Um 10.08 Uhr landete der SiegerFlieger aus Brasilien mit der deutschen Mannschaft an Bord. Zu der Zeit hatte ich noch keine Ahnung, dass ich mich heute stundenlang über einen “Gaucho”-Dance ärgern würde – oder besser darüber, was Medien daraus machen.

Kommentar: Die “Gaucho-Affäre” – Da ist er wieder, der hässliche Deutsche

Ich muss mich erst mal entschuldigen: Nochmal ein Artikel zur WM – danach ist Schluss damit, versprochen ;) Der Grund dafür ist die Party, die anlässlich der deutschen Mannschaft heute in Berlin auf der “Fanmeile” gefeiert wurde von 400.000 Menschen. Ich habe den Fernseher heute nebenher laufen lassen und war von vielen Bildern wirklich ergriffen, hatte hier und da ein Tränchen im Auge, hab mich schrecklich für die Spieler gefreut und sehr viel gelacht über so manchen Spruch und so manche Aktion.

So richtig lange währte die Freude über diese Party aber nicht, denn schon schnell machte sich Unmut im Netz breit anlässlich des “Gaucho”-Dance, wie er von der ARD schnell genannt wurde. Es war die Gruppe um Miroslav Klose, die sich eines Fan-Gesanges bemächtigte, der seit Jahren in den Stadien zu hören ist. Gesungen wurde “So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so” und “So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so”. An der Gaucho-Stelle ging man gebückt, um deprimierte Argentinier zu versinnbildlichen, dementsprechend in Jubelpose sang man den gleichen Satz über das deutsche Team.

Ich fand es wenig originell – man kennt es halt seit Jahren ebenso wie das ständige “Humbatätärä” – witzig finde ich aber nach wie vor – shame on me. Schon ein paar Minuten später konnte ich im Netz lesen, dass sich der ein oder andere daran gestoßen hat, in welcher Art die Argentinier hier verhöhnt wurden. Ich denke da jetzt schon eine ganze Weile drüber nach und weiß nicht, ob sich diese Menschen über den Begriff “Gaucho” aufregen, über den gebückten Gang oder schlicht über die Tatsache, dass man sich über den Kontrahenten lustig macht.

Spiegel, TAZ, FAZ und einige mehr haben sich gierig drauf gestürzt, um ein Bild zu zeichnen von einer deutschen Mannschaft, die über Wochen eine großartige Werbung für die Nation war, und dieses Bild dann jetzt in 40 Sekunden wieder komplett eingerissen haben soll.

Die Siegesfeier am Brandenburger Tor wird zum gigantischen Eigentor. Mit einer üblen Persiflage auf ihren Finalgegner verspielen die deutschen Weltmeister das Image der weltoffenen, toleranten Nation.

Ich weiß tatsächlich nicht, was ich darüber denken soll, bzw was Menschen umtreibt, diese Nummer zu einem solchen Drama von internationalen Ausmaßen aufzublähen. Da stehen be- und siegestrunkene Menschen, denen Sonntagnacht fast 40 Millionen allein in Deutschland vor den Fernsehern und Hunderttausende bei den Public Viewings die Daumen gedrückt haben, die sich über die Siege und vor allem über die letzte Partie gefreut haben und die nicht zuletzt begeistert davon waren – wie der Rest der Welt – wie fair sich gerade die Deutschen in Brasilien verhalten haben.

Während Argentinier mit Wirbelsäulen-Attrappen die Verletzung von Neymar Jr. feierten (!), schickte der DFB unmittelbar nach der Klatsche, die man den Brasilianern verpasste, eine Nachricht durchs Netz, in der man sich auf Deutsch und Portugiesisch für die Gastfreundschaft bedankte und gleichzeitig erklärte, dass man das Gefühl eben noch sehr gut kenne, im eigenen Land bei einer WM auszuscheiden.

Von diesen Gesten gibt es unzählige: Von zahlreichen Sachspenden über Geldspenden an Brasilianer, den friedlichen Umgang und der Einbindung der örtlichen Indianer-Stämme bis zu den tröstenden Gesten nach sämtlichen Spielen hat man ein sympathisches und hoch professionelles Bild gezeichnet, von dem selbst der dümmste unter den Fußballhassern erkennen könnte, dass es keine Maske war, welche man sich heute wieder versehentlich selbst herunter gerissen hat.

Aber all diejenigen, die schon seit Wochen mit der geballten Faust in der Hosentasche unterwegs waren, weil “überall nur der Mist läuft”, konnten heute endlich ganz groß auftrumpfen und mit dem dauer-errigierten Finger auf den dummen Fußball-Fan und hässlichen Deutschen in Personalunion zeigen. Auf einmal konnte man sich wieder nach Herzenslust Luft verschaffen. Da wurde an die armen Menschen in Krisengebieten erinnert, die zu Unrecht weniger Sendezeit bekamen als Fußball-Spiele, die armen Anwohner, denen man es zumutete, ein Flugzeug lediglich 600 Meter über den eigenen Köpfen zu ertragen und natürlich fühlte sich jeder bestätigt, der Fußballer für dumme, pöbelnde, respektlose Idioten hält. Nicht zuletzt wurde ein düsteres Szenario heraufbeschworen, in dem sich Deutsche “ausgerechnet unterm Brandenburger Tor” – also an historischer Stätte – über andere Nationen lustig machen, indem sie “betont aufrecht gehen”. Ein verdammtes Wunder, dass man der deutschen Mannschaft die Nazi-Keule nicht auch noch anlässlich des Gesanges “Die Nummer Eins der Welt sind wir” um die Ohren gehauen hat.

Es ist ein Fan-Gesang, von dem jeder selbst entscheiden kann, ob er ihn lustig findet oder nicht. Aber in dieser Sternstunde des deutschen Sports und dem größten Fußball-Triumph nach fast zweieinhalb Jahrzehnten  die ganze Feier – und schlimmer noch – das ganze Unternehmen Weltmeisterschaft der letzten fast zwei Monate auf diese eine Aktion herunterzubrechen und mit einer nahezu gruseligen Inbrunst alles schlecht zu reden, das geht einfach nicht in meine Birne.

Ich lass mich zur Not echt noch als dummen Fußball-Fan bezeichnen, der alkoholisiert 22 Männern dabei zusieht, wie sie abwechselnd vor einen Ball treten – ich habe einen Job, in dem ich davon lebe, dass ich ein paar Sätze geradeaus schreiben kann, fühle mich also nicht sonderlich getroffen von diesen Vorwürfen. Aber dieses internationale Debakel, welches da jetzt heraufbeschworen wird aufgrund eines Liedes, welches wirklich schon lange und überall in Deutschland in den Stadien gesungen wird, sorgt gerade dafür, dass mir die Kotze bis zum Hals steht – sorry für die Ausdrucksweise.

Ich hab es nicht so mit Vorurteilen, aber ich möchte eigentlich den meisten Leuten dieser Fraktion unterstellen, dass sie weder jemals ein Fußballstadion von innen gesehen haben noch vor dem Fernseher außerhalb von großen Turnieren mal reinschalten und den Fan-Gesängen lauschen. Wäre das nämlich der Fall, müsste ein ganz anderer Aufschrei durchs Land gehen, angesichts von Schmährufen und Beleidigungen, die deutlich über das hinausgehen, was da heute zu hören war.

Es gehört dazu, dass nur eine Mannschaft gewinnt und zum Fußball gehört es eben auch dazu, dass man sich mit einer gewissen Häme über den Gegner äußert. Ich behaupte mal, dass man den Gang der Argentinier nachäffen kann und dennoch ein großer Sportsmann sein kann, der fair und vorbildlich agiert – mich haben zumindest 23 Männer in den letzten Wochen immer wieder davon überzeugt.

Ich staune gerade selbst, dass ich zum Abend nochmal 1000 Wörter zu einem solchen Thema zusammenschmiere, aber es war mir echt ein Verlangen, mir irgendwie Luft zu verschaffen angesichts der Reaktionen im Netz und hoffe, dass ihr mir das a) nach seht und b) mit Masse auch nachvollziehen kann, dass hier aus der Mücke ein Elefant gemacht wurde. Eure Meinungen lese ich natürlich in den Comments so oder so gern – egal, welcher Fraktion ihr angehört. Und hier jetzt noch der Stein des Anstoßes:

PS: Beinahe hätte ich es vergessen – ich wollte euch noch einen Link mit auf den Weg geben mit dem besten WM-Fazit aus deutscher Sicht, welches mir bislang unter die Augen gekomen ist. Vielen Dank dafür, Christian Buggisch!

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