Pac-Man: Anleitung für das Spiel in der Atari 2600-Version

Kindererziehung mal anders
25 Jahre Computerspiel-Geschichte in 4 Jahren

Wie erzieht man seine Kinder und ab wann lässt man sie welche Computerspiele spielen? Ein Vater, selbst groß geworden in den Achtzigern mit Atari und Co, hat seinem Jungen einen Crash-Kurs in Computerspiel-Geschichte verpasst: 25 Jahre Gaming innerhalb von vier Jahren!

Schon öfters – wenn sich das Thema des Artikels dafür angeboten hat – habe ich euch hier einleitend wissen lassen, dass ich bereits Ende der Siebziger zum Computerspiel-Fan geworden bin. Ich glaube, ich muss so 6 oder 7 Jahre alt gewesen sein, als mein Dad – damals Elektor-Abonnent – anhand einer in diesem Magazin veröffentlichten Anleitung eine eigene Spielkonsole zusammenklöppelte, mit der man dann auf dem Fernseher eine Pong-Variante spielen konnte. Darauf folgte dann – logischerweise – die Atari-Konsole, bevor man dann irgendwann ins japanische Konsolen-Universum eintauchte mit den Kisten von Sega und Nintendo.

Irgendwie hielt man die Anhäufung sehr überschaubarer Pixelmengen von Anfang an stets für “total realistisch”, obwohl die Spielfiguren in den Games anfangs doch alle sehr ähnlich aussahen und es nicht wirklich einfach war, ein Fußball-Spiel von einem Eishockey-Spiel zu unterscheiden etc. Aber geschenkt: Es hat bereits damals stets riesig Spaß gemacht und sowohl die späteren Atari-Spiele als auch das, was dann mit NES, SNES, Master System und Mega Drive zu kaufen war, konnte meistens vom Spielprinzip begeistern. Nach und nach wurden die Darstellungen immer besser und aufwändiger und als Mitte der Neunziger die “Next Generation” eingeläutet wurde mit dem Sega Saturn, der Sony PlayStation und etwas später dem Nintendo 64, hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass das Spielprinzip eines Games nicht mehr das allerwichtigste war.

Oft begnügten sich die Hersteller plötzlich damit, alte Spiele nur noch grafisch aufzumotzen und/oder sie in der dritten Dimension umzusetzen. Spiele-Klassiker wie Lemmings funktionierten für mich auf diese Weise vom Spielspaß und Spielwitz nicht mehr, bei anderen Spielen wie Super Mario 64 oder Virtua Fighter funktionierte das Gameplay hingegen und profitierte sogar von den neuen technischen Möglichkeiten.

Wieso ich euch all das hier so ausführlich erzähle? Weil ich die Gaming-Welt ganz anders kennen gelernt habe als jemand, der beispielsweise mit der ersten PlayStation oder noch später mit einer Xbox groß geworden ist. Die Grafik war seinerzeit absolut egal, lediglich die Idee des Spiels interessierte und fesselte einen dadurch wochen- oder monatelang. In diesem Beitrag geht es aber nicht um mich, sondern um Andy Baio, der damals wohl ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich.

Baio ist Blogger, Gaming-Fan, war mal CTO bei Kickstarter und als Upcoming.org-Gründer ein paar Jahre bei Yahoo unter Vertrag, schrieb darüber hinaus u.a. für Wired und die New York Times. Seit 2004 ist Andy Baio aber auch noch was anderes: Vater eines Jungen! Er war schon immer begeistert von der Idee, dass man mit seinem Nachwuchs ein wenig “experimentieren” könnte, da es immerhin sowas wie eine geklonte Version von einem selbst ist, erklärt er in seinem Blog-Artikel. So plante er zunächst, sein Kind in dem Glauben aufwachsen zu lassen, dass sie sich alle in einer Computer-Simulation befinden – Baios Frau intervenierte glücklicherweise erfolgreich ;)

Das Experiment

Bei einem anderen Experiment hingegen konnte sie die Durchführung nicht verhindern und die hing mit Baios Leidenschaft für die alten Spiele-Klassiker zusammen. Während er 1977 pünktlich zum Konsolen-Boom auf die Welt kam, den die Atari-Konsole auslöste, wurde sein Sohn Eliot 2004 geboren – im gleichen Jahr, indem Half-Life 2 und Doom 3 erschienen. Er stellte sich angesichts der Entwicklung bei Computerspielen folgende Frage:

What happens when a 21st-century kid plays through video game history in chronological order?

Er wollte seinem Sohn also schon früh erlauben, sich mit Computerspielen zu beschäftigen, hat ihm aber aktuelle Titel dabei vorenthalten und wollte ihm die alten Klassiker nahe bringen. Er ging dabei chronologisch vor und führte seinen Jungen dementsprechend in die Welt der Atari 2600-Spiele ein. Baio hatte sich seinen Schlachtplan dafür vorher bereits gründlich durchdacht:

Start with the arcade classics and Atari 2600, from Asteroids to Zaxxon. After a year, move on to the 8-bit era with the NES and Sega classics. The next year, the SNES, Game Boy, and classic PC adventure games. Then the PlayStation and N64, Xbox and GBA, and so on until we’re caught up with the modern era of gaming.

Bei diesem Experiment ging es dem Vater nicht etwa darum, in wie kurzer Zeit man aus dem Filius eine Couch-Kartoffel machen kann, die nur vor der Kiste hängt. Vielmehr wollte er sehen, wie sich diese Vorgehensweise auf die Interessen des Sohns auswirkt: Wird er durch diesen Spiele-Crashkurs kleine, unabhängige Spiele zu schätzen wissen anstatt sich auf millionenschwere Spiele wie Destiny oder GTA zu stürzen? Wird er sich mehr für Spielphysik und Spielwitz interessieren als für beeindruckende Grafik? Oder würde er denken, dass sich Computerspiele in kürzester Zeit so entwickelt hätten und sich fragen, wieso die heutige Entwicklung so ins Stocken geraten ist?

Der vierte Geburtstag

Retro-Spielkonsole im Pac-Man-DesignAm vierten Geburtstag von Eliot begann das Gaming-Abenteuer und zwar mit einer Plug & Play-Retro-Konsole im Pac-Man-Design, auf der neben diversen Pac-Man-Versionen auch andere Spiele-Klassiker wie Galaxian und Dig Dug enthalten waren.

Die Dinger kann man sich in unzähligen Designs zulegen und so für recht kleines Geld ein paar der alten Spiele aus den Anfangsjahren der Spielekonsolen dann am heimischen Fernseher zocken.

Jetzt kann man sich überlegen, wie angebracht es ist, ein Kind schon in diesem Alter an die Materie heranzuführen, aber das wäre ein Thema für einen eigenen Artikel, glaube ich – heute beobachten wir nur das Experiment von Andy Baio.

Der Kleine entdeckte direkt Pac-Man für sich und Baio hatte das Gefühl, dabei seinem jüngeren Ich beim Spielen zuzusehen. Eliot hatte jede Menge Spaß damit – zur Freude des Vaters, der im Vorfeld schon ein wenig Angst davor hatte, dass der Junge so überhaupt kein Interesse zeigen könnte.

Der Nachwuchs war nicht nur begeistert vom neuen Spielzeug, sondern scheinbar auch äußerst begabt: Es dauerte nur wenige Wochen, bis er die ersten Rekorde des eigenen alten Herren brach und sich mit Elan durch die verschiedenen Pac-Man-Teile zockte.

Der stolze Dad holte seinem Jungen bald ein anderes Plug and Play-Device, auf dem sich dann Spiele wie Ms. Pac-Man, Galaga und Pole Position befanden. Als das dann langweilig wurde, entstaubte man kurzerhand die alte Atari 2600-Konsole (die ich übrigens auch noch rumstehen habe) und vergnügte sich zusammen mit der reichhaltigen Spiele-Sammlung des Vaters.

Atari-Spiele-Sammlung von Dany Baio
Atari-Spiele-Sammlung von Dany Baio aka waxpancake bei Flickr

Weiter zur 8-Bit-Ära:

Es dauerte ein paar Jährchen, bis wir damals vom Atari 2600 bis zur 8-Bit-Generation der Spielkonsolen vordrangen, Eliot konnte sich bereits im Alter von viereinhalb Jahren daran probieren – 6 Monate, nachdem er zum ersten Mal Pac-Man spielte. Auf der NES von Nintendo erspielte er neue Gaming-Welten und lernte Mega Man, Zelda und Super Mario kennen. Im Alter von fünf Jahren zockte er bereits Super Mario World 3 und absolvierte die erste Welt komplett ohne Hilfe:

Super Nintendo KonsoleDas Vater-Sohn-Team absolvierte Super Mario Bros. 1-3, Mega Man 1–6, Castlevania 1–3, Rygar, Contra und Duck Tales, bevor man sich dann dem Super Nintendo zuwandte und zwei Jahre später ließ Andy Baio seinen Sohn dann ans Nintendo 64. Er selbst hat damals weder das SNES noch einen Nintendo 64 besessen, so dass manche Spiele auch für ihn selbst Neuland darstellten. So konnte er selbst einige Spiele-Perlen entdecken und seinem Sohn weiter die Evolution der Spiele-Geschichte beibringen.

Noch vor seinem 7. Geburtstag hatte sich Eliot bei Super Mario 64 alle Sterne erspielt – ein Triumph, der mir bis heute nicht vergönnt ist ;)

Willkommen in der Konsolen-Neuzeit

Jetzt war die Zeit gekommen, in der Andy Baio seinen Jungen an die PS2 heran ließ. Titel wie Ico oder Katamari Damacy – ein Spiel, welches in dem Jahr erschien, in welchem Eliot zur Welt kam – standen da auf dem Programm. Somit war das Experiment abgeschlossen und der Sohn spieletechnisch in der Jetzt-Zeit angekommen.

Baio konnte erkennen, dass sein Sohn dadurch beeinflusst worden ist, all die alten Spiele gezockt zu haben. Er wurde – wenig überraschend – ein Minecraft-Fan, aber darüber hinaus fesselten ihn vor allem die kniffligen, schwierigen Spiele. Eines davon ist Spelunky – vielleicht das schwierigste Spiel, welches Andy Baio selbst je gespielt hat und welches er auch nicht absolviert hat bis zum heutigen Tag. Sein Sohn hingegen meisterte auch diese Aufgabe – im Alter von acht Jahren:

Damit war das Spiel aber noch nicht komplet absolviert: Noch kniffliger wird es im Hölle-Modus, nachdem 15 zufällig generierte Levels durchgespielt werden mussten und man den Endgegner dazu bringen muss, sich selbst zu töten. Tom Francis, selbst Programmierer und leidenschaftlicher Gamer, sagt dazu:

To complete Spelunky, you just have to survive 15 randomly generated levels and then trick the final boss into killing itself. To get to hell, though, you have to perform a series of specific rituals in a specific order, using unique objects that crop up in different places each time, and then defeat the boss in a particularly audacious way to use his death as a stepping stone to the underworld.

Lange Rede, kurzer Sinn: Eliot bekam selbst das eigenständig auf die Kette und der Erfinder des Spiels selbst meldete sich via Twitter zu Wort und ließ durchblicken, dass der Junge wohl der jüngste Mensch ist, der das jemals bewerkstelligt hat.

Danach wandte sich der begeisterte Nachwuchs-Gamer an Nuclear Throne – ebenfalls ein Spiel mit knackigem Schwierigkeitsgrad, welches aber interessanterweise von der Grafik eher an vergangene Konsolen-Tage erinnert.

Nuclear Throne

Was lernen wir abschließend daraus? Eliot wurde erfolgreich von seinem Dad angefixt, der selbst die Frage in den Raum stellt, ob ihn das zu einem guten Vater oder doch eher zu einem Monster macht. Fakt ist aber, dass Eliot den Schein opulenter Technik-Schlachten vernachlässigt und sich lieber auf Spiele stürzt, die mit einem starken Gameplay aufwarten können.

Der Junge ist nun elf Jahre alt, spielt immer noch für sein Leben gern (vor allem mit seinem Vater zusammen) und hat von seinem alten Herrn 25 Jahre Spiel-Geschichte in 4 Jahren kennen lernen können. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, so ein Experiment mit einem eigenen Kind durchzuziehen – obwohl: vielleicht würde ich so eine Nummer mit Musik veranstalten, aber daran sind wohl schon Generationen von Eltern gescheitert, dem Nachwuchs den eigenen Musikgeschmack aufs Auge zu drücken ;)

Wer weiß – vielleicht wird dank dieser gründlichen “Ausbildung” aus Eliot Baio ebenfalls mal ein erfolgreicher Programmierer. In dem Fall dürfen wir uns wohl dessen sicher sein, dass er bei seinen eigenen Spielen sehr viel Wert aufs Gameplay setzt. Abschließend jetzt noch die Frage an euch: Was haltet ihr von so einer Maßnahme? Coole Idee, auch aus einem pädagogischen Blickwinkel? Oder doch eher ein Experiment, welches man so nicht durchführen sollte – vielleicht zumindest nicht mit einem so frühen Start im Alter von vier Jahren?

Quelle: The Message