Canonical sorgte gestern mit der Vorstellung des neuen Ubuntu Linux für Smartphones für eine große Überraschung, denn Mark Shuttleworth zeigte eine beeindruckende Vision für ein mobiles Betriebssystem, das bei Bedarf auch als Desktop-OS verwendet werden kann. Unsere US-Kollegen haben inzwischen erste Hands-on-Videos veröffentlicht und es gibt so einige Zweifel, ob die vagen Zeitpläne der Entwickler nicht letztlich dafür sorgen werden, dass Ubuntu für Smartphones nur etwas für Frickler sein könnte, aber eben nicht für den Massenmarkt.

Videos: Ubuntus Smartphone-Variante im Hands-on  – Bleibt das neue Betriebssystem ein Frickler-Traum?

Shuttleworth machte in seinem Präsentationsvideo sehr deutlich klar, dass man mit Ubuntu für Smartphones noch ganz am Anfang steht, aber auch schnell voranschreiten will. Das Interface ist sicherlich innovativ und auch schön anzuschauen, doch gibt es abgesehen von der Software im Markt für Smartphone-Betriebssysteme auch noch ganz andere Hürden zu überwinden. Die in den Hands-on-Videos sichtbaren Verzögerungen bei der Bedienung der Oberfläche sind sicherlich durch Optimierungen auszuräumen, doch letztlich wird es für Ubuntu darum gehen, möglichst schnell voranzukommen, um nicht gleich wieder ins Hintertreffen zu geraten.

Die Ankündigung, dass man wohl erst Anfang 2014 ein Smartphone anbieten wird, das ab Werk mit Ubuntu ausgerüstet ist, ist zwar aufgrund der üblichen Vorlaufzeiten keine Überraschung, doch letztlich könnte dies für Canonical zu einem Problem werden. Die Konkurrenz von Apple, Google und nicht zuletzt Microsoft schläft schließlich nicht und dürfte mit all ihren Ressourcen weiterhin versuchen, sich im Wettbewerb an der Spitze zu halten.

Was innerhalb von einem Jahr passieren kann, hat die Vergangenheit bereits gezeigt. Vor einigen Jahren versuchte Palm mit webOS für Furore zu sorgen, doch letztlich scheiterte das eigentlich durchaus attraktive mobile Betriebssystem daran, dass die ersten Geräte damit ewig brauchten, bis sie wirklich verfügbar waren. Damals waren es allerdings nur Monate, die bis zur Verfügbarkeit vergingen – und nicht etwa ein Jahr wie jetzt im Fall von Ubuntu. Ein weiteres Beispiel für diese Problematik ist wohl Nokias MeeGo, das zwar so einiges zu bieten hatte, doch letztlich nie im großen Stil auf Smartphones zum Einsatz kam, weil die Entwickler es nicht schafften, das neue OS rechtzeitig unter dem Druck des Wettbewerbs massentauglich zu bekommen.

Die gleichen Zweifel kann man übrigens auch mit Blick auf das von den ehemaligen MeeGo-Entwicklern geschaffene neue Sailfish OS von Jolla und Firefox OS und wohl auch das von Samsung und Intel vorangetriebene Tizen OS begründetermaßen gelten lassen, denn auch in ihrem Fall kommt es vor allem darauf an, möglichst rasch eine breite Unterstützung aus der Industrie zu finden und so schnell wie nur irgendwie möglich mit attraktiver Hardware in den Markt zu starten. Für Linux-Entwickler und Frickelfreunde dürfte Ubuntu für Phones allerdings ein höchst attraktives Angebot sein, denn schon innerhalb der nächsten Wochen soll es Builds davon geben, die auf dem Samsung Galaxy Nexus eingesetzt werden können.

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  • Florian Schwade

    Ich persönlich finde das Ubuntu mobile OS interessant. Aber The Verge hat es schön gesagt “They have a speed problem. And I am not talking about the lag”. Hier http://www.theverge.com/2013/1/3/3831012/the-ubuntu-phone-has-a-speed-problem-and-im-not-talking-about-lag
    Hier steht’s im Grunde ja auch.

    Ein Jahr ist eine Menge Zeit, wenn sie etwas am Markt reißen wollen. Zu viel Zeit. Aber warten wir es mal ab. In einem Jahr kann sich auch bei Canonical sehr viel tun.

  • LinHead

    Neben dem Zeitplan sehe ich vor allem das Problem einen potenten Hardwarepartner (besser noch mehrere) zu finden. Um ein neues System in den Markt zu drücken und auf der Marktanteilebene überhaupt messbar zu werden, sollte es da schon eine ganze Bandbreite an Geräten sein.

    Der Möglichkeitenmix aus speziellen Apps und HTML5-Anwendungen (wie bei FirefoxOS) ist auf alle Fälle spannend.

    Canonical und Shuttleworth spielen ja stark auf die Vernetzung von Desktop und Mobil hin, dazu dürfen sie dann aber auch nicht Ubuntu Desktop aus den Augen lassen. Ehe das großflächig eingesetzt wird, sind ja auch noch Lücken (ein optisch ansprechendes, gescheites Office z.B., Datenbankanwendungen etc.) zu schließen und ist viel teure Überzeugungsarbeit (Marketing) zu leisten.
    Mein Tipp geht auch in Richtung Frickler und Geeks.

  • smo_o

    Ein gut funktionierendes OS zu bauen sollte die einfachste Aufgabe sein, das schwierigste wird sein, ein komplettes Ökosystem zu schaffen. Eine wichtige App, die fehlt, und schon hat es keine Chance auf dem Massenmarkt.

    Eine Chance aus meiner Sicht hätte Ubuntu: Wenn sie ein OS schaffen würden, dass komplett vertrauenswürdig ist. So richtig traue ich Google nicht, schließlich verdienen sie ihr Geld mit Datensammelei, und schon gar nicht den ganzen Apps, die alle möglichen Berechtigungen haben möchten. Ein Betriebssystem, wo alles quelloffen ist und alles verschlüsselt abläuft und jede App wirklich nur die Berechtigungen hat, die sie wirklich braucht und nicht ständig nach Hause telefoniert, wäre ein Traum für mich.

    • Norbell

      Ich glaube Chanonical geht im Grunde einen sehr guten Weg und ich denke das auch einige Unternehmen das so sehen werden. Zumindest wird man enige wenige Smartphnes zu entsprechenden Preisen irgend wo bei den Namenhaften Herstellern finden können. So ist es ja auch letztendlich mit den Notebooks mit Ubuntu. Es gibt sie, aber man findet sie kaum. Privacy wäre wirklich eine ganz wichtige Kiste und die Frage ist immer noch ob Canonical das alles auch als OpenSource freigeben wird. Ich hoffe es, denn nur so können wir alle davon profitieren. Ich denke auch das diese Smartphone ein vollständiges Linux Userland zur verfügung haben werden. Ich glaube das SDK beschränkt sich hier nur auf die Grundfunktionen die vereinfacht werden sollten. Ich bin gespannt und hofe da kommt noch einiges. :)

    • http://twitter.com/domenuk Dominik

      Dass Apps mehr Berechtigungen einholen als nötig wird sich auch bei Ubuntu nicht verhindern lassen. Liegt ja an den Programmieren.
      Android ist bis auf die Google eigenen Apps auch quelloffen. Bei Ubuntu wird es vermutlich auch closed source Anwendungen zum Download geben – Sonst wird’s nix mit dem ökosystem…

  • http://twitter.com/weltraumpirat Claus not Han Solo

    Was mich reizt ist, dass man gedockt einen kompletten Ubuntu PC hat. Nette Idee, die noch seines Gleichen sucht!
    Ich denke, dass das Ubtuntu OS für Smartphones ein gewissen Potenzial hat. Auf alle Fälle wird es so schnell keine zweite Lösung dieser Art geben.
    Bleibt die Frage, ob alle Desktop Apps auf dem Smartphone laufen…

  • Bernd Hubert

    Also wem es die Version für das Galaxy nexus gibt werd ich es sofort flashen ich finde das Projekt sehr interessant und hoffe echt das es was wird

  • http://dhrac.net dhrac

    Als Apple 2007 auf den Markt kam, war dieser für viele experten “schon längst aufgeteilt” (selbst Apple selber hatte sich für das erste Jahr nur wenige Prozent MA prophezeit). Was ist geschehen?

    Als dann Android kam, war der Markt “schon längst aufgeteilt”. Was ist passiert?

    RIM war mal der Held und ist im Sturz, Nokia und MSFT waren fast weg und holen gerade wieder auf. Was haben die “experten” gesagt?

    Shuttleworth hat meiner Meinung nach recht wenn er sagt, dass dieser Markt noch immer hoch dynamisch ist. Mit Ubuntu Mobile kommt nach webOS, WP8 und BB10 das 4. Mobile OS, das iOS verdammt alt aussehen lässt (Stichwort: Dumme, nichtssagende Icons).

    Nein Leute, der Kuchen ist weder aufgeteilt noch fertig gegessen – der ist noch nicht einmal fertig gebacken!

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  • clel

    Was außerdem noch positiv im Vergleich zu Android, aber auch iOS sein wird, sind die Updates, die wie bei der Ubuntu Desktop Version verteilt werden sollen, also sehr schnell verfügbar sein werden.

  • Arno

    Also mainstream sehe ich jetzt nicht, aber für Entwickler mit allen compilern und interpretern, super. Wenn es dazu eine vernünftige Docking-Station und ein phone mit 8-core CPU und mind. 4 GB gibt, sofort bestellt.

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