Die Willkommenskultur der Vollversager
Ihr seid nicht das Volk!

Clausnitz oder die Parabel darüber, ob man sich jemals mehr für sein Land schämen könnte.

Ein sonniger Tag im Februar. Nach einem wirklich sensationell erfolgreichen Job am Donnerstag und einem Abend mit dem Real-Life-Kontrastprogramm „Germany´s Next Topmodel“ gehe ich außerordentlich gut gelaunt in den Freitag. Ich schlafe aus, trinke einen Smoothie und verfluche meine Idee, mich eine Woche lang auf Detox-Basis zu ernähren. Das bedeutet nämlich: Keinen Kaffee. Oder wie meine Familie sagen würde: Marie sollte man vor 18 Uhr nicht ansprechen.

Aus lauter Kaffee-Entzugs-Aggression gebe ich meinen Katzen nicht ihr Lieblingsfrühstück, sondern nur Trockenfutter. WENN ICH LEIDE, SCHLEMMT IHR AUCH NICHT! Verblüfft darüber, wie erwachsen ich in solchen Momenten reagiere, nippe ich an einem Fläschchen grüner Lebensfreude aus Spinat, Kiwi, Apfel, Grünkohl und irgendwelchen chinesischen Samen, die beim Schlucken in etwa ein Gefühl erzeugen, als würde man seine Speiseröhre gerade mit einem Brei aus Vogelfutter und flüssiger Dachpappe perforieren.

Acht Pfoten für ein Halleluja

Meine Katzen hingegen stellen im Angesicht eines Berges harter Trockenfutter-Realität fest, dass ihr Hunger, der sie noch vor einigen Minuten trollartig vor meinen Füssen hat ausrasten lassen, als ich mich der Schublade mit ihrem Katzenfutter näherte, plötzlich komplett verschwunden ist. Sie ignorieren ihren Teller mit Trockenfutter und auch mich und widmen sich statt dessen einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen, wenn sie mit mir als ihrer Mitbewohnerin temporär nicht ganz zufrieden sind: Sie suchen einen möglichst teuren Schuh und beginnen, diesen in ein zerfetztes Häufchen ehemaliger Designerware zu transformieren. Meine Katzen sind die einzigen aus der Familie aus der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) innerhalb der Überfamilie der katzeartigen (Feloidea), die keine Mäuse jagen, sondern Louboutins.

Detox Diary

Nach einem wohlschmeckenden Detox-Drink und dem kurzen gedanklichen Ausflug zu Franzbrötchen mit Äpfeln und zu Chips, widme ich mich meinem MacBook und beschließe, zunächst mal kurz die sozialen Medien zu checken, um zusammenhangslose Schalke 04-Bashings und deplatzierte Lothar Matthäus-Anekdoten los zu werden. 15 Minuten später sitze ich heulend auf meiner Couch und zittere am ganzen Körper. Mir ist nicht kalt, also zumindest nicht wegen zu niedriger Temperaturen in meiner Wohnung. Mir ist so übel, ich bin so wütend und fassungslos, dass ich eigentlich raus auf die Straße rennen und erst mal einige wahllose Bäume anschreien oder Mülltonnen zerpöbeln müsste, um irgendwie wieder ruhig zu werden. Um irgendwie zu spüren, dass man solche Energien auch raus lassen kann.

Ich wische einige Tränen-Tröpfchen von meiner Tastatur, schluchze ein bisschen vor mich hin und versuche, im Radius meiner Armlänge irgendwas zu finden, womit ich mir die Nase putzen kann. Unfähig, mich zu bewegen, zu schwach, klar zu denken. Sogar meine Katzen merken, dass hier irgendwas nicht stimmt und kommen von rechts und links auf meinen Schoß gekrochen, als wollten sie sagen: Ist nicht so schlimm, dass Du uns nur Trockenfutter gegeben hast. Wir lieben dich trotzdem.

Ein Dokument der Schande

Was war passiert? Ein Video hatte sich den Weg durch die Netzwerke gebahnt. Sieht aus wie ein Handyvideo. Es zeigt einen Bus mit Flüchtlingen, so wie ich es erkennen kann, Hauptsächlich Frauen und Kinder. Der Bus kommt gerade an einer Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz an. Clausnitz liegt in Sachsen. Im Osterzgebirge. Sicherlich ein Teil der Welt, den man von außen betrachtet bis vor einigen Monaten für naturbelassen, romantisch und liebevoll verträumt gehalten hätte. Auf einer rasanten Fahrt durch die sächsische Schweiz und große Teile von Sachsen habe ich im Jahr 2013 mal lernen dürfen, dass dieser Teil von Deutschland wirklich pittoresk schöne Landschaften zu bieten hat.

Von Liebe ist an diesem Abend, an dem das Video entsteht, nicht viel zu spüren. Ich entnehme dem Dokument der Schande Hass, Aggression, ekelhafte ideologische Überzeugungen und die Lehre, dass Deutschland nie mehr sein wird, wie es war. Und dass das nicht an den vielen Flüchtlingen liegt, die hier bei uns auf Nächstenliebe hoffen.

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten

Sie suchen Frieden und Hilfe – und bekommen grölenden Pöbel und Gewalt. „Wir sind das Volk“ skandieren die „Asylgegner“ dem Bus mit unschuldigen Menschen entgegen, dem sie die Weiterfahrt verwehren. Ihr seid das Volk? Schaut Euch mal um, Ihr degenerierten Schwachköpfe. Ihr seid nicht das Volk. Ihr seid auch nicht Sachsen. Ihr seid nicht mal Clausnitz. Ihr seid laut, das vielleicht, ja. Aber wir sind viele. Sehr viel mehr als Ihr. Und wir tragen Dinge in uns, die Euch fremd zu sein scheinen. Noch viel fremder als die Menschen aus Syrien und anderen Gegenden, wo sie nicht mehr bleiben konnten, obwohl sie das gerne getan hätten: Liebe. Nächstenliebe. Moral. Ethik. Intelligenz.

Vermutlich tragt Ihr deshalb keine Liebe in Euch, weil Ihr schon lange keine mehr selber gefühlt habt. Das ist sehr traurig und ich habe auf eine gewisse Weise, tief hinten irgendwo in meinem Unterbewusstsein auch ein klein wenig Mitleid mit Euch. Aber nur, weil Ihr vielleicht alle Eure zwischenmenschlichen Beziehungen in den Sand gesetzt oder nie einen brauchbaren Job bekommen habt, gibt Euch das nicht das Recht, irgendwem anders die Schuld zu geben. Und schon erst Recht nicht, diesen anderen dann mit Gewalt, Hass, Beleidigungen und Angstmacherei zu begegnen.

Irrlichter der Sinnlosigkeit

Gut, Selbstreflektion ist vermutlich ein Wort, das Ihr nicht mal schreiben könnt, wie solltet Ihr es also anwenden. Aber ich kann zum Beispiel das Wort Hyaluronsäure auch nicht schreiben, ohne es zu googeln. Ich könnte sie aber anwenden. Daher würde ich gerne wissen: Hinterfragt Ihr euch manchmal? Denkt Ihr in einem lichten Moment, wo der Alkohol fern ist und die unerklärlich Angst vor Menschen, die aus Kriegsgebieten zu uns flüchten, kleiner, mal darüber nach, was Euch diese Menschen wirklich wegnehmen könnten? Wie es Euch schlechter gehen sollte, nur weil wir Nächstenliebe praktizieren und Rückgrat zeigen in Zeiten, in denen viele andere Länder der EU darauf scheissen, dass sie Jahrzehnte von der Solidargemeinschaft profitiert und Milliarden an Förderungen erhalten haben, jetzt aber so tun, als wäre die Flüchtlingssituation alleine die Aufgabe von Deutschland? Oder was Ihr kleinen Kindern antut, die Ihr mit hysterisch ausrastender Nazifratze empfangt?

Angst essen Seele auf – und Empathie

Vor was habt Ihr Angst? Glaubt Ihr, dass irgendwann Angela Merkel an der Tür Eurer Sozialwohnung klingelt und sagt „es tut mir leid, aber sie schnappen sich jetzt mal einen Schlafsack und ziehen an den Bahnhof unter eine Gleisbrücke, denn diese Wohnung muss ich jetzt einer Flüchtlingsfamilie geben“? Oder dass Andrea Nahles anruft und sagt: „Liebe Grüße vom Bundesamt für Arbeit und Soziales, aber Ihr Hartz 4 Satz wird um 80% gestrichen, weil wir das Geld für neue Handys für Asylbewerber brauchen“? Wenn es so weiter läuft, wird Eure andere, wohl größte Angst demnächst übrigens Realität werden: Der Untergang des Abendlandes. Daran wird aber nicht der Islam Schuld tragen. Auch nicht die Flüchtlinge. Nicht mal die Regierung. Daran werdet Ihr selber Schuld tragen, die Ihr das letzte Fünkchen Anstand über Bord werft in Eurem Kreuzzug gegen die Säulen der Menschlichkeit.

Hart im Hirn, weich in der Birne, ohne Halt, einfältig und klein. Auf der Suche nach einem Führer. Es ist hart, allein beschränkt zu sein. (Herbert Grönemeyer, „Die Härte“, 1993)

Mal im Ernst: Wie viel Scheiße kann man im Hirn haben und wie viel Hass im Herzen, um sich nicht wenigstens mal Ansatzweise mit der Realität zu befassen? Ich weiss, diese Zeilen sind nicht sehr journalistisch verfasst. Ich bin aber auch keine Journalistin. Ich bin Mensch, so wie Ihr. Zumindest dachte ich das von Euch. Und als Mensch habe ich Gefühle, Überzeugungen, Werte. Ich möchte nicht in einem Land leben, wo meine Facebook-Timline plötzlich voll ist von Videos mit verachtenswerten Vollversagern, die sich damit profilieren, Busse zu stoppen und Kinder zu verängstigen, die vor einigen Wochen noch Bomben in ihrer Nachbarschaft detonieren hörten, Teile ihrer Familie durch Krieg und Flucht verloren haben und jede Nacht Angst um ihr Leben hatten.

 

Krieg in Deinem Herz

Das ist nämlich Angst. Angst, dass es morgen Dein Haus und damit Deine Schwester, Deine Mutter, Dich treffen würde. Dass es einfach einen lauten Knall gibt und alles ist vorbei. So wie es in den Tagen, Wochen und Monaten vorher passiert ist und irgendwo in der Umgebung die Stadt, die einmal modern und zivilisiert war, in Schutt und Asche gelegt wurde. Diesen Menschen möchte ich die Hand reichen und zu uns einladen. Diese Menschen leben dann erst mal auf unbestimmte Zeit auf 2,5 Quadratmetern in umgebauten Turnhallen, Flughäfen oder Baumärkten und sind dennoch dankbar, dass es keinen Bombenhagel um sie herum gibt. Beneidet Ihr sie wirklich um diese Lebensumstände? Glaubt Ihr, eine gespendete Winterjacke und zwei Teller warme Suppe am Tag nehmen Euch etwas weg? Wenn ihr Suppe wollt: Schaut in die Antworten, die Euch die AfD und Pegida geben wollen: Eine lauwarme Suppe aus Rassismus, Weltfremdheit und Absurditäten, die hoffentlich schneller wieder in den Orkus der Vergessenheit ausgekotzt werden wird, als Lutz Bachmann Kokain verticken kann. Und übrigens: Euch ist sowieso schon alles weggenommen worden, für das es sich lohnen würde, zu leben und zu kämpfen: Ehre, Anstand und Vernunft. Aber damit hat keines der Kinder in dem Bus in Clausnitz zu tun. Und auch kein anderer Flüchtling. Das seid Ihr selber gewesen und die gesellschaftlichen Brandstifter der Stimme der unterdrückten Nazis: Pegida und AfD.

Abschaum Deluxe

In den Kommentaren zu Clausnitz geht es bereits hoch her. Es wird schwadroniert, als würde das Sozialamt den Hartz 4 Satz verdoppeln, wenn man nur schön brav Angela Merkel als Idiotin und Horst Seehofer als Heiland beschreiben würde. „Vergessen Sie nicht: Die Flüchtlingskinder von heute sind die Terroristen von morgen. Von daher sollten wir den Einwohnern von Clausnitz danken.“ steht da. Das steht da wirklich. Ich sage: Vergessen Sie nicht: Die Hetzkommentatoren von heute sind die Adolf Hilters von morgen. Möchten wir das zulassen? Möchten wir das wirklich?

Kultur My Ass

Natürlich werden jetzt die einschlägigen Argumente kommen. Das sind nicht alles Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Okay, das stimmt vermutlich. Aber es ist nicht Eure Aufgabe, diejenigen zu identifizieren und auszusortieren, die hier nicht bleiben dürfen. Dass jeder herkommen und bleiben darf, hat nie jemand gesagt. Selbst Angela Merkel hat das nie gesagt, Euer großes Hassbild. Die Frau, die „hoffentlich bald erschossen“ oder zumindest „in Handschellen dem Richter vorgeführt wird“, weil sie Euer schönes Land vernichtet. Ist das Eure Kultur, die ihr so gefährdet seht? Wir haben fast 600.000.000 Menschen in Europa und 2.000.000 Flüchtlinge. Was soll da passieren? Wenn ich mit 600 BVB-Fans auf dem Alten Markt in Dortmund stehe, und dann kommen 2 Schalke Fans – glaubt Ihr wirklich, man müsse diese beiden Schalke-Fans verprügeln und wieder wegschicken, dahin, „wo sie hergekommen sind“, damit nicht plötzlich der ganze Alte Markt in weiss-blau gehüllt ist und wir 600 BVB-Fans unsere Trikots nicht mehr anziehen dürfen? Dass der Alte Markt in „Clemens Tönnies Platz“ umbenannt wird? Dass in den Gaststätten nur noch „Blau und Weiss ein Leben lang“ gespielt werden dürfte? Das ist doch lächerlich.

Und noch was: Welche Kultur soll Euch eigentlich irgendjemand wegnehmen? Eure Willkommenskultur, die aus brutaler Gewalt, hirnlosen Parolen, alkoholisiertem Gegröle, der vermeintlichen Stärke einer Masse von asozialen, bildungsfernen Verschwörungstheoretikern und sinnentstellten Kommentarogien in sozialen Netzwerken besteht? Lasst Euch mal eines gesagt sein: Da könnt Ihr euch beruhigt zurücklehnen in Euren Fernsehsessel und weiter „Mitten im Leben“ gucken, während Ihr jeden kritischen Artikel auf Nachrichtenseiten mit einem immer wieder lustig kombinierten Wortbrei aus „Lügenpresse“ und „Untergang“ verziert. Diese Kultur möchte niemand haben. Seid unbesorgt. Ihr werdet sie behalten dürfen, bis ihr – billiges Bier in der einen Hand und das AfD Parteiprogramm in der anderen – an Eurer eigenen Kultur ertrinken werdet.

Treppenwitze der sächsischen Volksverhetzer

Im weiteren Verlauf des Tages wird herauskommen, dass der meuternde Pöbel in Clausnitz von der nicht öffentlich gemachten Ankunftszeit des Busses mit Flüchtlingen vermutlich vom Leiter der Flüchtlingsunterkunft höchst persönlich informiert wurde. Er ist Mitglied der AfD. Das ist in etwa so, als würde Bill Gates CEO bei Apple werden und die Öffentlichkeit würde sich dann wundern, dass als erste Amtshandlung das iPhone abgeschafft wird. Was für ein Glück, dass der Leiter der Unterkunft nicht auch noch seine Parteifreundinnen Frauke Petry und Beatrix von Storch eingeladen hat. Sie hätten in ihrem rücksichtslosen Rennen um ihre eigenen gut dotierten Posten in Bundes- und Landtagen auf den Bus schießen können, um sich den Jubel des Nazipöbels und damit ein paar weitere Stimmen der geistig armen Totalfrustrierten zu sichern. Nach dem empörten, angeekelten Aufschrei der gesamten Republik nach diesen Schüssen hätten sie sich dann damit rausgeredet, dass das Video, das sie beim Schießen zeigt, manipuliert wurde und sie das so nie gemacht hat (Frauke Petry) und dass sie nur versehentlich beim Reinigen der Waffe auf den Abzug gekommen ist (von Storch).

Die Polizei, dein Freund und Helfer

Noch später am Nachmittag wird es weitere Videos geben. Videos, die zeigen, wie Polizisten aus Sachsen in Clausnitz kleine Kinder im Bus anschreien, die verängstigt und weinend in ihrem Sitz kauern. Wie sie die Kinder dann rabiat schnappen und aus dem Bus tragen. Wie sie es in nur wenigen Sekunden schaffen, das ohnehin schon durchaus ramponierte Image der Polizei in Sachsen vollends in eine hässliche, von rechtem Gedankengut durchtränkte Fratze der Schande zu verwandeln. Am Folgetag wird es eine Pressekonferenz geben, auf der die Polizei Sachsen beteuert, nichts falsch gemacht zu haben und dass die Situation eigentlich nur eskaliert wäre, weil Flüchtlinge aus dem Bus heraus obszöne Gesten gemacht hätten. Ich habe auf dem Video keine obszönen Gesten gesehen, sondern hauptsächlich weinende Kinder. Aber die Polizei Sachsen ist da wie Pegida: Man legt sich seine eigene Wahrheit zurecht. Wenn sich das sächsische Innenministerium jetzt nicht beginnt zu schämen, können sie auch gleich Tatjana Festling zur Polizeipräsidentin machen. Schlimmer könnte es kaum werden.

No Sleep Till Arschgeigenentsorgung

Ich verachte Gewalt. Ich kann aber das Gefühl nachvollziehen, dass man einfach mal ausrasten möchte. Ich kann es nicht ertragen, dass ich heulend auf meiner Couch sitze, weil degenerierte Witzfiguren sich für das Volk halten und Flüchtlinge attackieren. Natürlich ist da kurz der Gedanke, dass man am liebsten jedem die Kniescheibe zertrümmern und ihn anschließend auf einem Marktplatz in Damaskus aussetzen würde, damit er mal sieht, wie das ist, da, wo er die Frauen und Kinder wieder hin zurück schicken möchte, damit sein Abendland nicht zerstört wird. Aber natürlich mache ich das nicht. Aber gar nichts zu machen, lässt diesen Schandflecken der deutschen Geschichte auf ihrem Weg zu einer Rückkehr ins Jahr 1933 auch zu viel Raum.

Als ich mich selber in mein leeres Wohnzimmer „Das kann doch nicht sein“ und „Was sind das für Menschen“ brüllen höre, beschließe ich, dass alleine heulen nicht weiterhelfen wird. Dass ich nicht akzeptieren werde, dass Ihr Schreihälse der Unmenschlichkeit mir schlechte Laune bereiten könnt. Ich beschließe also, weiter dagegen anzuschreiben, auch wenn ich keine Journalistin bin. Ich werde weiter mit Menschen vor den Flüchtlingsheimen in meiner Nachbarschaft diskutieren, was genau sie für eine Angst verspüren, auch wenn ich keine Politikwissenschaftlerin bin. Und auch wenn diese Gespräche tatsächlich zu gar nichts führen und ich immer das Gefühl habe, ich spreche mit einem in den Körper eines hirnlosen Sozialschmarotzers implantierten Sprachcomputer, der gebetsmühlenartig die Vokabeln „Wirtschaftsflüchtling“, „Terror“, „Silvesternacht“ und „Volk“ repetieren.

Pissnelken vs. Vernunft

Und ich möchte Euch bitten, das auch zu tun. Positioniert Euch in den sozialen Medien, in den Kommentarspalten der Nachrichtenmagazine, auf den Stammtischen, in Euren Freundeskreisen, den Cafés, den Fussballstadien, einfach überall, wo man auf die neue deutsche Angstkultur trifft. Dieser unsäglichen Mischung aus Desinformation, Gewaltbereitschaft, Ignoranz und Femdenhass. Sagt Eure Meinung, lasst nicht locker. Ignoriert nichts. Engagiert Euch. Macht den Mund auf. Lasst Euch nicht entmutigen von der scheinbaren Sinnlosigkeit eines Diskurses mit Menschen, die Euch auf dem Argumentationsniveau einer mittelgroßen Portion Zuckerwatte begegnen. Es stimmt: Vielleicht könnt Ihr die Menschen, die in Clausnitz vor Bussen stehen und zu glauben scheinen, dass ein erhobener rechter Arm sie zu einem Volk macht, nicht mehr zurück holen in die Welt der Menschlichkeit. Aber was wir schaffen können, ist dafür zu sorgen, dass so wenig weitere Menschen wir möglich auch nur für eine Sekunde in die Versuchung kommen, daran einen Gedanken zu verschwenden, ob AfD, Pegida oder der Naziabschaum von Clausnitz vielleicht doch hier und da ein bisschen Recht haben. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen. Sagt Deutschland, sagt der Welt, dass jetzt Schluss ist damit, irgendwelchen Westentaschengoebbels hier auch nur einen Millimeter Raum oder Bedeutung zu geben. Wenn Ihr das tut, wird die Welt ein Stückchen besser. Und ich werde Euch lieben. Für immer.

Danke!