Hass

Filterbubbles, Aluhüte und Hass

Es ist nun wissenschaftlich belegt, was wir alle irgendwie wussten oder zumindest ahnten: Filterbubbles schränken die Sicht auf die Welt ein und verstärken nur Meinungen, die bereits vorhanden sind.

Eigentlich haben wir es doch schon immer gewusst, zumindest aber stark vermutet: Die zunehmende Individualisierung von Diensten wie Google oder Facebook zerstören einen der größten Vorteile des Internets, nämlich die Möglichkeit, sich über andere Ansichten schnell zu informieren. Suchte man früher bei Google, dann waren zwei Ansichten zu einem Thema nur einen Klick weit voneinander entfernt. Seit Google aber versucht, nicht einfach die besten Seiten zu einer Suchanfrage in den Ergebnissen zu präsentieren, sondern die besten Seiten für mich, ist es nicht mehr ganz so leicht. Denn Google weiß inzwischen einiges über meine Vorlieben und filtert die Suchergebnisse inzwischen. Natürlich hat das auch praktische Seiten. Als simples Beispiel: Wenn ich nach „Winterschuhen“ suche und Google weiß, dass ich männlich bin und kein Faible für Damenkleidung habe, dann bekomme ich als Ergebnis eben auch passende Schuhe.

Aber es geht im Netz – glücklicherweise – nicht nur um Shopping und Technik. Hier wird auch politisch diskutiert und eigentlich wäre das Netz doch ideal, um sich verschiedene politische Standpunkte anzuschauen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Leider wird das durch diese Personalisierung immer schwieriger, besonders schlimm ist es bei Facebook: Gehe ich heute auf Facebook, dann wird mir der Standard-Newsfeed auf der Startseite vor allem diejenigen Inhalte zeigen, von denen Facebook anhand meiner bisherigen Aktivitäten glaubt, dass ich sie sehen will. Und hier wird das dann schon zu einem richtigen Problem, wie man mit ein klein wenig Nachdenken durchaus nachvollziehen kann. Aber diese Theorie wurde nun wissenschaftlich untermauert.

Lesenswert: Facebook: So holt ihr das Beste aus eurem Newsfeed raus

Eine Forschergruppe hat sich die Sache bei Facebook mal genauer angeschaut, konkret ging es um die Verbreitung von Fehlinformationen. Das Ergebnis ist sehr interessant und wenn man dies zugrunde legt, dann wundert man sich über manche Dinge nicht mehr. Statt von Filterblasen sprechen die Forscher hier von Echokammern, denn eine Filterblase würde ja bedeuten, dass neue Informationen gefiltert würden und nur diejenigen an mich ran kämen, die diesen Filter passieren. Das Bild einer Echokammer geht dagegen in die Richtung, dass neue Informationen zwar an mich ran kommen, aber am lautesten sind immer die Informationen, die mein eigenes Weltbild bestärken. Aber ob man nun von Filterblasen oder Echokammern spricht, das Ergebnis zählt: Ich werden bei Facebook vor allem solche Informationen bekommen, die meiner bereits vorhandenen Einstellung entsprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich diese dann auch weiter verbreite – und sei es nur durch einen Klick auf „Gefällt mir“, der die Information dann in die Newsfeeds meiner Kontakte spült – ist natürlich dadurch auch höher und so schaukelt es sich auf.

Dies wäre laut Christian Stöcker bei Spiegel Online die Ursache einer von drei möglichen Erklärungen für den scheinbar um sich greifenden Hass und die zunehmende Radikalisierung in Deutschland und es erscheint auch als die wahrscheinlichste Erklärung, die in Kurzform lautet: Das Netz und die durch die Personalisierung entstehenden Echokammern führen bei vielen Menschen zu einer tatsächlichen Radikalisierung.

Rassistische Hetze: Fresse einschlagen - Quelle: Anekdoten und Weisheiten besorgter Bürger
Hetze: Fresse einschlagen – Quelle: Anekdoten und Weisheiten besorgter Bürger

Jemand, der also schon eine gewisse ausländerfeindliche Grundhaltung hat, wird durch die Personalisierung von Diensten wie Facebook eher solche Nachrichten bekommen, die seine Grundhaltung noch verstärken und je radikaler jemand in seinen Ansichten wird, desto radikaler werden auch die Nachrichten, die er in seinem Newsfeed bekommt – und so erhält man eine „schöne“ Radikalisierungsspirale. Aber es müssen nicht immer nur Rassisten sein, auch früher eher harmlose Verschwörungstheoretiker lassen sich – wenn man diesen Mechanismus ausnutzt – recht gezielt in radikale Ecken des Netzes ziehen.

Christian Stöcker bringt das Beispiel der Chemtrails-Gläubigen:

Das bestätigt die Alltagserfahrung all jener, die einmal versucht haben, einen Chemtrails-Gläubigen von der Idee abzubringen, die Bevölkerung werde mit aus Flugzeugen versprühten Chemikalien vergiftet. Es gilt aber gleichermaßen für all jene, die jetzt plötzlich glauben, dass die deutschen Medien von der Bundeskanzlerin gelenkt werden, die wiederum von den USA ferngesteuert wird, die ihrerseits mit der „Migrationswaffe“ Mitteleuropa destabilisieren wollen. Christian Stöcker, Spiegel Online

Das funktioniert aber genau so gut auch bei sog. Impfkritikern. Und offensichtlich werden solche Mechanismen von rechts gezielt ausgenutzt. Die Zahl der Lügen ist unüberschaubar geworden, von angeblich unter Polizeischutz Supermärkte ausräumenden Asylbetrügern über regelmäßige Vergewaltigungspartys in Flüchtlingsheimen bis hin zu den Ausländern, die deutsche Kinder fressen und Frauen vergewaltigen, um sie anschließend zu Dönerfleisch zu verarbeiten. Kein Märchen scheint dumm genug zu sein und kein Gerücht, keine Postillon-Meldung zu abwegig, als dass sich nicht ein paar rechte Propaganda-Krieger finden würden, um sie als Tatsachen zu verbreiten. Wer kennt denn nicht den armen Burschen, der anscheinend seit einigen Jahren jedes Jahr auf’s neue von Ausländern ins Krankenhaus geprügelt wird?

Rassistische Hetze: Mädchendöner - Screenshot von Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern
Rassistische Hetze: Mädchendöner – Screenshot von Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern

Facebook sollte für niemanden die primäre Nachrichtenquelle oder Nachrichtenerfahrung sein. Andy Mitchell, Facebook

Was aber leider noch niemand gefunden hat, das wäre ein Mittel gegen diese Radikalisierung, diese Abschottung in Filterblasen, Echokammern und Echobunkern, die aber andererseits immer größer zu werden scheinen. Den Tipp von Facebook selbst, eben Facebook nicht als primäre Nachrichtenquelle zu nutzen, kann man getrost als blöden Witz bezeichnen, schließlich tut Facebook ja nun wirklich alles dafür, die Menschen möglichst 24/7 auf der Plattform zu halten, um dort zu kommunizieren und eben auch Nachrichten zu lesen.

Andererseits könnte die von Facebook im Zuge des neuen Löschteams in Berlin ausgerufene „Initiative für Zivilcourage Online“ vielleicht ein Weg sein? Hier geht es darum, dass es Facebook lieber sähe, wenn die User statt das Unternehmen mit Meldungen zu überfluten, selbst aktiv werden und solchen Gerüchten und Hassnachrichten entgegen treten und sich einmischen. „Counter Speech“, also die Gegenrede soll helfen. Bei den festgefahrenen Rechten und Verschwörungstheoretikern wird man damit nicht viel Erfolg haben, diese Erfahrung hat wohl jeder schon einmal gemacht. Aber vielleicht lassen sich auf dem Weg doch Menschen überzeugen, die eben noch nicht ganz so weit abgedriftet sind.

Aber das ist verdammt anstrengend und es gibt zumindest bei uns offenbar keine Kultur der Gegenrede, was dann zu einer Situation führt, aus der heraus Sascha Lobo einen Hilferuf an die mindestens durchschnittlich Begabten in diesem Land geschrieben hat.

Deppenmagnet deutsches Facebook. Das erklärt nicht nur einiges, es gibt auch Anlass zu hoffen. Und zu bitten. Nämlich die zurechnungsfähigen Teile der Bevölkerung dort draußen, die es ja offenbar gibt: Bitte, mindestens durchschnittlich Begabte, kommt zu uns ins Netz! Diskutiert mit, redet mit, zeigt euch! Lasst uns nicht allein mit den stumpfen Horden. Kommt! Wir halten nicht mehr lange durch im digitalen Stalingrad der Vollidiotie. Sascha Lobo

Aber anscheinend neigen die angesprochen mindestens durchschnittlich Begabten in diesem Land eher dazu, einfach still und leise diese ganze Idiotie einfach zu ignorieren und entsprechende Inhalte verbreitende Kontakte zu entfernen statt zu widersprechen. Vielleicht auch aus Angst die eigenen Freunde bei Facebook zu verschrecken, weil jeder Kommentar unter einem hetzerischen Link zu einem Artikel des Nix-im-Kopp-Verlags oder von Pipi-Kacka-News dazu führt, dass diese Links dann wiederum bei den eigenen Kontakten im Newsfeed auftauchen.

Facbook, mach was!“ war unsere Aufforderung an das Team von Mark Zuckerberg und inzwischen hat Facebook was gemacht: Ein neues Team in Berlin soll Meldungen überprüfen und eben die Initiative für Zivilcourage Online. Es ist jetzt wohl an der Zeit, dass wir alle ebenfalls etwas machen und zwar unsere Klappe auf. Nein, es ist nicht schön, wenn einem solche Hetze in den Newsfeed gespült wird und die Verlockung ist groß, entsprechende Personen und Seiten einfach zu ignorieren und zu blocken, aber damit verstärken wir nun die Bildung von Echokammern, von abgeschlossenen und sich zunehmend radikalisierenden Kommunikationsräumen. Und diese Radikalisierung ist nicht nur bei den Rassisten und Verschwörungstheoretikern gefährlich, denn nicht nur bei denen kann diese am Ende möglicherweise zu realer Gewalt führen.

Wir müssen aktiv gegen die Bildung und Abschottung von Filterblasen arbeiten, wir müssen unsere Ansicht lautstark in die Echokammern der Radikalen tragen, so laut, dass sie nicht überhört werden kann. Eben Gegenrede. Jedes wieder neu geteilte Gerücht sollte mehrfach den Link zur Richtigstellung in den Kommentaren enthalten und diese Kommentare sollten wir mit „Gefällt mir“ beschenken, so dass sie ganz oben unter dem Beitrag erscheinen. Klingt anstrengend und nach Arbeit? Ja, ist es wohl auch, aber niemand hat behauptet, dass es einfach wäre…