Selfie Collage

So gelingt das perfekte Selfie – sagt die Stanford-Universität

An der Stanford-Universität hat man ermittelt, was das perfekte Selfie ausmacht. Vergesst also all die Ratgeber im Internet - hier bekommt ihr den wissenschaftlichen Ansatz geliefert mithilfe von neuronalen Netzwerken.
von Carsten Drees am 12. Januar 2016

Das Selfie – Wort des Jahres 2013 bei Oxford Dictionaries, Massenphänomen nicht nur für Jugendliche und mit ein Grund, wieso Plattformen wie Instagram seit Jahren durch die Decke gehen. Das Selfie mit Promis hat mittlerweile die Autogrammkarte in der Gunst überholt, im Urlaub ersetzt das Selfie oftmals auch die Postkarte.

Es gibt ganz unterschiedliche Selfie-Typen – zum Beispiel Leute wie mich, die sich selbst eher selten knipsen. Ich persönlich mach da auch nicht lange rum – kein Beautify-Modus der Welt macht aus diesem Radio-Gesicht etwas, was ich für wirklich gelungen halten würde ;) Und dann gibt es aber auch Instagram-Nutzer, die oftmals 50 oder 60 Versuche brauchen, bis das Selfie exakt so aussieht, wie sich die jeweilige Person das vorstellt.

Den einen interessieren Likes mehr, den anderen weniger, manche nutzen einen Selfie-Stick, den meisten reicht die Smartphone-Cam am ausgestreckten Arm. Leute fotografieren sich an bemerkenswerten Orten, manch andere wiederum ziehen Selfies mit Stars vor. So vielseitig die Menschen sind, die Selfies von sich anfertigen, so vielseitig sind auch die Ergebnisse, die wir dann auf Instagram, Facebook, Twitter oder sonstwo im Netz sehen können.

Solltet ihr jetzt zu der Fraktion derjenigen gehören, die gerne das ein oder andere Like mehr erhalten möchten für ihr Selfie, dann finden sich im Internet massig einschlägige Ratgeber, wie das perfekte Selfie gelingen soll. Egal, ob ihr euch dann für die Bravo entscheidet, einen CEWE-Fotografen fragt oder eine beliebige andere Seite: Die Tipps ähneln sich doch immer wieder ein wenig. Achtet auf den richtigen Hintergrund, den richtigen Winkel, das richtige Licht etc.

Selfies aus der Sicht der Wissenschaft

Die Qualität der Tipps schwankt natürlich dennoch von Seite zu Seite, die ihr befragt. Gut also, wenn sich mal richtige Wissenschaftler des Themas annehmen und Selfies durch ein neuronales Netzwerk jagen und analysieren. Andrej Karpathy ist Informatik-Doktorand an der Stanford University und hat exakt das getan. Insgesamt zwei Millionen Selfies hat er sich vorgeknöpft, bzw. mit „Selfie“ getaggte Fotos. Wie er vorgegangen ist? Er hat zunächst einmal die erfolgreichen Selfies ermittelt, also die mit vielen Likes. Als Schlüssel hat er die Zahl der Likes durch die Zahl der Follower dividiert, Accounts mit besonders vielen oder besonders wenigen Followern ließ er dabei aus.


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Die übrig gebliebenen Bilder hat Karpathy durch ein neuronales Netzwerk (Convolutional Neural Networks, kurz: ConvNet) geschickt, welches 140 Millionen verschiedene Parameter berücksichtigt und hat somit zu ermitteln versucht, was die Kennzeichen eines Selfies sind, welches überdurchschnittlich beliebt ist.

Schönheit ist natürlich eine absolut subjektive Nummer – keine Frage. Es kann somit kein faktisch schönstes Selfie ermittelt werden, aber man kann Merkmale herausarbeiten, die sich bei Bildern wiederholen, die besonders viele Likes kassieren. Genau das hat der Stanford-Doktorand getan und konnte daraus letzten Endes ableiten, welche Fehler sich bei wenig beliebten Fotos immer wiederholen und welche Merkmale immer wieder ähnlich bei sehr beliebten Bildern auftauchen.

Selfies – nichts für Männer?

Gehört ihr zum weiblichen Teil unserer Leserschaft, lasst euch gratulieren – die erste Hürde zum erfolgreichen Selfie habt ihr bereits genommen, ohne etwas dazu tun zu müssen.

Klar – auch Männer machen massig Selfies, wenn auch nicht so zahlreich wie die weiblichen Nutzer. Dennoch – und da müsst ihr jetzt stark sein, liebe Jungs und liebe Männer: Der erste und wichtigste Indikator für ein besonders beliebtes Selfie ist eine weibliche Person als Protagonist!

Daran können wir Männer auch schrecklich wenig ändern, egal wie geschickt wir uns in Pose werfen: Bilder von Frauen sind auf Instagram und ähnlichen Plattformen schlicht beliebter. Unter den ersten 100 Selfies befand sich kein einziger Schnappschuss, der einen Mann zeigt! Gehört ihr also zum weiblichen Teil unserer Leserschaft, lasst euch gratulieren – die erste Hürde zum erfolgreichen Selfie habt ihr bereits genommen, ohne etwas dazu tun zu müssen.

Was macht aber darüber hinaus das erfolgreiche und beliebte Selfie aus laut dieser wissenschaftlichen Herangehensweise? Wichtig scheint zu sein, dass das Gesicht in seiner Größe etwa ein Drittel des Bildes einnimmt. Dabei soll sich das Gesicht am besten im oberen Drittel befinden, bei vielen der beliebtesten Bilder ist dabei die Stirn abgeschnitten, der Kopf ist leicht geneigt.

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Jeweils links die Originale, rechts daneben die Ausschnitte, die das neuronale Netzwerk ConvNet vorschlägt.

Wer lange Haare besitzt, sollte diese auch in Szene setzen – offene, lange Haare tauchen bei den Top-Selfies auch immer wieder auf. Weitere Indikatoren für erfolgreiche Selfies können Filter sein, die ihr bei den entsprechenden Apps einsetzt: Schwarz-Weiß-Bilder kommen oftmals sehr gut an, ebenfalls Fotos, die leicht überbelichtet sind oder bei denen der Kontrast per Filter ein wenig herunter geregelt wird, weil dadurch die Konturen weicher werden. Letzteres ist eigentlich logisch: Glänzende Haut, kleine Unreinheiten etc. fallen sonst natürlich stärker aus und können euch das ein oder andere Like kosten. Nicht schaden kann es, wenn ihr einen Rahmen um euer Bild macht – bei den beliebtesten Pics tauchen auch immer wieder weiße Rahmen auf.

Die erfolgreichsten 100 Selfies aus 50000 vom ConvNet ermittelt
Die Top 100 Selfies laut ConvNet-Algorithmus

Der Doktorand hat umgekehrt natürlich auch ermitteln können, welche Merkmale im Bild dazu führen, dass es auf die Nutzer nicht besonders attraktiv wird. Dazu gehören Selfies, bei denen ihr zu nah an der Linse seid – niemand will in eure Nase schauen oder Barthaare zählen können. Ebenfalls ein No-Go für erfolgreiche Selfies: Zu dunkle Szenarien oder Fotos, auf denen zu viele Personen zu sehen sind.

Andrej Karpathy wollte nicht in erster Linie einen Leitfaden für tolle Selfies erstellen, sondern vielmehr vorführen, wie Convolutional Neural Networks (ConvNets) funktionieren und arbeiten. Nachlesen könnt ihr sowohl die Ergebnisse und Schlüsse als auch die Arbeitsweise dieser Netzwerke im entsprechenden Beitrag auf seinem Blog.

Wer die Technologie nutzen möchte, um sein eigenes Selfie auswerten zu lassen, kann das übrigens auch tun, denn er hat einen passenden Twitter-Bot am Start: Hängt einfach ein Bild oder einen Link an euren Tweet an und erwähnt den Bot @deepselfie an irgendeiner Stelle im Tweet und binnen einer Minute solltet ihr die Einschätzung inklusive Score bekommen.

Fazit

Die Technik, die hier zum Einsatz kommt, kann definitiv ein Fingerzeig sein auf dem Weg zum erfolgreichen Selfie. Es gibt faktisch Muster, die sich bei den beliebtesten Schnappschüssen immer wiederholen und somit einen Indikator darstellen. Schönheit liegt davon ab dennoch immer noch im Auge des Betrachters und bleibt eine absolut subjektive Kiste. Haltet ihr euch also an die Tipps von Karpathy, macht ihr vielleicht nicht zwangsläufig schönere Selfies, vermutlich aber die erfolgreicheren.

Strebt ihr nach diesem Erfolg bei euren Pics, dann wisst ihr vermutlich sowieso, wie ihr euch in Szene zu setzen habt. Ich persönlich like auch ein dunkles Bild, wenn mir das Motiv gefällt oder das, was sich im Bild abspielt. Gleiches gilt, wenn es ein männlicher Protagonist ist oder auch eine Gruppe von Leuten. Daher greifen bei mir diese üblichen Mechanismen vermutlich auch nicht so richtig.

casi morgensternNichtsdestotrotz finde ich die Erkenntnisse der Stanford-Studie sehr interessant. Bei meiner Visage ist auch mit geneigtem Kopf, Weight Watchers-Filter und abgeschnittener Stirn nicht viel zu retten, aber das soll euch ja nicht weiter beschäftigen.

Ihr könnt ja mal eure Selfies durchgehen und für euch selbst kontrollieren, ob die Formel auf eure Bilder passt und tatsächlich die Fotos besser wegkommen, die dem empfohlenen Muster entsprechen. Ich lade derweil meine Las Vegas-Fotos hoch, auf denen ich mich – wie immer – meistens zum Löffel mache und dennoch das ein oder andere Like kassiere ;)

Lasst uns wissen, was ihr über diese Selfie-Nummer denkt: Was sind eure Erfolgsrezepte, nutzen euch die Erkenntnisse der Stanford-Studie – oder ist es euch schlicht egal, wie erfolgreich die von euch veröffentlichten Fotos in den Netzwerken sind?

Quelle: Andrej Karpathy via t3n