Eines der besonders hervorgehobenen Features des neuen Moto X aus dem geleaten Rogers Werbevideo ist „Open Mic“. Das Smartphone „hört“ praktisch ständig zu und reagiert ohne vorheriges Berühren direkt auf Sprachkommandos. Auf den ersten Blick und rein technisch betrachtet ein interessantes Feature. Man kann das aber nicht nur technisch sehen…

Open Mic: Was bedeuten ständig zuhörende Smartphones?

Die technischen Fragen sind schnell gestellt und teilweise auch beantwortet. Was zum Beispiel bedeutet ein ständig aktives Mikro für die Akkulaufzeit? Wir werden es testen können. Werden ständig alle akustischen Signale zu Google-Server übertragen, um das Startkommando – im Film „Ok Google“ – zu identifizieren? Eher unwahrscheinlich, zumindest das Kommando wird wohl lokal identifiziert werden.

Aber man kann durchaus ein schlechtes Gefühl haben bei dem Gedanken, dass unsere Smartphones unbemerkt zu ständig aktiven Wanzen zur akustischen Überwachung werden könnten. Es ist natürlich nicht so, dass sie es nicht längst sein könnten. Und selbst ohne ständig aktives Mikro tragen wir hier schon Geräte mit uns herum, die eine ständige Überwachung unseres Standortes und unserer Bewegungen ermöglichen. Die meisten wissen das, aber wirklich bewusst ist es den wenigsten bei der täglichen Nutzung. Ein solches Feature ruft diese Möglichkeiten vielen aber wieder ins Bewusstsein.

Was wäre, wenn jemand, vielleicht ein Geheimdienst, auf die Idee käme, dass man per Beschluss eines Geheimgerichts Hersteller und Netzbetreiber dazu zwingen könnte, aus solchen modernen Smartphones akustische Wanzen zu machen, die auf bestimmte Worte reagieren sollen, wie Bombe, Explosion, Anschlag, Heiliger Krieg oder so? Unrealistisch? Stimmt, in etwa so unrealistisch wie die Vorstellung, dass Geheimdienste den kompletten Internettraffic bestimmter Glasfaserleitungen nach solchen Begriffen filtern würden. Oder die Idee, alle Briefsendungen zu fotografieren oder die gesamten Kommunikations-Metadaten eines Landes abzugreifen und auszuwerten. Würde doch niemand machen…

Ganz neu ist das Feature nicht, wenn auch diese Ausprägung neu ist:

Android 4.0 introduces a powerful new voice input engine that offers a continuous “open microphone” experience and streaming voice recognition. The new voice input engine lets you dictate the text you want, for as long as you want, using the language you want. You can speak continuously for a prolonged time, even pausing for intervals if needed, and dictate punctuation to create correct sentences.

Aber ob sich Motorola bzw. Google einen Gefallen damit tun, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein solches Feature groß zu bewerben darf man durchaus bezweifeln, immerhin hat der Prism-Skandal auch in den USA zumindest für eine etwas größere Sensibilität da Thema betreffend gesorgt.

Es gibt dann neben der Technik und der Privatsphäre noch einen Aspekt: Humor ;)

(Und trotz allem: Technisch interessant ist das Feature immer noch)

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  • stagerbn

    Wenn alles zu Google übertragen würde, wäre das ein Fest für die Mobilnetzbetreiber, die dann viel größere Volumenpakete verkaufen könnten.

    Ich persönlich war ansonsten noch nie ein Freund von Sprachsteuerung.

  • Ted

    wie du geschrieben hast ist es schon lange technisch möglich, dass das Smartphone immer mithört, von daher verändert sich durch Open Mic nicht wirklich etwas. Und es wird garantiert nicht alles zu Google Server übertragen, das würde ja ein enormes Datenvolumen bedeuten. Von daher habe ich kein Problem damit, und man wird es deaktivieren können.

  • DocJones

    Die Frage ist auch wieviele Datenmengen zu Google übertragen werden, aber ich denke, das wird kein größeres Problem darstellen. Trotz aller Bedenken in Sachen NSA-Schnüffelei würde ich aber das Feature gerne mal testen. Es soll ja ein extra Chip eingebaut sein, das die ganze Funktion steuert.. Nett wär auch noch wenn man das Startkommando einfach verändern könnte, in sagen wir mal “hey jarvis” :) und das Telefon dann auch noch antworten würde.. aber gut zuviel Traum :)

  • Mia

    nett geschrieben. denke auch, dass google bzw. motorola hier einen brillianten zeitpunkt für den produktlaunch gewählt hat. tja, manchmal – wenn nicht immer – entscheiden einfach nur ein paar zufälle über den erfolg oder misserfolg.

  • Coth

    Wär schön wenn man sich schon zur Xbox One mal so kritisch hingesetzt und den Panikmachern die Angst genommen hätte… Aber wenn es Google macht kann es ja nicht schlecht sein? ;)

    Trotzdem, danke für Artikel!

    • Stefan Richert

      Aber Coth, dann bist du hier im falschen Blog ;-) Mobilegeeks kriecht Android und auch Google ganz tief in den Arsch. Wenn Apple oder MS sowas vom Stapel lässt, dann ist große Panikmache oder “Rant-Time” aber bei Google finden sich relativ schnell gute, rationale Argumente, die aber dann evtl. nicht so viele Klicks generieren wie Apple-Bashing. Versteht mich nicht falsch, ich mag Android, aber könnte man mal von dem Gedanken wegkommen, dass Google auch nur ein Stück “gut” ist! Sie wollen Geld verdienen und spielen in der selben Liga wie Apple und Ms, nur mit dem besseren Marketing.

      Aber das beste ist es immer noch zu lesen, sich kritisch damit auseinanderzusetzen und nicht alles für bare Münze zu nehmen, was man in einem Blog vorgesetzt bekommt, gilt auch für Nachrichten und ähnliches.

      Hier wurde schon zu viele “Gerüchte/Leaks/und und und ” als Fakten verkauft und zwei Tage später hieß es Pustekuchen…

  • Markus

    Naja, generell ist ja erstmal jedes Mikrofon an einem Smartphone ein “Open Mic”. Oder wer klebt hier nach jedem Gespräch einen Streifen Tesafilm über sein Mikrofon? ;-) Die Frage ist, was wird wie ausgewertet? Wer sagt uns, dass Google nicht schon längst einen Hintergrunddienst laufen hat, der (auf Codewörter hört, dann) alles Aufzeichnet und an die NSA verschickt? Naja, da fallen mir 2 Sachen ein:

    1) Der gesunde Menschenverstand: Spracherkennung und -Auswertung ist immernoch eine der rechenintensivsten Aufgaben, die man einem “Standard-Prozessor” geben kann. Die Akkulaufzeit wäre also noch geringer als ohnehin schon. OK, lasst uns davon ausgehen, dass das bereits so ist, die Akkus würden also “normalerweise” viel länger halten, wir wissen nur nichts davon. Wie aber werden diese “Mitschnitte” übertragen? In den (bei mir recht konstanten) 18MB/Monat, die “Android OS” + “Google-Dienste” verbrauchen? OK, vielleicht werden ja keine Audiodateien übertragen, sondern die Sprache direkt in Textdateien umgewandelt!? Möglich! Aber da kommt 2) ins Spiel

    2) Softwareauswertung würde auffallen: Wieviele Menschen weltweit durchkämmen täglich den Android-Code? – Wir nutzen ja Open Source, Jippieh! Wäre nicht einem von ihnen aufgefallen, wenn da ein paar tausend Zeilen dafür verwendet würden, permanent nach Schlüsselwörtern zu suchen, ein Gespräch aufzunehmen, in Text umzuwandeln und zu versenden? Ich glaube schon ;-)

    Und genau hier liegt nämlich der Unterschied zum “Glasfaser anzapfen” und “Post abfotografieren”. Das findet nämlich “im öffentlichen Raum” statt, Traffic, der sowieso da ist, wird kopiert. Wärend diese befürchteten Abhörprozesse über Open Mic unmengen an zusätzlichem Traffic und LOKALEM (also bei uns in der Hosentasche) Auswertungsaufwand generieren würden.

    Und nun der Übergang zum Moto X:
    Wie ich ja schon angedeutet habe, denke ich, dass zumindest diese “Schlüsselwort-Erkennung” ausgelagert wird. Also irgendwo sitzt ein Chip, der die sowieso auftretenden Informationen am Mikrofon (kein Tesafilmstreifen) beobachtet und bei dem Codewort der CPU sagt: “Hey, der will mit dir reden, jetzt hör mal zu, WAS er genau zu sagen hat”.

    Natürlich gäbe es jetzt die Möglichkeit, eben auch andere Schlüsselworte (“wie Bombe, Explosion, Anschlag, Heiliger Krieg oder so”) abzufangen und der CPU zu sagen “Hey, pssst. Ist geheim, aber hör trotzdem mal zu, vielleicht interessiert das unsere Freunde von der NSA”. Da wären wir wieder bei Punkt 2. Softwareauswertung würde auffallen.

    Okay, dann schicken wir das nicht an die CPU, sondern an einen Voice-to-NSA-Converter, der das Gespräch aufzeichnet, direkt in Text umwandelt und verschickt. Würde so ein zusätzlicher Chip nicht auch irgendeinem Menschen auffallen, der mal öffentlich nachfragt wofür der da ist? Wo wir wieder bei dem Thema “Lokale Aufbereitung” sind ;-) Und ich glaube kaum, dass sich Motorola/Google diesem Risiko eines riesen Datenmissbrauchsskandals aussetzen würde. Egal wie groß der Politische Druck ist. DANN nämlich wäre auch eine Firma wie Google über Nacht pleite.

    Was ich mit diesem Roman sagen will? Ich finde diese ganze NSA-Geschichte auch hoch skandalös und ich denke auch, dass man, und vor Allem Blogs wie ihr, sehr offen über die Gefahren reden muss um auch die nicht so Technik-interessierten Bürger aufzurütteln. Aber genauso wichtig finde ich, dass nicht unnötig Angst geschürt wird indem jede neue Funktion erstmal unter Generalverdacht (ja, der Begriff ist bewusst gewählt) gestellt wird. Dadurch bleiben dann nämlich wirklich interessante technische Innovationen (die wir doch eigentlich alle wollen) auf der Strecke.

    Gruß

    Markus

    • DingDong

      Exakt, ich finde Prism (und natürlich Vorhaben der deutschen Regierung, die natürlich nichts macht ;-)) ist ein riesiger Haufen Müll, aber Google lebt von einem Vertrauensverhältnis. Wenn da etwas halbwegs dran können die eintüten.

      • Carsten Dobschat

        Also ich persönlich habe schon vor Prism Google nicht weiter getraut als ich eine Waschmaschine schmeissen kann. „Vertrauen“ zu einem Unternehmen haben, dessen primäres Ziel von Quartal zu Quartal stetig wachsende Gewinne ist? Hm, nö, da will sich bei mir kein so rechtes Vertrauensverhältnis einstellen

    • Carsten Dobschat

      Die Frage oben ist nicht, was wäre, wenn das jetzt schon heimlich passieren würde, die Wahrscheinlichkeit ist tatsächlich sehr gering. Die Frage ist, was wäre, wenn jemand auf die Idee käme genau so eine Überwachung anzuordnen? Also dem Netzbetreiber vorzuschreiben „Ignoriere diesen Traffic, stelle sie dem Kunden nicht in Rechnung“ und Goolge/dem Handyhersteller ein Stück Closed Source in die Hand zu drücken mit der Vorschrift das Ding heimlich beim nächsten Update auf bestimmten Geräten mit zu installieren. Da hilft Open Source auch nichts mehr…

      • Markus

        Und dieses Stück Closed Source würde niemandem auffallen? Falls nämlich doch, wären wir wieder bei der Kette “Offene Fragen -> riesen Skandal -> Pleite” ;-)

        • Mia

          genauso kannst du dich fragen, warum vor Snowden kein anderer Geheimdienstmitarbeiter schwach geworden ist bei den Heerscharen an Mitarbeitern, die darin involviert sind, und gequatscht hat

          • Markus

            Weil die alle im Gegensatz zu Android-Entwicklern einen Eid zur Verschwiegenheit abgelegt haben (davon gehe ich jedenfalls aus, ich kenne mich in dem Geheimdienswirrwarr nicht so aus).
            Da sind wir wieder bei dem großen Unterschied “Überwachung im öffentlichen Raum” und “Überwachung direkt bei den Menschen”.
            Es ist viel leichter, einen Großen Platz heimlich zu überwachen, indem man versteckte Kameras aufhängt, die jeden Winkel im Blick haben, als eine versteckte Kamera in jeder Wohnung der Welt aufzuhängen, ohne dass nicht mal irgendjemand eine bei sich zu Hause entdeckt.

        • Carsten Dobschat

          Wenn es nur auf einer kleinen Zahl an Smartphones installiert wird sicher nicht – würde jeder seinen Rechner und seine Smartphones und jede dort installierte Software genau unter die Lupe nehmen, dann gäbe es mit Sicherheit nicht so viele Probleme mit Botnetzen, meinst Du nicht?

          Aber wie schon geschrieben: So was wäre heute schon möglich, aber so ein Launch ist ein prima Anlass, sich diese Möglichkeiten mal wieder ins Bewusstsein zu rufen und ein paar Gedanken daran zu verschwenden. Und nur so nebenbei bemerkt: Diejenigen, die schon vor Edward Snowden immer wieder gesagt haben, dass die NSA alles mitliest wurden damals gerne als Paranoiker und Verschwörungstheoretiker bezeichnet – aufgrund dieser Erfahrung kann so ein wenig Paranoia vielleicht nicht schaden?

          • Markus

            Ich habe nie behauptet, dass dies kein guter Anlass ist, sich auch weitergehend mit den Aktuellen Themen zu beschäftigen. Im Gegenteil: Ich halte es für sehr wichtig, sich immer wieder aus gegebenem Anlass gewisse Dinge in Erinnerung zu rufen, sich damit zu beschäftigen und ggf. offen zu diskutieren! Und genau das tun wir doch hier ;-)

            Und natürlich besteht NACH WIE VOR die Gefahr, dass auf einzelne Geräte so ein Code unbemerkt über Update gelangen kann. Genauso wie die Gefahr besteht, dass ein Heizungsableser im Geheimdienstauftrag eine Wanze in deinem Wohnzimmer platziert.
            Nur liegt das nicht an dem neuen Feature (in diesem Fall dem “Open Mic”), sondern an der Art und Weise wie unsere (und andere) Regierungen generell mit dem Thema Datenschutz umgehen.

  • Toni Borgetto

    Ein paar Punkte:
    1) re “mein Telefon hört ständig zu”: das ist nichts Neues, gab es schon vor x Jahren – z.B. Ericsson T39 “Magic Word”
    http://www.manualslib.com/manual/159243/Ericsson-T39.html?page=85#manual

    2) Damals war Akkulaufzeit das Problem, das ist inzwischen gelöst, und man kann auch auf ein Magic Word hören ohne dass irgendwelche Daten übertragen werden etc.
    http://www.sensoryinc.com/products/trulyhandsfreevoicecontrol.html
    http://www.pcmag.com/article2/0,2817,2403854,00.asp

    3) die Phrase (“OK, Google Now” kann man laut Videos auch ändern. Ist zwar inzwischen gelöscht worden, aber hier war ein Beispiel mit “Moto Magic” – http://vimeo.com/70256940

  • Toby

    krass, noch nicht mal ein viertel Jahr her, da wurde Microsoft für diese Funktion in seiner neue XBox One medial und von diversesten Blogs an den Scheiterhaufen der Entrüstung gekettet.
    Gut, Microsoft ist ja evil, und von Google wissen wir, dass sie von sich selbst sagen “don’t be evil”. Wird also alles ok sein.

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