Adblock Plus: Staatsanwaltschaft untersucht Büros und Privatwohnungen

Die Staatsanwaltschaft hat Geschäftsräume und Privatwohnungen der Eyeo GmbH in Köln und Berlin untersucht und dabei Notebooks und Smartphones sichergestellt. Die Betreiberin des populären Werbeblockers "Adblock Plus" soll im Verdacht stehen, an gewerbsmäßigen Urheberrechtsverletzungen beteiligt zu sein. In einem früheren Gerichtsverfahren soll die Geschäftsführung mit einer Eidesstattlichen Versicherung "nicht glaubhafte" Angaben gemacht haben.

Von der Staatsanwaltschaft beauftragte Polizeieinheiten haben am vergangenen Donnerstag Geschäftsräume der Eyeo GmbH in Köln und Berlin untersucht. Auch drei Privatwohnungen waren Ziel der Maßnahmen. Nach den bisher vorliegenden Informationen steht der Anbieter des populären Werbeblockers “Adblock Plus” im Verdacht, in gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzungen verwickelt zu sein. In diesem Zusammenhang könnte das Unternehmen vor dem Hamburger Landgericht falsche Angaben gemacht und zur Falschaussage verleitet haben.

Im Juni 2013 hatten mehrere Autoren von Mobile Geeks aufgedeckt, dass sich hinter Adblock Plus und der damals noch recht jungen Eyeo GmbH Investoren aus der Werbeindustrie verbergen. Die Software blockt über eine ganze Reihe von automatisch aktualisierten Filterlisten Werbeanzeigen auf beliebigen Internetseiten und schaltet im Gegenzug andere Werbeanzeigen gegen hohe Gebühren frei. Die daraus resultierende Rolle eines “Gatekeepers” ist nicht nur wettbewerbsrechtlich problematisch.

Adblock Plus hatte die Verantwortung für die auf den eigenen Servern bereitgestellten Blockierlisten stets von sich gewiesen. Es handele sich um Listen, die nach Angaben des Geschäftsführers Till Faida von einer “Community” erstellt würden, das Unternehmen nehme hierauf keinen Einfluss. Weitere Recherchen ergaben, dass Faida eine Reihe von Tarnnamen benutzte, mit denen Adblock Plus auf fremden Internetseiten in Form vermeintlich unabhängiger Artikel beworben wurde. Die vermeintlich riesige “Community” von Freiwilligen erwies als recht überschaubare Gruppe. Mindestens ein langjähriger Mitarbeiter des Unternehmens steht im Verdacht, für die angeblich von “Freiwilligen” gepflegten Blockierlisten maßgeblich verantwortlich zu sein.

Mit einer eidesstattlichen Versicherung machte der Geschäftsführer der Eyeo GmbH die Angabe, dieser Mitarbeiter dürfe während seiner flexibel gestaltbaren Arbeitszeit private Tätigkeiten durchführen, darauf nehme das Unternehmen keinerlei Einfluß. Dies wiederum werteten die Richter jedoch als “bloße Schutzbehauptung”, die eidesstattliche Versicherung der Geschäftsführung sei “nicht glaubhaft”.

Adblock Plus verkauft nun Werbebanner

Mit einer ähnlich lapidaren Erklärung hatte Adblock Plus bereits auf unsere Recherchen im November 2015 reagiert. Damals hatten wir aufgedeckt, dass der Werbeblocker über einen Generalschlüssel Umleitungen zu Pornowebsites, Casinos und Scam-Anbietern freischaltet, die jedoch – so Adblock Plus – formal betrachtet keine “Werbung” seien. Schon damals zeigte sich Faida zeigte sich “optimistisch, dass die Autoren der in Adblock Plus eingebundenen Sperrlisten solche Weiterleitungen in Zukunft unterbinden.”

Im Laufe des Jahres 2015 begannen verschiedene größere und kleinere Internetseiten mit der Blockade von Werbeblockern. Benutzer, die Adblock Plus einsetzen, erhalten einen Hinweis und stehen seitdem vor der Wahl, das Browser-Addon zeitweilig zu deaktivieren oder ein Abonnement für die Internetseite abzuschließen. Die vermeintlich unabhängige “Community” veröffentlichte daraufhin Codes, mit denen sich diese Werbeblocker-Blockade aushebeln ließ, seitdem liefern sich beide Seiten ein Katz-und-Maus-Spiel. Das Hamburger Landgericht untersagte der Eyeo GmbH und anderen die Verbreitung dieser Codes, weil damit ein den gesetzlichen Anforderungen genügender Zugriffsschutz ausgehebelt werde.

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Mehrere große und kleine Websites hatten sich in den zurückliegenden Jahren immer wieder darüber beschwert, dass die Filterlisten nicht nur Werbeanzeigen blockieren. Während (siehe oben) obskure Weiterleitungen über Jahre hinweg “niemandem auffielen”, gab es bereits früh Hinweise, dass gezielt an die Leser gerichtete Bitten zur Deaktivierung des Werbeblockers ebenfalls unterdrückt wurden, was von vielen Beteiligten als “technische Zensur” gewertet wurde. Zudem führten verschiedene Einträge zur Funktionsunfähigkeit von Warenkörben in Onlineshops oder zur Unterdrückung von redaktionellen Inhalten.

Die Durchsuchung der Staatsanwaltschaft und die Beschlagnahmung von Notebooks und anderen technischen Geräten könnte nun dazu führen, dass in diesen und vergleichbaren Fällen eine Haftung (§831 BGB) der Kölner Eyeo GmbH festgestellt wird. Dies wiederum könnte in der weiteren Folge dazu führen, dass die derzeit auf zig Millionen Rechnern und Smartphones eingesetzten Filterlisten massiv überarbeitet oder offline genommen werden müssten, was wiederum auch eine Reihe von anderen Adblocker beträfe. Pikant: die Eyeo GmbH ist in der Vergangenheit juristisch gegen die Betreiber anderer Adblocker vorgegangen, weitere Konkurrenten wurden übernommen oder von einer „Kooperaton“ überzeugt.

Nach einhelliger Meinung ist es jedem Benutzer selbst überlassen, ob und auf welchen Internetseiten er einen Werbeblocker einsetzt. Die bisherigen Gerichtsverfahren verschiedener Medien richten sich deshalb nicht gegen Privatpersonen, sondern gegen Unternehmen als Betreiber dieser Adblocker.

via heise.de