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Jan Gleitsmann sagt
Leute, die Werbeblocker einsetzen, finde ich asozial

Familienvater Jan Gleitsmann lebt und arbeitet in Bielefeld. Vor über 2 Jahren hat er seinen "richtigen Job" aufgegeben und veröffentlicht nun regelmäßig Inhalte im Internet. Unter anderen auch hier bei MobileGeeks. In diesem Artikel lässt er seinen ungeschönten Gedanken zum Thema Adblocker freien Lauf. Ein Rant? Ein Kommentar? Eine Glosse? Auf jeden Fall eine Herzensangelegenheit.

Vor ein paar Wochen sass ich in einem Vortrag vom werten Stephan Goldmann, der den Anwesenden wie auch mir etwas über die potentiellen Verdienstmöglichkeiten von Bloggern erzählen wollte. Und da ist mir eben das rausgerutscht, was ihr eben als Überschrift gelesen habt. Ich habe dafür von anderen Teilnehmern auch gleich eingeschenkt bekommen. Letztendlich wäre ich der Asoziale, sowas zu sagen. Nun denn. Ich wollte niemanden verletzen, aber im Grunde – auch nach ein paar Wochen der Reflextion – stehe ich voll und ganz hinter meiner Aussage.

Auch wenn das für die meisten, deren Halsschlagader jetzt schon die Größe eines Gartenschlauchs angenommen habt und pumpt wie ein Maikäfer in der Mittagssonne, keinen Unterschied macht: Ich meine das „asozial“ nicht im Sinne von verwahrlost. Ich meine es im Sinne von „gesellschaftsschädigend“. Erst vor ein paar Tagen hatte ich bei Facebook – im Profil von Stephan Goldmann – wieder eine „Diskussion“, nachdem ich mein Statement dort hinterlassen hatte. Die Diskussion habe ich bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil ich kaum etwas von dem, was mir entgegengesetzt wurde, wirklich als ernsthafte Argumentation durchgehen lassen kann.

Und weil der gute Sascha ja eh der Don Quijote im Kampf gegen die Adblocker-Industrie ist, klinke ich mich hier mal eben als Sancho Panza mit ein und schreibe mir meinen persönlichen Frust von der Seele. Über die nutzlosen Tagediebe, die mir und meinen Kindern die Wurst vom Brot stehlen. Zur Erläuterung dieser zu lang geratenden Einleitung darf ich vielleicht noch schnell erklärend hinzufügen, dass ich hauptberuflicher Auto-Blogger und Youtuber bin und von den Werbeerlösen meiner Formate zu leben versuche, was mir durchaus schon gelingt. Redlich. Ich behaupte also:

Personen, die Werbeblocker einsetzen, beklauen mich

Du nutzt einen Werbeblocker? Ok, damit wir uns verstehen. Dann meine ich genau Dich. Ich bin da gar nicht so. Wie sollte ich auch. Du klaust mir Geld. Sicherlich. Du kannst jetzt sagen „Aber Jan, ich war noch nie auf einer Deiner Seiten und ich habe auch noch nie einen Deiner Clips bei Youtube gesehen.“ Das mag sein, aber ich sehe mich hier als Vertreter von vielen. Leute, die Dinge ins Internet schreiben. Geschichten. Tipps. Erfahrungen. Leute, die ihre Zeit investieren und dafür gerne etwas zurück bekommen wollen.

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Halt’s Maul, Dein Konzept/Geschäftsmodell ist scheisse
Eine der erste Entgegnungen der Adblocker-Nutzer geht in die Richtung, dass ich ja auch mächtig blöd und altbacken wäre, wenn ich denn wirklich glauben würde, dass man mit Werbung heute noch Geld verdienen würde. Nun gut. Das will ich gar nicht abstreiten. Der Gedanke, dass ich eine gewisse Reichweite mit meinen Formaten erziele und eine Menge Leute meine Inhalte ganz offensichtlich schätzen, hat mich in den Glauben versetzt, dass ich damit Geld verdienen könnte. Und am einfachsten ist es eben, diese Reichweite zu verkaufen. Ein ganz normaler Handel. Und es gibt da draussen eine Menge Firmen (bei denen ganz offensichtlich niemand arbeitet, schon gar nicht die Nutzer von Adblockern), die gerne ihre Produkte und Dienstleistungen bewerben möchten. Mir also für meine Reichweite Geld bezahlen. So schlecht ist mein Geschäftsmodell also wohl nicht. Es mag altbacken sein, aber es funktioniert eben auch schon eine ganze lange Weile.

Wenn Dein Zeug so gut ist, dann bezahle ich auch dafür, aber hau ab mit der doofen Werbung
Crowdfunding. Das ist ja so ein Zauberwort. Ein paar illustre Beispiele lassen die Menschen denken, dass sich sowas immer anwenden lässt. Ich bin jetzt seit gut 12 Jahren im Geschäft und sage Nein. Micropayment-Dienste haben sich nie durchgesetzt. Nicht, weil sie sich technisch nicht umsetzen lassen, sondern weil sie einfach nicht genutzt werden. Vor ein paar Jahren wurde uns Online-Schreiberlingen Flattr als Retter des Abendlandes präsentiert. Nutzer zahlen Geld auf ihre Konto ein und können es dann per Knopfdruck auf einer Seite lassen, die ihnen gefallen hat oder die sie weitergebracht hat. Das Konzept war schon mit dem ersten Satz gescheitert. Leute, müssen Geld einzahlen. Klar gab es ein paar Idealisten – meist selbst Schreiberlinge – die dort Geld eingezahlt haben, aber angemessen für seine Arbeit bezahlt wurde niemand und so fristet Flattr das unbekümmerte Schattendasein eines Dienstes den niemand nutzt. Immerhin lebt es noch.

Der entscheidende Punkt ist meiner Meinung nach aber ein ganz anderer. Wir sind faul und satt geworden als Nutzer. Und ich schliesse mich dabei mit ein. Wer klickt denn wirklich noch nach der Lektüre einer Geschichte „LIKE“ oder hinlässt dem Autor einen dankenden Kommentar, wenn er bei einer Problemstellung helfen konnte. Gerade keine Zeit. Da müsste ich mich für anmelden. Die Ausreden mögen vielfach sein, das Ergebnis das Gleiche. Es agiert kaum jemand aktiv.

Der ganze blinkende Scheiss stört mich beim Lesen
Mein persönlicher Lieblingseinwand. Wenn er Dich denn stört, warum schliesst Du die Seite nicht wieder? Nur weil Du irgendwelche mit Werbung vollgemüllten Seiten regelmäßig besuchst, rechtfertigt das für Dich, dass Du mir Geld klaust? Ich habe auf meinem Blog zwischen 2-3 Banner. Dezent am Seitenrand. Keine Overlays, die man wegklicken muss. Keine Videos, die sofort anfangen zu plärren. Du besuchst aber ganz offensichtlich sehr oft andere Seiten und wenn wir mal ehrlich sind, ob nun AutoBild, Spiegel oder Chip – die großen Verlage sind in der Regel nicht zimperlich, wenn es um den Einsatz von aggressiven Werbeformaten geht. Aber meinst Du nicht, dass es ein besseres Zeichen wäre, die Seiten einfach nicht mehr aufzusuchen?

chip werbung

Im Prinzip schadest Du Dir doch selbst. Merkst Du das nicht? Du besuchst ihre Seite mit einem Werbeblocker. Und denkst Dir „Ha! Denen habe ich es aber gezeigt. Eure blöde Werbung sehe ich gar nicht!“ Ok, Du hast es geschafft, ihre Werbeeinnahmen zu mindern. Aber ihre Reichweite bleibt. Und so auch ihre Stellung gegenüber Werbepartnern. Wenn Du etwas bewegen und verbessern möchtest, dann solltest Du solche Seite, die so aggressiv Werbung einsetzen einfach nicht mehr nutzen.

Personen, die Werbeblocker einsetzen, schaden der Gesellschaft

Weit schlimmer als mein finanzieller Schaden, der durch die Werbeblocker-Nutzer entsteht, finde ich jedoch den Schaden an der Gesellschaft. Der Gesellschaft, in der wir alle leben. Die Zukunft steht ja schon auf der Türschwelle und kündigt sich an. Der Niedergang der freien Presse. Weniger dramatisch formuliert nennt sich das wohl Content-Marketing.

Das Szenario ist einfach. Online-Werbegelder versiegen. Weil ja niemand mehr die Werbung sieht. Also haben weder die Verlage noch die Selbstständigen eine Einnahmequelle. Die Industrie muss aber trotzdem ihre Produkte bewerben. Also hat die Industrie bereits angefangen, selbst Publikationen online zu stellen. Mal ganz transparent als Unternehmensblog oder als Satellitenseite für ein Produkt, mal eher dezent getarnt als Plattform wie Curved. Dort finden sich dann natürlich keine kritischen Anmerkungen mehr, sondern nur noch tolle Geschichten zu tollen Produkten. Und wenn Du eine Information oder einen Test oder eine andere Meinung zu einem Produkt suchst, dann wirst Du eben nur noch diese finden. Global. Denn wir reden ja hier nicht über ein deutsches Problem.

Und ich schliesse mich persönlich davon auch nicht aus. Wenn ich mit meiner eigenen Arbeit, die vielleicht nicht die kritischste unter dem deutschen Medienhimmel, aber durchweg immer eine Ehrliche ist, denn ich stehe dafür ja mit meinem Namen, nicht mehr verdienen kann, dann schreibe oder filme ich eben für einen Hersteller, der das bezahlt. Ich kann das gut, ich weiss das. Und statt auf mangelnde Ergonomie des Produktes hinzuweisen, stelle ich eben nur noch die positiven Dinge nach vorne. Du hast es ja nicht anders gewollt, oder?

Eine Gesellschaft ohne kritische Berichterstattung ist eine Schlechte. So sehe ich das zumindest. Und somit sind alle, die auf dieses Ziel hinarbeiten, mit einem Werkzeug wie einem Werbeblocker, in meinen Augen also auch asoziel – gesellschaftsschädigend.

Personen, die Werbeblocker einsetzen, sind am Ende die Dummen

Zu guter Letzt noch einmal zurück zu Sascha und seinen Aufdeckungen bezüglich der Adblocker-Machenschaften. Du nutzt also einen Adblocker. Und Du denkst, Du bist deswegen pfiffig. Naja. Mag sein, dass Du das denkst, aber ist es wirklich so? Die Adblocker-Industrie hat doch unlängst ihre Deals mit der Werbeindustrie geschlossen. Was meinst Du denn, wie die sich finanzieren? Das sind unter anderem GmbHs, die die Software programmieren und vertreiben. Hast Du dafür gezahlt? Nein! Denkst Du wirklich, es gibt etwas umsonst im Leben? Eine GmbH, die sich von Spenden der User finanziert? Bist Du wirklich so blauäugig?

Mit dem Einsatz diverser AdBlocker-Software unterwirfst Du Dich mal ganz schnell 1..2..3 der Zensur. Da sitzt dann nämlich jemand, der festlegt, welche Werbung Dir weiterhin angezeigt wird. Er entscheidet dann für Dich, ob eine Werbung für Dich tragbar ist oder nicht.

Natürlich habe ich masslos übertrieben und wir blicken alle in eine rosige Zukunft
Vor ein paar Monaten habe ich mal auf meinem kleinen persönlichen Blog einen anklagenden Beitrag mit dem Titel „Der deutsche Autoblogger, das possierliche Marketing-Äffchen“ geschrieben. Neben ein wenig Beifall, bekam ich von vielen Seiten den Ratschlag, ich solle mir doch einfach ein Geschäftsmodell suchen, was funktioniert. Ich muss jetzt immer noch ein wenig lachen. Ich bin nicht der Typ, der lamentiert, weil er sich gerade in einer schwierigen Situation befindet. Ich klage lieber an, wenn es mir vom Grunde eigentlich egal sein kann.

Ich frage mich eher, wo das alles hinführen soll. Ich habe das Gefühl, dass unsere deutsche Gesellschaft so fett und satt ist, dass sie vor lauter Selbstverwirklichungswahn und Kostenlosmentalität die wesentlichen Dinge nach und nach aus den Augen verliert. Nicht die Wurst auf meinem Brot, sondern unsere Gesellschaft und eins ihrer hohen Güter – die Pressefreiheit.

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