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Flipped Classroom: Richtige Vorbereitung ist die halbe Miete

Christian Spannagel, Professor für Mathematik- und Informatikdidaktik, erklärt uns heute in einem Gastbeitrag das Konzept des "Flipped Classroom". Die Vorbereitung für den Unterricht findet bereits zuhause statt, die Zeit in der Vorlesung kann dadurch effektiver genutzt werden.

Jaaaaa er lebt noch… Sorry, aber mit dem Ohrwurm müsst ihr heute leben. Ernsthaft: Hier im Edu-Hub war es viel zu lange ruhig. Der Grund: Neben meiner Arbeit blieb einfach keine Zeit, um hier ordentliche Artikel zu veröffentlichen. Kurzfristig war ich mir auch nicht sicher, ob ich den Hub überhaupt weiterführe oder Sascha einfach darum bitte, sich jemand anders dafür zu suchen.

Aber wie heißt es so schön? Wo die Liebe hinfällt… Bildung ist mir einfach zu wichtig, um mich ganz vom Edu-Hub zu verabschieden. Also geht es hier weiter. Erwartet bitte keine täglichen Artikel – ich peile eher ein bis zwei Beiträge pro Woche an – aber es wird wieder verlässlich neues aus der Welt des E-Learnings und der Bildung geben.

Den Neuanfang macht der Gastartikel eines besonderen Autoren: Christian Spannagel aka dunkelmunkel aka Mister Flipped Classroom. Viel Spaß mit seinem hervorragenden Artikel.

Gastartikel von Christian Spannagel

„In allen Dingen hängt der Erfolg von den Vorbereitungen ab.“ sagte einst Konfuzius (551-479 v.Chr.) Diese uralte Weisheit kommt heute in einem didaktischen Ansatz zum Tragen, der zwar nicht neu ist, aber mit neuen Mitteln daher kommt: flipped classroom oder inverted classroom. Das Grundprinzip: Studierende bereiten sich mit Hilfe von Vorlesungsvideos auf die Vorlesung vor, die dann konsequenterweise keine mehr ist. Die Zeit in der Präsenzveranstaltung wird genutzt für das, wofür es wert ist, sich gemeinsam an einen Ort zu begeben: Für Interaktion, Diskussion und gemeinsames Arbeiten.

Beispiel: Während ich früher das Verfahren der vollständigen Induktion in meiner Mathematikvorlesung vorne an der Tafel vorgeführt habe, konnte nur ein Teil der Studierenden von Anfang bis Ende aufmerksam folgen. Einigen hätten zwischendurch zehn Minuten Pause oder eine Wiederholung der letzten Schritte geholfen, damit sie alles nochmal nachvollziehen können. Andere hätten sich dabei gelangweilt, weil sowieso alles klar ist. Und das Üben fand dann zu Hause statt, also dort, wo man niemanden hatte, den man bei Problemen um Rat fragen konnte. Sowohl bei der Lernzeit in der Vorlesung als auch der Lernzeit zu Hause gab es erhebliche Reibungsverluste.

Seit ich Vorlesungsvideos produziert und auf Youtube gestellt habe, ist das komplett anders: Die Studierenden befassen sich alleine und individuell mit den Vorträgen (beispielsweise mit einem Video über vollständige Induktion). Wann sie wollen, wo sie wollen und wie oft sie wollen. Sie setzen sich mit Ihrem Laptop oder ihrem Smartphone zu Hause auf die Couch, auf den Balkon oder ins Café und arbeiten die Videos durch. Professor starten, Professor stoppen, Professor zurückspulen. Sie führen sich so mittels mobile learning in ihrem eigenen Tempo selbst auf ein gewisses Verständnisniveau. Im Hörsaal schließlich üben wir gemeinsam. Dort haben die Studierenden dann ihre Kommiliton/innen und mich, um Fragen zu besprechen, Probleme zu klären und gemeinsam Lösungsideen zu entwickeln.

Ich mache dies jetzt seit einigen Jahren (neuerdings nicht mehr mit Youtube-Videos, sondern mit unserem Mathe-MOOC, und zwar insbesondere wegen folgender Überlegung: Präsenzzeit ist wertvolle Sozialzeit. Wir kommen 90 Minuten in der Woche zusammen, um miteinander zu interagieren. Diese 90 Minuten sollten möglichst intensiv genutzt werden. Möglichst viele Fragen sollten geklärt werden, und tiefe und Gewinn bringende Diskussionen und Arbeitsprozesse sollten gemeinsam durchgeführt werden.

Das gelingt – nach Konfuzius – am besten, wenn alle vorbereitet sind. Und nicht nur nach Konfuzius: Ich erinnere mich sehr gut an den Satz eines Professors in einer Pädagogischen-Psychologie-Vorlesung in Darmstadt, als ich selbst noch Student war. Damals sagte er, dass sich alle darüber Gedanken machen, wie man Vorlesungen am besten nachbereitet. Dabei sollte man sich doch lieber darum bemühen, die Vorbereitung gut zu gestalten. Flipped Classroom ist ein Konzept, das dieser Überlegung Rechnung trägt.

Vorbereitung ist mehr als die halbe Miete

Vorbereitung ist ein wesentliches Element für produktive Zusammenkünfte. Dies kann man auch außerhalb von Hochschulvorlesungen zum Tragen kommen: Einige Lehrerinnen und Lehrer gestalten so ihren Unterricht, beispielsweise Sebastian Schmidt, Felix Fähnrich und Carsten Thein und Sebastian Stoll. Konferenzen werden im „Flipped“-Format abgehalten: Auf der GMW-Tagung 2014 oder bei unserem DeLFI-Games-Workshop mussten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zuvor mittels Texten und Videos vorbereiten. In den entsprechenden Konferenzsessions gab es dann keine Vorträge mehr, sondern Diskussionen und weiterführende gemeinsame Aktivitäten. Und wie effektiv und effizient wären Sitzungen und Meetings, wenn sich jeder vorbereiten würde!

Ich bin mir sicher: Vorbereitung sollte in vielen Bereichen mehr kultiviert werden. Und auch in Vorlesungen gelingt dies (selbst wenn viele vermuten würden, dass „sich sowieso viele nicht vorbereiten“). Wie das funktionieren kann, habe ich beispielsweise im Video unten erläutert. Dort wird auch noch mehr zum Konzept „Flipped Classroom“ erzählt. Weitere Infos zum Flipped Classroom gibt es zudem auf meiner Seite zur umgedrehten Mathematikvorlesung oder auf unserer Seite zum Berliner Projekt Flip Your Class!

Zum Autor:

Christian Spannagel ist Professor für Mathematik- und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Seit mehreren Jahren setzt er Flipped Classroom in seinen Vorlesungen ein. Erreichbar ist er unter anderem über Twitter, Facebook, Google+ und per Mail.

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