20 Jahre ICQ – die Mutter aller Messenger feiert Geburtstag

Happy Birthday, ICQ - die Mutter aller Messenger feiert den 20. Geburtstag. Als erster Instant-Messaging-Dienst seiner Art gab es damals kaum jemanden, der nicht über diese Plattform chattete. Wir blicken zurück.
von Carsten Drees am 16. November 2016

Meine Güte, 1996! Wer kann sich noch erinnern, was in diesem Jahr alles passiert ist? Oliver Bierhoff hat uns mit dem ersten Golden Goal der Fußballgeschichte im altehrwürdigen Wembley-Stadion zum Europameister-Titel geschossen, Bill Clinton wurde als US-Präsident wiedergewählt, irgendwo feiert ein junger Kerl namens Caschy zur schwer angesagten Eurodance-Musik und die Telekom geht an die Börse. Ein Kinderschänder-Skandal in Belgien erschüttert die Welt, Prince Charles und Lady Di haben sich getrennt und in Tschetschenien wütet der Krieg.

In diesem Jahr startet auch ICQ durch – der erste Instant Messenger, seinerzeit vom israelischen Start-Up Mirabilis ins Leben gerufen. Ich machte Mitte der Neunziger meine ersten Gehversuche in diesem noch so frischen Internet. Ich kann mich erinnern, dass ich damals das Netz nutzte, um mir Depeche Mode-Fotos und -Logos herunterzuladen, mich über Musik, Sport und Politik zu informieren und glaubt mir: Das alles sah so so anders aus als heute – stellt es euch wie Videotext mit pixeligen Bildern vor.

Gechattet oder generell mit anderen kommuniziert hab ich eigentlich gar nicht zu dem Zeitpunkt. Foren hab ich erst später – so Ende der Neunziger – für mich entdeckt und Chat-Räume waren nie wirklich mein Ding. Bis zum heutigen Tag macht es mich rasend, dass man währenddessen nichts anderes treiben kann, weil man sonst im Chat den Anschluss verliert. Da war es eine Wohltat, als mir einer meiner Freunde ICQ empfahl.

icq-birthday

Dort konnte man chatten, ohne dass man ewig auf Empfang gepolt war und dann antworten, wann es einem passt. Dazu fand das noch in 1:1-Chats (oder auch selbst definierbaren Gruppen-Chats) statt – ebenfalls etwas, was ich dem Getümmel in Chat-Räumen vorzog. Was heute dank unzähliger Messenger für jedermann schon lange selbstverständlich ist, löste seinerzeit eine Chat-Revolution aus – ICQ gilt als allererster Instant-Messaging-Dienst im Internet.

Das Tool war zudem kostenlos – kein Wunder also, dass sich das ganze Internet auf diesen Service stürzte. Zu Spitzenzeiten konnte ICQ über 100 Millionen Nutzer verzeichnen – auch für heutige Verhältnisse ein äußerst hoher Wert. Legendär waren die Sounds, die ICQ mitbrachte – folgender Sound ertönte jedes Mal, wenn euch eine Nachricht erreichte:

Ich merke übrigens gerade beim Hören dieses “Uh-oh” schon wieder, wie ich latent genervt bin – ich bin also immer noch entsprechend konditioniert ;) Der Name ICQ steht übrigens für “I seek You”, also übersetzt “ich suche Dich” und ich erinnere mich daran, dass an diese Übersetzung angelehnt auch mit IsuDi eine deutsche Community von ICQ-Nutzern entstanden ist. So manchen Kontakt jener Zeit kenne und schätze ich auch heute noch – erst gestern unterhielt ich mich witzigerweise noch über das Thema ICQ mit einer besonders lieben Freundin, die ich seinerzeit erst über ICQ wirklich kennen lernte.

Stolperte man irgendwo im Netz – beispielsweise im später von mir viel frequentierten Depeche-Forum über eine interessante Person, war die Weitergabe der UIN ebenso obligatorisch wie heute das Vernetzen via Facebook. UIN steht für Unique Identification Number, also so viel wie “Eindeutige Identifizierungsnummer” Wenn ihr euch für ICQ registriert hat, wurde diese Nummer vergeben und von euch durch ein Passwort geschützt. Diese Nummer brannte sich einem förmlich ein und auch, wenn ich ICQ seit über einem Jahrzehnt nicht mehr nutze, kann ich meine 49856839 auch heute immer noch auswendig aufsagen.

ICQ-Version 2001b
ICQ-Version 2001b

1998 kaufte AOL – ein weiterer Internet-Dinosaurier – Mirabilis inklusive ICQ für über 400 Millionen Dollar und für mein Empfinden begann auch danach dann der langsame Abstieg des Instant-Messaging-Dienstes. Das Protokoll wurde damals dann auch von anderen Messengern übernommen, viele ICQ-User wichen damit auf andere Plattformen aus, beispielsweise Miranda oder vor allem Trillian.

Als ICQ, welches über die Jahre auch immer weiter verändert und ver(schlimm)bessert wurde, 2010 dann an die mail.ru-Gruppe in Russland verkauft wurde, sollen aber immerhin noch über 42 Millionen Nutzer an Bord gewesen sein. Zuletzt wurden 2013 Zahlen für den Nutzerbestand kommuniziert, damals waren es noch 11 Millionen – es ist also davon auszugehen, dass diese Zahl heute nochmal deutlich darunter liegen dürfte.

So präsentierte sich ICQ im Jahr 2007
So präsentierte sich ICQ im Jahr 2007 (witzig bei dem User übrigens, wie er zwischen “Freunden” und “Mädels” trennt ^^)

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass ICQ aufgehört hat, weiter mit neuen Funktionen um Nutzer zu kämpfen. Leider hat man zu AOL-Zeiten die Gelegenheit verpasst, früh auf mobile Devices zu setzen. Der Mobile-Zug ist ohne ICQ abgefahren und seitdem hechtet der Messenger da mit der Implementierung neuer Features hinterher, um die Nutzer wieder einzufangen. Logisch, dass ihr heute ICQ über eine Vielzahl von Plattformen nutzen könnt, vorneweg natürlich Android und iOS.

ICQ Video chat & Messenger
ICQ Video chat & Messenger
Entwickler: LLC Mail.Ru
Preis: Kostenlos
ICQ – Anrufe und Chat
ICQ – Anrufe und Chat
Entwickler:
Preis: Kostenlos

Quo vadis, ICQ?

Mittlerweile ist ICQ ein sehr moderner und – augenscheinlich – auch wirklich gut nutzbarer Messenger geworden. Ihr habt nahezu alles zur Verfügung, was andere Dienste auch bieten können, angefangen von Video-Chats und Internet-Telefonie über die Möglichkeit, Fotos und Videos zu bearbeiten und dann zu versenden bis hin zu Filtern und Masken, die ihr in Echtzeit nutzen könnt. Zudem ist euer Chatverlauf über alle eingesetzten Geräte synchron – und es wird von Ende zu Ende verschlüsselt. Die folgenden Bilder zeigen, dass ICQ sich technisch heute absolut auf der Höhe der Zeit befindet:

ICQ bietet mittlerweile auch Effekte, wie wir sie von der App Prisma kennen
ICQ bietet mittlerweile auch Effekte, wie wir sie von der App Prisma kennen
icq-masken
Masken-Effekte wie bei Snapchat oder MSQRD beherrscht ICQ ebenfalls
icq-video-filter
Auch für Videos setzt ICQ auf neuronale Netzwerke

Sei es drum: Gegen Facebook Messenger, WhatsApp und anderen Plattformen wie Snapchat wird sich ICQ auch mit noch so vielen Neuerungen schwer tun, weil heute schlicht die Nutzerbasis nicht mehr da ist. Die Entwickler hält das natürlich nicht ab: Hier könnt ihr nicht nur ausführlich die Geschichte der ICQ-Versionen nachlesen, sondern bekommt auch einen Ausblick auf die Verbesserungen, an denen man derzeit arbeitet:

  • end-to-end conversation history: all your messages will be available on all devices and clients, no matter where you log in;
  • unlimited live chats: you can create chats with an unlimited number of participants, and join any public chat;
  • short voice messages transcribed as text: you can say any phrase to ICQ, and it will recognize and transform your incoming or sent voice message into a text; this function is based on the same technology that powers Siri.

Ehrlich gesagt wünsche ich mir schon ein bisschen, dass ICQ nochmal die Kurve kriegt, denn bei der Recherche zu diesem Artikel musste ich mit Erstaunen feststellen, dass ICQ heute richtig viel auf der Pfanne hat. Nichtsdestotrotz ist es ein schwieriges Unterfangen, einmal verlorene Nutzer wieder zurückzugewinnen – oder neue Nutzer zu begeistern, die die vorhandenen Features eben auch bei Snapchat, WhatsApp und Co finden.

Wie sind eure Gedanken zu ICQ? Kennt ihr eure alten Nummern noch? Setzt der ein oder andere den Dienst vielleicht noch ein? Und wie schätzt ihr die Chancen von ICQ ein, nochmal als Messenger Fuß fassen zu können? Schreibt es uns in die Comments! Ich jedenfalls stoße mit meinem imaginären Champagner-Glas auf 20 Jahre ICQ an und drücke die Daumen für eine erfolgreiche Zukunft.

via TechCrunch