190 Herzen

Wieder so ein Abend, der einen in Schockstarre versetzt: Ein LKW fährt mitten in Berlin in einen Weihnachtsmarkt, tötet und verletzt viele Menschen. Auch online nimmt das Elend seinen Lauf - diesmal ohne mich! 
von Carsten Drees am 20. Dezember 2016

Als eben – vor einigen Stunden – verkündet wurde, dass sich in Berlin ein Unglück ereignet hat, bei dem nach aktuellem Stand neun Menschen starben und Dutzende verletzt wurden, konnte man schon wieder ahnen, was passieren würde. Dachte ich zumindest! Ich hab anlässlich der Anschläge in Paris vor einem Jahr schließlich schon einmal all das niedergeschrieben – die ersten Breaking-News, die ersten Spekulationen, die ersten Schuldzuweisungen und all das. Von Social-Media-Reflexen sprach ich vor ziemlich genau 13 Monaten:

Von Terror, Trauer und Social Media-Reflexen – ein Kommentar

Jetzt sitze ich hier, hab den Artikel von letztem Jahr selbst noch einmal gelesen und glaube, das meiste davon passt auch ganz genau auf die Geschehnisse von Berlin, wo eben ein LKW mitten in Berlin in der Nähe der Gedächtniskirche in einen Weihnachtsmarkt und somit in eine Menschenmenge rauschte und wenigstens neun Menschen tötete.

Etwas ist aber doch anders als letztes Mal: Ich kann es nicht mehr ertragen! Zu viel ist passiert in diesem Jahr. Es gab neue Anschläge – u.a. auch den in Nizza, bei dem ebenfalls ein LKW in eine Menschenmenge raste und furchtbares Leid anrichtete. Aber vor allem hat sich das Klima noch weiter verschlimmert im Vergleich zum letzten Jahr.

Dass die AfD sich möglichst schnell positioniert, überrascht dabei noch am wenigsten. Man ist mittlerweile fast schon drauf eingestellt, dass einem erst mal die Kotze im Hals steht, wenn man den ersten Tweet der Rechtspopulisten zu lesen bekommt – wie hier vom Göttergatten Frauke Petrys:

Schuldzuweisungen, vorschnelle Analysen, immer wieder Beschimpfungen – all das kommt mir zum Ende des Jahres 2016 so viel schlimmer vor als in den Jahren zuvor und ich muss zugeben, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Der Blick in die Kommentarspalten hat mir klar gemacht, dass ich mich heute Nacht fernhalten muss von den sozialen Netzwerken.

Das Einzige, was ich heute noch getan habe, nachdem die Tat bekannt wurde: Ich hab den Safety-Check von Facebook verfolgt, den das Unternehmen eigens für Berlin aktiviert hat. Bis jetzt sind dort 190 Menschen zusammen gekommen, die aus meinem Freundeskreis in Berlin leben oder sich aktuell dort aufhalten sollen. Es hatte tatsächlich etwas fast schon Beruhigendes, dabei zuzusehen, wie sich sehr schnell immer mehr dieser 190 Facebook-Freunde als „In Sicherheit“ markierten.

Mittlerweile ist es 0.40 Uhr und immerhin 152 Personen sind Facebook zufolge als sicher gemeldet. „Gefällt mir“ klicken schien mir irgendwie nicht richtig, weil es einem einfach nicht gefallen kann, wenn ein Feature wie der Sicherheits-Check von Facebook für die eigene Hauptstadt aktiviert werden muss. Ich hab mich für das Herz entschieden – erfreulicherweise können wir unsere Reaktionen ja mittlerweile differenzierter ausdrücken als nur durch den Daumen nach oben. Ein Herz scheint mir echt das richtige Symbol zu sein in diesem Moment.

Ich will nicht spekulieren, wie die Tat genau abgelaufen ist oder wer dahinter steckt und ich hab auch gerade nicht die Kraft, mich mit jedem Schwachkopf zu zoffen, der es „schon immer gewusst“ hatte, oder der es auf Merkel schiebt. Ich will auch nicht spekulierenden Journalisten vor Rettungswagenkulisse zuhören, oder Debatten lesen darüber, wer jetzt welches Profilbild für richtig hält und wer den Wettkampf ums „Logo zum Schreckens-Event“ gewonnen hat.

Selbst die Aufforderung zu Besonnenheit, Toleranz und für ein freundliches Miteinander will mir heute nicht so ganz über die Lippen kommen. Dieser Wust an verblendeten, hasserfüllten Menschen macht mich einfach nur müde.

190 Menschen, die sich angeblich in Berlin oder in der Nähe aufgehalten haben aus dem eigenen weiteren Bekanntenkreis. Das ist eine verdammte Menge! Ich hab jedem einzelnen davon, der sich auf Facebook als sicher markiert hat, eben ein Herz verpasst. Das macht aktuell schon über 150 Herzen – und wenn ich morgen aufstehe, dann hoffe ich, dass ich auf 190 Herzen kommen werde, was gleichbedeutend damit ist, dass jeder meiner Bekannten sicher ist. Vermutlich werde ich auch morgen wieder pöbeln gegen rechtspopulistische und -radikale Idioten, heute aber ist mir das alles zu viel – erst mal zählen nur diese 190 Herzen auf Facebook…

 

Wen meine Gedanken und Ideen zu den Ereignissen in Paris im letzten Jahr interessieren, die eigentlich als Blaupause dienen könnten zum heutigen Abend oder zu jeder online besprochenen Katastrophe, den verweise ich nochmals auf meinen Paris-Artikel.

Von Terror, Trauer und Social Media-Reflexen – ein Kommentar

PS: Den Titel „190 Herzen“ hab ich auch bewusst so schlicht und abstrakt gewählt. Er steht natürlich für die 190 Facebook-Freunde in und um Berlin, von denen ich hoffe, dass es ihnen allesamt gut geht. Es soll aber auch ein Titel sein, in welchem weder „Berlin“, noch „Schrecken“, „Katastrophe“, „Terror“ oder sonst was vorkommt. Weil ich genau weiß, dass es auch Leute gibt, die sich daran wieder stoßen würden, die einem Clickbait unterstellen und vermutlich auch noch vorwerfen, dass man mit dem Elend anderer Leute noch Quote machen will.