Facebook Tracking

Facebook: Kämpfe gegen Hetzer & du wirst gesperrt

Tag für Tag läuft Facebook über mit rassistischen und volksverhetzenden Postings. Während über viele dieser Beiträge hinweg gesehen wird, sperrte das Unternehmen nun ausgerechnet einen Menschen grundlos, der sich deutlich gegen Rassismus positioniert.
von Carsten Drees am 18. Februar 2016

Facebook, die Gemeinschaftsstandards und die wachsende Aggressivität in Reihen der kommentierenden Nutzer bis hin zu rassistischen, gewaltverherrlichenden und volksverhetzenden Postings – das scheint sich zu einer unendlichen Geschichte auszuwachsen. Immer wieder wird diese Problematik in den Medien thematisiert, tagtäglich werde auch ich damit konfrontiert, wenn ich die Kommentare unter Facebook-Beiträgen lese.

Generell wird der Ton ruppiger in Deutschland: Während es um Kanzlerin Merkel immer ruhiger und einsamer wird, haben rechts-populistische Parteien wie die unsägliche AfD regen Zulauf von Menschen, die sich klipp und klar gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aussprechen. Die derzeitige politische Situation spiegelt sich natürlich auch auf das größte Social Network der Welt wider und so ist Facebook zu der bevorzugten Institution geworden, in der sich der Unmut wiederfindet – in Form von unendlich vielen Beiträgen, die gegen Flüchtlinge, Flüchtlingshelfern, den berichtenden Medien und natürlich die Politik richten.

Persönlich habe ich das Gefühl, dass es täglich mehr Menschen werden, die wütend und verbittert gegen Menschen in Not wettern und sich tatsächlich selbst als Opfer zu wähnen scheinen. Ich bin heilfroh und dankbar um jede Person, die sich dem stellt und unermüdlich Tag für Tag diesen einsamen Kampf austrägt, Unverbesserlichen, denen mit Argumenten nicht beizukommen ist, immer wieder die Stirn zu bieten.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete nun über einen dieser Unermüdlichen: Jan wird der Mann im Artikel genannt, aber natürlich ist das nicht sein richtiger Name. In Zeiten, in denen auf einschlägigen rechten Seiten gerne mal die Namen inklusive Anschrift von Menschen mit anderer Gesinnung veröffentlicht werden, überrascht das wahrlich nicht.

Jan ist auf Facebook sehr aktiv gegen Rassisten, sowohl mit seinem privaten Profil als auch mit seiner Seite VDD (Vereinte Demonstrations Dienstleistungsgewerkschaft). Hinter der Seite mit dem eher kruden Namen steckt die Absicht, gegen Vorurteile der Flüchtlingsgegner anzukämpfen, ohne seinen Namen preisgeben zu müssen. Er arbeitet selbst in einer Einrichtung für Flüchtlinge und möchte so vermeiden, dass die Kollegen mit in die Geschichten hineingezogen werden.

St Pauli - Kein Fussball den Faschisten Trikot

Über seine Seite haut er Beiträge wie den oben von St. Pauli raus, aber im Wesentlichen nutzt er die Seite, um sich in den Kommentarspalten auf Facebook herumtreiben zu können, ohne zu viel von sich preisgeben zu müssen.

39 gemeldete Beiträge, nur einer wurde von Facebook gelöscht

Immer und immer wieder hat Jan sich die Zeit genommen, Beiträge direkt an Facebook zu melden. Mal wurde dazu aufgefordert, Flüchtlinge doch zu vergasen, mal wurde er persönlich aufs Übelste beleidigt. All diese gemeldeten Beiträge hatten eins gemein: Facebook befand, dass sie nicht gegen die Gemeinschaftsstandards des Unternehmens verstoßen – okay: Alle mit einer Ausnahme – ein einziges Mal bei diesen 39 Anläufen entfernte Facebook anschließend tatsächlich das beanstandete Posting.

Mit dieser Erfahrung steht er beileibe nicht allein da: Auch ich melde immer wieder verhetzende und beleidigende Beiträge und auch ich hab bei vielen Versuchen lediglich ein Erfolgserlebnis verzeichnen können – in meinem Freundeskreis sieht es ganz ähnlich aus. In den Gemeinschaftsstandards steht unter anderem, dass Facebook „keine Form von Mobbing und Belästigung“ duldet und Inhalte, „mit denen absichtlich Privatpersonen getroffen werden sollen, um diese herabzuwürdigen oder zu beschämen“ gelöscht werden. Bei Facebook ist man der Meinung, dass die Anfeindungen gegen Jan, u.a. mit Bezeichnungen wie „Arschloch“, „Kackfratze“ oder „ungebildetes Dreckspack“ nicht den eigenen Gemeinschaftsstandards widersprechen, also nicht als Mobbing oder Belästigung eingeordnet werden.

Bereits im Artikel Hetze gegen Flüchtlinge: Facebook mach was redeten wir ausführlich darüber, dass es verständlich ist, dass nicht alle Beiträge von über einer Milliarde Menschen automatisch kontrolliert werden können vom Unternehmen, man aber erwarten darf, dass gemeldete Beiträge anders (bzw. überhaupt) geahndet werden.

Vom Opfer zum Täter

So ärgerlich das auch ist, dass die „Melden“-Funktion bei aus unserer Sicht eindeutig die Regeln verletzenden Postings nichts bringt, weil Facebook die Fälle anders bewertet, so ist es beileibe noch nicht das unerfreulichste, was euch passieren kann: Das musste Jan auch feststellen, als nämlich nicht nur seine Meldungen an Facebook ins Leere liefen, sondern er stattdessen auch noch von Facebook selbst für 30 Tage gesperrt wurde! Gegenüber der Süddeutschen erklärt er:

Natürlich habe ich nicht immer sachlich argumentiert, sondern manchmal auch provoziert. Aber dabei war ich nie beleidigend, sondern habe mich höchstens über Pegida-Anhänger und selbsternannte besorgte Bürger lustig gemacht.

Der Stein des Anstoßes ist folgendes Bild, welches er – eingeloggt als VDD – mit dem Satz „Woher sollten Deutsche eine Handgranate bekommen? Das ist natürlich ein Argument!“ spöttisch kommentiert hatte:

facebook-hatespeech

Mir selbst erschließt sich hier nicht, wieso er dafür mit einer Strafe belegt wurde, die mit 30 Tagen auch direkt recht hoch angesetzt wurde. Einer der Haken an diesen Maßnahmen ist es, dass ihr keinen Ansprechpartner bei Facebook habt, euch niemand auch nur ansatzweise erklärt, was ihr falsch gemacht habt.

Ihr wisst, dass ich Facebook gern zur Seite springe, wenn die Plattform für meinen Geschmack für irgendwas zu heftig kritisiert wird oder aus falschen Gründen am Pranger landet. In diesem Fall kann ich aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen bestens nachvollziehen, dass Nutzer schwer sauer sind, die sich a) gegen Hetze und Hate Speech engagieren und b) dann für vergleichsweise nichtige Postings ohne eine Erklärung gesperrt werden.

Am eigenen Leib erfahren…

Es ist erst wenige Wochen her, dass es auch mich erwischt hat. Wie bereits erwähnt, melde ich rassistische, beleidigende oder volksverhetzende Postings selbst öfters bei Facebook, musste aber erstaunt feststellen, dass plötzlich ich selbst gesperrt war (wenn auch nur für 24 Stunden). Dabei gab es keine Warnung im Sinne von „lösche bitte Posting XY, sonst gibt es eine Sperre“, stattdessen wurde gleich Vollzug gemeldet.

Facebook informierte mich immerhin über das beanstandete Posting – ohne mich allerdings wissen zu lassen, was genau nun falsch lief. Und nur zur Info: Das böse F-Wort war es sicher nicht – das benutze ich inflationär, dass Facebook drauf reagiert ;)


sperre-01

sperre 02
sperre 03

Da wir immerhin beruflich mit Unternehmen wie Facebook zu tun haben als Tech-Blogger, gibt es auch Möglichkeiten, dort Menschen ansprechen zu können. Das sind dann zwar keine Personen, die für derlei Fälle zuständig sind, die einem gegebenenfalls aber immerhin einen Einblick verschaffen können oder selbst im Unternehmen nachhören können, was da Phase ist.

In diesem Fall gab es zunächst aber keine Reaktion auf meine Mail. Erst, nachdem ich 24 Stunden später bereits wieder freigeschaltet war auf Facebook kam eine Antwort-Mail, dass es sich dabei um einen Fehler handelte und das beanstandete Posting wiederhergestellt wurde. Den kompletten Fall des „wahren Mannes“ Oliver Flesch hat euch Carsten Dobschat übrigens in seinem Beitrag Wahre Männer, Wahre Würstchen auseinandergebröselt.

Was ist nun zu tun?

Das kommt drauf an, aus welcher Warte man das sieht. Aus unserer Sicht ändert sich nicht schrecklich viel und so würde ich es begrüßen, wenn ihr in diesen Fällen auch weiter tapfer die Beiträge meldet, die eurer Meinung nach volksverhetzend, beleidigend etc. sind. Spannender hingegen wird sein, wie Facebook dieser Plage Herr werden möchte (und dann möglichst, ohne dass ausgerechnet diejenigen gesperrt werden, die Facebook die Hilfe erleichtern möchten).

Facebook sieht ja nicht tatenlos zu, sondern erklärt unermüdlich, dass man selbst dafür sorgen möchte, dass sich weniger Hate Speech auf der Plattform findet. Dabei werden wir auch ermutigt, selbst aktiv zu werden – Counter Speech ist dabei das Zauberwort, also Gegenrede. Dazu findet eine Tour durch Deutschland statt und in der Beschreibung zu den Veranstaltungen heißt es:

„Counter Speech“ ist die Argumentationslinie gegen Hassreden im Internet. Gemeinsam mit dem Unternehmen Facebook Deutschland und vielen weiteren Partnern wollen wir vor Ort Vorurteile von Nachbarn, Anwohnern und Bürgerinnen und Bürgern abbauen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Hassprediger „Wutbürger“ schaffen, die sich den rechtspopulistischen Auswüchsen anschließen und von Mitläufern zu Tätern werden. Rassistische Hassreden haben weder im Internet, noch auf der Straße etwas zu suchen.

Als dieser Counter Speech-Tour vorgestellt wurde, kam es zu einer bemerkenswerten Pressekonferenz. Bemerkenswert deshalb, weil Facebook-Sprecherin Eva-Maria Kirschsieper sich mit der Frage konfrontiert sah, wie viele Menschen sich im Unternehmen überhaupt mit den Hass-Kommentaren beschäftigen. Smudo von den Fantastischen Vier ist auch mit an Bord dieser Counter Speech-Initiative und hakte bei der Frage ziemlich bissig nach und sorgte nicht nur für Lacher, sondern auch dafür, dass Facebook eine denkbar schlechte Figur machte.

Die Idee Facebooks bleibt natürlich unabhängig davon bestehen. Die sieht vor, dass wir im Sinne dieser Gegenrede möglichst sachlich reagieren, wenn wir auf Hass-Kommentare treffen und diese bestenfalls argumentativ entzaubern. Dabei soll es dann auch nicht in erster Linie darum gehen, mit dem erhobenen Zeigefinger andere zu belehren, sondern eher Leute zum Umdenken zu bewegen und ihnen zu zeigen, wieso ihr Weg nicht der richtige ist.

Our goal is to create an environment where we don’t need a lot of rules, and people on Facebook feel motivated and empowered to treat each other with empathy and respect.

Ganz ehrlich? Ich mache mir Sorgen, ob in diesen Zeiten ein solches Konzept des Sich-Selbst-Überlassens aufgehen kann, denn die Stimmung heizt sich von Tag zu Tag mehr auf und der Ton wird eher ruppiger als friedlicher, oftmals befeuert durch entsprechende Schlagzeilen von Publikationen wie dem Focus. Ich bin daher eher pessimistisch, dass wir argumentativ das Klima auf Facebook wieder entgiftet bekommen.

Unabhängig davon werde ich mich dennoch weiter mit diesen Hassrednern und „besorgten Bürgern“ anlegen und versuchen, sie zu erreichen, ohne sie zwangsläufig dafür anpöbeln zu müssen. Ist die Frage, ob es was bringt (außer vielleicht einer neuerlichen Sperre für mich). Kamerad Jan übrigens ist aktuell wieder gesperrt – dieses Mal aus eigener Blödheit: Er hatte sich nicht mit seinem eigenen Namen bei Facebook angemeldet!

Teilt uns mit, wie ihr darüber denkt, wie ihr selbst vorgeht, wenn ihr auf Hass-Kommentare stoßt und ob ihr vielleicht selbst schon mal von einer Sperre betroffen wart.

Quelle: sueddeutsche.de