1900

Prognosen aus dem Jahr 1900: Was wurde 100 Jahre später Wirklichkeit?

Zum Jahresende machen wir uns erfahrungsgemäß Gedanken, was das neue Jahr bringt. Was aber, wenn man mal viel weiter in die Zukunft schauen würde? 1900 hat John Elfreth Watkins Jr. versucht, gleich mal 100 Jahre in die Zukunft zu blicken - und hat dabei keinen schlechten Riecher bewiesen.
von Carsten Drees am 30. Dezember 2015

Morgen ist Silvester – daher machen sich denkbar viele Menschen derzeit Gedanken, was das abgelaufene Jahr bereithielt und was das nächste bringen könnte. Oft wird so ein Zeitpunkt genutzt, noch ein bisschen weiter in die Zukunft zu blicken, Möglichkeiten und Chancen abzuschätzen – auch wir haben vor wenigen Tagen über die IDC-Studie berichtet, die bis zu fünf Jahre in die Zukunft schaut.

Wir erzählen euch gerne, dass konkrete Prognosen, die Jahre in die Zukunft reichen sollen, gerade im Tech-Bereich oftmals wenig Sinn ergeben. Die Märkte und Technologien ändern sich so schnell, dass es unmöglich ist, wirklich präzise Voraussagen zu treffen. Zur Jahrhundertwende 1900 veränderte sich die Welt auch, dennoch ging es damals weitaus gemächlicher zu und die Menschheit war meilenweit entfernt von den Errungenschaften, die für uns alle so selbstverständlich sind.

John Elfreth Watkins Jr. hat das nicht davon abgehalten, für das Ladies‘ Home Journal im Jahr 1900 seinen persönlichen Blick in die Zukunft zu wagen. Dabei hat er nicht 2, 5 oder vielleicht 20 Jahre nach vorne geschaut, sondern gleich mal 100 Jahre! Watkins Jr stellte also Prognosen für alle möglichen Bereiche und wenn er hier und da auch daneben gelegen hat: Erstaunlich Vieles hat er bemerkenswert präzise vorausgeahnt. Da so mancher Punkt auch auf die technische Entwicklung abzielt, wollen wir euch einige seiner Prognosen vorstellen und sie einem Check unterziehen, ob sie so eingetroffen sind oder zumindest bald eintreffen könnten.

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These prophecies will seem strange, almost impossible. Yet, they have come from the most learned and conservative minds in America. To the wisest and most careful men in our greatest institutions of science and learning I have gone, asking each in his turn to forecast for me what, in his opinion, will have been wrought in his own field of investigation before the dawn of 2001 – a century from now. These opinions I have carefully transcribed. John Elfreth Watkins, Jr. im Ladies' Home Journal im Jahr 1900

Das Internet, TV, digitale Fotografie

ars-100Im Jahr 1900 gab es nicht nur kein Internet. Mit Datenübertragung an sich hatte man es damals natürlich noch nicht so, selbst das Telefon an sich war noch ein ziemlich neues Medium. Dennoch konnte sich Watkins bereits damals vorstellen, dass Daten über weiteste Distanzen hinweg übertragen werden können. Logischerweise hatte er keine Vision des heutigen Internets, aber er konnte sich 1900 bereits ausmalen, dass Fotos auf „telegrafischem Weg“ übertragen werden können und dass diese Fotografien selbstverständlich auch in Farbe sein würden. Ein Foto, welches irgendwo gemacht wird, würde – so seine Prognose – bereits eine Stunde später in einem anderen Teil der Welt in der Zeitung zu finden sein. Damit greift er nicht nur der Entwicklung des Internets vor, sondern beschreibt grundsätzlich auch die digitale Fotografie.

Photographs will be telegraphed from any distance. If there be a battle in China a hundred years hence snapshots of its most striking events will be published in the newspapers an hour later. Even to-day photographs are being telegraphed over short distances. Photographs will reproduce all of Nature’s colors.

Ebenfalls zur Datenübertragung, wie wir sie beispielsweise vom Internet oder auch dem Satellitenfernsehen kennen, passt folgendes Zitat aus seinem Artikel:

Man will see around the world. Persons and things of all kinds will be brought within focus of cameras connected electrically with screens at opposite ends of circuits, thousands of miles at a span.

Mit elektronisch verbundenen Geräten ist Watkins für die damaligen Verhältnisse der Beschreibung unseres Internets und unseres Fernsehens so nahe gekommen, wie es im Jahr 1900 denkbar möglich war, oder was meint ihr?

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Mobiltelefone

1900 konnte er sich nicht nur vorstellen, dass wir problemlos rund um die Welt telefonieren können, sondern auch, dass wir das mobil tun können. Wenn er davon spricht, dass ein Mann mitten im Atlantik mit seiner Frau zuhause in Chicago sprechen kann, hat er damit zweifellos der Entwicklung der Mobiltelefone vorgegriffen.

Telephones Around the World. Wireless telephone and telegraph circuits will span the world. A husband in the middle of the Atlantic will be able to converse with his wife sitting in her boudoir in Chicago. We will be able to telephone to China quite as readily as we now talk from New York to Brooklyn. By an automatic signal they will connect with any circuit in their locality without the intervention of a “hello girl”.

Verkehr im Jahr 2000

Mit dem Thema Verkehr hat sich Watkins gleich mehrfach auseinandergesetzt und hat mit seinem Blick in die Zukunft manches Mal erstaunlich präzise ins Schwarze getroffen, anderes hingegen passte nicht wirklich. Die prognostizierten beweglichen Bürgersteige gibt es in den Städten noch nicht, wenngleich wir natürlich Rolltreppen und Laufbänder kennen. Generell hat er mit seiner Vision bezüglich unserer großen Städte ziemlich daneben gelegen. Er ist davon ausgegangen, dass die Innenstädte weitestgehend autofrei sind, weil der Verkehr weit oberhalb oder unter der Erde stattfindet und er glaubte auch, dass der Lärm aus den Cities verschwindet. Ich sitze gerade in der Dortmunder Innenstadt mit offenem Fenster und möchte dem guten Herrn Watkins zurufen: „Autos massig, Lärm ebenfalls!“

There Will Be No Street Cars in Our Large Cities. All hurry traffic will be below or high above ground when brought within city limits. In most cities it will be confined to broad subways or tunnels, well lighted and well ventilated, or to high trestles with “moving-sidewalk” stairways leading to the top.

Wir wollen natürlich nicht unterschlagen, dass in vielen Städten tatsächlich zumindest ein recht großer Teil des Personenverkehrs in den U-Bahnen stattfindet und somit tatsächlich unterirdisch. Genauer passte seine Prognose jedoch, wenn man in die Lüfte blickt. Sowohl Luftüberwachung als auch todbringende Kriegs-Flugzeuge mit hochexplosiver Fracht in Form von Bomben sah er voraus, wenngleich er da mehr von riesigen fliegenden Festungen ausgegangen war. Apropos Krieg: Auch Panzer hat er vorausgesehen:

Huge forts on wheels will dash across open spaces at the speed of express trains of today.

Er ahnte auch, dass die Züge nicht nur „ohne Kohle“ auskommen und elektrisch betrieben würden, sondern darüber hinaus auch viel schneller unterwegs sein würden. Mit 150 Meilen pro Stunde lag er sogar deutlich unter dem, was heute möglich ist – ein moderner ICE fährt weit schneller als 300 Stundenkilometer.

Trains will run two miles a minute normally. Express trains one hundred and fifty miles per hour.

Autos werden günstiger sein als Pferde, prognostizierte und lag wieder richtig, wenn man bei dem damaligen Preis von etwa 250 Dollar die Inflation berücksichtigt. So käme man bei heute über 6.400 Dollar raus – ein Preis, zudem man immerhin einen günstigen Kleinwagen bekommen kann heutzutage. Er konnte sich auch 1900 bereits vorstellen, dass sowohl Krankenwagen als auch Polizeiautos auf den Straßen unterwegs sein würden, Autos Pferdekutschen ersetzen würden, hatte aber auch im Blick, dass es Nutzfahrzeuge geben würde und die Leistung eines Autos dem mehrerer Pferde entspräche.

Automobiles will be cheaper than horses are today. Farmers will own automobile hay-wagons, automobile truck-wagons, plows, harrows and hay-rakes. A one-pound motor in one of these vehicles will do the work of a pair of horses or more. Automobiles will have been substituted for every horse vehicle now known.

Watkins zum Thema Natur, Biologie und Ernährung

Auch, wenn uns das Thema Technik und Mobilität auf diesem Blog am ehesten interessiert, wollen wir auf seine anderen Vorstellungen der Zukunft blicken. Für diese Prognosen gilt wieder: Manchmal liegt er erstaunlich nah dran, manches Mal aber auch haarsträubend weit daneben.

So ist er beispielsweise davon ausgegangen, dass wir heute keine Insekten mehr sehen würden. Er ging auch davon aus, dass es keine Wildtiere mehr geben würde. Leider hat der Mensch in den 100 Jahren seit Watkins‘ Prognose tatsächlich das gruselige Kunststück fertig gebracht, viele Tiere auszurotten oder zumindest an den Rand des Aussterbens zu bringen und tut das noch, in Wildnis lebende Tiere gibt es aber dennoch in jedem Land der Erde.

Deutlich genauer war dann wieder seine Prognose, was Gemüse angeht. Er konnte sich 1900 schon ausmalen, dass wir unser Gemüse unabhängig von der Sonne in Gewächshäusern heranziehen können und sah auch voraus, dass es möglich sein wird, größeres Obst bzw. Gemüse zu züchten. Apfelgroße Erdbeeren sehen wir hier zwar auch noch nicht, aber der Gentechnik sei Dank können wir uns wohl auf einige Monster-Kreationen gefasst machen in absehbarer Zeit.

Vegetables will be bathed in powerful electric light, serving, like sunlight, to hasten their growth. Electric currents applied to the soil will make valuable plants to grow larger and faster, and will kill troublesome weeds. Rays of coloured light will hasten the growth of many plants. Electricity applied to garden seeds will make them sprout and develop unusually early.

Auch Fertigprodukte hatte Watkins auf dem Zettel:

Ready-cooked meals will be bought from establishment similar to our bakeries of today.

Des Weiteren konnte sich Watkins auch vor mittlerweile 115 Jahren schon vorstellen, dass die Lebenserwartung der Menschen deutlich steigt, dass sie größer werden als damals (der US-Amerikaner wird im Schnitt 1,75 m groß – damals waren es 1,68 – 1,70 m) und er sah auch voraus, dass die Bevölkerung zwar weiter ansteigt, aber nicht so schnell wächst wie im letzten Jahrhundert.

The American will be taller by from one to two inches. His increase of stature will result from better health, due to vast reforms in medicine, sanitation, food and athletics. He will live fifty years instead of thirty-five as at present – for he will reside in the suburbs.

"Sortie de l'opéra en l'an 2000-2" by Albert Robida - This image is available from the United States Library of Congress's Prints and Photographs division under the digital ID ppmsca.13553.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information.العربية | čeština | Deutsch | English | español | فارسی | suomi | français | magyar | italiano | македонски | മലയാളം | Nederlands | polski | português | русский | slovenčina | slovenščina | Türkçe | українська | 中文 | 中文(简体)‎ | 中文(繁體)‎ | +/−. Licensed under Public Domain via Commons.
Sortie de l’opéra en l’an 2000-2“ by Albert RobidaThis image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs division under the digital ID ppmsca.13553Licensed under Public Domain via Commons.

Wenn ihr mich fragt, hat sich der gute Mann zu seiner Zeit schon ziemlich viele Gedanken über die ferne Zukunft gemacht, die der tatsächlichen Entwicklung erstaunlich nahe kommen. Klar – manches war auch komplett daneben: Die Buchstaben C, X und Q sind immer noch Teile des Alphabets, Kohle wird immer noch als Energie- und Wärmequelle genutzt und nicht jeder Mensch legt täglich 10 Meilen zurück. Wenn ihr euch seine insgesamt 29 Voraussagen arbeitet, seht ihr dafür aber auch Voraussagen zu Ultraschalluntersuchungen und all den anderen technischen Errungenschaften, die wir weiter oben bereits beleuchtet haben.

Ich für meinen Teil würde mir jedenfalls nicht einmal herausnehmen wollen, auch nur halbwegs exakt für zehn Jahre in die Zukunft zu blicken. Daher ziehe ich auch meinen Hut vor John Elfreth Watkins Jr. und möchte wetten, dass er ebenso befriedigt wie auch erstaunt auf die heutige Welt blicken würde, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. Was sagt ihr: Würdet ihr euch zutrauen, einen Blick in die Zukunft zu blicken und Voraussagen für das Jahr 2100 zu treffen? Wer weiß: Vielleicht mache ich mir irgendwann mal den Jux und verfasse auch so einen Artikel – auch, wenn ich dann ebenfalls nicht mitbekommen werde, ob die Prognosen eintreffen ;)