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Liebe Facebook-Freunde: Lasst mich doch trauern…

Vorgestern verstarb Colin Vearncombe, besser bekannt als "Black", der in den Achtzigern Welthits landete. Er setzt eine gruselige Reihe prominenter Todesfälle fort, die allesamt natürlich auch in den sozialen Netzwerken Thema sind. Gerade bei Twitter und Facebook gibt es jedoch oft auch viel Kritik und Unverständnis für die Trauernden.
von Carsten Drees am 28. Januar 2016

Ja, ich trauere gerade! Um einen Facebook-Freund, den ich eigentlich schon seit Mitte der Achtziger kenne. „Eigentlich“ sage ich deshalb, weil es kein wirkliches, persönliches Kennen ist – „er“ das ist Colin Vearncombe, der damals als Black ein paar große Hits landete, von denen „Wonderful Life“ wohl der mit Abstand bekannteste ist. Facebook-Freunde sind wir erst seit ein, zwei Jahren – eine Zeit, die ich aber nicht missen möchte.

Ich mag es, wenn sich gerade Prominente als die positiven und angenehmen Menschen entpuppen, als die man sie sich seit vielen Jahren erhofft hat. Colin war so jemand – einer, der gerne über seine Musik redete, viel im Dialog mit seinen Fans stand und sogar familiäre Dinge preisgab, als es beispielsweise um seinen Bruder auch nicht besonders gut stand.

Colin hatte vor einigen Wochen einen schweren Autounfall, seitdem lag er im Koma. Bis zum 26. Januar, als dann leider nur noch sein Ableben verkündet werden konnte. Ich hab jetzt gerade wieder einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen, wenn ich darüber schreibe und daran denke, obwohl ich ihn halt nie persönlich gesprochen oder getroffen hatte.

Es fällt mir schon länger auf, dass es nie einen einzigen Star erwischt, sondern zumeist gleich zwei Prominente in kurzer Zeit. Dieses Mal aber scheint es deutlich schlimmer zu kommen – gerade die von mir geschätzten Musiker wurden in den letzten Wochen deutlich dezimiert. Im Dezember starben Scott Weiland, Ex-Sänger der Stone Temple Pilots, Natalie Cole und Lemmy Kilmister, der Vorzeige-Rocker der Formation Motörhead. Im Januar nun folgten Glenn Frey von den Eagles, der bereits genannte Black und vor allem natürlich David Bowie. Dazu gesellte sich mit Dan Haggerty noch der Schauspieler, der mein Kinderherz damals als „Mann in den Bergen“ eroberte, der großartige Alan Rickman (u.a. Snape in Harry Potter) und noch einige mehr.

Wieso ich euch das erzähle? Weil all diese prominenten Toten natürlich auch im Internet auf den sozialen Netzwerken betrauert werden. Das äußerte sich vor allem beim Tode David Bowies schon allein in unzähligen Profilbild-Änderungen – auch ich hatte für ein paar Tage mein Antlitz gegen das ikonische Bild vom Aladdin Sane-Cover getauscht, so wie ich jetzt aktuell ein Bild von Colin zeige.

…aber Du kanntest den doch gar nicht persönlich…

Im Internet passiert gerade in diesen Größenordnungen wie dem Tode David Bowies überhaupt nichts, ohne dass es unpassende Reaktionen erzeugt. Genau darauf möchte ich mit diesem Artikel hinaus. Laut drauflos ranten kann ich nicht, weil ich gerade wie gesagt eher traurig als wütend bin, aber loswerden möchte ich es dennoch.

Das Phänomen fiel mir so extrem damals erstmals auf, als Michael Jackson starb, was mittlerweile immerhin auch schon mehr als sechs Jahre her ist. Auch damals standen mir die Tränen in den Augen, hörte ich tagelang seine Songs und schaute mir seine Dokus im TV an und teilte Musik-Videos auf Facebook. Jackson war natürlich alles andere als unumstritten und so ließen weder dumme Witze, hämische Tweets noch bitterböse Sprüche lange auf sich warten.

Dazu gesellten sich auch damals schon viele empörte Menschen, die sich darüber allen Ernstes aufregten, dass Leute in der Lage sind, um einen Menschen zu trauern, den sie persönlich nicht gekannt haben, sondern nur aus der Distanz, die man üblicherweise zu Weltstars hat. „Du kanntest ihn doch gar nicht persönlich“ las ich immer wieder, ebenso wurden die üblichen afrikanischen Kinder bemüht, die zu  Tausenden sterben und bei denen hier niemand wirklich trauern würde.

Exakt das passiert gerade wieder – und der wirklich unheiligen Frequenz geschuldet, mit der Promis in diesen Tagen versterben, wiederholt sich das dummerweise alle paar Tage aufs Neue. Mir persönlich sind dieses Mal dumme Sprüche weitestgehend erspart geblieben, aber bei vielen meiner Facebook-Freunde hab ich es immer wieder gelesen, dass sie tatsächlich dafür angezählt werden, wenn sie trauern, ihre Profilbilder ändern oder ähnliches. Dazu möchte ich mich selbst zitieren aus meinem Artikel, den ich anlässlich der schlimmen Ereignisse in Paris im November geschrieben habe:

Vielleicht sollten wir alle einfach mal hin und wieder das Maul halten und in uns gehen. Lasst die Leute trauern und ihre Anteilnahme bekunden, lasst sie ihre Profilbilder einfärben und Eiffelturm-Bilder posten. Wir haben doch alle unsere Päckchen zu tragen und möchten auch nicht, dass man uns zusätzlich noch grundlos ans Bein pinkelt.

Die Dinge sind durchaus miteinander vergleichbar, was die dummen Reaktionen im Netz angeht, die Reflexe sind exakt die selben. Die Beweggründe für die Trauer sind aber vielleicht ein wenig anders: War es in Paris hauptsächlich ein Schock, gepaart mit der Erkenntnis, dass der Terror endgültig in unserer Mitte angekommen ist, ist – für mich zumindest – die Trauer bei David Bowie, Black und Co eine andere: Es fühlt sich für mich nicht so an, als wären Fremde verstorben. Die Musik dieser Menschen begleitet mich teilweise so lange, wie ich denken kann. Bowie beispielsweise kannte und schätzte ich seit seinen Songs aus dem Jahre 1983, als er mit Let’s Dance, China Girl und Modern Love die Charts stürmte.

Ich war noch nie jemand, der damit umgehen konnte, wenn ein Mensch auf die Frage „Und was hörst Du so?“ mit „Och, alles was so im Radio läuft…“ antwortete. Für mich ist Musik immer schon wichtig gewesen und mit unfassbar vielen Liedern verbinde ich wichtige Ereignisse in meinem Leben, habe wunderschöne Erinnerungen an die guten, alten Zeiten. Zeiten, in denen viele Dinge noch angenehmer waren, in denen ich noch eine richtige Familie hatte, meine erste Liebe traf und vieles mehr.

Genau deshalb trifft mich der Tod eines verehrten Musikers vermutlich härter, als wenn ein Mitglied der buckligen Verwandtschaft verstirbt, welches ich auch schon zehn Jahre nicht mehr gesehen hab oder gar länger. Mein guter Freund Caschy hat dazu – auch hier war der Tod Blacks der Anlass – einen Beitrag von Robin Skouteris geteilt, den ich hier zitieren möchte, weil er es besser erklärt, als ich es gerade könnte:

We grow up. We grow up so much that we watch our favorite childhood singers die in front of our eyes. What do we do? How do we feel? Why did i never think that this will start to happen? Sometimes you say that it hurts like hell but nobody believes you. They think you’re crazy. Cause „why bother for someone you’re not related to, right?“. They’re not your family. But….. they are. You can feel pain for an artist you feel close, more than you would for a distant family member. Because this guy was in my head, playing 24/7 when i was a kid, like no distant cousin or aunt could. I know it sounds cruel. His first 2 albums were playing non stop, on my walkman while i was travelling with family all the time… But our favourite artists often make us who we are. They were there for us all the time, whenever we needed them. With their art. So next time somebody asks you why are you feeling so much pain, for an artist in the other side of the planet, that you never met, SCREW THEM. Only YOU know how someone’s music was your best friend during your most important years. Robin Skouteris

Ich komme mir so vor, als würde ich in regelmäßigen Abständen immer wieder aus verschiedenen Gründen dazu aufrufen, gerade auf Facebook ein wenig gemäßigter aufzutreten und ein wenig bedachter mit anderen Menschen umzugehen. Vermutlich werde ich damit auch so schnell nicht aufhören, weil ich es einfach nicht in die Birne bekomme, wie empathielos man sein kann und wie man sich an der Trauer anderer Leute in so einer Art und Weise abarbeiten kann.

Man hat mir schon vorgeworfen, dass meine Trauer nur so ein Mitläufer-Ding ist „weil es alle gerade machen“, hat mir sogar unterstellt, dass es für mich so eine Art Sport ist, bloß als Erster zu posten, dass Künstler XY gestorben ist. Sowas lässt mich echt fassungslos zurück und ich bitte euch echt inständig, jedem Menschen selbst zu überlassen, was ihn bewegt, an was er glaubt und um wen er trauert.

Schaut euch mal die Welt-Nachrichten an derzeit und ihr müsstet erkennen, dass – sorry – die Kacke ziemlich am Dampfen ist überall und wir ganz andere Sorgen haben sollten, als die Trauer-Gewohnheiten von Freunden und Bekannten. Daher zum Schluss nochmal meine Bitte oder mein Appell: Lasst euren Freunde doch diese Trauer! Mich beschäftigt es wirklich und ich weiß von vielen lieben Menschen, dass sie so etwas auch sehr berührt. Ganz Facebook wird aktuell überlaufen von empathielosen Arschlöchern und insgeheim glaube ich immer noch, dass ihr alle, die ihr das jetzt lest, eigentlich nicht dazu gehört. Machen wir uns also das Leben nicht unnötig schwer!

Now Playing: David Bowie – Sound and Vision