Digitaler Unterricht

Der Fehler liegt im System
Digitale Inkompetenz: Schüler fällen vernichtende Urteile über ihre Lehrer

Gerade einmal acht Prozent aller Schüler fühlen sich von ihren Lehrern und dem Unterricht auf die Herausforderung eines zunehmend digitalisierten Alltags und Arbeitslebens adäquat vorbereitet. Dabei scheitert es weniger am Vorhandensein digitaler Medien als vielmehr an deren Einbindung und veralteten Lehrmethoden.

Vor zwei Tagen machte ein Statement der Waldorfschule die Runde. Deren Vorstand verkündete, dass Eltern ihre Kinder bis zum zwölften Lebensjahr von Computern und Smartphones fernhalten sollten, das Internet dürfe frühestens in der zwölften Klasse thematisiert werden. Der Beitrag erntete das erwartete Gelächter und viele spöttische Kommentare – Waldorfschüler, Namen tanzen, abhaken, weitermachen.

Eher nicht. Denn glaubt man einer aktuellen Umfrage, dann ist es um die Vorbereitung auf die digitale Arbeits- und Lebenswelt an „normalen“ deutschen Schulen nicht wesentlich besser bestellt. Die befragten deutschen Schüler stellten ihren Lehrern ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: lediglich 8% halten die Mehrheit des Lehrpersonals für „sehr kompetent“ im Umgang mit digitalen Medien. 43% der befragten Schüler urteilen, dass ihre Lehrer wenig bis gar keine Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien besitzen. Nur 17% der Schüler kommen zu dem Schluss, dass die schulisch vermittelte Digitalkompetenz später hilfreich sein könnte.

Bei den Befragten handelt es sich um 500 Schüler aller Altersklassen. Sie bestätigten zwar, dass digitale Medien längst ihren Weg in den Unterricht gefunden haben, 69% der Lehrer setzen diese mehrmals pro Woche im Unterricht ein – auf den ersten Blick ist das ein recht beindruckender Wert. Doch gleichzeitig bemängeln 58% der Schüler, dass sich der Unterricht-Stil der Lehrer beim Einsatz digitaler Medien kaum bis gar nicht vom normalen Lehrstil unterscheide.

cover-google-kinder_2Studie – die Hälfte aller achtjährigen Kinder ist „im Internet“ unterwegs

Das ist erschreckend, bedeutet es doch vor allem Eines: auch wenn digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden, dienen sie einem großen Teil der Lehrer lediglich als Ersatz für klassische Lehrmaterialien. Man tauscht also das Medium, passt aber die Arbeits-, Lehr- und Lernweise nicht an das Medium an – damit verschenkt man unendlich viel Potential in den verschiedensten Bereichen. Noch vernichtender ist das Urteil, wenn es um die auch von den Waldorfschulen angesprochene Medienkompetenz geht: mehr als zwei Drittel aller Schüler finden, dass sie von ihren Lehrern keinerlei Hilfe beim Erlernen des selbstständigen Umgangs mit digitalen Medien erhalten.

Das durch die Studie offenbarte Problem an vielen deutschen Schulen ist für Experten nichts Neues. Während digitale Lernmedien wesentlich kurzweiligere Lernerfahrungen und somit nachhaltigere Lernerfolge ermöglichen könnten, scheitert es an einer antiquierten Art des Umgangs mit den Medien. Der Fehler liegt offenbar im System: digitale Technologien sind für wesentlich individuellere Lehr- und Lernmethoden prädestiniert, was in der normalen Lehrer-Klasse-Konstellation anscheinend nicht entsprechend berücksichtigt wird.

Letztlich geht es nicht um „Lernen mit neuen Medien“, sondern um „neues Lernen mit Medien“. Dabei muss sich die Rolle des Lehrers vom Wissensvermittler hin zum Begleiter individueller Lernprozesse wandeln. Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz

Diese mangelhafte Umsetzung entfaltet auch über den Schulalltag hinaus eine Wirkung. Die Hoffnung beim Einsatz digitaler Medien und der damit eigentlich einhergehenden Individualisierung des Lehr- und Lernprozesses war stets, dass dies mittelfristig für mehr Bildungsgerechtigkeit und somit bessere Chancengleichheit sorgen könne. Diese einmalige Gelegenheit wird vertan, weil viele Lehrer im Studium nicht entsprechend didaktisch auf eine solche Individualisierung vorbereitet werden, sich untereinander nicht ausreichend abstimmen und „vernetzen“.

Dass es auch anders geht, zeigen wenige Ausnahmen. Es gibt durchaus Lehrer, die z.B. Unterrichtsinhalte über verschiedene Social Media Kanäle oder via Videokonferenz mitteilen und den oder die Schüler da abholen, wo sie sich ohnehin aufhalten – online. Dabei profitieren beide Seiten voneinander, nicht nur durch die bessere Vernetzung untereinander und damit einhergehend durch die Kommunikation miteinander. Doch insgesamt betrachtet fällt ausgerechnet in diesem Bereich das Urteil vernichtend aus: 71% der befragten Schüler meinen, dass ihre Lehrer keine Ahnung von Social Media haben.

Die Katze beisst sich endgültig in den Schwanz, wenn man die auch gerne von der Waldorfschule herangezogenen wissenschaftlichen Belege gegen eine Digitalisierung der Lerninhalte heranzieht und die Statements der Bildungsexperten in diesem Lager auf den Prüfstand stellt. Dort ist von einer „Befreiung des kindlichen Lernprozesses von Computern“ im gesamten Schulsystem die Rede, weil bis zum zwölften Lebensjahr „keine nennenswerten positiven Effekte“ zu verzeichnen seien.

Vor dem Hintergrund der Befragung entsteht der Verdacht, dass es weniger an der „neurowissenschaftlichen sowie entwicklungsbiologischen Reife“ der Schüler als vielmehr an der mangelnden Anpassung der Lehr- und Lernmethoden liegt, wenn „keine nennenswerten positiven Effekte“ zu verzeichnen sind. Jegliche Untersuchung mit diesem Tenor würde somit auf der völlig falschen Annahme basieren, dass digitale Medien in der Schule auch tatsächlich richtig eingesetzt werden.

Quelle: statista.com
Quelle: statista.com

Man kann dieser ohnehin nicht repräsentativen Befragung nun mehr oder weniger Bedeutung zumessen, je nachdem, welche Rolle man der Schule, den Lehrern oder den mittel- und langfristigen Auswirkungen einer fehlenden Digitalkompetenz zugesteht. Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass hier entweder in die eine oder in die andere Richtung Weichen gestellt werden, die weit über den Schulalltag oder die Schulzeit hinausgehen und Bereiche wie das so gern geforderte „lebenslange Lernen“ betroffen sind.

Letztendlich stellt sich nämlich auch die Frage, ob wir den Wettkampf mit selbstlernenden Algorithmen aufnehmen oder die nächste Generation zumindest adäquat auf diese Herausforderung vorbereiten wollen. Mit dem rückwärtsgerichteten Ansatz der Waldorfschule wird das nicht funktionieren – mit einem Schulsystem, das die vorhandenen Potentiale nicht nutzt allerdings auch nicht.

Bleibt die Frage, ob Namen tanzen irgendwann nicht doch die höhere Qualifikation ist.

Quelle: microsoft.com