Rant
Google Glass oder warum ich mein Geld zurueck haben will

Google Glass wird bei den X-Labs ausgegliedert und das Glass Explorer Programm eingestellt. Sehr schoen, das heisst also dass ich mir nun fuer $2000 ein „end of life“ Hardware auf die Nase packen darf.

Was fuer eine Nachricht, die uns da in der letzten Woche erreicht hat. Google Glass wird nun eigenstaendig und das Explorer Programm (ab)geschlossen. Jetzt soll der iPod- und Next-Guru Tony Fadell sich der Brille annehmen und diese offenbar zur Marktreife bringen. Oder vielleicht doch nicht?

Ende September 2013 erhielt ich meine Explorer Edition 1 und dann im Februar 2014 noch einmal die aktuelle Version 2, die auch gleich mit einem entsprechenden Gestell fuer mich „Vierauge“ geordert wurde. Inklusive Steuern, Versand und Brillenglaesern hat mich das Experiment Google Glass mal eben geschmeidige $4000 gekostet. Dafuer wuerde ich in den USA z.B. den schicken 6-Core Mac Pro erhalten oder aber den 5k-Display iMac und dazu noch ein iPhone 6 und ein iPad Air 2. Wie waere es denn mit 40 Pebble Watches oder 20 ASUS EeeBook X205? Vielleicht moechte man auch einmal mal ne Woche Urlaub machen in nem Luxus-Hotel in der Karibik.

Google GlassJe mehr ich mir Gedanken ueber den Gegenwert mache, um so mehr bin ich angesickt ueber die Art und Weise wie Google mit seinen „Explorern“ umgeht, also den Menschen, die sich auf dieses Experiment eingelassen haben und viel Geld Richtung Mountain View ueberwiesen hatten. Google hat es nicht einmal fuer noetig gehalten „uns“ eine Email zu senden mit einer Erklaerung, dass das Explorer-Programm nun eingestellt wird. Ja selbst ueber eine offizielle Pressemitteilung haette ich mich nicht beschwert, aber so einfach gar nichts sagen. WTF?! Seit wann muss ich als loyaler Kunde ueber die neuesten Entwicklungen zu meinem Produkt aus der Presse erfahren, insbesonders wenn derartig finale Entscheidungen getroffen werden?

Ok, man hat sich dazu entschlossen das Statement via Google+ rauszuhauen, aber irgendwie fuehlt man sich dadurch als „Eplorer“, ja als Botschafter dieser Technologie dann doch ein wenig im Stich gelassen.

Gehen wir mal davon aus, dass etwa 20 000 Google Glass Brillen ins Explorer-Programm geschossen sind. Dann duerfte das bei einem durchschnittlichen Preis von $1700  so um die 34 MIllionen US-Dollar in die Kassen gespuelt haben. Die Materialkosten von Google Glass sind ein Witz und duerften sich auf maximal $150 belaufen, wobei das Prism-Display noch die teuerste Komponente darstellt. Werbung, Vertriebsinfrastrukturen, Team, Software-Entwicklung… Google macht an einer Glass locker ueber $1000 Gewinn, aber darum geht es hier gar nicht.

Unbezahlte Versuchskaninchen

Wer an einer medizinischen Studie teilnimmt, sich 3 Monate in eine Isolation packen laesst oder aber nur 2 mal pro Woche irgendwelche neuen Pillen schluckt, wird dafuer entlohnt. Bei Google Glass war und ist dies ein wenig anders. Angefixt durch eine sensationelle Live-Demo auf der Google I/O 2012

mussten sich die Mountain Viewer um die entsprechende Aufmerksamkeit innerhalb der „Geek-Szene“ (wie auch immer man die inzwischen definieren mag) keine Gedanken machen. Google Glass war auch so etwas wie ein Status-Symbol. „Seht her, ich bin bereit mir ein Stueck Hardware auf die Nase zu packen um auszuprobieren, wie wir in Zukunft mit Informationen interagieren“.

Ja verdammt wir waren ebenfalls dazu bereit uns den Blicken der Menschen auszusetzen, die sich immer irgendwie gefragt haben ob da nun ein Borg vor ihnen sitzt, es schon wieder Karneval ist oder ob man denn nun gerade gefilmt wird (Glueckwunsch an die Paranoia-Presse, das habt ihr richtig gut hinbekommen). Ich habe Google Glass in einem guten Dutzend Praesentationen und Keynotes getragen und hunderten Interessierten demonstriert. Alleine die Schlange nach meiner „Wearables“-Rede auf der CeBIT 2014 war so lang, dass Epson seine Praesentation um fast 90 Minuten verschieben musste:

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Ich habe all dies immer sehr gerne gemacht und mir fuer jeden einzelnen User Zeit genommen. Es gibt wahrscheinlich hunderte Bilder von meinen beiden Google Glass im Netz, wohlgemerkt mit immer anderen Traegern. Ich moechte gar nicht ausrechnen wollen, wie viele Menschen dies potentiell gesehen haben und vor allen Dingen wieviele Menschen ihre Erfahrungen damit weitergegeben haben.

Noch einmal, ich habe all dies gerne getan Google und nein, ich haette nicht einmal ansatzweise dafuer Geld verlangen wollen. Ihr habt mich sozusagen als Markenbotschafter eingestellt, der auch noch dafuer bezahlt hat. U.a. auch mit Lebenszeit.

Und jetzt lasst ihr all eure Explorer so links liegen. Wisst ihr eigentlich was das bedeutet? Gerade eben erhole ich mich noch von der Nacht in der wir den 50. Geburtstag von Robert Scoble gefeiert haben. Bei viel Wein (die Party fand im Napa Valley statt) und verdammt guter Musik, habe ich mich mit einem halben Dutzend Explorern unterhalten koennen. Darf ich ganz ehrlich sein Google? Die fuehlten sich alle verarscht und jetzt rate mal wieviele die Dinger noch mit sich rumtragen? Null, zero, nada!

Eigentlich muesstet ihr uns allen einen dicken Scheck ruebersenden, eine Kombination aus Schmerzensgeld und Aufwandsentschaedigung. Ihr habt so viele Daten durch uns einsammeln koennen und vor allen Dingen, was noch viel wichtiger ist, ihr wisst inwischen dass die Brille gesellschaftlich eher nicht so anerkannt wird. Fuer diese Erkenntnis kann man nicht einfach nur 20 Mitarbeiter losschicken, das muss man ueber viele Monate und mit einer Masse an Usern testen. Ohne das Explorer-Programm waere dies gar nicht moeglich gewesen. Und genau das wurde nun eingestellt!

Das Ende von Google Glass?

Die Einstellung des Explorer-Programms ist natuerlich nicht das Ende von Google Glass. Eher das Gegenteil duerfte der Fall sein. Man hat sich nun von den ganzen Freaks verabschiedet, die sich die Gesichtsfassade mit einer designtechnischen Katastrophe aufgehuebscht hatten und wird nun all die Erfahrungen in die naechste Generation packen, die aber wohl kaum innerhalb der naechsten 2 Jahre auf den Markt kommen duerfte.

Google duerfte aber noch zu einer weiteren Erkenntnis gelangt sein. Niemand wird mehr so behaemmert sein und den unbezahlten Betatester fuer die Mountain-Viewer machen. Ok, ich relativiere das… Ich werde es nicht noch einmal machen.

Nachdem in den letzten Wochen und Monaten Updates kaum noch messbar waren, keine neuen Apps mehr auf den Markt kamen, die schreckliche Usability und Akkulaufzeit nicht verbessert werden konnten, wird es fuer Google verdammt schwierig mich noch einmal derartig zu vereinnahmen. Mich noch einmal so anzufixen, dieses „haben wollen“ Gefuehl zu generieren. Nope Google. Ganz bestimmt nicht.

Sehr erstmal zu, dass ihr folgende Email so in etwa zusendet:

Lieber Google Glass Explorer,

wie Du inzwischen weisst, stellen wir das Explorer Programm ein und moechten uns noch einmal ganz persoenlich fuer deinen Support bei dir bedanken. Da wir die Explorer-Edition 1 und 2 nicht weiterentwickeln werden, moechten wir dir den kompletten Kaufpreis gutschreiben und veranlassen den umgehenden Transfer auf dein Google Wallet Konto.

Durch die wichtigen Daten, die du fuer uns generiert hast, moechten wir dir ebenfalls eine kleine Aufwandsentschaedigung von $2000 zukommen lassen und freuen uns, wenn du in Zukunft an weiteren Explorer-Programmen interessiert bist.

Viele Gruesse,

Dein Google Glass Team

Bevor eine derartige Email nicht in meine Richtung geschossen wird, koennt ihr mich in Bezug auf Google Glass mal so richtig schoen gerne haben!