Adblock Plus verkauft nun Werbebanner – Hahahahahahaha

Bleiben wir doch bei einer höflich-zurückhaltenden und der Situation angemessenen Wortwahl: ihr wurdet alle nach Strich und Faden verarscht. Der weltweit erfolgreichste Werbeblocker Adblock Plus verkauft nun eigene Werbeanzeigen und entpuppt sich damit - finally - als das perfide Werbenetzwerk, welches ein garnz großes Stück von der milliardenschweren Werbetorte abhaben möchte.

Es gibt Momente im Alltag einer Redaktion, in denen bricht man gemeinsam lachend vor dem Monitor zusammen. Einer dieser raren Augenblicke ergriff uns im Laufe des Nachmittags: Adblock Plus verkauft nun Werbeanzeigen, und zieht das Geschäft höchst professionell auf. Wie ein richtiges Werbenetzwerk, mit rund 100 Millionen potentiellen Betrachtern der angeblich „akzeptablen“ Werbung. Damit öffnet die Kölner Eyeo GmbH endlich ihr Visier und offenbart, worum es bei ihrem perfiden Geschäftsmodell tatsächlich geht: um ein richtig dickes Stück vom milliardenschweren Werbekuchen.

Als wir im Juni 2013 unsere Recherchen zur Kölner Eyeo GmbH und ihrem Browser-Plugin Adblock Plus veröffentlichten wurden wir von vielen langjährigen Benutzern der Software ausgelacht – oder beschimpft. Zu abstrus schienen unsere Vorwürfe, dass es sich bei dem „Open Source Projekt“ lediglich um die strategisch geplante Attacke einiger Investoren aus der Werbeindustrie auf den milliardenschweren Werbemarkt handelte.

Adblock Plus: Digitale Schutzgelderpressung

Schon früh hatten wir den Verdacht geäussert, dass Adblock Plus als langfristiges Ziel die lukrative Vermarktung eigener Werbeanzeigen im Blick hat und hierzu radikal die exklusiven Rechte im Browser des Benutzers ausnutzen wird. Das Addon darf – ausgestattet mit den entsprechenden Befugnissen und weitestgehend unbemerkt von einem durchschnittlichen Anwender – im Prinzip „alles“.

Adblock Plus entpuppt sich schlagartig als perfide konzipiertes Hintertuerchen, das sich als Erpressungswerkzeug fuer jeden Website-Betreiber einsetzen laesst. Sascha Pallenberg, im Juni 2013

Wie weit die Entwickler dabei gehen zeigte sich bereits vor über drei Jahren. Damals deckten wir auf, dass Adblock Plus „Vertipper“ in der Adresszeile korrigierte und unbemerkt um sogenannte Affiliate-IDs erweiterte, um die entsprechenden Verkaufsprovisionen in den internationalen Onlineshops von Amazon zu kassieren. In der Zwischenzeit sind einige Dreistigkeiten hinzugekommen, u.a. die automatische Weiterleitung auf Porno- und Scam-Seiten der übelsten Sorte, zum Vorteil eines großen Werbekunden.

Mit den nun selbst vermarkteten Werbeanzeigen klappen die Betreiber von Adblock Plus endlich das Visier hoch und beenden ihr jahrelanges Versteckspiel. Offenbar hat man nach mehreren Zukäufen mit der nun existierenden Benutzerbasis eine kritische Menge erreicht und muss innerhalb der ohnehin nicht allzu kooperationsfreudigen Branche nicht länger den Kämpfer für ein besseres Internet mimen. Selbstverständlich liest sich das in den offiziellen Pressemeldungen zum Start der Vermarktungsplattform etwas anders, schließlich will man ja möglichst wenige verstörte Benutzer verlieren.

Ein Online-Werbemarkt mit Milliardenumsätzen wartet

Nach den bisher vorliegenden Informationen macht Adblock Plus nun also folgendes: das Addon blendet wie ein normaler Werbeblocker in einem ersten Schritt alle Werbeanzeigen auf einer Internetseite aus, somit gehen dem Betreiber – angefangen beim großen Portal bis hin zum kleinen Blog – alle Einnahmen verloren. Hat sich ein eine größere Internetseite wie z.B. Google gegen eine Gebühr in Millionenhöhe freigekauft, werden die von der Eyeo GmbH als „akzeptabel“ eingestuften Anzeigen trotz aktiviertem Adblocker angezeigt. Möchte ein Benutzer auch diesen Anzeigen einen Riegel vorschieben, muss er die entsprechende Option in den Einstellungen des Programms deaktivieren.

Im nun folgenden Prozedere geht Adblock Plus einen Schritt weiter: das Addon blendet normalerweise angezeigte Werbebanner nicht einfach aus, es blendet ersatzweise teuer gebuchte Anzeigen der eigenen Werbekundschaft ein. Für diese „Dienstleistung“ wollen sich die Betreiber rund 20% der erzielten Werbeerlöse sichern und mutieren damit endgültig – wie vorhergesagt – zum Werbenetzwerk.

Digitale Schutzgelderpressung in Vollendung, mit 100 Millionen, meist unwissenden Benutzern als Erpressungsmaschinerie.

Voraussetzung für die Ausspielung der Werbeanzeigen ist, dass sich ein durch den Werbeblocker um seine Erlöse gebrachter Betreiber einer Internetseite für die Einbindung der „freundlicherweise“ zur Verfügung gestellten alternativen Werbeanzeigen entscheidet. Das ist digitale Schutzgelderpressung in Vollendung, und jeder Benutzer von Adblock Plus beteiligt sich mit der Installation des Programms an diesem System.

Zu den Partnern in diesem perfiden Spiel gehören nach den heute vorliegenden Angaben u.a. AppNexus, Googles Werbenetzwerk DoubleClick und das Ad-Tech Unternehmen ComboTag, die sich allesamt ebenfalls ein bisschen von den zu erwartenden Millionen-Umsätzen sichern wollen.

Im Juni 2016 hatte das Oberlandesgericht geurteilt, dass die Eyeo GmbH mit ihrem Adblocker und dem dahinterstehenden System aus Blockier- und kostenpflichtiger Freigabeliste ihre Machtposition über den Kopf des Benutzers hinweg unzulässig ausnutzt. Im vergangenen Monat erließ das Landgericht Hamburg eine Einstweilige Verfügung gegen das Kölner Unternehmen, weil Einträge in den prallgefüllten Blacklists die Anzeige von redaktionellen Inhalten unterdrückten. Der Geschäftsführer Till Faida, der Pressesprecher Ben Williams und die juristischen Vertreter des Unternehmens hatten während der laufenden Verfahren stets betont, dass man zu den klagenden Verlagen und Werbenetzwerken in keinem Wettbewerbsverhältnis stehe. Nach der aktuellen Entwicklung dürften das einige Gerichte in den folgenden Instanzen etwas anders sehen.

via fastcompany.com

Disclaimer: Auf Mobile Geeks gibt es bereits seit Januar 2015 keine klassischen Werbebanner, stattdessen arbeiten wir mit unseren Lesern und einigen ausgewählten Sponsoren. Mehr über unser Monetarisierungs-Modell findet ihr hier.