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MWC 2019

5G und faltbare Displays: Verpennt Apple die Smartphone-Zukunft?

5G und faltbare Smartphones: Beim Mobile World Congress kann man dem nicht entrinnen. Aber wann wird Apple auf den Zug aufspringen? Ebenso zu spät wie bei den großen Displays?

von Carsten Drees am 26. Februar 2019

Der Mobile World Congress ist in vollem Gange und die ganze Tech-Welt (und nicht nur die) blickt derzeit auf die wichtigste Mobile-Messe, die wie immer in Barcelona stattfindet. Wenn ihr auch außerhalb der Tech-Blase die Berichterstattung verfolgt, werdet ihr feststellen, dass es fast nur zwei Themen gibt, die im Zusammenhang mit dem MWC behandelt werden: Da sind einmal die faltbaren Displays, wie sie Samsung mit dem Galaxy Fold und Huawei mit dem Mate X gezeigt haben — und natürlich das Über-Thema “5G”.

Bezeichnend, dass dabei der Hype um ein wirklich tolles neues Smartphone — das Galaxy S10 Plus — ein bisschen verblasst. Das ist ein bisschen schräg, denn beide Säue, die da durchs mediale Dorf getrieben werden, sind ein bisschen sehr früh dran. Klar: Wir reden schon seit Jahren darüber, dass 5G irgendwie vor der Tür steht und auch Samsung teasert ja nicht erst seit gestern seine faltbaren Displays an.

Dennoch ist der Hype zum jetzigen Zeitpunkt nicht gerechtfertigt. Die faltbaren Modelle von Huawei und Samsung sehen allenfalls aus wie sehr gute Konzepte und die Preisschilder beider Devices werden dafür sorgen, dass sich dieser Formfaktor so schnell nicht aus einer winzigen Nische wird befreien können. Und 5G? Mann, wir haben noch nicht mal einen verbindlichen Termin für die Vergabe der Frequenzen in Deutschland, da sämtliche Netzanbieter mit Eilanträgen gegen diese Vergabe vorgehen.

Aber es ist wie es ist: 5G hier und faltbare Smartphones da — man kann dem Trubel speziell in Barcelona derzeit einfach nicht entkommen. Da liegt es förmlich auf der Hand, dass sich Experten auch um das Unternehmen kümmern, welches mit seinem iPhone zwar den Smartphone-Markt revolutioniert hat, aus Tradition dem Event in Spanien aber fernbleibt.

Schon früh haben wir uns hier festgelegt, dass wir von Applekein 5G-iPhone vor 2020” erwarten und das auch absolut in Ordnung finden. Vorschnell gelaunchte 5G-Smartphones mögen vielleicht aus Marketing-Sicht Sinn ergeben, technisch hingegen ist es einfach nur unnötiges Geld-aus-dem-Fenster-Werfen einer Klientel, die einfach immer das Neuste und Beste haben möchte.

Es wäre auch beileibe nicht das erste Mal, dass sich Apple mit einem Standard, der sich bei der Konkurrenz mehr und mehr durchsetzt, lange vornehm zurückhält. Aber wie sieht es bei dem anderen Buzz aus, nämlich den faltbaren Displays? Müsste Apple nicht auch in dieser Hinsicht was unternehmen?

Rod Hall, seines Zeichens Analyst bei Goldman Sachs, ist der Meinung, dass Apple bei den Smartphones mittlerweile etwa zwei Jahre hinter Samsung zurückliegt, zumindest was Display-Technologien angeht. Fakt ist, dass Apple immer noch auf die Panels von Samsung angewiesen ist für seine eigenen iPhones. Das wird sich logischerweise nicht ändern, sollte Samsung das Kunststück gelingen, mit den faltbaren Devices einen ähnlichen Trend loszutreten, wie es seinerzeit mit dem ersten Galaxy Note und der damals neuen Produktsparte der “Phablets” gelungen war.

Genau diese Parallele bemüht nämlich auch der Analyst Hall und verweist auf Steve Jobs, der seinerzeit davon überzeugt war, dass einfach niemand Smartphones mit so riesigen Displays wünscht. Mittlerweile wissen wir: Jobs lag falsch und auch die iPhones sind heute deutlich größer als die damaligen Modelle.

Aber lässt sich daraus ableiten, dass wir Smartphone-Nutzer in zwei, drei Jahren allesamt faltbare Handsets kaufen und Apple dann hoffnungslos abgeschlagen und zähneknirschend gleichziehen muss? Ganz ehrlich: Ich sehe das alles nicht. Ich glaube, dass man sich bei Apple durchaus viele Gedanken zu neuen Smartphone-Technologien und Design-Möglichkeiten macht, auch wenn davon derzeit nicht viel durchsickert.

Ich glaube allerdings auch, dass sich Apple mehr Gedanken um seine Services und weniger um Hardware macht und das auch aus gutem Grund. Beim Business Insider wirft man die Frage auf, was sich Konsumenten künftig eher vorstellen können: Dass sie sich sowohl ein teures Smartphone als auch ein Tablet zulegen — oder sie lieber noch mehr Geld in die Hand nehmen, um ein Device zu erwerben, welches zugleich Smartphone und Tablet ist. In diesem Fall müsste Apple sich damit auseinandersetzen, dass iPad-Nutzer womöglich zu Samsung und Co abwandern.

Aber auch hier glaube ich allerdings, dass wir noch lange nicht an so einem Punkt sind. Das Beispiel Smartwatches hat gezeigt, dass ein sorgsam entfachter Hype-Flächenbrand noch lange nicht dazu führt, dass wir alle losmarschieren und eine etablierte Produktklasse wie das Smartphone durch Wearables ersetzen oder zumindest ergänzen.

Ähnlich werden wir jetzt auch nicht tonnenweise Galaxy Folds und Huawei Mate X im Einsatz sehen, nur weil diese Hardware jetzt realisiert werden konnte. Wir dürfen schließlich nicht vergessen, dass

  • a) weder jedermann gewillt ist, Smartphones für 1 000 oder 2 000 Euro und mehr anzuschaffen, wenn ein 300-Euro-Schnapper ebenso solide seinen Dienst verrichtet und dass
  • b) nicht jedermann sowohl Smartphone als auch Tablet benötigen. Es ist ja schließlich kein Zufall, dass sich auch die Tablets gegenüber den Smartphones nur einer eher überschaubaren Beliebtheit erfreuen.

In einem konstruierten Markt, in dem jeder so einen Berg Kohle ausgeben wird und jeder zudem sowohl Smartphone als auch Tablet nutzt, könnte Apple in der Tat ein Problem bekommen. Diesen konstruierten Markt gibt es aber nicht und so lange die faltbaren Gadgets noch einigermaßen klobig daherkommen, dürften die Verkaufszahlen auch überschaubar bleiben fürs Erste.

Zeit genug also für Apple, sich seine eigenen Gedanken zu faltbaren Panels zu machen und dann mit einem Produkt vielleicht erst 2021 auf den Markt zu drängen, welches dafür optisch aber beeindruckender ist als das, was wir bislang zu sehen bekommen (oder wer weiß: Vielleicht ist der Trend dann auch einfach ohne Apple-Produkt wieder komplett abgeflaut).

Apple hat leider mehrfach bewiesen, dass man durchaus auch mal Trends verpennt. In diesem Fall glaube ich jedoch, dass das Unternehmen aus Cupertino gut daran tut, sich jetzt nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, oder um die Frage aus der Headline zu beantworten: Nein, ich glaube nicht, dass Apple die Smartphone-Zukunft verpennt!

Wie sind eure Meinungen dazu? Sollte Apple zwingend mitmischen und eigene Alternativen entwerfen? Oder ist Apple vielleicht sogar weiter, als wir ahnen und hält sich schlicht öffentlich bedeckt, so wie man es vom Unternehmen gewohnt ist? Oder ist es ganz gut so, wenn man in Cupertino nicht über jedes Hype-Stöckchen springt, das man aus Fernost hingehalten bekommt? Schreibt es uns in die Comments!