Kreditkarte in der Hand

Schweden: Bargeldlos in wenigen Jahren?

In vielen Dingen ist uns Schweden mindestens einen Schritt voraus. Das gilt auch für den Verzicht auf Bargeld - die Schweden zahlen jetzt bereits überwiegend bargeldlos. Schafft Schweden das Bargeld bereits in wenigen Jahren komplett ab? 
von Carsten Drees am 29. Dezember 2015

Wir leben in spannenden Zeiten! Für jemanden wie mich, der schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat, sind die Veränderungen vielleicht nochmal interessanter als für jemanden, der vielleicht gerade halb so alt ist. Ich bin mit drei TV-Programmen aufgewachsen, nachts war Sendeschluss – außerdem sind wir ohne Internet groß geworden. Wenn ich unterwegs telefonieren wollte, musste ich mir eine Telefonzelle suchen und wenn ich mal einen Songtext wissen wollte, habe ich ihn nicht googeln können, sondern hab entweder genau hingehört und mitgeschrieben – oder habe einen Brief an die Plattenfirma geschickt. Genau – wir haben auch Briefe geschrieben, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die weiter weg sind.

Innerhalb von wenigen Jahren hat sich unfassbar vieles entwickelt und für immer gewandelt und wenn wir noch ein paar Jahre warten, dann werden uns junge Menschen bei der Erwähnung von Bargeld vielleicht genau so fragend anschauen, wie es bei der Erwähnung von Sendeschluss oder einer Telefonzelle der Fall sein könnte. Ich hab keinen Schimmer, wie weit Deutschland noch davon weg ist, ein Land zu werden, in welchem überhaupt kein Bargeld mehr eingesetzt wird – in Schweden könnte es aber bereits in wenigen Jahren schon so weit sein.

Kreditkarten in Geldbörse

Bargeld – ein aussterbender Dinosaurier in Schweden

In mancher Hinsicht blicken wir nach Skandinavien, um einen Eindruck davon zu bekommen, was uns in Bälde auch in Deutschland erwarten könnte. Auch im Bezug auf Zahlungsmittel ist Schweden ein sehr fortschrittliches Land – mit all seinen positiven als auch negativen Begleiterscheinungen. Bereits jetzt entfallen im schwedischen Wirtschaftssystem nur noch zwei Prozent auf Geldmünzen und -Scheine. Zum Vergleich: In den USA sind es 7,7 Prozent, in der Euro-Zone sogar über 10 Prozent. Nur jede fünfte finanzielle Transaktion von Konsumenten wurde in diesem Jahr in Schweden bar abgewickelt – weltweit sind es im Schnitt 75 Prozent. Damit gehört Bargeld in Schweden jetzt bereits zu einer aussterbenden Art.

1998 verzeichnete das Land in Nordeuropa 213 Millionen Transaktionen mit diesen Karten, 2013 waren es bereits 2,4 Milliarden Transaktionen!

KreditkartenDebit- und Kreditkarten bestimmen bei den Zahlungsmitteln das derzeitige Bild in Schweden: 1998 verzeichnete das Land in Nordeuropa 213 Millionen Transaktionen mit diesen Karten, 2013 waren es bereits 2,4 Milliarden Transaktionen! Aber während wir hierzulande noch meilenweit davon entfernt sind, dass jedermann eine Kreditkarte einsetzt (oder einsetzen will), ist Schweden diesbezüglich schon wieder einen Schritt weiter: Immer öfter kommen Smartphones und entsprechende Apps zum Einsatz, gerade im Einzelhandel wird oftmals sogar schon überhaupt kein Bargeld mehr akzeptiert, selbst in der Kirche könnt ihr bargeldlos spenden.

Für Viele mag das ein gruseliges Szenario sein, aber jenseits von durchaus bestehenden Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben können, hat dieser Bargeld-Verzicht viel Gutes: Banken fahren die Bar-Reserven runter und sind somit ebenso wie Geschäfte im Einzelhandel wenig attraktiv für Räuber – wer überfällt schon einen Laden, wenn er dort eh kein Geld erbeuten kann? Und wo kein Geldautomat steht, kann natürlich auch kein Geldautomat gesprengt werden, wie es dieser Tage in Deutschland häufig der Fall ist.

Selbst auf dem Wochenmarkt könnt ihr per Karte oder App zahlen und sogar Obdachlose nutzen die Technologien, wie die New York Times berichtet: Konkret ist die Rede von einem 65-Jährigen, der seinen IT-Job verloren hat und nun auf der Straße ein Stockholmer Stadt-Magazin verkauft und dazu einen mobilen Kartenleser dabei hat. Vorher konnten sich Passanten herausreden, dass sie das Geld für das Magazin nicht passend haben – nun ist das kein Problem mehr.

Weitere Vorteile: Ein bargeldloses Finanzsystem dürfte auch einen großen Impact auf Schwarz- und Drogenhandel haben. Ein Dealer kann sich natürlich ebenfalls einen mobilen Kartenleser anschaffen – ob er das jedoch tut bei dem Gedanken, dass dann jede Transaktion schriftlich nachvollziehbar ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Wer jemals im Supermarkt das Glück hatte, gleich hinter einer ganzen Horde alter Damen in der Schlange zu stehen und denen dann ein halbe Stündchen dabei zusieht, wie sie unvorstellbare Mengen Kleingeld aus ihren Taschen zutage fördern, dürfte sich auch darüber freuen, dass bargeldloses Zahlen den Kassiervorgang beschleunigt.

…gibt es denn kein „aber“?

Doch, klar – hab ich ja auch weiter oben schon erwähnt, dass es negative Begleiterscheinungen gibt. Wenn immer mehr Läden gar kein Bargeld mehr annehmen, geraten zunehmend die Teile der Bevölkerung in Schwierigkeiten, die aus alter Gewohnheit ihr Bargeld zuhause horten. Das betrifft natürlich hauptsächlich ältere Menschen, die somit zunehmend mehr Probleme bekommen, ihr Erspartes unters Volk bringen zu können.

Ganz oben auf der Contra-Liste dürften auch die Risiken bezüglich Cyber-Kriminalität stehen. Wenn unser Geld nur noch aus virtuellen Einsen und Nullen besteht, gibt es halt eben auch immer die Gefahr, dass sich daran jemand vergreift, der an unsere Daten gelangt. Der nächste Haken, der vermutlich in Deutschland noch mehr Menschen skeptisch auf das bargeldlose Zahlen blicken lässt als in Schweden: Wir sind damit dem „gläsernen Bürger“ wieder ein Stückchen näher, was mit Sicherheit wieder alle Verschwörungstheoretiker auf den Plan rufen wird, tatsächlich aber auch ein Punkt ist, den es zu berücksichtigen gilt.

Not everyone is cheering. Sweden’s embrace of electronic payments has alarmed consumer organizations and critics who warn of a rising threat to privacy and increased vulnerability to sophisticated Internet crimes. Liz Alderman, New York Times

In Schweden gibt es auch diese kritischen Stimmen, dennoch prescht das Land zügig vor in Sachen bargeldloses Zahlen. Aktuell werden bereits Hunderte Geldautomaten abmontiert und Experten sprechen davon, dass Schweden bereits in acht oder neun Jahren komplett bargeldlos sein könnte.

Ein knappes Jahrzehnt sind gerade in diesen schnelllebigen Zeiten eine Menge Holz und so kann in dieser Spanne tatsächlich sehr viel passieren. Ich bin mir nicht sicher, ob auch Deutschland in dieser Zeit schon soweit sein wird. Das wird auch davon abhängen, wie sich unsere Akzeptanz in Richtung Kredit-/Debitkarten, NFC-Technologie und Apps wie Apple Pay (oder vergleichbare Lösungen von Google, Samsung, etc) entwickelt.

Base Wallet App Aldi

Initiativen wie die von Aldi, wo mittlerweile auch bargeldlos mit dem Smartphone bezahlt werden kann, beweisen, dass sich auch hierzulande was ändert und das zumindest die jüngeren Teile der Bevölkerung dem recht aufgeschlossen gegenüber stehen. Generell denke ich aber, dass wir im Vergleich zu Schweden doch ein Volk sind mit einem recht hohen Teil an Technologie-Skeptikern oder -Verweigerern, so dass der Weg zu einem bargeldlosen Deutschland noch ein recht steiniger und langer.

Was sagt ihr: Wie schätzt ihr die Entwicklung in Schweden ein und wie denkt ihr über das Thema generell? Könnt ihr euch vorstellen, in absehbarer Zeit komplett ohne Geldscheine und Münzen auszukommen? Schreibt es uns in die Kommentare!

Quelle: New York Times