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10 Year Challenge: Harmloser Hype oder bedenklicher Quatsch?

Bei der 10-Year-Challenge posten Nutzer Fotos von vor zehn Jahren und stellen es einem aktuellen Bild gegenüber. Erste mahnende Stimmen warnen vor dem Hype.

von Carsten Drees am 16. Januar 2019

Egal, ob ihr euch auf Facebook, Instagram oder Twitter bewegt: In den sozialen Netzwerken kann man derzeit kaum der 10-Year-Challenge entkommen. Unter Hashtags wie #10yearchallenge oder #2009vs2019 veröffentlichen die Nutzer Bilder, in denen zwei Fotos gegenüber gestellt werden: Links ein zehn Jahre altes Bild von 2009, rechts ein aktuelles aus diesem Jahr.

Die ganze Welt stürzt sich drauf — Promis machen reihenweise mit bei dem Spielchen (zumindest diejenigen, die die Zahl der Schönheits-OPs noch an einer Hand abzählen können) und allein auf Instagram gibt es unter dem Hashtag #10yearchallenge bereits über 1,8 Millionen Treffer. Auch mein Facebook-Feed ist voll von Bildern, in denen Freunde zeigen können, wie gnädig die Zeit zu ihnen war.

Bei diesen ganzen Challenges (nur Schwarz-Weiß-Fotos, Lieblings-Alben, Lieblings-Bücher usw und möglichst noch wen nominieren, der es einem nachtut) halte ich mich tunlichst raus. Wenn ich schon eine Ankündigung lese, dass man Facebook jetzt mal mit tollen Fotos, Videos, Sonstwas fluten möchte, schalte ich bereits innerlich auf Durchzug. Ich hab auch keine Ice-Bucket-Challenge mitgemacht oder andere Späße, hinter denen ein guter Zweck steckt (auch, wenn das den meisten Teilnehmenden oft gar nicht bewusst ist), verurteile aber selbstverständlich auch niemanden, der an diesen ganzen Geschichten Spaß hat.

Im Gegensatz zu teils gefährlichen Challenges (Bird Box Challenge, anyone?) ist man bei der 10-Year-Challenge ja auch weder für sich noch für andere eine tatsächliche Gefahr. Wenn ihr also drüber stolpert und auch Bock drauf habt: Feel free! Dennoch will ich ein paar Gedanken dazu loswerden und auch darauf hinweisen, dass es einige gibt, die auch bei diesem vermeintlich harmlosen Posten von eigenen Fotos eine Gefahr sehen.

Freiwilliges Posten von Daten? Mark Zuckerberg gefällt das

Irgendwo im Netz habe ich gelesen, dass die Teilnahme der Challenge nur dazu dient, dass man sich selbst beweihräuchert nach dem Motto: “Schaut mal – es ist, als ob die Zeit stehengeblieben ist” oder so ähnlich. Ganz ehrlich: So ein bisschen Selbst-Liebe finde ich absolut okay und wenn ihr tatsächlich das Glück habt, dass ihr auf den 2019er-Fotos nicht viel älter ausseht als auf denen von 2009, dann zeigt das von mir aus auch gern.

Bedenkt dabei aber, dass ihr Facebook — oder eben auch Instagram und Twitter — damit wieder kostbare Datenschätze auf die firmeneigenen Server spült, mit denen die ganz sicher was anzufangen wissen. Wired hat sich auch mit dem Thema befasst und weist daraufhin, dass diese Challenge perfekt dazu geeignet ist, die künstliche Intelligenz bei der Gesichtserkennung zu trainieren.

“Aber die Fotos hatte ich doch sowieso schon online” — jau, stimmt. Der Punkt ist aber dennoch nicht zu vernachlässigen. Es gibt verschiedene Varianten der Challenge. Mal werden explizit Fotos von 2009 und 2019 gepostet, manchmal hingegen aber auch einfach das älteste und aktuellste Profilfoto. Gerade aus dem letzteren lässt sich ableiten, dass Facebook die Daten ja sowieso schon besitzt.

Grundsätzlich stimmt das ja auch: Facebook kennt beide Bilder und weiß auch, wann ihr sie gepostet habt. Was Facebook aber nicht weiß: War das ein aktuelles Foto, als es gepostet wurde? Wurde es vielleicht auch mehrmals hochgeladen? Die Social-Media-Plattformen sind natürlich bestens drauf trainiert, all unsere Daten zu nutzen und sie in einen Kontext zueinander zu setzen.

Ich selbst mache es Facebook ja auch nicht besonders leicht: Ein altes Bild hab ich immer wieder mal genutzt, zwischendurch war mein Profilbild auch mal Elvis Presley, Peter Falk, Homer Simpson oder Dr. Bob. Das macht es für Facebook natürlich schwieriger, aus dem ganzen Kram schlüssig abzuleiten, wie ich zu welchem Zeitpunkt ausgesehen habe.

Selbst EXIF-Daten sind nicht wirklich zuverlässig — ihr könnt ja auch einfach jetzt ein uraltes Foto nehmen, einscannen und hochladen. In dem Fall wird euer Party-Bild von 1996 als brandaktuelles Foto erfasst.

Jetzt kommt aber eben diese Challenge. Leute packen fein säuberlich zwei Bilder von sich nebeneinander, nennen die jeweiligen Jahreszahlen auch noch dazu und somit liefert man einfach verwertbares Material an die Netzwerke. Dazu kommt auch noch, dass oftmals auch noch Geschichtchen zu den jeweiligen Fotos erzählt werden, so dass Facebook eventuell noch weiteren Kontext erhält — wer war mit mir unterwegs, wo wurde das Foto gemacht usw.

Wie gesagt: All das sage ich nicht, weil ich euch bei einem netten kleinen Zeitvertreib stören will und wieder mal den Partygast spiele, der einen dampfenden Haufen aufs Büfett setzt. Ich sage das deswegen, weil wir im letzten Jahr wie nie zuvor lernen mussten, dass unsere Daten in den Social Networks alles mögliche sind, aber sicher nicht sicher — und wir trotzdem jeden behämmerten Name-Test und sonst noch was mitmachen, um des den Unternehmen noch leichter zu machen.

Wired hat auch drei Konsequenzen herausgearbeitet, die sich aus dem Erfassen und Einordnen dieser neuen Daten ergeben könnten:

Im besten Fall könnte man all das, was man über Gesichtserkennung lernt, dazu nutzen, um verschwundene Menschen ausfindig zu machen. Beispiel: Binnen weniger Tage konnten tausende vermisste Kinder in Indien ausfindig gemacht werden.

Im Normalfall werden diese Daten verwendet, um Inhalte — vor allem wohl Werbung — für uns passender zu machen. Oft nennen wir kein Alter auf Facebook, da könnte es hilfreich sein, wenn wir dem Unternehmen mit unseren Infos ein wenig auf die Sprünge helfen. Indem unser Alter besser eingeordnet werden kann, können wir auch alterstechnisch besser in eine bestimmte Zielgruppe gepackt werden.

Im schlimmeren Fall könnten die Daten allerdings auch genutzt werden, um unser Alter gegen uns einzusetzen. Eine Versicherung, die anhand dieser Bilder feststellt, dass wir vielleicht älter aussehen, als es typisch für unseren Jahrgang ist, könnte auf die Idee kommen, uns deswegen auszuschließen oder eine höhere Rate zu verlangen.

Nicht vergessen wollen wir auch, dass Unternehmen wie Amazon Informationen aus der Gesichtserkennung auch schon mal an die Polizei weitergibt. Das Gesichtserkennungs-Programm von Amazon nennt sich Rekognition und funktioniert sowohl für Bilder als auch Videos. Zu den Fotos erklärt Amazon selbst Folgendes:

Rekognition Image ist ein mit Deep Learning ausgestatteter Bilderkennungsservice, der Objekte, Szenen, Gesichter, Text, bekannte Persönlichkeiten und unangemessene Bildinhalte erkennt. Außerdem können Sie damit Gesichter suchen und vergleichen. Hinter Rekognition Image arbeitet die bewährte, hochgradig skalierbare Deep Learning-Technologie, die von Amazon-Wissenschaftlern entwickelt wurde, damit mittels maschinellen Sehfunktionen (Computer Vision) für Prime Photos täglich Milliarden Bilder analysiert werden können. Der Service gibt für alle erkannten Objekte einen Konfidenzwert aus, auf dessen Grundlage Sie fundierte Entscheidungen zur Verwendung der Ergebnisse treffen können. Darüber hinaus werden für alle erkannten Gesichter die Koordinaten eines rechteckigen Begrenzungsrahmens um das Gesicht herum ausgegeben, anhand dessen die Position des Gesichts im Bild ermittelt werden kann.

Es wird Behörden also bestenfalls möglich gemacht, Datenbanken nach Gewalttätern automatisiert binnen Stunden oder gar Minuten auszuwerten, was vorher viele Tage oder Wochen beansprucht hätte. Andererseits müssen wir aber dann auch mit der Ungewissheit leben, dass wir eben nicht genau wissen, wozu diese Infos noch genutzt werden können bzw. ob wir auch dann erfasst werden, wenn wir überhaupt keine Straftäter sind (beispielsweise bei einer Demo).

Nochmal: Ich will euch den Spaß nicht vermiesen, aber wir sollten uns zumindest alle dessen bewusst sein, was wir so tun, was Facebook und die anderen Plattformen tun und was daraus resultieren könnte.

Damit es Facebook, Instagram und Twitter nicht allzu leicht haben, werden unsere Feeds derzeit aber auch mit Bildern gepostet, die sich über die Challenge lustig machen. Aus meinem folgenden Beitrag zum Beispiel kann Instagram sicher nicht ableiten, wie sehr ich in zehn Jahren gealtert bin:

Ein weiteres Beispiel dafür, dass auch Facebook es nicht immer einfach hat, aus dieser 10-Year-Challenge neue Erkenntnisse zu gewinnen, liefert Micky Beisenherz. Wie so oft besteht bei einem Internet-Hype die zweite Welle aus den Leuten, die sich vermeintlich für witzig halten — Leute wie Micky und ich halt ;-)

Ja, ich weiß: Mein Bild ist nur so mittellustig und das mit Cosby eher tragisch. Dennoch wird Mr. Zuckerberg mit beiden nicht viel anfangen können (auch, wenn das nicht unsere Intention war). Das ändert aber nichts daran, dass wir gerade Millionen Bilder ins Netz feuern, aus denen sich ordentlich ableiten lässt, wie alt wir jetzt aussehen im Vergleich zum Jahr 2009. Sollte eben kein großes Drama sein, aber zumindest solltet ihr kurz drüber nachdenken, bevor ihr euch auf die Challenge stürzt.

PS: Beim Artikelbild habe ich euch ein wenig ausgetrickst, denn die Bilder sind weder von 2009 oder 2019 und sie liegen auch nicht zehn Jahre auseinander. Das linke Foto ist von 2007 und das andere von 2015. Der Halunke hat tatsächlich seitdem sein Profilbild nicht mehr aktualisiert — er wird wissen, warum ;-)