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40 Grad im Schatten, aber es ist eisig kalt in Deutschland

Heute starb ein achtjähriges Kind, nachdem ein Mann aus Eritrea es vor einen Zug schubste. Schaut man in die sozialen Medien, sieht man mehr Hass, Hetze und Häme als Beileidsbekundungen.

von Carsten Drees am 29. Juli 2019

Es ist ein Jahrhundert-Sommer. Okay, das ist vielleicht zu dramatisch formuliert. Viel mehr ist dieser Sommer wohl eher der erste von vielen, bei denen wir davon sprechen, dass es wieder einmal der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist. Ein bisschen scheint es so, als ob uns dieses Wetter — ungeachtet der Bedeutung einer sich erwärmenden Erde — nicht besonders gut tut. Anders lässt es sich nicht erklären, wieso es in deutschen Freibädern jetzt schon wiederholt zu Krawallen kam mit der Konsequenz, dass beispielsweise in Düsseldorf beim Betreten eines Freibads Personalausweise kontrolliert werden.

Ähnlich angriffslustig präsentiert sich die Bevölkerung dieses plötzlich so sonnigen Landes schon seit längerem in den sozialen Netzwerken. Hier ist es jetzt vermutlich eine Frage der Auslegung, ob man davon spricht, dass es in diesen Debatten ähnlich heiß zugeht wie unter der sengenden Sonne — oder ob man eher davon reden mag, wie eiskalt sich so viele Deutsche derzeit verhalten.

Damit komme ich zu einem Thema, welches heute die Nachrichten bestimmt hat. In Frankfurt hat ein 40-jähriger Mann aus Eritrea einen achtjährigen Jungen und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE geschubst. Während sich die Mutter retten konnte, kam für den Jungen jede Hilfe zu spät. Eine weitere Person, die der Mann ins Gleisbett schubsen wollte, konnte rechtzeitig verhindern, ebenfalls dort hinein zu stürzen.

Damit haben wir jetzt zwei solche Fälle in kürzester Zeit, beide Male haben wir es mit Tätern zu tun, die ihre Opfer nicht kannten. Es waren also keine Beziehungstaten, die Opfer wurden wahllos getötet.

Ohnmacht und einfache Lösungen

Jetzt gibt es nichts daran zu rütteln, mit was für abscheulichen Taten wir es hier zu tun haben. Ich kann nicht nachvollziehen, was im Kopf eines Menschen vorgeht, der so etwas anstellt und ich mag mich nicht in die Mutter hineinversetzen, die sich ihr restliches Leben lang fragen wird, wieso ihr kleines Kind so sinnlos sterben musste.

In der Folge dieses Vorfalls werden jetzt vermutlich wieder Diskussionen geführt, wie man diese schrecklichen Taten verhindern kann. Sollte man auf Gitter oder sonstige Absperrungen setzen? Sollte man nur Personen mit gültiger Fahrkarte den Zutritt zum Bahnsteig gewähren? Ich weiß es nicht. Was ich hingegen weiß: In den Kommentarspalten lese ich wenig darüber, was jetzt in dieser Hinsicht unternommen werden könnte, um den Fahrgästen die Angst vor so einer Tat zu nehmen.

Traurigerweise sind es auch größtenteils keine Beileidsbekundungen, die man dort zu lesen bekommt. Stattdessen lese ich hundertfach davon, dass es kinderleicht wäre, solche Taten zu verhindern — wenn man doch bloß die Außengrenzen der EU dicht machen würde. Ich bin gerade nicht sicher, ob mich das mehr traurig oder mehr wütend macht. Einfach deswegen, weil es so eine unverhältnismäßige Antwort ist, die alles an Empathie, Anstand und auch Intelligenz vermissen lässt.

Dafür, dass Menschen dumm sind, können sie nichts, das darf ich denen also nicht vorwerfen. Aber anscheinend können sie ja lesen und die Information auch irgendwie verarbeiten. Die Grundlagen sind also da, dass man erkennen kann, dass es hier einmal einen Mann aus Serbien gibt ,der schon lange in Deutschland wohnhaft ist. Auch strenge Grenzkontrollen hätten einen Menschen aus einem EU-Beitrittskandidaten-Land wie Serbien einreisen lassen, also funktioniert “Grenzen dicht” da schon mal nicht.

Beim anderen Fall haben wir derzeit deutlich weniger Informationen. Der Mann ist 40 und besitzt einen Pass, der ihn als Bürger Eritreas ausweist. Ob es ein Geflüchteter ist, ein Mann, der schon lange in Deutschland lebt, oder gar ein Tourist war, wissen wir also noch gar nicht. Vermutlich muss man befürchten, dass er tatsächlich in den letzten Jahren als Schutzsuchender nach Deutschland kam, aber wie gesagt: Man weiß es nicht und damit disqualifiziert sich meines Erachtens jeder Kommentator, der jetzt blind von dem ausgeht, was ihm am besten in die eigene Agenda und ins eigene Weltbild passt.

Angenommen, es ist so, wie jetzt Viele vermuten. Es ist wirklich ein Geflüchteter, der kürzlich ins Land kam, hier eigentlich Hilfe sucht. Was ändert es an der Tat? Wäre es nicht dennoch angebracht, dass man angesichts eines toten, kleinen Jungen Beileidsbekundungen äußert, oder alternativ einfach mal das Maul hält? Und wäre es nicht angebracht, von einem Mann aus Eritrea nicht auf jeden Menschen aus Eritrea zu schließen — oder direkt auf jeden Menschen aus Afrika?

Und noch eins: Ich möchte jetzt um Gottes Willen kein Verständnis für hetzende, aufgebrachte Menschen aufbringen oder äußern. Aber wenn man wütend auf solche Nachrichten reagiert, kann ich es auf einer abstrakten Weise nachvollziehen. Diese Leute glauben, dass die Tat vermeidbar gewesen wäre, hätte die Regierung eine andere Politik gemacht. Das ist dämlich, so zu denken, aber aus dem Blickwinkel verstehe ich die Wut. Was ich aber so gar nicht verstehe: Woher kommt diese Häme? Ich sehe so viele lachende Smileys als Reaktion auf derartige Meldungen und auch auf Kommentare, die nicht so menschenverachtend sind.

Wenn ich wütend bin, bin ich doch nicht gleichzeitig voller Häme und Schadenfreude, oder? Wie kann ich wütend sein, dass ein Kind unschuldig ums Leben kommt und gleichzeitig Leute auslachen, die pro Flüchtlinge sind? Wieso lese ich immer das selbe Vokabular: Merkels Goldstücke, Kulturbereicherer, Bahnhofsklatscher, Teddywerfer und so weiter. Wieso sind Leute nicht in der Lage, sich neutral auszudrücken und einigermaßen konstruktive Kommentare zu hinterlassen?  Und wieso wird so viel gelogen und immer gleich eine Verschwörung gewittert?

Wieso müssen Andersdenkende beschimpft werden oder ausgelacht? Ich bekomme das nicht in meinen Schädel. Ich fühle eine gewisse Ohnmacht. Ein Ohnmacht, wie man das derzeitige Phänomen dieser Zug-Schubser entschärfen kann, weil das Töten schlicht so wahllos erscheint. Und eine Ohnmacht in mir selbst — weil ich genau weiß, dass es so viele anständige Menschen im Land gibt, man sie aber kaum wahrnimmt unter all den Hetzern.

Wieso kann man glauben, dass die ganz einfachen Lösungen — Grenzen dicht — funktionieren? Haben sie noch nie und werden sie auch niemals. Die einfachen Lösungen sind deshalb wohl so verlockend, weil sie zwar nur vermeintlich ein Problem lösen, auf jeden Fall aber einen Verantwortlichen benennen, auf den man die komplette Schuld schieben kann.

Das darf nicht sein, dass sich eine eigentlich intelligente Gesellschaft wieder Richtung Steinzeit entwickelt und all das an Empathie vermissen lässt, was doch so selbstverständlich für jeden von uns sein sollte. Noch unverständlicher erscheint es mir jedoch, dass nicht mehr diskutiert wird. Ich höre mich vermutlich langsam an wie eine springende Schallplatte, weil ich es immer und immer wieder erwähne, aber wir müssen doch in der Lage sein, andere Argumente wenigstens anzuhören, oder nicht?

Nicht nur anhören, sondern auch abwägen. Das gilt natürlich für alle Beteiligten einer Diskussion und unabhängig vom Thema oder von der Seite, auf der man steht. Wenn ich drei Forderungen stellen dürfte, dann wären es die bereits erwähnten Punkte — weniger Häme und mehr ergebnisoffenes Zuhören — und als dritter Punkt: Mehr Medienkompetenz, mehr Willen, Fakten zu finden und die auch realistisch einzuordnen.

Wenn ich Artikel wie diesen schreibe, habe ich stets das Gefühl, dass ich das Gleiche schon hundert Mal geschrieben habe und vermutlich den meisten damit auf den Sack geht. Aber ich fürchte, dass ich euch nicht versprechen kann, dass ich aufhöre, diese Beiträge zu verfassen, solange ich das Gefühl habe, dass wir als Gesellschaft weiter verrohen.

Deswegen brauche ich euch auch so dringend, weil ich euch unterstelle, dass ihr alle cleverer diskutieren und argumentieren könnt: Versucht in solchen Diskussionen weiter sachlich zu argumentieren, lasst euch nicht auf das Pöbel-Niveau und auf die Häme ein und unterstützt andere, die sich ebenfalls sachlich und konstruktiv äußern.

Ich habe heute auf Facebook echt wieder in Abgründe geschaut. So viel Wut, so viel Häme und Schadenfreude, so viel Besserwisserei, so viel Hetze, so viel Rassismus, so viel Unverständnis und geballte Inkompetenz. Wir leben in Zeiten, die uns in den nächsten Jahren noch jede Menge schwierigste Aufgaben auferlegen wird. Wenn wir als Gesellschaft schon jetzt nicht mehr klar kommen, dann mag ich mir nicht ausmalen, wie es in zwei, drei oder zehn Jahren aussehen wird. Wir alle müssen da gegensteuern!