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Kommentar:
Die Mär der „totalen Zwangsdigitalisierung“

Lehrerverband warnt vor „totaler Zwangsdigitalisierung““ – Der Titel des Interviews mit Josef Kraus, seines Zeichens Präsident des deutschen Lehrerverbandes, ist eine Garantie für Aufregung, Kontroversen und Spott. Ob die Titelwahl von Deutschlandradio Kultur nun Kalkül oder Zufall war: Die absehbare Wirkung trat ein, das Interview ging gestern durch all meine Bildungs und E-Learning affinen Kanäle und wurde mit Hohn und Spott kommentiert.

Die Bandbreite reichte von „Dann wundert mich nichts mehr“ über „Das erklärt vieles“ bis hin zu „Der Lehrerverband möchte im 19. Jahrhundert abgeholt werden“, um einige freundliche Kommentare zu nennen. Doch wer die Aussagen von Josef Kraus pauschal abtut und ihn als Ewiggestrigen abstempelt, diskreditiert sich damit selbst. Eine so oberflächliche Betrachtung wird seinen Aussagen – und der darin mitschwingenden, berechtigten Sorge – nicht gerecht.

Vorweg sei gesagt: Ich stimme Herrn Kraus – das wird schon im Titel des Artikels deutlich – nicht zu und sehe vieles grundsätzlich anders. Doch ich halte ihm zu Gute, dass er seine Aussagen aus echter Sorge um die Schulen und Schüler von sich gibt und einfach nur provozieren, sondern vor – aus seiner Sicht – realen Gefahren warnen will.

Medienkompetenz muss gelebt werden

Bevor ich auf den markigen Begriff der Zwangsdigitalisierung eingehe, ist mir ein Blick auf die Themen Sicherheit und Medienkompetenz wichtig. Der Deutschlandfunk fragt im Interview:

Wir haben die Debatten um Sicherheit im Internet, wir haben die Debatten um Macht von Konzernen wie Google mit ihren Algorithmen. Ist das nicht wirklich ganz grundlegend und ganz wichtig, dass Schüler heutzutage zumindest ein Grundverständnis davon haben, wie diese Dinge entstehen?

Die Antwort von Herrn Kraus – zur Erinnerung: Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (!) – lässt meiner Meinung nach tief blicken:

Das ist im Grundsatz richtig, was Sie sagen. Aber ich muss das nicht Woche für Woche und Tag für Tag und Unterrichtsstunde für Unterrichtsstunde machen. Da würde ich einfach den Schulen vorschlagen, macht ab einem gewissen Alter einmal im Jahr einen Projekttag oder meinetwegen auch eine Projektwoche. Holt euch erfahrene Leute, Internetfahnder der Polizei und so weiter mehr, die den jungen Leuten klar machen, wo man hineintappen kann.

Rein auf den Aspekt er Sicherheit bezogen ist seine Aussage gar nicht so falsch. Doch dahinter steht das Thema der Medienkompetenz – und diese lässt sich nicht mit ein oder zwei Projekttagen im Jahr aufbauen! Hier müssen Schüler regelmäßig und kontinuierlich mit der Technik umgehen, sich mit den Themen befassen und unter Anleitung ein Bewusstsein für die Möglichkeiten – und Risiken – entwickeln.

Den Appell von Herrn Kraus, die Eltern in die Arbeit mit Technik und Netz einzubeziehen, kann ich dagegen voll unterschreiben – wenn sich Lehrer dadurch nicht aus der Verantwortung stehlen, sondern als Partner auftreten und mit den Eltern arbeiten.

Informationskompetenz ist keine Frage des Mediums

Wirklich spannend wird es jedoch bei der „totalen Zwangsdigitalisierung“, die Herr Kraus zwar nur einmal explizit, dafür fast ständig implizit erwähnt. Er ist der Meinung, dass der Umgang mit Internet und sozialen Netzwerken die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne der Schüler negativ beeinträchtigt. Damit liegt er auch nicht unbedingt falsch, einige Studien – hier ein Beispiel – deuten ebenfalls darauf hin, dass intensive Social Media Nutzung die Aufmerksamkeitsspanne verändern. Ob diese Veränderung jedoch negativ ist, sei mal dahingestellt. Vielleicht ist sie für die neuen Anforderungen der heutigen Arbeits- und Medienwelt schlicht zweckmäßiger und besser geeignet?

Einige von Herrn Kraus‘ Bedenken – beispielsweise große Unterschiede durch verschiedene Ausstattung und unterschiedliche finanzielle Mittel – sind durchaus berechtigt. Eine Aussage macht jedoch seinen – aus meiner Sicht – grundlegenden Denkfehler deutlich:

Oder ich sag es mal etwas vielleicht sehr konservativ: Wer sich in einer Bibliothek nicht auskennt, wer sich in einem Lexikon nicht auskennt, nämlich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, der wird sich auch im Internet nicht auskennen.

Die hier beschriebene Informationskompetenz ist nicht vom Medium abhängig! Seine Mahnung, diese Kompetenzen nicht zu vernachlässigen und als Grundlage auszubilden, ist absolut berechtigt. Nur ist das eben auch mit Computer, Tablet und Internet möglich – wenn Lehrer über die nötige Kompetenz verfügen.

Statt also über die Mär von der „totalen Zwangsdigitalisierung“ zu fabulieren, wäre Herrn Kraus‘ Engagement bei der Neugestaltung und Anpassung der Lehrerausbildung und des Studiums deutlich besser angebracht. Ich hoffe, dass er sich hier mit dem gleichen Einsatz einbringt. Dann wäre auch die Sorge um die Risiken der „Zwangsdigitalisierung“ unnötig.