Hochkant

Snapchat, Meerkat und Co: Gewöhnt euch an Hochkant-Videos

Mögt ihr hochkant gefilmte Videos? Nicht? Ich fürchte, dann hab ich keine guten Nachrichten für euch. Je mehr Dienste im Stile von Snapchat Freunde finden, desto mehr werden die ungeliebten Hochkant-Videos salonfähig. Wieso das so ist, will ich euch erklären.

Kennt ihr das, wenn ihr etwas für unrichtig haltet und beobachten müsst, dass diesen Fehler vermeintlich immer mehr und mehr Leute begehen – bis irgendwann ihr selbst nur noch eine Minderheit seid mit eurer Meinung? Als Beispiel nenne ich jetzt mal die Debatte um den richtigen Artikel beim Wort „Blog“: Ist „der“ Blog richtig oder „das“ Blog? Ich halte immer noch „das“ für richtig, weil sich Blog vom Weblog und somit Logbuch ableitet. Diskutiert wird das bereits seit Jahren und zumindest in meiner Wahrnehmung ist der Gebrauch von der maskulinem Form ziemlich dominant mittlerweile – obwohl es mir eben nach wie vor falsch erscheint.

Vertikale Videos: Gekommen um zu bleiben

Wieso ich euch das erzähle? Weil es mir – vermutlich ebenso lange wie im Blog-Beispiel oben – auch als falsch erscheint, wenn ein Video hochkant gefilmt wird. Die menschlichen Augen sind horizontal angeordnet, exakt deshalb sehen wir unsere Filme so und nicht vertikal. Schaut man sich ein hochkant gefilmtes Video auf YouTube an, wird unfassbar viel Platz verschwendet. Bereits vor Jahren hat uns dieses Glove and Boots-Video sehr schön erklärt, wieso hochkant gefilmte Videos Schrott sind:

Wieso gibt es überhaupt so viele hochkant gefilmte Videos? Macht der Gewohnheit, würde ich mal sagen. Smartphones sind so ausgelegt, dass man sie regulär zumeist hochkant nutzt. Das ist so, wenn ihr telefoniert, Whatsapp-Nachrichten schreibt oder bei Twitter und Facebook lest. Hält man dann spontan in einem Clip eine bestimmte Situation fest, hat man dann vielleicht nicht unbedingt im Hinterkopf, dass das Video online landen soll, wo es im Landscape-Format besser aussehen würde. Das zumindest ist mein persönlicher Ansatz, um dieses Phänomen zu erklären.

Bis dato konnten wir – also die Masse der Hochkant-Video-Scheißefinder – uns darüber fabelhaft empören, schließlich waren „wir“ uns sicher, dass es sich so gehört, dass im breiten Format gefilmt wird. Ich fürchte, wir werden umdenken müssen. Darüber denke ich nach, seit Daniel gestern beim Zeitgeist-Blog der Rheinischen Post schrieb:

Wir leben auch in der Zeit nach der „Ice Bucket Challenge“. Dieses Internet-Phänomen hat nicht nur das Hochkant-Video hoffähig gemacht, sondern auch alle Teilnehmer zu Videoproduzenten werden lassen, die selbst vor der Kamera standen.

Die nächste Social Media-Evolutionsstufe

Das Phänomen Selfies wird schon längst nicht mehr als solches wahrgenommen, wir sind viel mehr dran gewöhnt, dass Menschen Fotos von sich ins Netz stellen und über alle denkbaren Kanäle verschicken. Langsam – und dazu hat eben in der Tat wohl die Ice Bucket Challenge beigetragen – erreichen wir die nächste Social Media-Evolutionsstufe, in der wir uns eben im Bewegtbild selbst vor der Kamera präsentieren.

icebucket

 

derpOb das nun ein Video ist oder ein Livestream, spielt dabei wohl nur eine untergeordnete Rolle. Gestreamt wird dank Apps wie YouNow bereits auch aus unzähligen deutschen Kinder- und Jugendzimmern. Immer wichtiger wird auch Snapchat, welches sich vom Sexting-Tool zu einem seriösen Instrument entwickelt, auf welchem ihr von den Yahoo News über Mashable bis zum People Magazin schon massig coole Inhalte geboten bekommt. Selbst Serien im Hochkant-Format werden bei Snapchat bereits angeboten, wie The Next Web berichtet.

Erst vor wenigen Tagen hat Yvonne das „Meine Geschichte“-Feature innerhalb von Snapchat für uns sehr schön erklärt in ihrem Beitrag Snapchat – Warum die App mehr kann als Sexting:

Man kann “Meine Geschichte” nämlich zum einen als tolles Storytelling-Tool nutzen und zum anderen auch ganz einfach Live-Reportagen machen. Und das finde ich auch auf Reisen super interessant. Anstatt also die Familie und Freunde nach dem Urlaub mit Dia-Vorträgen zu nerven könntet ihr doch auch ganz einfach per Snapchat die Highlights der Reise direkt live an alle Daheimgebliebenen verschicken.

Yvonne hat mittlerweile ihre ersten Videos aus Südostasien online und ich muss zugeben, dass es wirklich eine sehr schöne Art ist, Content zu konsumieren und mit Sicherheit eine, die sich mehr und mehr durchsetzen wird – und bei der eben auch auf das Hochkant-Format gesetzt wird.

justtravelous-snapchat

Das weiter oben angesprochene YouTube wird sicher nicht durch diesen Trend in der Versenkung verschwinden, könnte aber durchaus an Relevanz verlieren, je mehr Menschen sich bei Snapchat usw. ihren Content abholen und vor allem je mehr Menschen das mobil machen. Der große Nachteil der Hochkant-Videos bei der Darstellung innerhalb von YouTube würde auf diese Weise eben nicht mehr so vielen Leuten bewusst werden – möglich, dass somit ein Paradigmenwechsel einsetzt. Schon jetzt kommen 50 Prozent der YouTube-Besucher über ein mobiles Device auf das Video-Portal, bei Facebook werden sogar bereits knapp zwei Drittel der betrachteten Clips auf mobilen Endgeräten konsumiert.

Täglich streamt das Erdmännchen

Der oben bereits zitierte Daniel Fiene schrieb in seinem Beitrag über den Dienst Meerkat (übersetzt: Erdmännchen), welches nicht nur mit einem putzigen Logo daher kommt, sondern auch mit einem pfiffigen Konzept, welches aus Live-Streaming und der Fokussierung auf Twitter besteht. Die App, die derzeit nur für iOS verfügbar ist, könnte das „Erwachsenen“-Pendant zu YouNow werden beim Live-Streaming. Selbst Größen wie Jared Leto (der auch auf Snapchat aktiv ist), nutzen Meerkat bereits. Im folgenden Clip werden Tipps gegeben, wie man aus Meerkat das Optimum herausholen kann:

Klar – Streaming für jedermann ist sicher keine neue Geschichte, dennoch haben sich über die Jahre die Vorzeichen verändert. So, wie nach jahrelangen Prognosen E-Books endlich den klassischen Büchern den Rang ablaufen, nimmt auch Streaming einen Anlauf nach dem nächsten, um sich zu einem Massenphänomen zu entwickeln. So haben wir heute durch moderne Smartphones jederzeit unser Mini-TV-Studio zum Streamen dabei,außerdem verbessern sich die technischen Rahmenbedingungen, so dass sowohl Sender als auch Empfänger vom schnelleren Internet profitieren können, welches den Stream ermöglicht.

Und nun?

YouNow macht es bereits vor, Meerkat könnte folgen und selbst, wenn dieser neue Dienst eben nicht „das nächste Twitter“ wird, dann kommt halt noch wer anders, der es besser macht. Die Ideen sind da, die technischen Möglichkeiten auch – und früher oder später schaffen es auch entsprechende Dienste, die berühmte kritische Masse an Nutzern zu erreichen. Schon heute werden bei Snapchat 700 Millionen Fotos und Videos täglich hochgeladen und offenbaren das Potenzial. Beim Streaming werden ähnliche Dinge passieren, verlasst euch drauf – und viele, viele dieser Streams und Videos werden das Format nutzen, welches sich für den Ersteller des Clips als praktischer oder logischer anbietet: Hochkant! Das ist jetzt schon bei den meisten Meerkat-Streams der Fall und ich fürchte, dass sich diese Vertikal-Welle nicht mehr stoppen lässt – gewöhnt euch also lieber dran.

Wie sind eure Meinungen dazu? Rollt eine Hochkant-Invasion auf uns zu, oder denkt ihr, dass Snapchat und Co. nur eine Welle darstellen, die flott wieder vorüber geht?