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Kommentar: Computer erst ab 12? Nein, denke ich nicht!

Haltet die Kinder bis zum 12. Jahr von Computern fern - das fordert Henning Kullak-Ublick, seines Zeichens Vorstand beim Bund der Freien Waldorfschulen. Ich bin anderer Meinung und finde seine Ansicht sogar gefährlich. 

Denken wir an Waldorfschulen, fällt ganz vielen direkt der abgedroschene Gag mit den Schülern ein, die ihren Namen tanzen können. Das mag im Detail natürlich herzlich wenig von dem widerspiegeln, was den Schulalltag auf einer Waldorfschule betrifft, lässt diese Schulform aber zumindest irgendwie sympathisch wirken – schräg, aber sympathisch.

Weit weniger sympathisch wirkt auf mich persönlich das, was Henning Kullak-Ublick – Vorstand beim Bund der Freien Waldorfschulen – nun via Xing publiziert hat. „Haltet die Kinder bis zum 12. Jahr von Computern fern“, fordert er dort und meint es vermutlich sogar wirklich gut mit den armen Kids, schießt für mein Empfinden aber deutlich über das Ziel hinaus! Direkt eingangs erklärt er folgendes:

Nur wer versteht, wie die Technik funktioniert, die man im alltäglichen Leben nutzt, der ist ein wacher Zeitgenosse. Das wusste Rudolf Steiner schon 1919, als er forderte, dass die Schüler erst dann die Waldorfschule verlassen dürften, wenn sie die Funktionsweise der elektrischen Straßenbahn wenigstens in ihren Grundzügen verstanden hätten. Was früher die Straßenbahn oder der Telegraf war, ist heute der Computer oder das Smartphone. Henning Kullak-Ublick Vorstand, Bund der Freien Waldorfschulen

BücherstapelIgnorieren wir einfach mal, dass ich bis heute nicht weiß, wie eine Straßenbahn funktioniert, kann ich stolz
behaupten, dass mir das Fahren mit der Straßenbahn keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Und ganz ohne Polemik: Natürlich verstehe ich den Punkt des Herrn Kullak-Ublick und ich bin auch vielen meiner Lehrer dankbar für das, was ich in den Jahren in der Schule lernen durfte. Aber ich kann es nicht wirklich Ernst nehmen, wenn man mir die „Computer erst ab 12“-These näher bringen will und dann mit einem so dermaßen hinkenden Beispiel beginnt.

Ich mein – 1919 – das war knapp nach dem ersten Weltkrieg und zum guten pädagogischen Ton gehörte es seinerzeit, frechen Bengels mal flott den Rohrstock spüren zu lassen, wenn sie nicht artig waren. Pädagogik hat sich also in diesen knapp 100 Jahren ebenso entwickelt, wie es der Rest der Welt auch getan hat. Dürfte ich den Computer erst verwenden, nachdem ich dessen Funktionsweise heruntergebetet habe – ich wäre vermutlich heute noch nicht online.

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Wann immer es geht, ermahne ich die Leute dazu, Dinge differenziert zu betrachten. Das gilt auch für mich selbst und auch für diesen Fall: Deswegen möchte ich auch nicht blind einen Artikel bashen, der im Netz heute schon genug Contra bekommen hat. Das wäre auch nicht fair, weil es ja tatsächlich stimmt, dass das Herumhängen am Computer, am Smartphone bzw. generell im Internet Zeit frisst und es tatsächlich ein Alter gibt, ab dem ein Kind bestimmte Informationen erst in einen Kontext setzen kann und es ebenfalls tatsächlich stimmt, dass bestimmte Fähigkeiten – kognitiver oder welcher Art auch immer – wichtig für die Entwicklung des Kindes sind.

Haltet die Kinder bis zum 12. Lebensjahr von Computern fern! Henning Kullak-Ublick Vorstand, Bund der Freien Waldorfschulen

Das alles hat aber nichts damit zu tun, dass man den Zugang zu Computern komplett unterbinden muss, bis die Kinder zwölf Jahre alt sind. Der Kamerad geht ja sogar noch weiter und spricht davon, dass das Internet erst in der 12. Klasse ein Thema werden soll. Man stelle sich ein Land vor, in welchem die Kids ihren Führerschein fürs Auto früher beginnen können, als sie Adressen für Fahrschulen googlen dürfen!

Mit Verlaub, das ist ziemlicher Quatsch! Klar – natürlich bin ich kein Pädagoge, nicht mal Vater. Aber ich denke, dass es existenziell wichtig ist, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die im späteren Leben elementar werden sein. Ordentlich Sprechen, Schreiben und Lesen muss man auch weiterhin können, aber ist es wirklich elementar, die „Suche in Buchbeständen“ zu erlernen in Zeiten, in denen ich all das, was in besagten Büchern steht plus allen anderen Informationen dieses Planeten schneller und oft sogar in einen verwertbaren Kontext gesetzt online finden kann?

Unterricht

Es ist ein Paradigmenwechsel, der einsetzen muss, wollen wir in Deutschland nicht auf Jahre hoffnungslos hinter anderen Nationen zurückhinken. Der Bursche 1919 mag davon profitiert haben, dass er wusste, wie ein Telegraf funktioniert – heute würde er mit dem Wissen aber keinen Blumentopf mehr gewinnen. Heute sind eben andere Dinge wichtig – ganz vorne mit dabei: Medienkompetenz!

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Im Xing-Beitrag heißt es: „Die spätere Medienkompetenz wurzelt in frühkindlicher Medienabstinenz.“ Ich halte das für eine katastrophale Fehleinschätzung, zumindest, wenn wir „frühkindlich“ mit „bis 12 Jahre alt“ gleichsetzen. Mein ganzes Leben lang werde ich das Internet nutzen und mich darin bewegen, sei es privat oder beruflich. Der Umgang damit kann und soll Kindern daher – natürlich etappenweise – so früh wie möglich vermittelt werden, für mein Empfinden von Eltern und Lehrern gleichermaßen.

Dummerweise befinden wir uns in einer Zeit, in der es eben noch zu viele Menschen gibt, die Jahrzehnte bestens ohne Internet gelebt haben und weder Bedeutung noch Funktionsweise wirklich nachvollziehen können – diese Menschen werden aber aussterben. Übrig bleiben Kinder, die Heranwachsen und überhaupt kein Leben kennen, in welchem es keine Computer, keine mobilen Devices und kein Internet gibt – unabhängig davon, ob sie das alles schon nutzen oder nicht.

Spielen ist für Kinder im Internet die Hauptbeschäftigung
Spielen ist für Kinder im Internet die Hauptbeschäftigung

Die Dosis macht das Gift

Derzeit sehen wir es millionenfach in den Kommentarspalten auf Facebook, in den Schulen und fast überall sonst: Menschen sind oft überfordert mit dem, was sie selbst durch einen Beitrag bewirken können. Diese Leute haben eben nicht frühzeitig gelernt, was man damit anrichten kann, wenn man die peinlichen Fotos der Klassenkameradin auf Facebook postet.

Deswegen bin ich der Meinung, Kinder müssen schon lange vor einem Alter von 12 Jahren an die Hand genommen werden. Damit sie lernen können, was Smartphones, Tablets und Computer generell sind und können – und auch eine gewisse Medienkompetenz anerzogen bekommen. Auf Caschys Blog haben sich Caschy selbst und auch seine Mitautoren in einem äußerst lesenswerten Beitrag sehr ausführlich zu diesem Thema geäußert und ich möchte mich einem Statement von Caschy anschließen, das ich für elementar wichtig bei dieser Problematik halte: „Die Dosis macht das Gift!“

Setze ich mein Kind von morgens bis abends vor den Fernseher und vor den Rechner, mache ich was verkehrt. Bestehe ich aber darauf, dass es nur dann für das Kind wertvoll ist, wenn es draußen mit anderen Kindern spielt, ist das ebenso verkehrt. Viele der Argumente, die in dem Xing-Beitrag aufgeführt werden, kann ich absolut nachvollziehen und auch die Sorge von Eltern, die sich in diesen Fragen unsicher fühlen.

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Aber ich kann (und muss!) doch – sowohl als Elternteil, aber auch als Lehrer – auf das Kind einwirken und habe damit alle Möglichkeiten, die Erziehung sinnvoll zu steuern. Es gibt zentnerweise Software, die eigens für Kinder gedacht ist und bei der es darauf ankommt, dass man die restliche Erziehung dafür nicht über Bord wirft, sondern sie stattdessen damit anreichert.

Cybermobbing GooglePlusUnterlassen wir das, lassen wir unsere Kinder nicht nur ahnungslos in sämtliche Cybermobbing- und andere verfügbaren Fallen tappen, wir sorgen auch dafür, dass sie im internationalen Vergleich den Anschluss verlieren, wenn sie sich viel zu spät mit der Materie beschäftigen. Ich persönlich bin dagegen, dass Kinder zu früh schon ein Smartphone in die Hand gedrückt bekommen, ebenso wie sie nicht nach Kindergarten oder Schule bis abends vor der Glotze sitzen sollten. Aber wenn Eltern ihr Kind an die Hand nehmen und sich gemeinsam mit diesen Medien auseinandersetzen und das selbe auch in den Schulen geschieht, immer mit dem richtigen Maß – dann kann ich nicht verstehen, wie man da allen Ernstes was dagegen haben kann.

Mir ist bewusst, dass da viele Menschen anders drüber denken und deshalb eine andere Erziehung für ihren Nachwuchs vorsehen. Wenn ihr auch anders darüber denkt, lasst es uns in den Comments wissen – natürlich dürft ihr auch kommentieren, wenn ihr es ähnlich seht wie ich ;) Ich würde mir jedenfalls für die Zukunft wünschen, dass neue Technologien nicht pauschal verteufelt und verbannt werden, sondern man sich maßvoll damit auseinandersetzt – egal, ob das nun auf einer Waldorfschule passiert oder bei einer sonstigen Schulform.

PS: Lest euch am besten sowohl den Xing-Text komplett durch und sehr gerne auch die Ausführungen bei Caschy, wenn euch das Thema interessiert.

Quelle: Xing via Caschys Blog