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Nach den Terroranschlägen in Paris
Von Terror, Trauer und Social Media-Reflexen – ein Kommentar

Viel wurde über Paris und die Attentate am Freitag den 13. geschrieben. Viel wurde - besonders online - auch über die Reaktionen auf diese Geschehnisse geschrieben. Grund genug, sich die Frage zu stellen, ob man sich selbst dann auch noch dazu äußern muss. Die Antwort: Ja, ich muss - weil ich sonst platze. 
von Carsten Drees am 17. November 2015

„Was hast Du gemacht, als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers gekracht sind?“ Noch knapp eineinhalb Jahrzehnte später kann so ziemlich jeder von uns diese Frage wie aus der Pistole geschossen beantworten und sie wird auch heute noch gestellt. Die Ereignisse in Paris am Freitag, den 13. 2015 haben allemal das Zeug dazu, künftig in ähnlicher Weise aus ähnlichen Anlässen genau so abgefragt zu werden. Die Antwort darauf kann ich euch geben: Ich saß vor der Glotze!

Immer seltener wird das lineare Fernsehen bemüht von mir, aber bei Sport-Events, meinem geliebten Trash-TV und auch bei dem Casting-Format „The Voice of Germany“ mache ich eine Ausnahme. Ich könnte mich jetzt weiter rechtfertigen, wann, wie oft und wo genau ich Nachrichten und Dokus schaue, aber darum soll es ja nun wirklich nicht gehen hier.

Sascha ist hier gerade zu Besuch und wir schauten beide abwechselnd in unsere Notebooks, in die Bierflasche und in die Flimmerkiste, hatten uns dazu noch Matze eingeladen und in jeder Werbepause zappten wir rüber zum Länderspiel in der ARD, wo dem amtierenden Weltmeister in Paris vom Gastgeber Frankreich gezeigt werden sollte, wo der Frosch die Locken hat. Bereits da fiel uns ein besonder lauter Böller auf, der scheinbar im Stadion gezündet wurde. Es gab keinen Rauch zu sehen, keine in irgendeiner Art und Weise eskalierenden Fans und auch ARD-Kommentator Tom Bartels verlor keine großen Worte darüber, also war die Nummer zumindest solange vergessen, bis es erneut rappelte.

Wir Drei verfolgten das dann alles nicht mehr mit – erst nachträglich sollte ich erfahren, dass die Stimmung im Stadion gedrückter wurde, als sich die grauenvollen Ereignisse in der Stadt der Liebe im Publikum herumsprachen. Wir hatten unseren Spaß derweil, schaut unsere Casting-Show weiter, bis ich dann wieder einen Blick ins Netz riskierte, wo sich die ersten Schreckensmeldungen häuften. Palle dachte, dass ich ihn verarsche und nach einem schnellen Check auf seinem Rechner wurde er dann auch schnell ziemlich blass. Der weitere Abend verlief dann wohl wie bei vielen von euch: Wir diskutierten, was dort passiert ist, wer dahinter stecken könnte usw. verfolgten dabei die Berichterstattung auf mehreren TV-Sendern und natürlich auch die Reaktionen im Netz.

Terror auf den Straßen – und im Netz

Eingangs stellte ich die rhetorische Frage, ob auch ich mich jetzt noch auf Mobilegeeks.de zum Thema Paris und zu den anschließenden Ereignissen im Netz äußern muss. Ja, muss ich wirklich, weil ich sonst wirklich zu platzen drohe und auch, weil ich glaube, dass man aktuell nicht genug darauf hinweisen kann, dass wir online allesamt miteinander ordentlich umgehen sollten und dem Terror auf den Straßen von Paris nicht auch noch verbalen Terror auf den Netzwerken folgen lassen müssen.

Als ich vor einer ziemlichen Weile noch mein eigenes kleines Blog befeuerte, schrieb ich auch mal einen Beitrag über die Chronologie der Online-Ereignisse bei Katastrophen dieser Art. Der Artikel ist nicht mehr online, die Vorgehensweise ist jedoch immer dieselbe, auch wenn sie über die Jahre verfeinert wurde:

  • Zunächst erfahren die Ersten von den Geschehnissen und verbreiten die Kunde via Twitter und Facebook.
  • Dann folgt eine erste hektische Recherche der durch die Meldung aufgeschreckten Personen – eine Recherche, die dieses Wort natürlich nicht im Ansatz verdient und auch meistens nicht mehr ist als ein schnelles Googeln, ein Blick in den Facebook-News Feed und die Timeline bei Twitter.
  • Danach heißt es: Alles raus, was keine Miete zahlt! Soll heißen: Jede News, jedes Gerücht und die ersten Verschwörungstheorien werden fleißig geteilt und fliegen uns online allen um die Ohren. Quellen-Check fällt in diesem Stadium erst mal aus.
  • Der erste Nebel lichtet sich, viele seriöse Quellen berichten und haben erste handfeste Infos. Hier muss ich vielen Journalisten bzw. vielen journalistischen Angeboten sogar ein Lob aussprechen: Es gibt sie natürlich, die reißerischen Headlines und die Seiten, die mit schrecklich viel Text und schrecklich vielen Spekulationen unfassbar wenig sagen, aber tendenziell hatte ich das Gefühl, dass bei der Berichterstattung Wert darauf gelegt wurde, dass man uns nur wirkliche Fakten als solche verkaufte und ansonsten artig erklärte, dass es sich bei dem ein oder anderen Punkt um eine noch nicht verifizierte Meldung handelte. Meines Erachtens ein Schritt in die richtige Richtung, noch beim Germanwings-Desaster vor nicht allzu langer Zeit sah das noch anders aus.
  • Danach wird es dann diffus im Netz: Ich könnte nicht genau einordnen, wer dann als Erstes den Mund aufmacht – entweder die „Ich hab es doch immer gesagt“-Fraktion, die Komiker, die für einen halbgaren unpassenden Gag auch noch ihre eigene Mutter verkaufen würden oder politische Kleingeister wie Markus Söder, die eine solche Katastrophe umgehend dafür nutzen, noch vor Klärung der Faktenlage das Unglück für die eigene politische Mission auszuschlachten.

In den letzten Tagen hat sich meines Wissens der Begriff der rechten „Scharfmacher“ etabliert. Söder und so mancher andere gehören definitiv dazu und meine nicht jugendfreie Meinung zu solchen Brandstiftern im Angesicht eines so großen Unglücks behalte ich hier mal lieber für mich.

Aber weiter im Text:

  • Der Social Media-Express rollt los. Zu den unzähligen Links zum Thema gesellen sich nun erste Beileidsbekundungen. Gerade auf Facebook findet sowas statt, indem man sein Profilbild schwarz färbt, sein Konterfei durch eine Kerze ersetzt oder ähnliches. In diesem Fall gesellten sich Paris-Fotos hinzu, sehr schnell auch das Bild des Peace-Zeichens, in welchem der Eiffelturm zu sehen ist. Folgerichtig schreibt der hochgeschätzte Micky Beisenherz in seiner auch ansonsten lesenswerten Kolumne gewohnt bissig vom offiziellen Logo zum Terroranschlag.
  • Facebook reagiert zwei Mal sehr flott: Der Safety Check wird aktiviert für Paris. Ein tolles Feature von Facebook, welches bis Freitag ausschließlich für Naturkatastrophen eingesetzt wurde. Wird es von Facebook aktiviert, könnt ihr sowohl Menschen nennen, die sich im Krisengebiet befinden, andersherum können diese Personen aber auch als in Sicherheit markiert werden. Die zweite Facebook-Reaktion wurde auch von vielen Nutzern eifrig genutzt, im Nachhinein aber auch viel kritisiert. Ich rede von dem Feature, auf einen Klick sein Profilbild mit einem Filter zu versehen, der die französische Tricolore über euer Profilfoto legt.

Paris Terror Attacks Facebook

  • Jetzt wurde es online unschön: Sollte man meinen, dass die Menschen in Europa in so einem Moment tendenziell dichter zusammenrücken, ging nun das große Zerfleischen los: Die Einen schimpften, dass die „Gutmenschen“ eine Mitschuld tragen mit ihrer Willkommenskultur und zeichneten ein Bild von massenhaft als Flüchtlinge eingereisten Terroristen, andere pöbelten die Facebook-Nutzer an, die es wagten, ihre Anteilnahme durch das Ändern ihres Profilbildes auszudrücken. Von Heuchlerei war dort die Rede, von „dadurch ändert man auch nichts“ und nicht zuletzt wurden dann – fast schon obligatorisch – die anderen Krisenherde zitiert. Das ging dann einher mit der Frage: Ist der in Paris Ermordete mehr (Trauer) wert als der in Bagdad oder Beirut Ermordete.

Leben und leben lassen, liebe Facebook-Freunde

Beim letzten Punkt möchte ich jetzt ansetzen, weil es mich wirklich nervt, weil ich von vielen Menschen ernsthaft enttäuscht bin und auch, weil ich glaube, dass man dieses Thema ruhig nochmal und nochmal ansprechen muss, damit es bis zum letzten Nutzer durchsickert. Auf Phänomeme – dem Mem-Blog der SZ heißt es dazu:

Menschen erklären einander, welche Form der Trauer angemessen sei, welche Bedeutung dieses oder jenes Symbol auch haben kann, was man mitdenken muss und welche Schlüsse man ziehen soll.

Mobile Geeks Logo FrankreichDas muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Menschen, die anderen (oft fremden) Menschen erklären wollen, wie man seine Anteilnahme auszudrücken hat, was realistisch und angemessen ist und was geheuchelt. Mein guter Freund Caschy, der nicht nur diesbezüglich ganz ähnlich tickt wie ich, schreibt:

Der Tod ist nebenan, der Tod ist greifbar. Menschen solidarisieren sich also. Färben ihr Profilbild ein. „Was bringt das?“ fragt mancher Nutzer und macht sich über die lustig, die sich solidarisieren und dies mit ihrem Profilbild machen. „Warum keine Syrien-Flagge?“ fragt dann ein anderer. „Auch dort gibt es Elend und keinen interessiert es“. Manchmal frage ich mich, was für Arschlöcher unterwegs sind. Einer, der seine Solidarität (sofern er eine hat) nicht mit einem Bild ausdrückt, will einem anderem mit „Solidaritätsbild“ also etwas absprechen? Was zum Teufel…. Carsten Knobloch

Ich bekomme das persönlich nicht in die Birne, wie man so ticken kann und online wirklich oftmals gute Freunde für ihr Profilbild beschimpft. Ich persönlich hab das Profilfärben auch nicht mitgemacht und fühlte mich einfach unwohl bei dem Gedanken, mein Profilbild in Blau-Weiß-Rot zu tauchen, weil ich die schrecklichen Ereignisse nicht in erster Linie mit Frankreich assoziiert habe. Natürlich passierte es in Paris, der gleiche Terror findet aber auch anderswo statt und getötet wurden natürlich nicht nur Franzosen.

Das Gleiche gilt fürs Beten: Ich bete nicht für Paris, nicht für die Opfer – weil ich zwar schon an etwas glaube, jedoch nicht an irgendwelche Götter, zu denen man betet. Aber auch hier soll es jeder so halten, wie er meint, und wie es ihm damit am besten geht. Das ist aber meine persönliche Sicht und ich gestehe jedem anderen Menschen natürlich auch seine ganz eigene Sicht auf die Dinge zu.

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Bevor also überhaupt alle Toten in Paris geborgen waren, tobte bereits der Facebook-Krieg auf vollen Touren: Bewaffnet mit Schimpfworten aller Art gingen „Freunde“ aufeinander los und erklärten sich lautstark, wie gefälligst dieses Trauern auf Facebook und auch Twitter funktioniert. Ein anderer lieber Freund – Gilly – hat auf seinem Blog das Thema ebenfalls aufgegriffen und nicht nur die Chronologie der Ereignisse aus seiner Sicht geschildert, sondern auch klipp und klar seine Meinung kommuniziert zu denjenigen, die sich da aus wirklich nichtigen Gründen an den Kragen gehen. Wie alles andere, was ich in diesem Artikel verlinke, könnt ihr auch Gillys Blog-Beitrag als meine Leseempfehlung an euch verstehen.

…und was ist mit den anderen Toten?

Aber nicht nur die Art der Anteilnahme sorgt für vor Aufregung rote Köpfe auf Facebook, es geht auch um die Frage: Wieso trauert man um die Toten von Paris und wieso nicht um die Toten in Beirut, wo ebenfalls über 40 Menschen dem Kriegern des IS zum Opfer fielen, oder auch um die Toten in Bagdad kurz zuvor.

Aus diesem Thema wurde in zwei Richtungen geschossen: Einmal in Richtung der Facebook-Nutzer, die sich in Frankreichs Nationalfarben hüllten und Eiffeltürme noch und nöcher posteten, aber die anderen Krisengebiete mit keiner Silbe erwähnten und zum anderen gab es – wieder einmal – die dicke Medienschelte: „Die“ berichten nur über die Geschehnisse in Paris, alles andere interessiert sie gar nicht, konnte man vielfach lesen. Letzteres ist natürlich falsch, in diesem Beitrag ist sehr schön aufgebröselt, dass auch die anderen Katastrophen von den großen Medien aufgegriffen wurden – sie wurden halt nur nicht so viel gelesen und geteilt!

Wir brauchen uns sicher nicht darüber unterhalten, in welchem Verhältnis die Berichterstattung  über die Paris-Vorfälle steht verglichen mit Bagdad, Beirut, der abgeschossenen russischen Maschine und vielen Anschlägen mehr. Den Medien aber vorzuwerfen, dass die Berichterstattung zu diesen anderen Krisenherden aber nicht stattfindet, ist schlicht falsch!

Wenn auch ihr euch darüber aufgeregt habt, dass scheinbar ein Paris-Toter schwerer wiegt als ein Toter im Nahen Osten, dann tut mir einen Gefallen: Hinterfragt euch mal selbst, was ihr dafür getan habt, um euch im Vorfeld umfassend zu informieren. Wartet ihr ab, bis euch die News zufliegen aus den verschiedensten Quellen? Wenn ja, dann ist die Chance groß, dass auch ihr keinen einzigen Tweet und kein einziges Facebook-Posting zum Thema Beirut verfasst habt, bevor die Dinge in Paris ihren Lauf nahmen.

Jetzt mit erhobenem Zeigefinger über diejenigen zu schimpfen, die Paris ebenfalls mehr auf dem Schirm haben als andere Katastrophen, ist alles andere als guter Stil, Freunde – und ehrlich gesagt stelle ich mir die Frage: Geht es euch da tatsächlich um 40 Tote in Beirut oder geht es unterm Strich dann doch wieder nur um einen selbst, der es diesen ganzen Paris-Heinis mal so richtig gezeigt hat?

„Aber um tote Moslems wird nie so viel getrauert“ – ach kommt, wer hat denn vor wenigen Monaten öffentlich auf Facebook um fast 150 Tote in Kenia getrauert, tote Christen wohlgemerkt? Eben, hatte ich auch nicht erwartet. Bevor jetzt jemand probiert, mir den Ball einfach wieder exakt so zurückzuspielen: Nein, natürlich hab ich dazu nichts gepostet und es wird auch mir immer wieder passieren, dass mir Katastrophe A eher auffällt als Katastrophe B und mich Krise C vielleicht persönlich mehr berührt als Krise D. Warum? Weil es eben so ist. Der Umfang der Berichterstattung spielt dort eine Rolle, vielleicht ein persönlicher Bezug zu einem Ort, zu einer Opfergruppe oder einfach auch nur die regionale Nähe. Natürlich ist es scheiße, wenn in Syrien, im Libanon und sonst wo Menschen sterben müssen und natürlich ist es auch scheiße, wenn sich die Medien zunächst mal auf „größere“ Themen stumpfen und Medien als auch wir Zuschauer kaum noch zucken, wenn wir die Orte Beirut, Bagdad oder ähnliches hören bzw. lesen.

Aber – und das ist das Wichtige bei der Nummer: Die Gründe, was man mitbekommt und was einen berührt, sind mannigfaltig und für jemand anders auf Anhieb eben nicht unbedingt zu erkennen. Das ist kein Grund, auf Facebook oder sonstwo einen Alarm zu machen und Leute zu maßregeln. Ihr habt Informationen, die die Meinung der betreffenden Person ändern könnte? Nur zu – gebt sie ihm und zwar ohne den erhobenen Zeigefinger. Vielleicht kann diese Person euch dann sogar erklären, wieso sie so reagiert, wie sie reagiert und jeglicher Streit wird schon im Keim erstickt.

Leute, es kann so einfach sein, ernsthaft! Ich merke, dass mir hier selbst so manches Mal der Arsch platzt angesichts der Dummheit anderer Menschen, wenn ich die Kommentarspalten durchforste. Das Gleiche denken diese Menschen natürlich auch über mich und das bestätigt nur, dass uns allen damit geholfen ist, einfach mal einen Gang runter zu schalten, gerade in schweren Zeiten. Wir müssen nicht immer gut finden, was der andere denkt, wir müssen ihn erst recht nicht dafür zerfleischen. Manchmal reicht es einfach, dass man die Dinge anders sieht, das für sich weiß und es dann einfach dabei belässt. Vielleicht sollten wir alle einfach mal hin und wieder das Maul halten und in uns gehen. Lasst die Leute trauern und ihre Anteilnahme bekunden, lasst sie ihre Profilbilder einfärben und Eiffelturm-Bilder posten. Wir haben doch alle unsere Päckchen zu tragen und möchten uns auch nicht, dass man uns zusätzlich noch grundlos ans Bein pinkelt.

Mich nervt und belastet das tatsächlich wirklich sehr, wie wir speziell online miteinander umgehen, weil es mehr und mehr so aussieht, als ob überhaupt gar nicht mehr auf Basis von Fakten miteinander diskutiert werden kann und wir alle immer verblendeter werden. Ich hab mittlerweile resigniert bei vielen Menschen, bei denen ich keine Hoffnung mehr habe, die irgendwie vom rechten Rand der Gesellschaft wegholen zu können, aber ich glaube inständig daran, dass mit den meisten Menschen immer noch gesprochen werden kann. Das bringt mich jetzt zu einem letzten Punkt, der mir auf dem Herzen liegt und über den ich seit gestern nachdenke, nachdem ich Johnnys Beitrag auf Spreeblick gelesen habe.

Gebt den Politikern eine reelle Chance

Johnny hat in seinem Artikel versucht, seine Gedanken nach den Paris-Geschehnissen ein wenig zu ordnen und hat dabei nicht vergessen, dass wir oftmals auch gegenüber den Verantwortlichen in der Politik nicht ganz fair sind. Auch ich muss zugeben, dass Angela Merkel nun nicht gerade die Kanzlerin ist, die ich mir jemals für dieses Land gewünscht habe und schließe mich folgender Aussage komplett an:

Der Applaus für eine Kanzlerin, die mit den Worten „Wir schaffen das!“ ein Zeichen setzte, war in meiner Filterblase sehr verhalten. Verständlich, denn auch ich fühle mich unwohl dabei, einer Regierung zu applaudieren, deren Entscheidungen ich zu oft nicht mittragen mag. Was bei fehlender Unterstützung solcher Kanzlerinnen-Signale jedoch passiert, das erleben wir: Sogar aus den eigenen Reihen kommen diejenigen angekrochen, welche die Situation für ihre eigene politische Karriere ausnutzen oder am rechten Rand fischen gehen wollen. Johnny Haeusler, Spreeblick

Nachdem ich euch nun hier in einem (sorry dafür) ellenlangen Text darum gebeten habe, ein wenig nachsichtig mit euren Facebook-Freunden umzugehen, nun meine zweite Bitte: Ich persönlich hab keine Lösung dafür, wie man Flüchtlinge am besten in Deutschland bzw. in Europa integriert bekommt, wie man den aktuellen Strom an Flüchtlingen in den Griff bekommt und gleichzeitig dafür sorgt, dass weniger Menschen ihre Heimat verlassen müssen.  Mag sein, dass auch eine Angela Merkel hier noch bei so manchem Punkt im Trüben fischt, was nun getan werden muss: Muss man Bomben auf IS-Stellungen werfen oder auf Diplomatie setzen? Muss man den Zuzug begrenzen oder die Grenzen offen lassen? Ich glaube, diese und noch viele Fragen mehr müssen dringend beantwortet werden und meine Bitte an Euch: Wir sind (fast) alle keine Politiker, keine Militär- oder Rüstungs-Strategen, keine Asyl-Experten usw. Selbst diese Experten zermartern sich gerade die Birnen, wie man den Karren gemeinsam aus dem Dreck bekommen kann. Ich persönlich glaube, dass Offenheit und Demokratie der Schlüssel sind, habe aber keinen Schimmer, an welchen Stellschrauben man in der Politik, in den Behörden, in den Flüchtlingseinrichtungen etc. drehen kann – gebt daher vielleicht den Menschen, die wirklich im Thema sind, einen kleinen Vertrauensvorschuss und noch ein wenig Zeit, hier Lösungen zu erarbeiten.

Ich hab keinen Bock darauf, dass die ganze Nummer hier rechts rüber kippt an den braunen Rand, genauso wenig hab ich Bock darauf, dass auch bei uns im Herzen Europas irgendwann einmal Terroranschläge zum Alltag gehören werden. Meiner Meinung nach können das die Personen in den entsprechenden Positionen (Ausnahmen bestätigen die Regel) eher erreichen als ein paar Tausend verwirrte Seelen, die allmontaglich in Dresden für sich in Anspruch nehmen, das deutsche Volk zu repräsentieren. Halten wir also vielleicht einfach mal die Bälle flach, hauen uns untereinander die Köpfe weniger ein und geben der Politik die Chance, die sie gerade braucht. Da wird nicht jede Entscheidung die richtige sein und vielleicht muss man sich auch mal komplett verrennen, um es dann beim nächsten Mal richtig zu machen. Wenn wir aber vorschnell jedes Mal auf jede Entscheidung und jedes Statement eindreschen, dann machen wir es niemandem leichter.

Ganz ehrlich: So lange wollte ich euch nicht quälen hier, aber es war mir ein Bedürfnis, dieses Thema auch persönlich nochmal anzugehen, weil es mir echt Magenschmerzen bereitet, wie wir oftmals miteinander umgehen. Ich persönlich versuche, mich da ein wenig zurückzunehmen und fände es klasse, wenn wir alle einfach mal ein bisschen vom Gas gehen und uns zu den bestehenden Problemen nicht noch weiteren unnötigen Ärger bescheren. Respekt, wer hier jetzt 3000 Worte lang durchgehalten hat – dafür werde ich mir jetzt auch in den Comments natürlich von euch anhören, wie ihr darüber denkt, ob ihr meine Meinung nachvollziehen könnt, oder eine komplett andere Sicht der Dinge habt.

tl;dr: Leben und leben lassen – „in echt“ und auch bei Facebook und Twitter.

Fotos: Gillys Playground