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04 - New Kids On The Blog
Pulheim PD

Pulheim Police Department - Drei Cops zum Verlieben und andere bescheuerte Titel für eine Crashnacht in der Pampa.

Eine einsame Kreuzung in einem Industriegebiet. Graue, heruntergekommene Autowerkstätten. Dutzende geparkte LKW. Ein paar geschlossene Imbissbuden preisen „Frühstück ab 5 Uhr“ oder „Kaffee, 2 Brötchen, 2,50 €“ an. Pulheim. Einen Ort, den ich bislang für einen Mythos gehalten hatte: Eine Stadt, die man erfunden hat, um kleinen Jungs zu erzählen, dass sie für immer dort wohnen müssten, wenn sie sich weiter dauernd in der Nase bohren

Der einzige Lichtblick: Ein in zartem Rosa gestrichenes Eckhaus. In all seiner grotesken Hässlichkeit passt es so trefflich nicht in das übrige Gesamtambiente, wie Lothar Matthäus in das Literarische Quartett oder Sascha Pallenberg auf die Weihnachtsfeier der Berliner Feminismus-Bloggerinnen. Es ist dunkel, es ist menschenleer, es ist kalt und es ist surreal.

Ich habe schon Horrorfilme gesehen, die so begonnen haben.

Das Navigationsgerät hat mich und eine meiner ältesten Freundinnen in diese Einöde manövriert und so bestaunen wir artig das hübsche Plakat an der Wand dieses architektonischen Kleinods in Rosa. „79 € Flatrate-Bumsen – Immer über 30 Frauen an der Bar – Ficken so viel Du willst!“. Die Stadt Pulheim bei Köln hat einen Flatrate-Puff. Kurz sinniere ich, ob ich mich vor dem Plakat fotografieren sollte, um der Legende des Twitter-Truckers noch die Legende der Twitter-Flatrate-Nutte hinzu zu fügen. Da ich aber aktuell keine Lust habe, das Buch „Deutschland, Deine Internet-Intelligenz: Die besten Replies der Welt“ zu schreiben, verzichte ich darauf.

Und während ich noch so vor mich hin sinniere, was das wohl für Männer sind, die dieses Etablissement aufsuchen, 79 € auf den Tisch legen und sich denken: „Klasse, jetzt knalle ich hier erst mal die 30 Ollen ordentlich hintereinander weg und dann ab zur nervigen Alten und den Kindern nach Hause, ich darf nicht zu spät zum Abendessen kommen“, bummst es.

Also, nicht, was Ihr perversen Lustmolche jetzt denkt. Ein weißer Tanklastzug nimmt mir die Vorfahrt und unterbricht mein lehrbuchmäßiges links Abbiegen mit einem rechts Abbieger-Konter aus dem Bestseller „Fahren wie ein blindes Arschloch“. Die Hinterachse seines Anhängers bohrt sich in meine hintere linke Flanke. Also, die meines Autos versteht sich. Begleitet von einem engelsgleichen Geräusch des Berstens von Aluminium und Stahl (oder aus was auch immer diese Audi Ultras heutzutage hergestellt werden) und einem spitzen Schrei meiner Beifahrerin, die sich für einige Momente bereits mit dem schönen Bild konfrontiert sieht: Tot vor einem Puff in Pulheim. Klingt zwar wie der viel versprechende Titel des nächsten Sat.1 Mehrteilers, dennoch springen wir ihm von der Schippe.

Pulheim Police Department

Nach einigen wenigen Minuten der Konversation mit dem Fahrer des Trucks, der uns offensichtlich für leicht behämmerte und einfach einzulullende Teenager hält und fleissig Vokabeln wie „Wendekreis“ und „vorausschauendes Fahren“ in einem Gesamtkunstwerk á la „Ich will der Polizei ja nicht vorgreifen, aber das wird teuer für Sie!“ gipfeln lässt, trifft die Pulheimer Polizei ein. Ich hätte auch mindestens mit Bruce Wayne gerechnet, aber die nahe gelegene Stadt Köln hat etwa 350 Millionäre und Pulheim mit dem Besitzer des Flat-Rate-Puffs hinter uns ja auch mindestens einen, aber dennoch möchte wohl keiner von denen Batman sein. Meine Batmen sind also die drei Polizisten im Alter von 25 bis 45 Jahren, die nun schwungvoll aus aus ihrem Polizeiwagen steigen, ihre Dienstmützen aufsetzen und in bester Hollywood-Manier den Tatort begutachten.

Ganz normal eingeparkt. #TruckerCrashenMeinAutoDieHater

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Der Älteste, womöglich so eine Art Twitter-Elite der Pulheimer Polizei, entscheidet, dass alle 3 Polizeibeamte sich den Tatort separat ansehen, dann einzeln mit den beiden Fahrern sprechen (Fahrern? #Aufschrei! Wo ist Anne Wizorek, wenn man sie mal braucht?) und sich anschließend besprechen werden.

Ich schildere also drei mal hintereinander meine Sicht der Dinge, während 15 Meter weiter ein wild gestikulierender LKW-Fahrer mit einem jeweils anderen Polizisten redet und der dritte Beamten fachkundig die Fahrzeuge, Fahr- und Bremswege interpretiert und sich fleißig Notizen macht.

As Time Goes By …

Nach etwa einer Stunde stehen wir dann wie eine glückliche Familie um den Wagen der Polizisten herum und lauschen den Ausführungen der Schutzmänner. Sie geben bekannt, dass sie sich nun in ihren Wagen zurück ziehen werden um ihre Einschätzungen zu vergleichen und zu einem Urteil zu kommen, das aber wohl recht eindeutig zu sein scheint. „Ja, das finde ich auch! Ganz eindeutig!“ brüllt der LKW-Fahrer, und ich habe schon Angst, dass uns der Polizeipräsident von Pulheim ob dieser romantisch-familiären Atmosphäre gleich persönlich zu einer Runde im Flatrate-Puff einlädt.

Obwohl – Eigentlich eine ganz interessante Idee. Was passiert, wenn eine Frau in den Flatrate-Puff stolziert, 79 € berappt und sagt: „So, dann mal los, wo sind die geilen Hasen?“ Ich beschließe, dass ich – sollte ich jemals nach Pulheim zurück kehren – genau das ausprobieren werde.

#Aufschrei

Gefühlte 5 Stunden später öffnet sich die Schiebetür des Polizeiwagens und der älteste der Polizisten kommt zielstrebig auf mich zu.

Pulheimer Starpolizist: „Ich habe eine gute Nachricht für Sie!“

Ich: „Oh. Toll. Was für eine?“

Pulheimer Starpolizist: „Wir sind alle drei Singles!“

(Da! Schon wieder! #Aufschrei! Auch die Netzfeministinnen fehlen unentschuldigt, um sich auf die Seite der generalsexistisch benachteiligten Frauen zu schlagen!)

Um es kurz zu machen: Ich mag die drei Herzblatt-Kandidaten in Uniform. Ich mag die Pulheimer Polizei. Mit einem eindeutigen 3:0 wurde einstimmig entschieden, dass der LKW-Fahrer viel zu eng und zu schnell in seine Rechtskurve gegangen war. Was recht eindeutig zu beweisen wäre, sollte es dafür eine Notwendigkeit geben. Welche aber nicht gegeben ist, da er gleichzeitig mir die Vorfahrt genommen hatte und ihn somit eine 1a unumstrittene Alleinschuld trifft. Die Formalitäten werden erledigt, ich erhalte einen Unfallbericht und man verabschiedet sich freundlich. Meine Befürchtung, mit einer Figur wie die Mutter von Johnny Depp und Leo diCaprio in „Irgendwo in Iowa“ hätte ich in diesem B-Horror-Movie „Irgendwo im Flatratepuff“ nicht Recht bekommen, zerstreut sich und ich in meiner Euphorie erspare ich mir sogar den Kommentar, dass der Fahrer des LKW seinen Führerschein möglicherweise gemeinsam mit Marco Reus gemacht hat.

Der LKW-Fahrer, der in seiner Rage mittlerweile eine Stimme bekommen hat wie Daniela Katzenberger auf Helium, zieht sein letztes Ass aus dem Ärmel und bittet die drei Polizisten um ein kurzes Gespräch ohne mich.

Verwundert stimmen die Beamten zu und ich stehe weitere 5 Minuten in der Kälte vor meinem kaputten Auto und hasse mich selber für die Überlegung: „Dünne Jeans und Top reichen aus, es ist zwar arschkalt, aber wir sitzen ja nur in der Karre“.

Wenn Dreistigkeit Schmerzen verursachen würde…

Zwei Polizisten diskutieren nun angeregt mit dem Fahrer des LKW und der jüngste Polizist kommt zu mir rüber, lächelt mich schief an und schüttelt ausgiebig den Kopf. Der Fahrer des LKW hat den Beamten soeben die Story verkauft, dass er es ja nicht gleich sagen wollte, weil er sich ja sicher war, dass er sowieso keine Schuld hätte, aber er habe eine Zeugin, die gesehen hat, wie ich während des Abbiegens am Steuer mit meinem Handy telefoniert habe. Meiner kurzen Wut folgt ein Schauer der Fassungslosigkeit, gefolgt von einem akkuraten Heulkrampf, wie ich ihn seit bestimmt 15 Jahren nicht mehr gehabt habe. Der Polizist versucht mich zu beruhigen und bekräftigt, dass diese Behauptung völlig irrelevant sei und die Beamten sie nicht mal in ihrem Bericht erwähnen werden, weil sie sie ebenfalls für gelogen halten und besagte Zeugin angeblich weg musste und nur per Handy erreichbar ist.

Ein paar Augenblicke später, meine Freundin hält mich immer noch wimmernd im Arm, versichern mir auch seine beiden Kollegen, dass so was immer mal wieder vor kommt, aber dass ihr Bericht eindeutig ist und mich keinerlei Schuld trifft. Es hilft nicht viel, aber etwas schon. Dennoch habe ich an diesem Abend drei Dinge gelernt:

  1. Die Skrupellosigkeit vieler Menschen macht mich traurig und hilflos und wütend zugleich.
  2. Für die Pulheimer Polizei würde ich jeder Zeit honorarfrei für ihren Polizei-Kalender posieren.
  3. Ich kehre erst wieder nach Pulheim zurück, wenn es keinen Flatrate-Puff mehr gibt.