Kommentar

3059 Verkehrstote: Die wahre Epidemie findet auf der Straße statt

Alles redet über das Coronavirus -- dagegen ist die Vermeldung des Rekordtiefs bei Verkehrstoten in Deutschland fast untergegangen.

von Carsten Drees am 27. Februar 2020

3.059 Verkehrstote gab es im letzten Jahr in Deutschland. So wenige wie noch in den 60 Jahren, seitdem diese Statistik erhoben wird. Gegenüber dem Vorjahr verstarben auf unseren Straßen damit 6,6 Prozent weniger Menschen, was einer Zahl von 216 Personen entspricht. Auch die Zahl der Verletzten sank um drei Prozent auf 384.000 Unfallopfer. Lediglich die Zahl der gesamten Unfälle stieg leicht um 1,9 Prozent auf jetzt 2,7 Millionen.

Das sind jetzt ein paar harte Fakten zum Einstieg gewesen. Der Einstieg in einen Artikel, der vor Polemik triefen wird und auf einen übel hinkenden Vergleich aufbaut. Nämlich auf dem Vergleich zwischen einem Virus und einer Unfallstatistik. Damit spiele ich natürlich auf Covid-19 an, besser bekannt als Coronavirus.

Derzeit haben wir in Deutschland allein in den letzten zwei Tagen 30 neue Infizierte gemeldet bekommen, zwei Drittel davon allein in Nordrhein-Westfalen. In Deutschland sind seit dem Ausbruch des Virus in China bis zum heutigen Tage verstorben: Exakt null Menschen! Das ist die gute Nachricht.

Eine weitere gute Nachricht ist für mein Empfinden, dass die Politik das Thema weder klein redet, noch gefährlicher schildert, als es derzeit der Fall ist. Panik ist also definitiv Quatsch, dennoch ist Vorsicht geboten und wir werden zu recht dazu ermahnt, uns an simple Regeln zu halten (regelmäßiges Händewaschen, in die Armbeuge niesen/husten statt in die Hand usw).

Dennoch glaube ich, dass die ganze Geschichte unangemessen durch die Medien aufgebauscht wird. Nicht, weil es keine gefährliche Situation wäre — es ist zweifellos gefährlich, das Virus zu unterschätzen! Immerhin führt es in ein bis zwei Prozent der Erkrankungen zum Tod, auch wenn es bislang so aussieht, als verliefe die Krankheit in Europa milder als in China.

Aber aktuell erdrückt die Berichterstattung auf allen Nachrichten-relevanten Seiten alles andere, außer diesem Coronavirus bekommt man derzeit kaum was mit, spätestens seit das Virus über Norditalien in Europa richtig Fahrt aufgenommen hat. Unzählige Live-Schalten vor Kliniken, ohne das es wirklich was zu berichten gäbe. Immer wieder werden die selben Pressekonferenzen und die selben “So sollten sie sich verhalten”-Clips wiederholt, lediglich die Zahl der Infizierten wird stündlich angepasst.

Und die Nummer mit den Verkehrstoten? Eine weitere Nachricht von heute, die meines Erachtens leider komplett untergegangen ist. Nur mal so als Anhaltspunkt: Im Jahr 1970 wurde in der Statistik der Rekordwert erreicht mit über 22.000 Verkehrstoten! Heute können wir uns darüber freuen, dass wir mit 3.059 Toten einen Rekord am anderen Ende der Skala vermelden können. Wermutstropfen hierbei: Bei den elektrischen Fahrrädern stieg die Zahl um fast 33 Prozent auf 114 Tote. Das dürfte aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass die Zahl der Radfahrer in diesen Zeiten auch anzieht.

Weshalb ich jetzt Äpfel mit Birnen vergleiche, sprich: 0 Virus-Tote den über 3.000 Verkehrstoten gegenüberstehe, dann hinkt das selbstverständlich kolossal — ich sagte ja, dass es polemisch wird. Aber der Punkt ist ein anderer: Wir hatten nie weniger Verkehrstote als aktuell zu vermelden und dennoch sind es 8-9 Menschen — jeden verf***ten Tag und das allein in unserem Land.

Bei aller Freude, dass diese Zahl stetig sinkt: Es sind immer noch viel zu viele! In Berlin allein kommt es mir so vor, dass das Verhalten speziell gegenüber Radfahrern immer aggressiver und brutaler wird. Genau deswegen sollte man nicht nur darüber reden, dass Innenstädte schöner werden sollen, dass wir durch den Verzicht auf Autos in den Städten was für die Umwelt tun — sondern auch viel mehr darüber, dass wir wirklich viele Menschenleben bewahren würden, wenn wir die Zahl der Autos reduzieren und das sowohl generell als auch speziell in den Innenstädten.

Dieser Aspekt einer Verkehrswende, bei der mittlerweile wohl wirklich die meisten eingesehen haben, dass sie kommen muss, geht mir zu sehr unter. Wenn schon an dem Tag, an dem die Statistik verkündet wurde, nicht darüber gesprochen wird, wie viele Menschen getötet und verletzt werden — wann denn dann? Ich habe es jetzt getan und hoffe, ihr verzeiht mir meinen hinkenden Vergleich.

Quelle: Tagesschau