MySpace war irgendwie nie ganz weg – allerdings zuletzt auch nicht mehr wirklich da. Das einst beliebteste Social Network der Welt hat sich über die Jahre im Design- und Funktions-Dschungel verstrickt und dabei immer mehr Relevanz verloren.
Finde ich persönlich schade, denn als ich seinerzeit – Ende 2007 – mit dem Bloggen begonnen habe, war es das Netzwerk, welches ich am liebsten nutzte und wo ich auch die meisten Kontakte hatte. Ich glaube, es war die Affinität des Netzwerks zur Musik, die mich dort hin brachte und wegen der ich dort viel Zeit verbrachte. Nicht nur die Menschen, die man mochte, auch die Bands und Künstler waren allesamt dort.
Was danach kam, brauchen wir nicht lange besprechen – der MySpace-Stern sank und sank und nun sollte es unter der Federführung von Justin Timberlake und seinen Investoren-Partnern wieder gelingen, sowas wie Relevanz zu erlangen mit einer groß angelegten Neuausrichtung. Seit gestern können wir sehen, was das neue MySpace anders und besser machen will und vieles davon sieht tatsächlich richtig gut aus.
MySpace sieht tatsächlich viel moderner aus als Facebook, aber das muss nicht zwingend der Maßstab sein, an dem sich der Erfolg messen lässt. Ihr müsst euch zumindest von dem Gedanken verabschieden, dass ihr hier einen Facebook- oder Google+-Konkurrenten vor euch habt. Vielleicht bin ich nur zu behämmert, es zu finden – aber die beim alten MySpace vorhandene Verbindung zu Facebook via Connect finde ich hier nicht mehr vor. Wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn wenigstens meine alten MySpace-Kontakte noch vorhanden wären, aber auch die finde ich nur noch wieder, wenn ich meinen alten MySpace-Account aufrufe.
Da stellt sich für mich die Frage, wie mir MySpace neue Musik empfehlen will, wenn der jeweils gut ausgearbeitete Graph bei Facebook und dem alten MySpace hier so gar nicht berücksichtigt wird. Gefällt mir nicht, dass ich wieder bei Null ansetzen muss, aber ich mache mich dennoch an die Arbeit, richte mir notdürftig mit ein paar Bildchen (Profil- und Cover-Foto) mein Profil ein und suche fröhlich los. Die Bedienelemente habt ihr am unteren Rand, dort ruft ihr entweder die MySpace-Startseite oder euer Profil auf, könnt die Suchfunktion aufrufen oder auch das “Discover”-Feature, welches uns neue, relevante Musik ins Profil spülen soll. Ich klicke direkt mal auf Discover und statt neuer unbekannter Musik erwartet mich der irgendwie allgegenwärtige Justin Timberlake.
Gescrollt wird übrigens seitlich, was ich modern und ansprechend finde, mir aber persönlich nicht weiter hilft, denn die dort aufgeführten Acts haben allesamt nichts mit der Musik zu tun, die ich mag. Vielleicht liegt das aber auch an meiner Unwissenheit, wie ich das neue MySpace bediene. Beim Klick auf Discover erscheint nämlich auf der linken Seite eine Leiste mit weiteren Unterpunkten und man landet zunächst mal auf “Trending”. Okay, vielleicht bin ich einfach nicht trendy genug, also klicke ich auf den Unterpunkt “Music” – da sollte ich dann doch wohl fündig werden. Falsch gedacht – dort sehe ich nämlich (neuer Unterpunkt, High Rotation) die angesagtesten Tracks auf dem neuen MySpace: Platz 1 geht an – Überraschung – Justin Timberlake, dessen neuer Song sehr prominent ja auch auf der Startseite zu hören ist. Danach wird es dann aber direkt absurd, aber seht selbst:
Zwischen Justin auf 1 und Rihanna auf 6 befindet sich also vier (!!) Mal Daniel Schuhmacher. Wem das nichts sagt – vor vier Jahren gewann er DSDS und seitdem hat er nun nicht gerade für Furore sorgen können, und das sage ich unabhängig von seinen zweifellos gesanglich vorhandenen Qualitäten. Hat seine Fanbase etwa schon länger Zugang gehabt zum neuen MySpace? Spätestens da war ich aber jedenfalls fertig mit der Discover-Funktion und hab mich direkt selbst auf die Suche begeben. Auch das ist wieder sehr stilvoll gelöst, und ihr gebt über die Maske, die den kompletten Bildschirm einnimmt euren gewünschten Suchbegriff ein. Das kann eine Privatperson ebenso sein wie ein Song, ein Album oder eben ein Künstlername. Funktioniert auch recht gut – meine Helden Depeche Mode, IAMX, Mesh, Madrugada und Co sind schnell zusammengesucht und per “Connect”-Button bin ich auch direkt mit denen verbunden.
Dann folgt aber die nächste Enttäuschung. Auf der Depeche Mode-Seite kann ich zwei Songs aussuchen, beides recht neue Live-Tracks. Spätestens jetzt weiß ich, dass ich hier nicht viel Zeit damit verbringen werde, die Playlist-Funktionen auszutesten. Zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch fast alle Bands, die ich kenne. Besser noch: oftmals sind es nur 30 Sekunden-Schnipsel, die mir zur Verfügung stehen. Die kann ich weder in meiner Playlist gebrauchen, noch kann ich über diese Song-Fragmente neue interessante Musik entdecken. Fairerweise muss man aber dazu sagen, dass der ebenfalls unten in der Leiste zu findende Player seine Arbeit ganz ordentlich verrichtet. Technisch sogar richtig gut gemacht: verlasse ich die Seite und rufe sie später wieder auf, wird der zuletzt gespielte Song exakt an der gleichen Stelle fortgesetzt. Bringt mir aber nichts, wenn mir die Inhalte fehlen.
Versteht mich nicht falsch, ich habe jetzt lediglich ein Stündchen oder so mit der neuen MySpace-Seite verbracht und vielleicht noch nicht alles gecheckt, was mir geboten wird. Aktuell aber scheint es für mich ein Netzwerk zu sein, bei dem ich meine Leute nicht finde und eine Musik-Seite, bei der ich meine Musik nicht finde – das allerdings grafisch toll aufbereitet. Sowas wie das pixel-gewordene Beispiel für ein Muster ohne Wert. Ich werde sicher nochmal vorbeischauen und mich mit der Seite vertraut machen – bis dahin allerdings treffe ich meine Leute weiter bei Facebook und Google+ und höre/entdecke meine Musik bei Spotify oder SoundCloud. Wer mich dort dennoch sucht und vielleicht noch vom Gegenteil überzeugen will: hier ist mein neues MySpace-Profil.
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