Alarmstufe Rot: Digitale Eskalation

Kolumnistin. Das war ja früher mein großer Traum, so vor 15 Jahren. Allerdings wollte ich da über Schuhe, Jeans und andere Dinge schreiben, ich sah mich schließlich als die Carrie Bradshaw des Ruhrgebiets - nur dass ich mehr über Klamotten zu erzählen hatte, als über Sex.
von Achara Rossow am 4. Januar 2015

Irgendwann folgte mein Blog, in dem es im Prinzip um nichts dergleichen ging, dann hab ich aufgehört zu schreiben und meine gedanklichen Ergüsse in 140 Zeichen komprimiert und rausgeschickt. Wenn überhaupt. Meistens habe ich darüber geredet. Und wieder nicht über Schuhe, sondern hauptsächlich über digitales Zeug.

Tech in the City

Und jetzt hier, von der Fashion-Blog-Fantasie zu mobilegeeks. 15 Jahre später, 15 Jahre Technologie und Innovation zwischen zwei Formaten. In dieser Zeit hat sich viel geändert, sowohl in Bezug auf meine Schuhe, als auch in Sachen Gadgets, Hardware, Software, Digitalisierung undundund. Und ich find es so großartig! Gut, für meine Altvorderen, durch die Bank weg Ingenieure oder anders geartete Wissenschaftler, ist es nur bedingt nachvollziehbar, wenn ich den InnovationsBÄMS des Smartphones mit dem der Spülmaschine vergleiche. Aber am Ende nutzen auch sie die Möglichkeiten, die ihnen die digitale Welt heute bietet. Also meistens. Wenn es nicht zu kompliziert ist. Oder zu teuer. Oder zu bunt, zu facebook, Geheimdienst, Weltverschwörung. Oder Mumpitz.

Mumpitz ist das Stichwort. Den hat mein Vater früher häufig in meinem Kleiderschrank als solchen identifiziert und heute macht er es auf meinem iPhone. Dann entstehen Fragen, die ich mal nonchalant mit drei, vier beeindruckenden Fremdwörtern verziert, und manchmal überhaupt nicht beantworten kann. Was der Entwickler sich dabei gedacht hat? Keine Ahnung. Warum man dafür Geld bezahlen sollte? Ich weiß es nicht. Inwieweit das für mich, mein Leben, meine Arbeit oder die Mensch-, Tier-, Pflanzenheit sinnvoll ist? Tjoaa…

frau computer facepalm

 

Warum Mumpitz schlecht für den Blutdruck ist

Irgendwann kommt der Moment (hier: Weihnachten!), in dem man vor versammelter Familienmannschaft nach seiner Meinung gefragt wird – man sei ja schließlich der Experte für diesen neumodischen Kram. Was man denn von diesem wunderbaren, digitalen Adventskalender der Kids halte, der neben der täglichen Dosis Schokolade auch per App digitale “Überraschungen” liefert. Toll. So modern. Und jeden Tag was Neues. Jahaa, zusätzlich zum täglichen Ärgernis, das entsteht, wenn die App weder ordentlich durchdacht, noch vor der Markteinführung wirklich getestet wurde und, sofern sie überhaupt funktioniert, vollkommen sinnlose Inhalte ohne auch nur einen Hauch von Mehrwert liefert. Will ich ihnen entgegen schreien, verkneife ich mir aber – die Erinnerung an den Abend sollte ja irgendwie mehr zu bieten haben als um Fassung ringende, verständnislose Erwachsene und heulende Kleinkinder.

Oder man muss erklären, wieso man sich nach der von Hass und Schweiß begleiteten Installation noch stundenlang weiter über die Vollkatastrophe in Form einer Menüführung des neuen Fernsehers aufregt, statt es einfach hin zu nehmen. Man gewöhne sich ja irgendwann dran. Oder hey – die Bedienungsanleitung! Einfach die Seite kopieren und auf den Wohnzimmertisch legen, macht die Cousine schließlich auch mit ihrer Senderliste. Die ist ja auch so kompliziert zu ändern, das kostet nur Zeit. Und überhaupt. Man könne sowieso nichts daran ändern. Stimmt. Ich will mich aber aufregen.

Mobiltelefone mit dem Usability-Ziel “höchstmögliche Verwirrung”. Softwareupdates, die nicht nur für den Anstieg von verhaltenstherapeutischen Leistungen, sondern auch für eine stetig wachsende Menge An-die-Wand-geworfenen-Elektroschrott sorgen. Services und Angebote für Menschen, die nicht den blassesten Schimmer haben, warum sie sich damit konfrontiert sehen – und wie sie in dieses CRM geraten sind, das sie irgendwie in die falsche Kundengruppe einsortiert hat. Es ist mein Job, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen, sie auseinander zu nehmen und zu hinterfragen, mich mit Nutzern über ihre Bedürfnisse zu unterhalten und Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Die Sache ist nur: Ich bin auch ein Nutzer mit (oft nicht erkannten oder ignorierten) Bedürfnissen. Und ich lasse meiner Fassungslosigkeit ob fragwürdiger Produkte und Services gerne… ich sag mal… kritisch-kreativen Lauf. Rants, Schmäh- und na gut, manchmal auch Liebesbriefe. Hauptsächlich aber Protokolle meines persönlichen Wahnsinns, wenn ich mal wieder unfreiwillig zum Betatester gemacht werde oder erklären muss, warum es nicht möglich ist, mit einer Frisuren-App eine Atombombe zu zünden. Absurditäten entstehen ja auch gerne mal im Kopf anderer Nutzer. Deswegen bin ich hier. Als Kolumnistin. Und über Schuhe schreibe ich in 15 Jahren vielleicht noch mal.