Gastartikel
Mobiles Lernen an Schulen: Zwischen Idealismus, Resignation und Ideologie

Technik hat es im Unterricht deutscher Schulen nach wie vor schwer. Lehrer Andreas Hofmann beschreibt seine Erfahrungen.

Was habe ich gebraucht, um einen Titel für diesen Artikel zu finden.. Mann Mann. Dabei möchte ich nur meine Gedanken zum Thema Mobiles/ Digitales Lernen an Schulen aufschreiben und mit euch teilen. Ich, das ist ein Realschullehrer aus Oldenburg/Niedersachsen, der mit voller Überzeugung bereits vor Jahren die Notwendigkeit erkannt hat, dass Schulalltag heutzutage leider herzlich wenig mit der Lebenswelt der Schüler zu tun hat.

Ich werde auf diesen Punkt nun nicht argumentativ eingehen, es ist einfach meine Überzeugung nach 12 Jahren Lehrerleben. Die Tatsache alleine, dass heutzutage noch heiß diskutiert wird, ob es sinnvoll ist, unseren Kindern die alltägliche Nutzung und somit einen angeleiteten und sinnvollen Umgang näher zu bringen, finde ich belustigend.

Der Begriff Neue Medien spukt nach wie vor in Schulen, um alles abzudecken, „was irgendwie mit Computern zu tun hat.“ Wahnsinn! Diskussionen über digitale Demenz, panikartige Ängste wegen zu hoher Strahlenbelastung, die Angst vor der Verdummung im Allgemeinen.

Als ich selbst Schüler war, sah ich mich ebenfalls einer Gefahr ausgesetzt, vor der ich eingehend gewarnt wurde: Dem gemeinen Fernseher! Blöd sollten wir alle werden. Im Übrigen gab es in der Vergangenheit die gleiche Diskussion, als das Buch die Menschen zu verblöden versuchte

Ein weiterer Aufschrei während meiner Schulzeit hallte nach, als der Taschenrechner Einzug in die Klassenräume nahm. Wir drohten alle komplett zu verblöden! Fernsehen und Taschenrechner, wo sollte das hinführen?

Unterricht 3

Digitalisierung: Das unbekannt Wesen an Schulen?

Und im Jahre 2015? Die komplette Digitalisierung und Technologisierung hält Einzug in unseren Alltag (und in Schule?). Und genau hier würde ich den Kulturpessimisten Recht geben, hier lauern Gefahren. Nun sehe ich aber meine Rolle als Lehrer nicht darin, dies zu verteufeln oder gar aus Angst vor dem Neuen zu ignorieren, sondern ich sehe meine Aufgabe darin, den Kindern das Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Und das kann nur bedeuten: Jedem Schüler ein digitales Lernmedium! Ich halte mich in der Formulierung bewusst unkonkret, da es mir prinzipiell egal ist, in welcher Form. Es darf doch heute nicht mehr um das OB gehen, sondern lediglich um das WIE.

Vor vier Jahren entschied ich mich, meine Klasse zu einer mobilen Klasse werden zu lassen, das heißt, wir entschieden uns zu einer elternfinanzierten 1:1 Lösung. Jedes Kind meiner Klasse bekam daraufhin ein Notebook, für Zuhause und den Schultag. Ich stand mit zitternden Knien vor den Eltern, als ich mit der Idee in den Elternabend kam und musste eins feststellen: Eltern, die sehen, dass Schule sich bemüht und transparent neue Wege geht, sind bereit, die Geräte zu finanzieren. Nach nunmehr fast 15 Elternabenden an verschiedenen Schulen mit unterschiedlichen Einzugsgebieten kann ich dies behaupten. Ich stehe komplett hinter dieser Idee und bin wirklich überzeugt, weil ich nunmehr weiß, wie sich Unterricht entwickelt, vereinfacht, modernisiert, VERÄNDERT, wenn alle Kinder mobil sind.

Ja, ich kann das wohl gut „verkaufen“, denke ich. Eine Idee, die doch eigentlich so selbstverständlich sein sollte. Selbstverständlich eigentlich aber in der Art, dass nicht die Eltern komplett alles bezahlen sollten. Dies ist sicherlich nicht ideal, aber angesichts der momentanen Schulpolitik nicht anders realisierbar. Bei der Elternfinanzierung arbeiten wir übrigens mit einem Partner zusammen, der mit Hilfe eines Fonds für soziale Gerechtigkeit sorgt und somit jedem Kind eine Teilnahme ermöglicht. Aber auch hier… Ich habe einige Nachmittage meiner Freizeit damit verbracht, um weitere Sponsoren aufzutreiben. Von ganz alleine kommt auch hier nichts.

Unterricht 1

Deutsche Schulen hinken hinterher

Mir gruselt es beim näheren Betrachten der Hardware Ausstattung an den meisten deutschen Schulen. Veraltete PC Räume, in U-Form gestaltet, die Kinder mit Blick auf die Monitore, liebevoll von engagierten Kollegen in ihrer Freizeit zusammengeklöppelt. Geld für Administration: Fehlanzeige. Kollegen, die das Internet, digitale Software, etc. pp. nutzen möchten und sich trauen, finden meist schlimme Zustände vor, die Ängste bei Kollegen eher fördern als abbauen. Zur fehlenden Zuverlässigkeit gesellen sich dann noch fehlende Konzepte und allzu oft fehlende Sinnhaftigkeit. Wie aber sollten Kollegen auch lernen, die Potentiale des Internets, Web 2.0 Tools, kooperativer Lernformen usw. zu nutzen, wenn man eine Woche vorher den Computerraum buchen muss? Wie sollte ein Medium wie ein Computer zur Normalität werden bei Lehrenden und Lernenden, wenn es jedes Mal ein spannendes Event für die Kinder ist, wenn sie mitbekommen, dass es gleich in den PC Raum geht?

Eine 1:1 Lösung hat viele Vorteile, viele Chancen und bietet wesentliche Arbeitserleichterung, wenn man die Startschwierigkeiten überwunden hat. Es muss doch auch darum gehen; um Erleichterung, die Vereinfachung von Arbeitsabläufen, schnellere Kommunikationswege und Autarkie im Klassenraum. Kein mühsames Buchen von Räumen, Beamern, Laptopwagen. Keine Frustration mehr aufgrund fehlender Kabel, Batterien, Fernbedienungen, etc. Nein, Platz für Unterricht! Digitale Inhalte können per Server oder Cloud Lösung von Zuhause oder in der Klasse abgerufen werden. DVD, Audioaufnahmen und ähnliches können abgespielt werden, das Internet steht zur Verfügung. DAS erleichtert mir das Lehrerleben!

Meine Schule hat nun fünf komplett ausgestattete Klassen: Die Idee bleibt, die Geräte ändern sich. Wir haben seit 2012 nun Tabletklassen, die wir mit dem iPad ausgestattet haben. Die Vorzüge und Hoffnungen, die wir in das Gerät setzen, sollten an anderer Stelle oder in einem anderen Artikel behandelt werden.

Unterricht 2

Ideologie macht das Leben schwer

Ich möchte auf etwas anderes hinaus… die Welle der Empörung bei einigen Leuten. Schrägerweise oftmals die Leute, die vormals forderten, digitales Lernen müsse ausgebaut werden. Apple scheint für viele eine Ausnahme zu bilden, denn die Diskussionen finden plötzlich auf rein ideologischer Ebene statt. Eine Ebene, die es so bei jahrzehntelanger Windows Dominanz nicht gab. Es krähte kein Hahn danach, dass viele Jahre nahezu ausschließlich Windowssysteme in Schulen benutzt wurden und auch heute noch mit weit über 90 Prozent eingesetzt werden.

Wir haben an unserer Schule das Medium gesehen, die Möglichkeiten von Tablets, der leichten Bedienbarkeit und vor allem der leichten Administrierbarkeit. Das, was teilweise geäußert wird, hat uns selbst überrascht, da keines der Argumente aus der Praxis sprach beziehungsweise lediglich einen Angriff auf den Hersteller darstellte. Uns geht es um einen Lernhelfer, ein technisches Medium zum Unterstützen des Unterrichts, nicht um eine Religion. Viel Energie, die positiv genutzt werden könnte und in vielen Ländern auch sehr positiv genutzt wird, geht so verloren. Grabenkämpfe führen dazu, dass Dinge aufgebauscht werden und somit frustriert fallengelassen. Schade. Ich sehe in Tablet Computern im Allgemeinen, dem iPad im Speziellen eine (vielleicht erste?) reelle Chance, mobiles und digitales Arbeiten an Schulen zu integrieren. Vielleicht belächeln wir das iPad in zehn Jahren, aber warum nicht?

Es haben sehr viele Schulen in den letzten Jahren bereits diesen Weg beschritten, es haben viele große Schulprojekte in den verschiedenen Bundesländern begonnen. Ich bin gespannt was passiert, denn es tut sich etwas.

Meistens wird das Argument hervorgebracht, Schulen dürfen doch nicht in die Abhängigkeit eines geschlossenen Systems abdriften… worauf ich nur antworten kann: Doch! Jedenfalls aus administrativer Perspektive gesehen. Ein stimmiges und funktionierendes System bietet Apple, da gibt es kaum Zweifel dran. iPad, Beamer, Apple TV. Fertig!

Viele Klassenräume sind in den letzten Jahren mit Technik vollgepfropft worden, die deutlich zu schwer zu bedienen war. Weniger ist mehr. Die Geschlossenheit macht mir auch bei der App-Auswahl keinerlei Kopfschmerz. Die unglaubliche Anzahl schulisch nutzbarer Apps auch im kostenfreien Sektor ist immens. Die Installation binnen Sekunden noch im laufenden Unterricht erledigt, wenn es sein muss.

Unterricht

Die Bedienung in den meisten Fällen für die Schüler ein Selbstgänger. Bildbearbeitung mit Windows Freeware hat sich mir beispielsweise auch nach jahrelanger Nutzung dieses Systems nicht erschlossen. Am iPad verstehe sogar ich das. Oft wird hervorgebracht, man würde sich binden, auch inhaltlich. Das verstehe ich so gar nicht, um ehrlich zu sein. Selbst das Erstellen von Materialien mit iBooks Author oder das Verteilen via iTunesU zwingt mich nicht in eine inhaltliche Abhängigkeit. Die Inhalte bestimme ich, der Pädagoge! Und da unterliege ich Rahmenrichtlinien, schuleigenen Plänen und meiner pädagogischen Verantwortung.

Daran wird sich auch durch ein Medium nichts ändern. Es gibt so viel zu schreiben, so viel zu diskutieren. Eins jedoch ist unzweifelhaft, die Welt unserer Kinder wird zunehmend digital, die Entwicklung der Schulen hinkt oft viele Jahre hinterher. Diese Schere zwischen Lebenswelt und Schulalltag muss verkleinert werden. Digitale Medien müssen selbstverständlicher Teil des Lernens sein. Wir können uns nicht ernsthaft jahrelang darüber unterhalten, wie schlecht diese Entwicklung ist. Wir können anpacken und unsere Schüler in diese Welt begleiten, sie für alle Beteiligten nutzen. Kein Medium ist perfekt, aber manche sind eben besser als andere… Feuer frei!

Über den Autor

Andreas HofmannAndreas Hofmann ist Lehrer an der Waldschule Hatten und medienpädagogischer Berater des Landes Niedersachsen. Er unterrichtet seit über fünf Jahren Klassen in 1:1 Ausstattung (Notebooks, Netbooks, Tablets), ist Vater zweier Töchter und nicht nur deswegen überzeugt davon, dass das Schulsystem sich zügig der Digitalisierung öffnen muss. Mehr über seine Projekte könnt ihr hier erfahren.