Apple gegen das FBI: Showdown vor Gericht vorläufig abgesagt *Update*

Das FBI wünscht sich Unterstützung in Form von Zugriff auf ein iPhone - Apple, vorneweg CEO Tim Cook stellen sich quer und wollen die verlangte Software zum Umgehen der Sicherheitsfunktionen nicht entwickeln.

Update vom 22. März 2016

Kurzfristig wurde der Showdown vor Gericht nun doch abgesagt, das FBI hat Tipps erhalten, auf anderen Wegen an die Daten auf dem iPhone 5C zu kommen – möglicherweise hängt das mit der Veröffentlichung einer Sicherheitslücke in der iMessage-Verschlüsselung zusammen. Jetzt möchten die Strafverfolger zuerst einmal testen, ob sie diesen Weg nutzen können und das ohne Hilfe von Apple. Bis zum 5 April hat das FBI nun Zeit für die Tests, dann soll dem Gericht ein Bericht vorgelegt werden.

Da stellt sich die Frage: Warum? Offenbar handelt es sich nur um eine bislang nicht getestete Möglichkeit an die Daten zu kommen, warum also jetzt schon der Rückzieher? Man kann annehmen, dass sich die Regierungsseite in der Sache nicht wirklich sicher ist, sich vor Gericht gegen Apple – und fast die gesamte Tech-Industrie und Bürgerrechtler – durchsetzen zu können. Immerhin geht es um eine Grundsatzfrage beim Thema Bürgerrechte und Privatsphäre, es steht also durchaus die Möglichkeit im Raum, dass sich das Gericht davon überzeugen ließe, dass diese Rechte schwerer wiegen als das Interesse des FBI an den Daten von Terrorverdächtigen. Eine Prognose über den Ausgang des Verfahrens ist schwierig, denn trotz aller Terror-Hysterie in den USA werden bestimmte Bürgerrechte immer noch sehr hoch gehalten. Sehr deutlich zu beobachten, wenn es um das Thema Waffenbesitz geht.

Am 5. April dürften wir nun mehr wissen und selbst wenn das Verfahren gegen Apple nicht weiter geführt wird: Früher oder später wird es garantiert ähnliche Fälle geben und die Frage wird gerichtlich geklärt werden, ob und unter welchen Umständen ein Unternehmen verpflichtet werden kann, Strafverfolger bei der Entschlüsselung eigener Produkte zu unterstützen.

Update vom 01. März 2016
Ein Bundesbezirksgericht in New York hat nun in einem parallel geführten Verfahren entschieden, dass Apple nicht verpflichtet sei, den Bundesbehörden bei der Entsperrung eines Smartphones behilflich zu sein. Der Umfang der dortigen Auskunftsbegehren sei, so die Richter, im Ergebnis „absurd“ und basiere auf einer „nicht verfassungskonformen Auslegung“ der eigenen Befugnisse. Der Fall steht zwar in keinerlei Zusammenhang zum hier publicity-trächtig geführten Verfahren, offenbart aber einige interessante Details und könnte zumindest eine Signalwirkung haben.

Apple hat in der Vergangenheit bereits mehrere dutzend Male bereitwillig vergleichbare Anfragen von Behörden umgesetzt. Nicht nur technisch, sondern auch rechtlich ist man den Ermittlern zur Hilfe gekommen und hat z.B. bei der Ausarbeitung von beantragten richerlichen Anordnungen geholfen.

Die Sorge um die Privatsphäre und die Daten der Benutzer ist also eine neue Attitüde des Unternehmens und nicht – wie es in den letzten Wochen mehrfach den Anschein hatte – eine Grundsatzfrage für Apple. Über die Motive für den Sinneswandel kann man nur spekulieren: die Vermutung iegt nahe, dass Apple in wachsender Sorge um den eigenen Ruf dem Hokuspokus ein Ende setzen will.

Das umfangreiche Urteil findet sich via heise.de

Update vom 26. Februar 2016
Apple wehrt sich gegen iPhone-Überwachung *Auch Microsoft und Amazon pro Apple*

So langsam verdichten sich die Reihen der Unternehmen, die den Schulterschluss mit Apple suchen bei diesem Thema und machen damit exakt das große Fass auf, welches dem Ernst der Lage angemessen erscheint. Zunächst mal ruderte Bill Gates zurück, der sich in den Medien falsch verstanden bzw. falsch wiedergegeben fühlt.

We are working on amicus options now. Microsoft-Sprecher Craig Berman

Das von ihm gegründete Unternehmen Microsoft stellte sich nun aber ganz unabhängig von Gates‘ Meinung auf die Seite Apples und spricht vom „Amicus Brief“, also sowas wie einer Expertise, die man vorlegen möchte. Darin würde man Apples Standpunkt und dessen Aussagen stützen und es steht sogar zu vermuten, dass sich Unternehmen wie Google, Twitter und Facebook – alle haben eh schon erklärt, in diesem Fall auf Apple-Seite zu stehen – dieser Expertise anschließen werden.

Laut der Seattle Times gehört zu Apples Fürsprechern auch Amazon, die jedoch eine eigene Expertise ausarbeiten wollen. Unterdessen hat sich – wenig überraschend – das CIA für die Seite des FBI entschieden. Regierung und die Geheimdienste gegen die geballte Kraft der größten US-Unternehmen aus dem Tech-Metier: Das wird noch eine hochspannende und wegweisende Geschichte, dessen kann man sich sicher sein! (via)

Update vom 23. Februar 2016:

Natürlich beschäftigt das iPhone eines toten Terroristen noch immer die Medien und auch die Köpfe der Technik-Welt. Jetzt meldet sich auch Microsoft-Lichtgestalt Bill Gates zu Wort – schlägt sich aber im Gegensatz zu Google, Facebook etc. jedoch nicht auf die Seite von Apple:

This is a specific case where the government is asking for access to information. They are not asking for some general thing, they are asking for a particular case Bill Gates

Dies äußerte Bill Gates, der bekanntlich bei Microsoft nicht mehr ins operative Geschäft involviert ist, gegenüber der Financial Times. Dort hatte er auch ein Beispiel parat, um seine Sichtweise zu untermauern:

It is no different than [the question of] should anybody ever have been able to tell the phone company to get information, should anybody be able to get at bank records. Let’s say the bank had tied a ribbon round the disk drive and said ‘don’t make me cut this ribbon because you’ll make me cut it many times’. Bill Gates

Ich persönlich bewerte die Situation anders bzw. denke nicht, dass man der Problematik gerecht wird, wenn man den Fall mit einem „Band um eine Festplatte“ vergleicht, welches nur durchgeschnitten werden muss. Sei es drum – somit haben nun auch Regierung und FBI einen prominenten Fürsprecher aus dem Tech-Business und ich bin sicher, dass sich noch weitere zu Wort melden werden. (via)

Update vom 19. Februar 2016:

Nachdem Apple sein Bömbchen in Form seines offenen Briefes platzen gelassen hatte, war es in der Tech-Welt erst noch bemerkenswert ruhig geblieben. Es dauerte ein bisschen, bis sich dann Sundar Pichai von Google und WhatsApp-Boss Jan Koum in Stellung brachten und zwar an der Seite von Apple.

Jetzt haben sich auch Twitter und Facebook positioniert und auch die beiden Unternehmen üben den Schulterschluss mit dem Konzern aus Cupertino. Es scheint so, als gehen die Crypto Wars in eine neue, heiße Phase und die großen Tech-Leader wollen dabei keinen Fußbreit Sicherheit preisgeben.

Twitter-CEO Jack Dorsey reichte ein einziger Tweet, um Stellung zu beziehen und sich mit einem Dank an Apple auf deren Seite zu schlagen:

Ein Statement von Facebook gibt es auch und zwar äußerte sich ein Sprecher des Unternehmens gegenüber USA Today wie folgt:

We condemn terrorism and have total solidarity with victims of terror. Those who seek to praise, promote, or plan terrorist acts have no place on our services. We also appreciate the difficult and essential work of law enforcement to keep people safe. When we receive lawful requests from these authorities we comply. However, we will continue to fight aggressively against requirements for companies to weaken the security of their systems. These demands would create a chilling precedent and obstruct companies‘ efforts to secure their products.

Auch bei Facebook spricht man also von einem Präzedenzfall, erklärt zudem, dass man im rechtlichen Rahmen jederzeit den Behörden helfen würde. Gleichzeitig machte Facebook aber auch deutlich, dass man sich mit allen Mitteln dagegen wehren wird, dass Unternehmen dazu verdonnert werden, freiwillig ihre eigenen Systeme zu schwächen – so, wie es aktuell von Apple verlangt wird.

Somit haben sich zwei große Namen zusätzlich zu Wort gemeldet – Apple weiß nun also zumindest schon mal Twitter, Google, Facebook/WhatsApp auf seiner Seite und ich werde das Gefühl nicht los, dass uns diese Story noch ein wenig länger beschäftigen wird. (via)

Update vom 18. Februar 2016:

Tim Cook und Apple sorgten gestern für viel Aufmerksamkeit mit ihrer Ansage, sich gegen das FBI und gegen den Gerichtsbeschluss zu stellen, welcher eine Art Hintertürchen für das iPhone 5C des Terroristen Syed Farook vorsah. Dem überraschend ausführlichen und in seiner Aussage deutlichen Statement Cooks folgte nun jetzt noch ein Schulterschluss eines Unternehmens, welches sonst wahrlich nicht selbstverständlich an Apples Seite steht: Google! Zunächst befürchtete Edward Snowden persönlich, dass sich Google wohl für die falsche Seite entschieden habe, sollte man sich nicht öffentlich bekennen:

Die Sorge war jedoch unbegründet, denn kein Geringerer als Sundar Pichai selbst meldete sich nämlich zu Wort und der sonst bei Twitter eher schreibfaule Google-CEO widmete dem Thema gleich fünf Tweets! Darin schlägt man sich bedingungslos auf die Apple-Seite, indem man erklärt, dass es ein Eingriff in die Privatsphäre der Nutzer ist, wenn Unternehmen von staatlicher Seite dazu genötigt würden, diese Art des Hacking zu ermöglichen. Ausdrücklich erklärt Pichai, dass die Stellungnahme Tim Cooks eine wichtige sei:

In den weiteren Tweets stellte er heraus, dass die Sicherheit auch bei Google eine sehr wichtige Rolle spielt, er sich darüber freut, dass dieses Thema nun auf den Tisch kommt und er sich vorstellen kann, dass hier gerade ein Präzedenzfall geschaffen werde.

Auch WhatsApp-Gründer Jan Koum äußert sich auf Facebook mit dem gleichen Tenor, was mich glauben lässt, dass Facebooks Mark Zuckerberg ähnlich darüber denken wird. Mich würde interessieren, ob auch der Facebook-Chef noch ein Statement nachlegt und sich vielleicht auch noch von Microsoft ähnliche Töne vernehmen lassen werden. Könnte durchaus sein, dass wir hier gerade erleben, wie sich die ganzen Big Player und großen Konkurrenten erstmals alle Seite an Seite positionieren, um Tim Cook und damit Apple den Rücken zu stärken – wäre meiner Meinung nach das richtige Zeichen im Namen der Privatsphäre.

Quelle: TechCrunch und The Verge

Tim Cook, im Hintergrund ein Schloss auf einem Apfel

Original-Artikel vom 17. Februar 2016:

Syed Farook heißt der Mann, der derzeit dem Federal Bureau of Investigation – kurz: FBI – schwer zu schaffen macht. Er ist mit seiner Frau verantwortlich für den feigen Anschlag in San Bernardino im letzten Dezember, der 14 Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte. Um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, möchte das FBI sehr gern auf das iPhone 5C des Attentäters zugreifen – bekommt den Hobel aber nicht entschlüsselt.

Es ist mittlerweile zwei Monate her – und wir arbeiten immer noch daran. FBI-Chef James Comey

Während es für Apple natürlich tolle Werbung ist, dass sich das FBI daran nun schon seit Monaten die Zähne ausbeißt, das Passwort zu knacken, sehen die zuständigen Beamten das natürlich komplett anders. Rückendeckung holt man sich von einem US-Gericht, welches Apple nun dazu aufgefordert hat, dem FBI bei der Entschlüsselung unter die Arme zu greifen (Urteil als PDF).

Apple – Google ebenso – hat aus den Snowden-Vorfällen gelernt und für diese automatische Verschlüsselung gesorgt, die das FBI nun gehörig ins Schwitzen bringt. Das Problem: Probiert man beliebig Passwörter aus, haut das System euch nach ein paar Versuchen eine Minute Sperre rein, bis ihr es weiter probieren könnt. Dieser Zeitraum wird stetig erhöht, so dass Apple stolz verkündet, dass bei einem durchdachten, sechsstelligen Passwort mit einer Mischung aus Buchstaben und Zahlen fünfeinhalb Jahre vergehen, bis man es geknackt hat.

So lange möchte man beim FBI natürlich nicht warten, weshalb zu den drei Forderungen an Apple gehört, dass dieser Verzögerungs-Mmechanismus ausgesetzt wird für dieses spezifische iPhone 5C. Außerdem soll Apple ermöglichen, dass die Passwörter nicht per Hand über den Bildschirm eingegeben werden müssen, sondern digital übertragen werden können. Als dritten Punkt wünschte man sich Unterstützung von Apple, indem man die automatische Löschfunktion deaktiviert. Diese drei Dinge werden vom US-Gericht als „angemessene technische Unterstützung“ bewertet – Tim Cook sieht das komplett anders!

Wenn Apple für irgendwas bekannt ist, dann eigentlich dafür, dass sie sich selten öffentlich zu solchen Dingen erklären, schon gar nicht besonders ausführlich. In diesem Fall sieht das anders aus: Tim Cook persönlich haut auf der Apple-Seite ein sehr ausführliches und ein sehr klares Statement raus, indem er auch konkret auf den San Bernardino-Fall eingeht:

We have great respect for the professionals at the FBI, and we believe their intentions are good. Up to this point, we have done everything that is both within our power and within the law to help them. But now the U.S. government has asked us for something we simply do not have, and something we consider too dangerous to create. They have asked us to build a backdoor to the iPhone.

Specifically, the FBI wants us to make a new version of the iPhone operating system, circumventing several important security features, and install it on an iPhone recovered during the investigation. In the wrong hands, this software — which does not exist today — would have the potential to unlock any iPhone in someone’s physical possession.

Tim Cook stellt klar, dass man bei Apple nicht bereit ist, dem FBI ein solches Hintertürchen zu öffnen und weist in dem Zusammenhang auch darauf hin, dass es eine solche Software, die gefordert wird, bei Apple derzeit definitiv nicht gibt.

Man hat sich bei Apple nach Kräften bemüht, das iPhone genau so sicher zu machen, wie es das nun ist und ist nicht bereit, das System nun selbst zu schwächen, indem man fürs FBI eine entsprechende Software in Form einer speziellen iOS-Version entwickelt. Der Einwand: Wer garantiert Apple, dass es sich tatsächlich nur um dieses eine einzige Smartphone handelt, wenn die Lösung erst mal da ist?

Die Behörden gehen davon aus, dass es Apple möglich ist, eine solche Software bereitzustellen, die sicherstellt, dass explizit nur dieses eine Smartphone geknackt wird. Apple hingegen lässt verlauten, dass sie technisch nicht dazu in der Lage wären. Das – derzeitige – Ende vom Lied: Apple, welches deutlich gemacht hat, dass man bislang das FBI nach besten Kräften unterstützt hat, will sich dem Gerichtsbeschluss nicht beugen und dürfte fristgerecht einen Einspruch einreichen. Die Geschichte ist also noch nicht zu Ende erzählt, wir können aber festhalten, dass Tim Cook in diesem Fall eine gute Figur abgibt und sich öffentlich deutlich zugunsten seiner Kunden einsetzt, statt dem Druck von behördlicher Seite nachzugeben.

Quelle: Apple via sueddeutsche.de