Kommentar
NSA-Affaere oder die Gnade des Vergessens

Vor gut 1.5 Jahren platzte die wohl groesste „Leak-Bombe“ in der Geschichte der Geheimdienste. Was der ehemalige NSA-Mitarbeiter ueber verschiedenste Magazine und Zeitungen veroeffentlichen lassen konnte, ueberstieg selbst die Horizonte der kuehnsten Verschwoerungstheoretiker, aber wen interessiert das eigentlich noch?

Inzwischen habe ich das Gefuehl, dass wir uns aufgrund des Ausmasses der Ueberwachung damit abgefunden haben, diese nicht einmal ansatzweise bekaempfen zu koennen. Der Schock scheint ueberwunden zu sein, denn wie anders ist es zu erklaeren dass alternative Betriebssysteme, Netzwerke, Browser, Messenger, Email-Clients und verschluesselte NAS-Systemse fuer die „Personal-Cloud“ nicht einen nie dagewesenen Boom erlebten? Sind wir alle nur eine Herde traeger Kuehe? Gewohnheitstiere die kurz aufschauen, erschuettert sind und dann aber gemuetlich weitergrasen? Ist nicht auch genau dies das Kalkuel dieser selbstgezuechteten Uberwachungsmonster?

Man mag allgemeinhin davon ausgehen, dass die technisch etwas interessierteren sich eher aus der „Privacy ist ja auch eher nur so eine Floskel“-Blase zurueckziehen wuerden. Ich habs probiert und versagt. Jaemmerlichst und muesste mich eigentlich bei jedem einzelnen Leser dafuer entschuldigen, denn auch Techblogger haetten hier eine Vorbildsfunktion. Wir alle haetten die Aufklaerung vorantreiben und sicherere Alternativen vorstellen und promoten muessen. Wir haben dies auf Mobile Geeks zumindest kaum getan, wenn man mal vom grossartigen Artikel von Markus Henkel absieht, der alles versuchte um seine ganz persoenliche Infrastruktur ein wenig sicherer zu gestalten.

Mensch was habe ich mir viel vorgenommen. Ich wollte meine Emails verschluesseln, mir eine „Personal Cloud“-Infrastruktur aufbauen, Antivirenprogramme und Messenger aus Europa nutzen und mir in Zukunft min. 3 mal ueberlegen welche Daten ich denn mit anderen teile. Und was habe ich davon umgesetzt? Aehm…  also ich passe schon auf, welche Daten ich mit anderen teile. Die „guck mal Sascha am Tresen, mit nem leeren Glas Jameson in der Hand und seinem erschuetterten Whiskey-Gesicht“ Fotos sind zumindest soweit zurueckgegangen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann wann das letzte davon veroeffentlicht wurde (was dann aber auch im schlimmsten Falle daran liegen kann, dass die Einnahme dieser Getraenke Zerstoerung der Hirnzellen fuehrte, in denen genau diese Informationen gespeichert waren). Aber sonst habe ich versagt und zwar auf ganzer Linie.

Ich nutze immer noch den Chromebrowser, schiesse Firmeninternas via Gmail und Hipchat durch die Cloud, nutze Dropbox und OneDrive und haue so ziemlich alles auf Facebook, Google+ und Twitter, was da meiner Meinung nach hingehoert und das ist eine ganze Menge.

Das „digitale Stockholm Syndrom“ hat mich nicht nur gepackt, ich lebe es tagtaeglich aus. All diese Services sind mit lieb und wichtig geworden und „ease of use“ ist nicht nur ein schnell wiederholtes Mantra, es stimmt. Die grossen Internetfirmen und Hersteller vereinnahmen immer mehr Services und bieten jeweils ein Oekosystem an, in dem ich nahezu mein komplettes Onlineleben organisieren kann. Einfach einen Account anlegen und schon bin ich dabei.

Und wer war jetzt noch einmal dieser Edward Snowden? Ja, die NSA, da habe ich auch schon mal von gehoert, aber langsam nervt es ein wenig.

Darf ich mal eine ganz ehrliche und direkte Frage stellen? Wer kann sich eigentlich noch an die juengsten Enthuellungen erinnern, die ja alles andere als lange zurueckliegen? Genau das ist naemlich das Problem. Wir sind verdammt vergesslich und aehneln in der Tat diesen zuvor beschriebenen Gewohnheitstieren, insbesondere wenn wir immer und immer wieder mit ein und derselben Story konfrontiert werden.

NSA Snowden Voltax

Deshalb haben wir unsere Gewohnheiten im Umgang mit unseren Daten nicht geaendert. Darum verrecken jeden Tag um die 20 000 Menschen weil sie nichts zu essen haben und deshalb war das Jahr 2014 das waermste seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Das Kollektiv neigt dazu so weiterzumachen wie bisher. Es is doch immer irgendwie gut gegangen, oder?

Und genau hier versagt die so oft beschworene „Schwarm Intelligenz“ und schreit nach einer uebergeordneten Instanz, die Vorgaben macht, Regeln aufstellt und mit guten Beispiel vorangeht. Bleibt die Frage, warum genau dies durch unsere Volksvertreter nicht umgesetzt wird und dabei schwoeren sie doch ihren Eid auf das Wohle des Volkes, oder?

Und natuerlich bleibt auch die Frage, ob ich es mir hier nicht zu einfach mache in dem ich nach Fuehrung rufe und verlange, dass Regeln aufgestellt werden. Letztendlich haben wir, die User alle Moeglichkeiten mit unseren Entscheidungen die Industrien und die Politik zu beeinflussen. Wir muessen nur einfach mal anfangen und es vor allen Dingen auch durchziehen.

Oder ist der Kampf um unsere Daten schon verloren?