ARD, ZDF & Netflix Dokus
Quo vadis, Menschheit? 3 Dokus, die uns staunen lassen

"Fast perfekt", "Operation Naked" und "Hot Girls Wanted": 3 Dokumentationen aus dem Hier und Jetzt mit ganz verschiedenen Ansätzen, aber einer identischen Stoßrichtung: Thema Selbstoptimierung! Wir stellen euch diese drei Dokus vor.
von Jessica Mancuso am 29. Februar 2016

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, in der wir Tag für Tag besser, schneller, schlanker und klüger sein wollen: Selbstoptimierung lautet dabei das Zauberwort. Doch wozu tun wir uns das eigentlich an? Geht es dabei wirklich um uns selbst oder versuchen wir damit nicht doch unseren Mitmenschen besser zu gefallen? 

Geld verdienen, um Sachen zu kaufen, die wir nicht brauchen, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht leiden können. So das Konzept, das wir uns aufzuerlegen scheinen.

Unter diesem Aspekt habe ich diese Woche einige Dokumentationen geschaut, die mir gezeigt haben, wo wir stehen und in welche Richtung sich unser Leben in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Angefangen bei einer wunderbar herrlichen Reportage von und mit Anke Engelke aus dem letzten Jahr, die herausfinden wollte, was es mit ebendieser Selbstoptimierung auf sich hat, weiter mit eine ZDF-Dokumentation von Mario Sixtus, die im Fernsehspiel eine Realität abbildet, wie wir sie bald leben könnten und abschließend eine Netflix-Doku, die erstmal so scheint, als hätte sie nichts mit dem Thema zu tun.

Fast perfekt – Anke Engelke und die Selbstoptimierer

Anke, die witzigste Frau im deutschen Fernsehen, Engelke mal ganz anders: Für diese ARD-Dokumentation stellt sie mitten auf dem Bonner Marktplatz einen großen Kummerkasten auf und fragt Passanten, was sie am liebsten an sich ändern würden. Direkt kommt sie mit zwei Mädchen ins Gespräch, die nicht älter als 14 sein werden: Der Magerwahn macht ihnen und ihren Mitschülerinnen zu schaffen. Sie erzählen davon, wie sie dem einen vermeintlich perfekten Vorbild nacheifern: »Wenn das Model der Klasse den ganzen Tag nur einen Joghurt gegessen hat, überlegt man beim Abendessen, ob die Stulle noch sein muss«, schließlich möchten sie auch so begehrt werden, wie dieses eine hübsche, schlanke Mädchen. Ihre Mutter mischt sich ein und erzählt, dass leere Flaschen Sprühsahne oftmals auf der Mädchentoilette gefunden werden: »Sie essen die Sprühsahne, um sich zum Übergeben zu zwingen.«
Es ist einfach nur unglaublich, wie bereits junge Menschen einem Schönheitsideal nacheifern, das es so gar nicht erst geben dürfte; schließlich riskieren sie dafür ihre Gesundheit.

Doch nicht nur die Mädchen machen sich diesen unnötigen Druck. Schon längst ist der Fitnesswahn auf die Jungs übergesprungen: Sie sehen YouTube Videos von Pumpern, die innerhalb kürzester Zeit Muskeln aufgebaut haben und möchten das auch. Dafür folgen sie ihren Vorbildern auf allen möglichen Social-Media-Plattformen und Kanälen und lassen sich sagen, welche eiweißhaltigen Shakes und Vitaminpräparate sie kaufen müssen, um genau so auszusehen. Wer nicht im Fitnessstudio angemeldet ist, gehört heutzutage nicht dazu, wer seinen Körper nicht modelliert, der bekommt keine Freundin ab: »Die Mädchen achten auf sowas!«, erzählt später ein viel zu junger Mann; denn seine Hautunreinheiten verraten, dass er sich noch mitten in der Entwicklung befindet.

Der Körperkult ist nur ein Teilthema, das hier angeschnitten wird. So trifft Anke Engelke auf einen anderen jungen Mann, bei dem in der Kindheit ADHS diagnostiziert wurde, woraufhin sein Arzt im sofort Ritalin verabreichte, was er auch gerne nahm. Seine Konzentration stieg plötzlich auf 150% an, die Noten wurden immer besser und er wollte sich immer weiter steigern, verabreichte sich später selbst höhere Dosen, missbrauchte diese Medikamente und nahm sie ein, als seien es TicTac‘s.

Unter Uppern versteht man Drogen mit aufputschender Wirkung. Auch wenn viele das nicht hören möchten, so handelt es sich bei vielen verschreibungspflichtigen Medikamenten auch bloß um Chemie, die als Droge eingesetzt wird.

Ritalin ist in Studentenkreisen und auch in diversen Branchen ein gern gesehener Upper, da er leistungsfördernd wirkt. Das alles sind Punkte, wo wir uns allmählich als Gesellschaft fragen müssen, wieso wir so versessen darauf sind, noch besser zu funktionieren. Dabei war das Leben nie so gedacht, dass wir uns zu Maschinen umfunktionieren lassen. Das ist das Ende eines Rattenschwanzes, den wir uns als Leistungsgesellschaft selbst aufgebürgt haben: Besser, schneller, schlauer. Mensch allein reicht nicht mehr aus.

Wir können den Motor unseres Autos optimieren, aber doch nicht uns selbst. Oder doch? Sollten wir uns so behandeln, als wären wir Maschinen?

Also nimmt uns Anke einen Schritt weiter mit: Es gibt mittlerweile viele technische Gadgets, die es uns ermöglichen, uns selbst nonstop zu überprüfen. Fitnessarmbänder sagen uns, wie lange wir geschlafen haben und wie erholsam dieser Schlaf war, wie viele Schritte wir gegangen sind und wie viele Kalorien wir zu uns nehmen/verbrauchen. Was wie Selbstbestimmung klingt, ist Selbstkontrolle und zwar eine ständige. Leben und Genuss wird zur Nebensache, wenn man es übertreibt, und so kann man sehr schnell in Stresssituationen verfallen, anstatt sich und seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun. Anke Engelke macht den Selbstversuch und steigt in den Wettbewerb ein: mit einem Fitnessarmband gegen einen Mitläufer. Wer wird am Ende mehr Schritte gelaufen sein? Und wie gefällt den Probanden diese Art der Selbstkontrolle?

Hier geht’s geradewegs zur Mediathek und zum Video.

ZDF – Operation Naked

Diese fiktive Dokumentation von Mario Sixtus ist Teil des ZDF-Fernsehspiels, das einen Blick in eine mögliche Zukunft richtet, auf die wir uns geradewegs hinbewegen. Ausgestrahlt wurde diese am 22.2.2016 um 23:55 Uhr im ZDF, ist allerdings schon seit einer Woche in der Mediathek abrufbar.

Im Mittelpunkt steht die fiktive Datenbrille Real-o-rama, die ähnlich wie Google Glass funktioniert: Die Jungunternehmerin Michelle Spark leider unter Prosopagnosie, einer Krankheit, die Betroffene keine Gesichter erkennen bzw. zuordnen lässt. Für sie ist diese Datenbrille ein Segen, kann sie jetzt mit nur einem Blick auf den entsprechenden Menschen alle Daten abrufen, die zu demjenigen online vorhanden sind: Name, Alter, Beruf und die ein oder andere private Information.

Das Ganze wird auf die Spitze getrieben, als im Morgenmagazin die Brille auf der Straße getestet wird, die Unternehmerin einen Mann ins Visier nimmt und daraufhin alle möglichen Daten live im Fernsehen übertragen werden: Schuhe online für 69,99€ gekauft, die Jeans im Laden für 89,95€, wobei sie auch auf Kleiderkreisel gebraucht für 35€ zu finden ist. Der Herr, der diese Klamotten gekauft hat, heißt Pablo Rothmann, ist 35 Jahre alt und Lehrer auf einer Internatsschule und gerade dabei, einen Laden zu betreten. In diesem Moment ploppt für alle sichtbar auf, dass es sich bei dem Laden um eine Schwulenkneipe handelt und zack! Es dauert keine ganze Stunde, da hat Pablo seinen Job schon verloren.

Dieses Fernsehspiel überspitzt das Thema an diversen Stellen, und doch bleibt dieser bittere Nachgeschmack, dass man in wenigen Jahren vielleicht wirklich nackt durch die Stadt laufen wird.
Und zwar so nackt, dass Vergangenheit und Gegenwart für jedermann einsehbar sein werden. Wer das nicht möchte, für den hat das ZDF auch eine Lösung gefunden: Einfach einen QR-Code an die Stirn befestigen und schon kann man sich schützen.

Netflix – Hot Girls Wanted

Was hat eine Dokumentation über junge Mädchen in der Pornoindustrie mit Selbstoptimierung zu tun? Eine ganze Menge: Es sind die Versprechen, die gemacht werden, die diesen Mädels die Zukunft versauen.

Stellt euch vor, ihr habt eine Tochter, die gerade ihren 18. Geburtstag gefeiert hat. Wahrscheinlich geht sie noch zur Schule oder ist bereits in der Ausbildung. Ihr denkt, alles läuft ganz normal. So wie es eben sein sollte. Eines Tages surft sie im Internet rum, bleibt bei Craigslist bei einer Anzeige hängen, in der ihr ein kostenloser Flug nach Miami versprochen wird, und denkt sich: »Yeah! Fett! Endlich raus aus diesem Kaff, endlich was erleben!« – was sie natürlich nicht weiß, weil es an keiner Stelle erwähnt wird, ist, was sie dafür tun muss, sobald sie in Miami aus dem Flugzeug aussteigt. 

„Ohne Kondom bekommst Du 100 extra. Dann gehst du in die Drogerie und kaufst Dir die Pille danach. Ok, die kostet 60 Dollar, aber ich mache immer noch einen Gewinn von 40!“ Rechenkünste aus der Hölle.

Jetzt beginnt der absolute Horror für jedes Elternteil und jeden vernünftig denkenden Menschen. Die Mädchen werden ins kalte Wasser geworfen und langsam dämmert ihren, worum es gehen könnte. Und da sie so jung, naiv und naja, auch leichtsinnig sind, denken sie allen ernstes, sie müssten auf die Knie gehen, schließlich haben sie den Flug bereits in Anspruch genommen. Und so beginnt der sagenhafte Abstieg in die schnelllebige Pornowert, in der Newcomerinnen gefeiert werden, um sie maximal 3 Monate später wieder fallen zu lassen. Letztendlich wird in diesem Zeitraum ihr Körper und Gesicht für so viele Filme eingesetzt, dass von Newcomer nicht mehr die Rede sein kann. Wenn sie überhaupt noch Jobs bekommen.

Das Ende vom Lied: Ohne merkliches Budget in der Tasche reisen die Mädchen wieder zurück in ihre Heimat und wenn das Quäntchen Glück nicht auf ihrer Seite steht, haben sie sich die komplette Zukunft versaut, da die halbe Welt ihre Gesichter in billigen Pornos gesehen hat. Vom seelischen Leiden abgesehen, müssen sie zurück zu ihren Familien in der Hoffnung, dass ihnen vom Papa nicht der Kopf abgeschlagen wird. 

„Wie schützt Du Dich denn?“ „Ach, wir werden alle 2 Wochen getestet.“ „Ja… aber wie schützt Du Dich vor einer Schwangerschaft?“ Mutter-Tocher Gespräche aus der Hölle.

Selbstoptimierung heißt leider auch, zu hoffen, man sei klüger als alle anderen und hätte die mega krasse Marktlücke entdeckt, in der sich mit nur 3 Stunden Arbeit am Tag ein Leben wie Kim Kardashian finanzieren lässt. Diese Mädchen wollen auch mehr; mehr Geld, mehr Ruhm, mehr Follower. Und das alles zum Schnäppchenpreis ihres eigenen Körpers. Ein mal überwinden, schon ist man reich. Arme, naive Mädchen, die vom American dream irrgeleitet und missbraucht werden, ehe sie merken, was mit ihnen geschieht.

Quo vadis, Menschheit? Schneller, besser, schlanker, klüger – doch zu welchem Preis.