup verkauft und sich dann eine Penthousewohnung am Gendarmenmarkt gekauft haben, zu einer Filmkulisse umgebaut wurde. In diesen Momenten fühlt sich die Atmosphäre gut an. Plus: Jede Dönerbude und jeder Burgerladen hat inzwischen einige vegane Varianten auf der Karte, das gehört hier schon mehr zum Alltag als irgendwo sonst in Deutschland. Die Menschen sind gut gelaunt, strömen aus Bars, suchen Taxen oder noch eine schnelle Currywurst und wirken interessant genug, um nicht von ihnen pauschal genervt zu sein. In solchen Momenten fühle ich mich dem Team Berlin näher. Inez und Louisa leben in Berlin. Inez schon sehr lange, Louisa erst seit November.

Und ich? Ich jogge weiter lieber um die Alster als um den Mauerpark, während ich für die Wochenenden, an denen man richtig albern abspacken will, um sich in bescheuerten Clubs mit bescheuerter Musik einreden zu können, dass der Zeitpunkt, an dem man total erwachsen ist, noch total weit in der Zukunft liegt, lieber in Berlin bin. So denkt aber offensichtlich niemand sonst. Ich habe, was Berlin angeht, meinen Freundeskreis in zwei Teams aufteilen müssen. Es gibt beim Thema Berlin kein „Mal ja, mal nein“. Nicht alles, aber vieles. Meine Freunde sind entweder absolute Berlin-Fanatiker und erklären Dir dauernd ungefragt, warum Kreuzberg cooler als Prenzlauer Berg ist und warum Neukölln das neue Tribeca wird. Oder sie sind Berlin-Hasser und schwören bei jeder Gelegenheit, dass sie es nie länger als 2 Tage in diesem Moloch aushalten.

Lagerfeld Store in Berlin

Heute bin ich Team Berlin. Würde mir jemand eine schöne Wohnung anbieten, hier direkt zwischen dem Karl Lagerfeld Store an der Neuen Schönhauser Strasse und der Rosenthaler Strasse, ich würde vielleicht spontan einziehen.

This Is The Morning Of My Life

In irgendeinem Hinterhof an der Oranienburger Strasse finden wir das Auto von Louisa und gleiten langsam in die Berliner Nacht. Letzten Sommer haben wir das in exakt der selben Konstellation auch schon gemacht. Vorne saßen Louisa und Inez und haben darüber diskutiert, ob Starbucks oder Nike die größeren Ausbeuter sind und ich lag hinten auf der Rückbank, schaute in den wolkenlosen Himmel und fühlte mich großartig. Das Verdeck von Louisas Cabrio ist heute geschlossen und ich kann den Himmel nicht erkennen. Es wäre auch viel zu dunkel.

Kiffende Schwedenhappen

Langsam gleiten wir Richtung Siegessäule. Ziellos. Wir halten am Haus der Kulturen der Welt, weil es nachts mit seiner Beleuchtung aussieht wie ein UFO und ich am Morgen, schlaftrunken, im Hotelbett den großartigen Akte X-Artikel der noch großartigeren Jazz gelesen habe. Ich habe mir nach der Lektüre spontan alle verfügbaren Staffeln als DVD-Collection gekauft, obwohl ich mich nicht mal erinnern kann, wann ich das letzte mal eine DVD gesehen habe. Selbst den unsäglichen aktuellen Disney-Film mit meinen Familienmitgliedern unter 10 Jahren an Weihnachten guckt man bei meinen Eltern mittlerweile über Sky on Demand.

Am Haus der Kulturen der Welt ist in dieser Nacht noch reger Betrieb. Ein paar langhaarige Jungs aus Schweden bieten uns Joints an. Sie sehen aus, als wären sie aus einem Surfer-Film aus den 90ern ausgebrochen und finden uns alle sehr hübsch und sehr nett und lassen uns erst gehen, nachdem wir ihnen die Handynummern auf ihre Gitarren geschrieben haben. Immerhin ist morgen Sonntag und da könnte man doch in ein Museum gehen. Ich gebe ihnen die Nummer von diesem Visagisten, der mir neulich eine WhatsApp mit Fotos diverser unbekleideter Körperteile von ihm gesendet hat. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es vielleicht sogar ein primäres Geschlechtsorgan war, weil ich keine Lupen-App auf dem iPhone hatte. Inez gibt ihnen die Nummer von einem Lieferservice für Katzenfutter, Louisa die von ihrem Ex. Das wird sicher ein Bombensonntag für die skandinavische Hippiefraktion.

Wir Kinder vom Kurfürstendamm

Wir beschließen, die Nacht am Kudamm enden zu lassen. Diesem hilflos grotesken Boulevard, der so gerne der Times Square wäre oder wenigstens die Champs-Élysées. So wie Berlin so gerne New York wäre. Um die Hackeschen Höfe ist Berlin eher ein bisschen wie Paris, wie das Marais. Und wenn Berlin cool ist, wird es irgendwann merken, dass es sehr viel interessanter ist, Paris zu sein, als New York. Es flackern Leuchtreklamen von allen Wänden und Taxen rasen durch die Nacht. In den Lichtkegeln der Leuchtreklamen werfen alle Kategorien von Menschen Schatten auf den Asphalt. Betrunkene Teenager mit pinken Leggings. Fussballfans mit BVB-Schal. Hektisch einen Döner essende Banker, die sich in den Samstagnächten ins Nachtleben stürzen, als würde der DAX um 1.000 Punkte zunehmen, wenn man es schafft, nie vor 6 Uhr morgens zu Hause zu sein. Die Illusion eines aufregenden Lebens. Junge Frauen auf dem Weg in Clubs, in viel zu kurzen Röcken und viel zu hohen Schuhen.

Nicht mehr ganz so junge Frauen, die mit einem Leopardenmantel und einer Michael Kors Handtasche zu kaschieren versuchen, dass ihr 20. Geburtstag schon 35 Jahre her ist. Bettler, Security-Personal in der Raucherpause, eine Gruppe Jungs, die offensichtlich einen Wettbewerb ausgerufen hat, wer seine Basecap am idiotischsten auf seinem Kopf platzieren kann. Das ganze Portfolio einer Großstadt, und doch irgendwie so provinziell, dass man die Menschen eigentlich in den Arm nehmen möchte und ihnen sagen: „Ja, ganz schön groß, dieses Berlin, oder? Aber es wird alles gut. Alles gut. Versprochen.“

Müde Gestalten im Neonlicht, mit tiefen Falten im Gesicht

Die Dönerbuden am Wittenbergplatz haben schon zu. Ein Mann ohne Zähne fragt uns, ob wir eine Obdachlosenzeitung kaufen möchten. Ich sage, dass ich die bei meiner Ankunft am Donnerstag am Hauptbahnhof schon gekauft habe. „Koofst Du noch eene, haste zwee“ sagt er. Das überzeugt, Berlin. Wir kaufen ihm alle seine verbliebenen 12 Exemplare ab und er macht Feierabend. Über dem Haupteingang des KaDeWe erstrahlt der Hinweis auf den Berliner Salon, der der Stadt den Anstrich einer Modemetropole geben soll. Einen Hauch von Luxus. Aber wie sagte Karl Lagerfeld? „Luxus ist ja heute oft, dass uninteressante Menschen mit einem uninteressanten Leben teure Dinge kaufen“. In gewisser Weise ist das aber gleichzeitig auch das Erfolgsgeheimnis des KaDeWe.

Ich sinniere darüber, ob der Hype um Berlin ähnlich motiviert sein könnte. Ob uninteressante Menschen mit uninteressanten Leben aus der Pfalz und der Eifel nach Berlin ziehen, als wären sie dadurch automatisch nicht mehr uninteressant. Als würden Parties, die in alten Parkhäusern stattfinden und für die man erst zwei Stunden vor dem Start per WhatsAppGruppe die Location verraten bekommt, dazu führen, dass man plötzlich nicht mehr über einen möglichst fancy klingenden Sinn in seinem Leben nachdenken muss. Und während ich noch dem Gedanken nachhänge, was eigentlich der Sinn meines Lebens ist, studiert derweil ein Touristenpaar den Stadtplan an einer Bushaltestelle. Beide umklammern dabei panisch ihre Brustbeutel. Drei mürrisch wirkende Gestalten huschen vorbei, der Mann zieht seine Freu etwas enger zu sich heran und duckt sich etwas, als könne ihn, wenn er 5 Zentimeter kleiner wäre, niemand mehr sehen.

Die drei Männer lächeln plötzlich und erklären dem Touristenpaar, dass hier um diese Zeit keine Busse mehr fahren, aber dass sie nur eine U-Bahn-Station vom Bahnhof Zoo entfernt sind, von wo aus man auch jetzt noch überall hin kommt, wo man eben gerne hin würde. Nach einem kurzen Gespräch stellt sich raus, dass die beiden eigentlich nur nicht mehr so genau wissen, wo ihr Hotel liegt und sie Angst hatten, dass eine Taxifahrt dorthin sie ein halbes Monatsgehalt kosten würde. Die drei Männer erklären ihnen ausführlich, wie sie in weniger als 15 Minuten das Hotel erreichen können und verabschieden sich dann in den nächsten McDonalds. Die beiden Touristen zerren ihre Jack Wolfskin Partnerjacken zurecht, nehmen sich bei der Hand und entschwinden glücklich in die Berliner Nacht. Man möchte ihnen den gesamten Peter Fox Songtext „Schwarz zu blau“ ins Ohr flüstern. Diese Stadt ist eben doch gar nicht so hart wie du denkst.

Artikelbild: Jason Paris auf Flickr