Die Untersuchung über die Mediennutzung fand letztes Jahr zwar nur in den USA statt, aber so grundsätzlich anders ist die Entwicklung zu einer „Multi-Screen Welt“ auch bei uns nicht. Google ließ – grob umschrieben – untersuchen, wie Menschen Medien nutzen, welche Geräte wann und wie für welche Zwecke genutzt werden. Wenig überraschend: Medien werden inzwischen zu 90% über irgendein Display genutzt und es werden verschiedene Geräte teilweise auch parallel genutzt. Gerade noch 10% der Medien werden ohne Bildschirm genutzt, also Radio und Druckerzeugnisse.

Google: Wir leben in einer „Multi-Screen Welt“

Die Untersuchung wurde zusammen mit Sterling Brands und Ipsos mit 1.611 Teilnehmern durchgeführt, die im Rahmen der Untersuchung auch Tagebuch über ihr Mediennutzungsverhalten führten. Bei der Nutzung verschiedener Devices wird zwischen der sequentiellen und der parallelen Nutzung unterschieden. Ein Beispiel für die sequentielle Nutzung wäre die schnelle Recherche mit dem Smartphone, die man anschließend am Desktop weiter führt und vertieft. Parallele Nutzung wäre die Suche nach Infos zu einem Film, den man gerade im TV sieht.

Am häufigsten starte eine sequentielle Nutzung am Smartphone, das laut Google auch das Rückrat des digitalen Alltags wäre – wenn das nicht Motivation für die Hersteller sein sollte, in Sachen Akkulaufzeiten endlich mal vorwärts zu kommen. Das Fernsehen ist dagegen am häufigsten bei parallelen Nutzungen involviert: Immerhin 77% der Fernsehabende (oder andere Tageszeiten) werden parallel mit einem Smartphone, Tablet oder PC/Notebook verbracht. Die Zeiten, in denen man die volle Aufmerksamkeit dem laufenden TV-Programm widmete sind offenbar vorbei (falls es sie jemals gab). Aus Sicht von Google natürlich eine gute Nachricht: Mit Google TV auf dem Fernseher und Android auf dem Smartphone und Tablet bieten sie genau das Umfeld, dass dieses Nutzungsverhalten noch unterstützen kann – übrigens ist Fernseher+Smartphone in dieser Untersuchung auch die häufigste Kombination gleichzeitig benutzter Geräte (81% vor Smartphone+PC und PC+TV (jeweils 66%). Trotzdem wird die meiste Zeit dem Fernseher gewidmet mit durchschnittlich 43 Minuten pro Aktivität, danach folgen PC/Laptop (39 Minuten), Tablet (30 Minuten) und Smartphone (17 Minuten). Die Entscheidung für ein bestimmtes Gerät erfolgt übrigens abhängig von der Situation: Wo ist man gerade, wie viel Zeit man zur Verfügung, was will man erreichen und wie fühlt man sich gerade.

there are two modes of multi-screeening

Alles keine überraschenden Erkenntnisse – zumindest wenn ich von meinem eigenen Nutzungsverhalten und dem in meinem Umfeld ausgehe (und ich habe nicht ausschließlich mit Geeks und Nerds zu tun ;)). Eher überraschend erscheint mir da, dass 67% der Teilnehmer an dieser Untersuchung beim Online Shopping mehrere Devices nutzten. Shopbetreiber müssen also wohl damit rechnen, dass sich potentielle Kunden einen Shop zuerst auf dem Smartphone anschauen und den eigentlichen Bestellprozess dann auf dem Desktop durchführen – einerseits dürfte es dem Verkäufer egal sein, auf welchem Weg ein Verkauf zustande kommt, andererseits muss ein solches Nutzungsverhalten in Zukunft wohl stärker (oder auch: „überhaupt erst einmal“) berücksichtigt werden.

Laut der Untersuchung fühlen sich die „Multi-Screener“ durch die gleichzeitige Nutzung aber überhaupt nicht gestresst, sondern im Gegenteil, sie haben das Gefühl effizienter zu sein, weil sie spontaner reagieren könnten und würden dadurch zumindest glauben ihre Zeit besser zu nutzen. Ob diese gefühlte Wahrnehmung unbedingt der Realität entspricht mag man bestreiten, immerhin gibt es auch die anderen Effekte, wie ständig piepsende Smartphones, die einen über jede Regung der Freunde (virtuelle wie echte), jede neue Mail und zig anderes unablässig informieren.

Aber das ist laut dieser Untersuchung auch die Hauptaufgabe des Smartphones, es hält die Leute „connected“, man bleibt mit dem Rest der Welt verbunden, es wird vor allem für die Kommunikation und soziale Netzwerke genutzt. Der PC dagegen ist das Arbeitsgerät, hier geht es um produktives Arbeiten und Informationsverarbeitung. Und Tablets dienen hier vor allem der Unterhaltung.

Für Google ist natürlich die Frage interessant, wie das Thema Suchen bzw. eher Finden in dieses Nutzungsverhalten passt. Auf welchem Weg geben die Nutzer eine Aktivität über an ein anderes Device, dabei steht an erster Stelle einfach die entsprechende Suche auf dem neuen Gerät ein weiteres Mal durchzuführen. Ein starkes Argument für Features wie die personalisierte Suche und das Speichern von Suchverläufen auf den Servern der Suchmaschine. Der Vorsprung vor „die Zielseite auf dem neuen Gerät direkt öffnen“ und „sich selbst einen Link schicken“ ist aber teilweise nicht so groß – die Nutzer kommen also durchaus damit klar, wenn Google nicht alles für sie speichert.

Die komplette Präsentation der Ergebnisse kann direkt als PDF geladen werden. Wie oben bereits angedeutet bringt die Studie für mich – und wahrscheinlich die meisten unserer Leser – nicht viele Überraschungen, sondern zumeist nur eine Bestätigung des eigenen Nutzungsverhaltens. Interessant ist aber, dass sich diese Art der Nutzung inzwischen nicht mehr nur bei den Technikbegeisterten beobachten lässt, sondern inzwischen – zumindest in der „westlichen“ Welt – beim „Normalbürger“ angekommen ist. Spannend bleibt, wie sich das in Zukunft weiter entwickelt, immerhin wird es auch für die Anbieter von Diensten dadurch schwieriger das eigene Publikum zu finden und zu halten. Ein Fernsehsender buhlt inzwischen nicht mehr nur mit den anderen Sendern um die Aufmerksamkeit der Zuschauer, sondern auch mit den Spielen und Online-Angeboten auf Smartphones und Tablets. Die ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten inzwischen aber immer weniger Angebote und auch Menschen von uns – selbst während Gesprächen und abends beim Bier mit Freunden gehören die regelmäßigen Blicke auf das Smartphone zum Standard bei der Mehrheit – egal ob und wie unhöflich das für viele vielleicht sein mag.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Zeiten, in denen man während eines Telefonats gar keine Mails checken konnte, weil man ja nicht hätte telefonieren können, wenn das Modem den Telefonanschluss für die Internetverbindung blockiert hat?

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  • Maximilian O.

    Kommt mir nur teilweise bekannt vor, da der Fernseher bei mir komplett aus der Rechnung fällt. Seitdem “Unterhaltung” nur noch aus miserabel geschauspielerten Pseudo-Reality Shows besteht, viele gute Serien aufgrund zu hoher Anforderungen an das Publikum abgesetzt wurden (ich nenne hier als Beispiel mal Stargate) und ich mir die wenigen Serien, die ich unterhaltend finde eh vorher auf Englisch ansehe hat das deutsche Fernsehen für mich keinen Sinn mehr. Alles ist voller Castingshows, in denen jeden Tag aufs neue sämtliche Klischees bedient werden. Dazu dann noch niveauvolle Programme wie der Bachelor, während derer man nicht anders kann, als sich ohne Ende fremd zu schämen – nein danke, sowas muss nicht sein.

    Auch nutze ich das Smartphone wohl mehr als der Durchschnittsnutzer. Selbst wenn ich am Laptop bin ist es eigentlich ständig dabei. Ich lese Artikel oder spiele Spiele.

    Und nochmal direkt zum Artikel: Will Google das ganze in Zukunft vielleicht auf “einen” Screen beschränken? ;)

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