Focus Online Schrifzug mit Tannenberg Schriftsatz

Kommentar
Focus Online: Journalistischer Untergang des Abendlandes

In den sozialen Medien wird gehetzt, Tag für Tag. Medien wie Focus Online nehmen das gern in Kauf, wenn dafür der Erfolg - viele Clicks, Likes und Shares - stimmt. Für diesen Erfolg drücken die Redakteure auch schon mal ein Auge zu und biegen sich ihre Variante der Wahrheit zurecht.
von Carsten Drees am 15. Februar 2016

Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren verändert, da erzähle ich euch nichts Neues. Eine ganze Branche befindet sich im Wandel, probiert sich aus, versucht den Erfolg aus dem Print-Bereich aufs Internet zu übertragen. Ansätze gibt es dafür viele verschiedene, welcher davon sich im Endeffekt als der beste herausstellt, muss sich noch zeigen.

Das hier soll aber beileibe keine Medien-Analyse werden, vielmehr möchte ich meinem Ärger Luft machen, was verschiedene dieser derzeit angewandten Strategien angeht. Angebote wie Chip haben wir uns in unserem Blog schon mehrfach vorgeknöpft – ein IT-Magazin, welches mit dem einstigen Print-Magazin so gar nichts mehr zu tun hat. Mal verbreitet man schlicht Unwahrheiten, mal jubelt man euch üble Installer unter.

Der Klick zählt – nicht Information oder Ethik

Ich mag mich aber gar nicht schon wieder über Chip ärgern, aktuell macht mich nämlich nichts wütender als die Berichterstattung politischer Natur, bei der auf alle Regeln und auf jede Ethik gepfiffen wird. Dass es von Haus aus Postillen gibt, die am rechten Rand platziert sind und dementsprechend braun gefärbt berichten – geschenkt. Richtig schlimm wird es erst, wenn vermeintlich neutrale Magazine und Zeitungen genau die Vorurteile bedienen, die eh schon gerade die Stimmung in diesem Land vergiften.

Journalist Meme

Die Springer-Angebote tun sich dabei wieder des öfteren hervor, indem sie besonders reißerisch berichten oder bewusst Stimmung machen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob die Stimmungsmache – beispielsweise gegen Flüchtlinge – nur in der Headline oder im begleitenden Text auf den sozialen Medien stattfindet, oder dann auch im tatsächlichen Artikel. Mittlerweile gibt es aber ein Medium, welches Bild und Welt in jeglicher Hinsicht in den Schatten stellt bei diesem Spiel und das heißt Focus Online!

Focus Bewerbung
So sucht der Burda-Verlag nach neuen Redakteuren für Focus Online.

Dass für dieses Blatt tatsächlich Menschen arbeiten, die sich Redakteure und Journalisten schimpfen, verschlägt mir so manches Mal die Sprache. Zu den News-Quellen, die ich tagtäglich lese, gehört der Focus schon lange nicht mehr. Wie das aber im Netz nun mal so ist, landen die Artikel über Umwege eben doch in meinen Feed. Gestern war das wieder mal der Fall und ich möchte dieses Beispiel mal exemplarisch dafür vorführen, um zumindest mal zu demonstrieren, wie perfide hier vorgegangen wird. Seht am besten erst mal selbst auf den Artikel, der sich mit der Zahl der Polizeieinsätze in NRW im Zusammenhang mit Asylunterkünften beschäftigt:

Focus-Polizeieinsatz

Die Headline:

Vertraulicher Lagebericht:  Diebstahl und Körperverletzung: 78.000 Polizeieinsätze in Asylunterkünften in NRW in 2015

Vermutlich habt ihr, wenn ihr hin und wieder einen Blick in die Kommentarspalten unter geteilten News-Artikeln riskiert, selbst schon mitbekommen, dass sich viele Reaktionen lediglich auf die Überschrift beziehen. Dass die Leute oft so vorschnell reagieren, kann man natürlich dem Focus Online nicht vorwerfen. Einen Vorwurf mache ich aber den Medien (und hier eben Focus Online vorneweg), die dieses Verhalten mit eigens darauf abzielenden Headlines ganz bewusst bedienen.

Das bedeutet in diesem Fall, dass wir von 78.000 Polizeieinsätzen in Asylunterkünften erfahren- allein im letzten Jahr und allein in Nordrhein-Westfalen. Das vorangestellte „Diebstahl und Körperverletzung“ lässt keinen Zweifel daran, was es mit diesen knapp 80.000 Einsätzen auf sich hat – zumindest, wenn man den Artikel nicht komplett liest.

Der eigentliche Artikel

Lesen wir jedoch weiter, finden wir dann folgenden Text folgenden Abschnitt:

Dabei handelte es sich in rund 90 Prozent der Fälle um Präsenz vor Ort, präventive Aufklärung und Information von Bürgern. Die übrigen zehn Prozent umfassten „insgesamt 7.759 außen veranlasste Einsätze“, bei denen die Polizei „aufgrund eines konkreten Anlasses“ vor Ort war, wie zum Beispiel Hilfeersuchen, Straftaten, Brandmeldungen oder politisch motivierte Straftaten, erklärte ein Sprecher der NRW-Innenministeriums gegenüber der „Welt“. Der weitaus größte Anteil der polizeilichen Einsätze hatte „daher präventiven Charakter, um die Präsenz und Ansprechbereitschaft der Polizei deutlich zu machen“.

Nur nochmal, um es sich auf der Zunge zergehen zu lassen: 90 Prozent dieser 78.000 Fälle betreffen Präsenz, Aufklärung und Information und haben weder mit Diebstahl noch mit Körperverletzung auch nur im Ansatz irgendwas zu tun!

Zahlenspiele

Dass der Focus zwar die Welt als Quelle zitiert, dann aber den Artikel Zehntausende zusätzliche Polizeieinsätze der Polizei 2015 nicht verlinkt, verwundert ehrlich gesagt schon gar nicht mehr. Auch setzt man die Zahl der Delikte nicht ins Verhältnis zu den Flüchtlingszahlen für NRW oder der Bevölkerung im Bundesland.

Die Zahlen, die sich auf einen geheimen Lagebericht der Polizei beziehen, übernimmt man aber immerhin und die zeichnen eben ein Bild, welches überhaupt kein bisschen zur Headline passen möchte. Suggerierte man dort noch, dass 78.000 mal wegen Körperverletzung oder Diebstahl eingegriffen wurde, erfährt man im Text, dass lediglich 7.759 Einsätze auf Anlässe wie Brandmeldungen und tatsächliche Straftaten in der Unterkunft zurückzuführen sind – ziemlich genau ein Zehntel der 78.000 Polizeieinsätze.

Knapp 8.000 Einsätze sind natürlich auch immer noch eine Menge Holz, zumal es sich um Zahlen aus lediglich einem Bundesland – NRW – handelt. Dennoch sollte man dabei berücksichtigen, dass Nordrhein-Westfalen 2015 ziemlich genau jeden dritten Flüchtling aufgenommen hat, der überhaupt Deutschland erreichte. Aus einem Bericht des NRW-Innenministeriums für den Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags (PDF) geht hervor, dass NRW im letzten Jahr 329.667 Flüchtlinge aufgenommen hat. Dort kann man übrigens auch nachlesen, dass bundesweit zwei Drittel der neuen Flüchtlinge tatsächlich aus Syrien, Irak und Afghanistan stammen.

Im Verhältnis dazu ist man mit knapp 8.000 Polizeieinsätzen vermutlich noch sehr gut bedient, aber wir dürfen nicht vergessen, dass bei diesen exakt 7.759 Einsätzen „Hilfeersuchen, Straftaten, Brandmeldungen oder politisch motivierte Straftaten“ berücksichtigt werden. Soll heißen: Auch die Straftaten gegen Flüchtlinge von Nicht-Flüchtlingen fallen hier rein. Jeder Brandanschlag also und jeder andere Übergriff deutscher Bürger gegen Flüchtlinge, die teils aus politischen Gründen stattfanden.

Die Welt nennt weitere Zahlen, die einem vertraulichem Lagebericht des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) entstammen: Demnach wurden in NRW im Dezember 2015 576 Strafverfahren eingeleitet, davon knapp die Hälfte wegen Diebstahls oder Körperverletzung. Nehmen wir einfach mal die Hälfte, dann landen wir bei 288 Strafverfahren im Dezember. Wenn wir das aufs Jahr hochrechnen (und dabei außer acht lassen, dass viele der 330.000 Flüchtlinge erst im Laufe des Jahres einreisten und die Zahlen in den Vormonaten daher deutlich niedriger gewesen sein dürften), kommen wir auf eine Summe von 3.456 Verfahren im gesamten Jahr, die mit Diebstählen und Körperverletzungen zusammenhängen.

Der Bericht verrät weiter, dass es sich dabei in den meisten Fällen um Straftaten untereinander handelt, also Flüchtlinge unter sich. Das macht eine Straftat natürlich erst mal nicht weniger schlimm, zeigt uns aber auf, dass selbst dann, wenn Asylbewerber gegen das Gesetz verstoßen, es fast nie gegen Bundesbürger gerichtet ist. Folgenden Absatz aus der Berichterstattung der Welt unterschlägt der Focus komplett – ich finde, man hätte den Inhalt zumindest in einem Satz zusammenfassen können:

Die Polizei weist explizit darauf hin, dass die Einsatzbelastung gestiegen ist, doch sie kommt zu einem überraschenden Fazit: „Insgesamt ist festzustellen, dass sich die Sicherheitslage in den landeseigenen Unterkünften trotz der immer noch hohen Zugangszahlen stabil hält. Insoweit bestehen keine strukturellen Handlungserfordernisse für die Polizei, obwohl sich der polizeiliche Arbeitsaufwand signifikant erhöht hat“, heißt es in der Gesamtbewertung des LZPD.

Die Saat geht auf…

Wie wir jetzt feststellen, bleibt von der Headline überhaupt nichts mehr übrig, wenn man sich den Artikel tatsächlich vorknöpft. Dumm nur, dass das eine große Zahl der „besorgten Bürger“ schon lange nicht mehr interessiert. Die bekommen auch nicht mehr mit, dass Focus Stunden nach Veröffentlichung – aus welchem Grund auch immer – die Headline entschärft hat (und ja, sie ist immer noch falsch – jetzt halt nur anders falsch als vorher ;) ):

Focus-Artikel zu Polizeieinsätzen - Headline überarbeitet

Ein völlig anderes Thema als dieser miese Abklatsch von Journalismus ist die Art und Weise, wie wir mit Medien umgehen. Wir sind die erste Generation Mensch, die sich mit dieser Flut an Informationen auseinandersetzen muss und das will auch erst mal gelernt werden. Im Moment sind es leider viel zu viele Leute, die glauben, sich eine Meinung zu einem Thema bilden zu können, indem sie sich lediglich die Überschrift, vielleicht noch maximal die Kurzbeschreibung durchlesen.

Mag sein, dass es ein Vorurteil ist, aber ich bilde mir ein, dieses Phänomen verstärkt in dem Lager festzustellen, welches Asylbewerbern besonders kritisch gegenüber steht. Ich will gar nicht mal einen Kontext zwischen Intelligenz und Gesinnung herstellen, aber schaut man eben in die Facebook-Kommentare zu diesem Focus-Artikel, beginnt man in der Tat, sich um die Zukunft der Nation zu sorgen. Pro-Tipp: Lest euch die Kommentare dort lieber nicht durch, wenn ihr euch nicht den Start in die neue Woche vermiesen lassen wollt. Auch bei denen, die sich nicht direkt beleidigend gegenüber Andersdenkenden äußern, ist diese ständige Wut spürbar. Wut auf Flüchtlinge, Wut auf Merkel und die Politik generell, Wut auf Medien und natürlich die Wut auf uns „Gutmenschen“.

Screenshot Focus-Link auf Facebook

Selbstverständlich steht dort auch noch die alte Headline, so dass sich immer noch neue Asyl-Gegner dort einfinden. Und das hängt eben damit zusammen, dass diese Leute nicht besonders pfiffig sind, zu einem großen Teil aber auch daran, dass Focus genau diese Menschen anzieht mit so einer Falschaussage. Die Redaktion reibt sich vermutlich glückselig die Hände dabei, weil der Klick-Zähler ja eifrigst rotiert und massig Werbe-Kohle reinkommt.

Ein Blick auf die Seiten, die diese Beiträge dann auch noch sharen, spricht eine deutliche Sprache: Dieser Artikel wurde beispielsweise von der German Defence League, Lies, das wahre Gesicht des Islams, Beware of Islam, Brd -West News und einigen mehr geteilt. Selbst PEGIDA (ja genau, das sind diese Leute, die so gern „Lügenpresse“ skandieren und von gleichgeschalteten Systemmedien reden) teilt gerne den Focus – die Presse lügt ja schließlich nur dann, wenn die Meinung einem nicht in den Kram passt.

Kalkuliertes Brandstiften

Abgesehen davon, dass Focus mittlerweile nur noch ein Schatten seiner selbst ist mit seinem Sammelsurium aus Artikeln und Headlines im heftig.co-Stil, News, Chip-Beiträgen (beide sind mittlerweile unter einem Dach) und aufgewärmten News-Beiträgen, die man einfach nochmal Monate oder gar Jahre später unters Volk mischt, betätigt sich dieses Medium wissentlich als geistiger Brandstifter. Kaltlächelnd zündelt man dort vor sich hin und bedient (siehe oben) ein Publikum, welches scheinbar schon chronisch wütend und gegenüber Flüchtlingen voreingenommen ist.

Focus Online steht damit nicht komplett alleine, auch wenn es bei diesem Medium besonders markant ist und die oftmals unsaubere Arbeit längst auch Blogger-Kollegen auffällt. Auch Welt, Bild und einige andere hauen manches Mal ziemliche Klopper raus, aber niemand spielt dieses falsche Spiel so gekonnt wie Focus Online. Gerade erst hat das Bild-Blog eine Anleitung zum Katastrophen-Journalismus veröffentlicht – klar, dass auch hier der Focus prominent vertreten ist.

Screenshot: Focus bittet um Mithilfe

Nochmal: Mich nervt eine ganze Menge von dem, was die „Kollegen“ da derzeit anbieten, ganz besonders schlimm ist es aber dann, wenn Menschen, die eh schon auf Krawall gebürstet sind bei dem Thema Flüchtlinge, hier so angetriggert werden mit frisierten Headlines. Das ist kalkuliertes Brandstiften, weil man weiß, dass die Leute drauf einsteigen und es sorgt dafür, dass das Klima und der Umgangston in Deutschland zusehends ruppiger wird.

Ich weiß gar nicht mehr, wie oft und wo überall ich gefordert habe, dass wir von diesem Schwarz-Weiß-Denken wegkommen müssen. Es gibt nicht nur Gut und Böse, sondern jede Menge dazwischen. Ja, unter einer Million Flüchtlingen gibt es sicher auch genug Arschlöcher – wieso auch nicht, die gibt es unter 80 Millionen Deutschen ja auch zahlreich genug, wie man täglich in den Kommentarspalten sieht. Dennoch muss es doch möglich sein, dass man die tatsächlich vorhandenen Schwierigkeiten mit Flüchtlingen diskutieren kann, ohne dass man pauschal „Nazi“ oder „Bahnhofsklatscher“ ist.

Nicht zuletzt die unsägliche AfD verschiebt derzeit die Grenzen dessen, was in Deutschland öffentlich gesagt werden darf, immer weiter in die falsche Richtung, so dass der Ton im Volk ebenfalls schärfer wird. Ich würde mir wünschen, dass so ein Mist wie diese wissentlich zündelnden und mit den besorgten Bürgern kokettierenden Artikel wieder verschwinden. Das passiert nicht von selbst, da Focus ja scheinbar gut damit verdient. Deswegen sind wohl wir alle gefordert: Wenn ihr glaubt, dass bewusst Falsch-Informationen in solchen Beiträgen verbreitet werden, meldet die Dinger. Meldet sie direkt beim Presserat, weist Facebook drauf hin und stellt dort, wo ihr auf solche Artikel trefft, klar, wieso das nicht stimmt, was da im Artikel und/oder der Headline zu lesen ist. Schreibt auch direkt an den Focus und sagt ihnen – ruhig in einem vernünftigen Ton – dass ihr diese Art der unseriösen Berichterstattung nicht akzeptiert.

Es wird gerne argumentiert, dass man diesen schwarzen Schafen (wir wollen ja nicht vergessen, dass es auch immer noch genügend Journalisten da draußen gibt, die gewissenhaft großartige Arbeit leisten) nicht noch eine Plattform geben sollte, indem man ihren Schund teilt. Bei Portalen wie Focus Online sehe ich das anders: Die werden in der öffentlichen Meinung oft ähnlich wahrgenommen wie Spiegel, Stern und ähnliche Medien, also als eine relevante News-Quelle. Daher finde ich, man sollte gerade solche verlogenen Headlines so publik wie möglich machen, so dass mehr und mehr Menschen feststellen können, was da gerade schief läuft und man sich seine News lieber woanders besorgen sollte. Also wenn ihr diesen Kram teilt, dann bitte auch mit einem entsprechenden erklärenden Kommentar, oder ihr teilt direkt Beiträge wie diesen hier, in welchem wir uns kritisch mit der Art der Berichterstattung auseinandersetzen und auch erklären, was daran so gefährlich ist.

Glaubt mir: Manchmal bin ich abends, wenn ich ins Bett falle, echt fertig mit der Welt, weil mich das echt schafft, dass da draußen so viele Idioten rumrennen und ganz Facebook mit ihrem Hass übersäen. Dennoch – oder gerade deswegen – ist es so unglaublich wichtig, dass all diejenigen, die sich sachlich äußern und die zahlreichen Falschaussagen widerlegen können, das auch immer und immer wieder tun. Die Anständigen sind – davon bin ich überzeugt – in diesem Land immer noch deutlich in der Mehrzahl. Wir müssen nur dafür sorgen, dass man uns auch hört. Also denkt dran: Jeder Share und jedes Like für gute Artikel bringt was, jeder Kommentar bringt was und jeder gemeldete Rassist bringt was. Wir sind viele und müssen das nutzen – dann hört vielleicht auch Focus Online wieder auf, so einen Dreck abzuliefern – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt!