Dresden ist in der glücklichen Lage – im Gegensatz zu Berlin – mit einem Apple Store gesegnet zu sein. Dieser befindet sich in der Altmarkt Galerie, einem mittelgroßen Einkaufszentrum. Der Apple Store selbst ist nicht sehr groß und an einer Ecke gelegen. Dies nur vorab als Erklärung der räumlichen Gegebenheiten, damit sich auch nicht-ortskundige ein Bild verschaffen können. Dank eines schneller als mir lieb war leeren iPhone Akkus habe ich sage und schreibe ein Bild der Warteschlange, das seht Ihr aber später.
Ich behaupte: Man muss so einen Verkaufsstart eines gefragten Apple Produkts einmal miterlebt haben. Deshalb zog es auch mich hin, eigentlich hätte ich nicht gemusst, mein iPhone 5 war bereits bestellt und sollte pünktlich bei mir zu Hause eintrudeln. Ich wollte mir die Situation einfach einmal aus der Nähe betrachten, ähnlich wie Carsten (caschy) es in Hamburg zelebriert hat. Ich hatte zwei Möglichkeiten, entweder kurz vor Mitternacht oder erst eine Stunde vor Öffnung vor Ort sein. Ich entschied mich für die Nacht und erlebte einen der schlimmsten Tage meines Lebens.
21.09.2012, ca. 0:00 Uhr: Ankunft an der Altmarkt Galerie
Ich bin seit Jahren nicht Zug gefahren, alleine das war schon aufregend für mich, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. An der Altmarkt Galerie angekommen warteten bereits ein paar Leute. Geschätzt vielleicht 50 – 70. Teils in Decken gewickelt, andere standen rum, es war alles recht locker, von einer Schlange keine Spur. Die Situation war dennoch komisch. Sie schienen eine eingeschworene Gemeinde zu sein. Hörte man die Unterhaltungen, stellte man sehr schnell fest, hier wird kein deutsch gesprochen. Ich tippte auf Tschechen oder Polen, Dresden ist ja von beiden Ländern nicht weit entfernt. Ich lag falsch.
21.09.2012, ca. 0:30 Uhr: Senioren-Seelsorge am Apple Store
Auf mich kommt ein älterer Herr, jenseits der 60, zu. Der Typ Mensch, dem ich in der Fußgängerzone einen Euro in seinen Kaffeebecher schmeißen würde. Immerhin, er spricht deutsch. Natürlich sucht er sich mich zum Reden aus, obwohl er wahrscheinlich auf Grund seines Alters durchaus in der Lage gewesen wäre, sich mit den iPhone Touristen aus dem Ausland zu unterhalten. In tiefstem dresdnerisch (ich verstehe ihn kaum, lebe zwar seit Jahren im Osten, stamme aber eben nicht von dort) erzählt er mir von Handyverträgen, Computerspielen und dass er hier für Kumpels iPhones kaufen soll. Natürlich nicht umsonst, er bekommt etwas dafür.
21.09.2012, ca. 1:00 Uhr: Chemnitz und Berlin treffen ein
Leute, was jetzt passiert, das hat soviel Komik, aber um die Situation richtig erfassen zu können, muss man wohl dabei gewesen sein. 4 Mann gesellen sich zu uns. Eine Dreier-Gruppe, bestehend aus einem Jugendlichem, einem Mann mittleren Alters und einem Opa. Im Laufe der Nacht erfahre ich, dass diese drei aus Chemnitz kommen. Der Herr mittleren Alters möchte ein iPhone, sein Sohn und sein Schwiegervater sind als moralische Unterstützung dabei. Zudem trifft noch einer aus Berlin ein. Ebenfalls mittleres Alter, kann alles, weiß alles, findet Apple scheiße, Siri aber cool, also will er das neue iPhone. Er mag Apple-Jünger nicht, versteht nicht, wie man sich für ein iPhone die ganze Nacht wo anstellen kann, Samsung ist ja sowieso viel besser. Ja, dieser Herr hat sich die ganze Nacht angestellt. Für ein iPhone.
Kurz darauf wird es laut. Ein Russe hält eine Liste in die Luft. Ich sehe die Liste zum ersten Mal. Man sollte sich wohl eintragen, für eine geordnete Warteschlange. Der Russe fängt an, Namen vorzulesen. Die ersten 200 (!) Namen sind eindeutig russischer Herkunft. Aber nur ein Teil ist anwesend. Die deutsche Gruppe beschließt, sich nicht darum zu kümmern, es ist ja keine offizielle Liste des Apple Stores oder so.
21.09.2012, ca. 2:30: Das Warten wird anstrengend
Um sechs Uhr soll die Altmarkt Galerie geöffnet werden. Das gilt als sicher unter den Wartenden. Wir haben eine gute Ausgangssituation. Vor uns am Eingang vielleicht 50 Leute, das sollte also schnell gehen, wenn es denn einmal soweit ist. Die Gespräche des Berliners und der Chemnitzer, sowie des alten Dresdners sind mittlerweile beim deutschen Reich und der Weimarer Republik angekommen. Ich klinke mich aus. Habe ich in der Schule schon nicht gemocht, mag ich heute immer noch nicht. Zwischendurch wird sich immer wieder über die Wartenden lustig gemacht. Selbstironie, schließlich sind die Lustigmacher ein Teil davon.
21.09.2012, ca. 4:00 Uhr Die Truppe formiert sich
So, in zwei Stunden soll geöffnet werden. Wieder kommt der Russe mit der Liste. Diesmal erfolgreich. Sie formieren sich. Ein Koordinator außerhalb der Menschentraube, erkennbar an einem Headset, weißt die russischen Wartenden ein. Das hat nichts mit iPhone Tourismus zu tun, das ist organisiert, spätestens jetzt merkt man das. Unser Platz unter den ersten 50 ist nicht mehr. Gezielt werden die Russen nach vorne geschleust. Zwei Stunden vor Öffnung und das Gedränge ist so groß, dass man schon nicht mehr umfallen kann. Mittlerweile sind bestimmt schon 350 Mann da, schwer zu sagen, man kann sich kaum noch umsehen.
21.09.2012, ca. 6:00 Uhr: Macht auf, aber schnell
Um sechs Uhr warten alle auf die erlösende Öffnung der Altmarkt Galerie. Security Personal ist nirgends zu sehen, aber immerhin taucht ein Mitarbeiter des Apple Stores auf, der aber genauso schnell wieder verschwindet. Öffnung? Nein. Das Gedränge wird unerträglich. Es strömen mehr und mehr Russen dazu, die gezielt nach vorne gebracht werden. Keine Chance sich dagegen zu wehren. Mittlerweile sind wir vielleicht noch unter den ersten 100, das soll sich aber noch ändern.
21.09.2012, ca. 6:45 Uhr: Die Tore werden geöffnet
Es ist soweit. Im Inneren der Altmarkt Galerie tut sich was. Security Personal, Apple Store Mitarbeiter, sie laufen nervös hin und her. Dann der Moment, der Eingang wird geöffnet. Allerdings nicht der, vor dem die meisten warten, sondern der daneben. Selber laufen ist nicht mehr, man wird von der Menge mitgeschoben. Lebendig Innen angekommen, beginnt der Run auf die eigentliche Warteschlange. Diese soll mit Absperrungen aus Stoff in eine Schlange führen. Süß. Die Absperrungen sind umgerannt, vor dem Apple Store bildet sich eine riesige Traube aus Menschen. Die Deutschen mit denen ich wartete waren nicht mehr gesichtet, sie sind wohl im Gewühl. Die Situation hat etwas von Massenpanik, das Gedränge wird nicht weniger. Die Security steht rum, greift aber nicht ein. Der erste große Fehler.
21.09.2012, ca. 7:15 Uhr: Apple meldet sich zu Wort
Der Pulk ist nicht zu bändigen. Ein Apple Store Mitarbeiter versucht die Situation zu beruhigen. Es ist “ausreichend Bestand vorhanden“, “jeder wird 2 Geräte bekommen“. Es funktioniert, die Massen beruhigen sich ein bisschen. Mein Platz? Ca. 300 Leute vor mir, das wird sich aber noch ändern. Apple Store Mitarbeiter verteilen Wasser in Tetra Paks und Äpfel. Der Rand wird versorgt, bei den meisten kommt nichts an. Die Reservierungskarten, die normalerweise in der Schlange verteilt werden, wird man erst nach Betreten des Stores bekommen, eine Verteilung in der Menschentraube sei nicht möglich. Immer wieder wird betont, dass “ausreichend Bestand” vorhanden sei.
21.09.2012, 7:45 Uhr: Die Show beginnt
Ca. 10 Apple Store Mitarbeiter machen ihr Aufwärm Programm, selbstbeweihräucherndes Geklatsche, Pseudo-Laolas. Unter anderen Umständen hätte das vielleicht für Stimmung gesorgt, die Stimmung bei den Wartenden ist jedoch gereizt und alles andere als gut. Vor mir sind russische Familien, die haben nichts mit den organisierten Einkäufern zu tun. Sie sind aus Moskau und der Ukraine angereist. Dabei sind kleine Kinder, die sich sichtlich unwohl fühlen.
21.09.2012: 8:00 Uhr: Let’s go!
Es ist soweit. Die gläserne Schiebetür wird ein Stück geöffnet, der erste Kunde darf in den Laden. Unter tosendem Applaus der Store Mitarbeiter erhält er seine zwei Reservierungskarten und kann sich freuen. Fünf oder sechs der Store Mitarbeiter sind für den Verkauf zuständig. Im Laden befinden sich nie mehr als fünf Kunden gleichzeitig. ich stelle mich darauf ein, noch am Abend hier zu stehen. Das Gedränge wird mit jedem eingelassenen Kunden wieder größer. Security? Ja, in weiter ferne, kein Eingreifen, obwohl es definitiv erforderlich gewesen wäre.
21.09.2012, ca. 9:30: Alles vorbei?
Der Laden ist plötzlich leer. Apple Store Mitarbeiter stehen gesammelt im Inneren und unterhalten sich. Kein Kunde. Was ist da los? Nach einer Weile erfahre ich, dass das Spezialglas der Eingangstür unter dem Druck der Massen nachgegeben hat. Ein Riss hat sich gebildet, die Tür ist nicht mehr nutzbar. Die Menge wird unruhig. Nun schreitet endlich auch die Security ein. Alle sollen einen Meter zurück. Keiner bewegt sich. Nach zwei missglückten Versuchen zieht sich die Security zurück. Kann nicht sein. Ungefähr eine halbe Stunde geht gar nichts. Kein einziges iPhone wird in dieser Zeit verkauft. Es brodelt, die Stimmung ist aggressiv.
21.09.2012, ca. 10:30: Gehe ich einfach?
Ich bin am Ende. Seit über zehn Stunden stehe ich. Da erreicht mich die Nachricht, dass DHL mein iPhone geliefert hat. Soll ich einfach gehen? Nein, ich will durchhalten, schließlich will ich ein schwarzes iPhone 5 mit 64GB Speicher erstehen. Wegen dem Erlebnis, um einmal dabei gewesen zu sein. Ich halte durch. Hinter mir haben sich drei Türken aus Berlin Neukölln eingefunden. Vorurteile hin oder her, diese drei sind die freundlichsten und gut gelauntesten, die ich bisher in der Schlange getroffen habe. Sie machen Samsung vs. Apple Witze, sprechen hervorragend deutsch und erzählen, dass dies in einem Berliner Apple Store schon längst eskaliert wäre. Auch hier wird es nicht mehr lange bis zur Eskalation dauern, das ist mein Eindruck. Ich bin übrigens schon stolze 50 cm in der Schlange vorangekommen. Von der Seite drängen immer wieder Menschen nach vorne, so dass die Hinteren keine Chance haben.
21.09.2012, ca. 11:00 Uhr: Es fließen Tränen
Ein junger Mann hat es geschafft, er ist in den Innenraum des Apple Stores vorgedrungen. Er jubelt und freut sich. Dann anscheinend die Ernüchterung. Er setzt sich in den Innenraum des Stores und fängt hemmungslos an zu weinen. Wegen eines Telefons. Die Kommunikation mit dem Innenraum ist schwierig. Aber ich erfahre, dass er wohl nur Geld für ein 16GB-Modell dabei hat und diese bereits ausverkauft seien. Der Mob bekommt das mit. Keine 16GB-Modelle mehr? Es ist genug Bestand für alle vorhanden? Das kann nicht gut gehen. Dann eine Info von innen. Angeblich gibt es nur noch ein paar weiße 64GB-Modelle. Ausverkauft. Kurz darauf Entwarnung, es wurden noch Geräte verfügbar gemacht. Vermutlich aus dem Bestand, der für die nächsten Tage vorgesehen war. Deeskalation. Ein Verkaufsstopp mit immer noch über 500 wartenden Menschen hätte der Store nicht überlebt.
21.09.2012, ca. 11:30 Uhr: Es geht voran
Es scheint nicht mehr viele Geräte zu geben. 16GB scheinen so gut wie nicht mehr vorhanden zu sein. Immer wieder sieht man das Kopfschütteln der Mitarbeiter, wenn die Kunden ihren Gerätewunsch am Eingang äußern. Verzweiflung macht sich breit. Die drei Türken geben auf. Sie haben die Schnauze voll und verlassen den Wartebereich. Ich kann sie sehr gut verstehen. Die Aussicht auf ein Wunschgerät ist sehr niedrig. Ich denke ich bin mit meinem Wunsch nach einem 64GB-Gerät gut aufgestellt. Mittlerweile konnte ich mich in den Eingangsbereich vorkämpfen. Die letzten Geräte sind sichtbar. Ich habe keine große Hoffnung mehr. Die Reservierungskarten lichten sich rapide.
21.09.2012, ca. 11:45 Uhr: Überlebe ich das?
Ich kann den Eingang sehen. Das Gedränge ist hier unerträglich. Man kann kaum noch atmen. Die Aggressivität ist unglaublich hoch. Innen lächeln die Mitarbeiter, Außen wird um jeden Zentimeter gekämpft. Viele verlassen die Menschentraube. Es geht um die letzten paar Geräte. Es ist klar, dass der Bestand nicht groß genug ist. Viele werden leer ausgehen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Der Weg durch den Laden scheint der einfachere Ausweg zu sein.
21.09.2012, 12:00 Uhr: Ich bin drin
Unglaublich. Exakt 12 Stunden nach meiner Ankunft an der Altmarkt Galerie betrete ich den Apple Store. Ich frage als erstes nach etwas zu trinken, das iPhone interessiert mich in diesem Moment überhaupt nicht mehr. Ich bin körperlich am Ende. Ausgepowert, dehydriert, voller Schmerzen. Man reicht mir Wasser. Ich begebe mich zu der Dame mit den letzten Karten. Ich äußere gar nicht erst meinen Wunsch, ich frage was sie noch haben. 16GB schwarz und 32GB weiß. Ich denke an die armen Seelen, die solange gewartet haben und gingen, weil sie dachten, dass es keine 16GB-Modelle mehr gibt. Weiß scheidet für mich aus. Eine Entscheidung muss her. 16GB sind für mich zu wenig. Was tun? Kurz an die Tochter gedacht und ein 16GB Modell genommen. Die wird Augen machen.
Ein anderer Mitarbeiter führt mich durch den Store. Er ist redefreudig und ich habe zum Glück ein gutes Gedächtnis. Es sind noch 10 Modelle mit 16GB in schwarz verfügbar, 2 Modelle mit 32GB in weiß. Er sagt es sei der Restbestand. Ich schaue nach draußen. Da warten immer noch ca. 200 Leute. Wann werden sie wohl von ihrem Glück erfahren? Außerdem erzählt er von anderen Kunden, die beim Warten sogar mit Messern bedroht wurden. Eigentlich unfassbar, nach der Situation draußen aber nicht abwegig. Beim iPad 3 Verkaufsstart hatte der Mitarbeiter frei und stand selbst in der Schlange, da soll es wesentlich gechillter abgelaufen sein. Er kann mir nicht sagen, wann neue Geräte eintreffen werden. Die Liefersituation ist schwierig. Wir unterhalten uns noch ein wenig über Samsung, schließlich bezahle ich und kann den Store über den Hinterausgang verlassen. Die anderen Wartenden, die größtenteils kein iPhone 5 mehr bekommen werden, sind mir in diesem Moment egal.
Fazit?
Einmal und nie wieder. Klar, sag niemals nie. Vielleicht stellt Apple irgendwann noch einmal ein bahnbrechendes Produkt vor und ich begebe mich noch einmal in so ein Chaos. Vermutlich aber nicht. Es war weder ein cooles Event, noch habe ich das bekommen, was ich wollte. Die Organisation war so chaotisch, dass man von einem Fehlen dieser sprechen kann. Mit einem Ansturm war zu rechnen, warum man diesen nicht geordnet hat, ist mir unbegreiflich. Ebenso ist mir unbegreiflich, wie 200 Russen dort als Geschäftsleute auftreten können und aus diesem Grund bis zu 10 (oder acht, der Mitarbeiter hat es mir gesagt, habe es vergessen) Geräte kaufen dürfen. Ebenso ist es unbegreiflich, warum die Security nicht für die Bildung einer Warteschlange gesorgt hat. Die Wartesituation war gefährlich. Es ist nahezu ein Wunder, dass hier nichts schlimmeres passiert ist. Das Versprechen, dass jeder zwei Geräte erhalten kann, wurde nicht gehalten. Es hat zwar kurzzeitig für etwas Ruhe gesorgt, ist aber dennoch nicht korrekt. Apples Magie? War zu keinem Zeitpunkt zu spüren. Man kann die Schuld aber auch nicht auf die Wartenden schieben. Es fehlte einfach an allem. An Security, an ordentlichen Absperrungen, an einem geregelten Einlass in das Einkaufszentrum und an Geräten. Die Videos und Fotos die von dem Event existieren zeigen nicht, wie chaotisch das letztendlich war, wenn man mittendrin steckte.
Die glücklichste Person an diesem Tag wird wohl meine Tochter gewesen sein. Anstatt mein altes iPhone zu erben, hat sie nun ein iPhone 5. Für ein Kind sicher eine große Sache. Sie quasselt ohne Ende Siri voll. Also hat sich der Horror-Trip doch noch gelohnt. Irgendwie.
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