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Alle gegen Greta: Endlich wissen wir, dass sie keine Heilige ist

Wieder einmal arbeitet sich das halbe Netz an Greta Thunberg ab. Kritiker erkennen bei ihr eine Klima-Sünde - und nicht nur ihre Feinde stürzen sich beherzt auf sie.

von Carsten Drees am 16. August 2019

Es ist wieder einmal Freitag, wieder einmal #FridaysForFuture auf den Straßen. Mittlerweile ist es ziemlich exakt (20.08.18) ein Jahr her, dass Greta Thunberg erstmals gestreikt hat und damit auf die Notwendigkeit hinwies, dass wir alle zusammen anpacken müssen, um den Planeten noch retten zu können.

Wie vermutlich jeder mitbekommen hat, ist die 16-jährige Schweden gerade auf dem Weg nach New York, um dort am Klimagipfel teilzunehmen. Sehr medienwirksam stach sie vor wenigen Tagen in Südengland in See — an Bord einer Yacht, die trotz modernster Technologie und eines hohen Preises jeglichen Komfort vermissen lässt.

Sie hat sich ganz bewusst dagegen entschieden, über den großen Teich zu fliegen und stattdessen klimaneutral anzureisen. Aber genau das fällt ihr gerade auf die Füße, während sie im Atlantik herumschippert. Wie nämlich bekanntgeworden ist, reist sie zwar klimaneutral, der gesamte Trip ist es aber dennoch nicht. Das Boot wird nämlich mit einer anderen Crew heimwärts fahren und die — fünf Mann stark — fliegt nach New York. Der Skipper, der aktuell mit Greta unterwegs ist, fliegt ebenfalls nach Hause von New York aus, was dann in der Summe sechs Personen ergibt, die laut atmosfair-Emissionsrechner pro Person etwas mehr als 1,4 Tonnen CO2 erzeugen.

Das ist damit natürlich mehr, als wenn Greta und ihr Vater direkt geflogen wären und nur CO2 für zwei Personen erzeugt hätten. Einem Presse-Statement zufolge kompensieren die Segler der Malizia — unabhängig vom Greta-Trip — ihre Flugkosten, die bei den Reisen entstehen per Zahlung an atmosfair. Gleichzeitig wird auch eingeräumt, dass das nur das Mindeste ist, was man als Passagier eines Fliegers tun kann.

Ihr könnt euch jetzt natürlich vorstellen, dass dieser Fakt medial brutal ausgeschlachtet wird. Ausgerechnet Greta Thunberg stellt sich als böse Klima-Killerin raus. Das fremdgesteuerte Autisten-Mädchen, welches aus PR-Gründen vor jede Kamera gezerrt wird und zur Heiligen hochstilisiert wird, entpuppt sich als nicht ganz so heilig. Ich hab im letzten Satz mal versucht, so viel wie möglich von dem zusammenzufassen, an dem sich ihre Kritiker seit Monaten abarbeiten.

Schon im Februar schrieb ich über dieses Phänomen, weil ich nicht begreifen konnte, wie ein 16-jähriges Mädchen so viel Hass, Hetze und Häme erzeugen kann. Und nahezu täglich treibe ich mich (eigene Schuld, ich weiß) in den Kommentarspalten auf Facebook herum und stelle immer und immer wieder fest, dass Menschen mit Schaum vorm Mund reagieren, wenn das Thema Klimakrise oder Greta in irgendwelchen Beiträgen thematisiert wird. Und ja, es macht mich sauer — Tag für Tag. Dabei geht es nicht darum, dass ich in der Sache auf der Seite von FridaysForFture stehe.

Das macht es zwar zusätzlich schlimmer, dass der Klimawandel immer noch so eifrig geleugnet wird. Aber wütender macht mich die Wahl der Mittel, mit denen diskutiert wird. Spielt ihr Asperger-Syndrom tatsächlich eine Rolle, wenn ich pro und contra Klimawandel argumentiere? Oder ihr Alter? Oder ihre mediale Präsenz?

Feststeht, dass eine Greta Thunberg die letzte Person wäre, die sich über andere erhebt, oder anderen Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben. Sie sagte sogar in der Pressekonferenz vor ihrer Reise, dass sie sich ihrer vorteilhaften Situation bewusst ist und sie weiß, dass nicht jedermann auf diese Weise einen Flug — im wahrsten Sinne des Wortes — umschiffen kann. Ebenso steht fest, dass einer der wichtigsten Gründe für ihre Wahl des Transportmittels mit Aufmerksamkeit zu tun hat.

Merkwürdigerweise tun viele ihrer Kritiker so, als wäre es was Falsches, Aufmerksamkeit erzeugen zu wollen. Wieso eigentlich? Wenn ich das Gefühl habe, dass sich irgendwas signifikant ändern muss: Ist es dann pfiffig, das wie ein Geheimnis zu hüten? Oder sollte man doch lieber dafür sorgen, dass es möglichst viele Menschen erfahren? Wir haben das beim selben Thema ja bereits erleben müssen, als monatelang darüber geredet wurde, dass die jungen Menschen freitags die Schule schwänzen für ihre Streiks. Ja, natürlich — weil sich niemand dafür interessiert hätte, wenn das Samstagnachmittag stattfinden würde.

Sie kommen aus ihren Löchern …

Wie widerliche Aasfresser kommen sie alle aus ihren Löchern gekrochen. Sie haben es doch immer gewusst, dass mit dieser…

Gepostet von Carsten Drees am Freitag, 16. August 2019

Aber jetzt kommen sie alle wieder aus ihren Löchern und stürzen sich auf Greta und das in einem Ton, der mir schon wieder vor Wut die Tränen in die Augen treibt. Okay, das ist eigentlich nicht ganz richtig formuliert, denn die Hater sind ja im Grunde sowieso schon Tag für Tag damit beschäftigt, sich an dem Teenager abzuarbeiten. Aber jetzt haben sie plötzlich — gefühlt — eine mächtige Waffe an der Hand. Das K.O.-Argument, mit dem man es jetzt den ganzen Greta-Jüngern so richtig zeigen kann:. Sie haben es jetzt schwarz auf weiß, dass ihre Reise nicht klimaneutral stattfindet.

Vorher mussten sie halbherzig argumentieren, dass die teure Yacht ja schließlich auch erst mal produziert werden musste und das sicher das Klima belastet hat. Jetzt aber hat man was gegen sie persönlich in der Hand. Der Hass und die Häme werden bleiben, genau so die Beschimpfungen und die Todeswünsche an ihre Adresse. Aber geht mal davon aus, dass ab jetzt tausendfach so argumentiert werden wird, dass sie eben nachweislich doch keine Göttin ist.

Wieso überhaupt Göttin, Heilige, Jeanne d’Arc? Auch das lese ich wieder und wieder, dass sie von ihren “Jüngern” wie eine Heilige angebetet wird. Das ist unfassbarer Unsinn, weil es hier nicht um Personen geht. Von mir aus könnte es auch der fette Herr Schwobetzki aus Dortmund-Scharnhorst sein, der diese Welle los tritt. Es ist nun mal sie, die diese Bewegung ins Leben gerufen hat und noch heute tut sie nicht viel mehr als wieder und wieder zu erklären, dass sie nicht mehr möchte, als dass wir auf die vielen Klima-Experten hören.

Was hätte sie eigentlich machen sollen?

Bestimmt hat sie normale Fabrik-Schuhe und nicht welche, die sie aus Blättern selber gemacht hat, typisch.

Gepostet von Der Gazetteur am Donnerstag, 15. August 2019

Zweifellos gibt es einen riesigen Hype um diese junge Dame, aber der wird eben nicht von ihr forciert. Sie möchte Aufmerksamkeit fürs Thema, nicht für sich. Und auch, wenn ihre Person von Medien so unfassbar hochgejazzt wird: Es funktioniert ja auch. Die Politik weltweit befasst sich so ausgiebig mit dem Klima wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Ich bezweifle, dass ohne FridaysForFuture heute CSU-Wölfe im Klima-Schafspelz Umweltpolitik forcieren wollen würden, oder dass ein Minister Maas heute in der Arktis die Folgen des Klimawandels besichtigt hätte.

Es soll mir also bitte niemand erzählen, dass das, was sie begonnen hat, keinen Impact auf uns alle hätte. Deswegen muss man sie nicht als Heilige feiern, aber ganz sicher ist das auch kein Grund für den Hass, den sie auf sich zieht. Vielleicht kann mir das mal jemand von der Kritiker-Fraktion erklären, wieso man sie so hasst, wieso man in den Kommentarspalten so viel Beschimpfungen für sie findet.

Vielleicht, weil man einfach Angst hat, dass es irgendwann dem eigenen SUV, dem eigenen Diesel-Fahrzeug, den eigenen Reise- oder Essgewohnheiten an den Kragen geht? Get over it — wir sind alle Umwelt-Säue, der eine mehr, der andere weniger. Wir können alle mehr tun und wir müssen alle mehr tun — aber den Überbringer der schlechten Nachricht müssen wir sicher nicht richten.

Die Frage sei mal erlaubt und vielleicht findet sich da auch jemand, der es mir sachlich erklärt: Was hätte sie tun sollen? Wie hätte sie zum UN-Klimagipfel anreisen sollen? Hätte sie verzichten sollen? Dann hätte es geheißen, dass sie kneift. Wäre sie direkt geflogen, wäre sie sowieso angezählt worden, von wegen Wasser predigen und Wein saufen. Immerhin haben sich ihre Hater ja schon daran abgearbeitet, wenn sie mal Toastbrot auf dem Tisch hat, welches in Plastik eingepackt ist.

Wenn Greta über das Wasser laufen könnte, würden Leute kritisieren, dass sie nicht schwimmen kann…

Gepostet von Thomas Poppe am Freitag, 16. August 2019

Fakt ist wohl, dass sie überhaupt nichts mehr machen kann, was nicht sowieso von irgendwem kritisiert wird. Wieso legen wir eigentlich an uns nicht so einen überharten Maßstab an wie an sie? Fragen, die vermutlich niemand seriös beantworten kann. Stattdessen wird weiter geschimpft. Geschimpft auf Greta, geschimpft auf all die Veränderungen von “denen da oben” und geschimpft auf alle, die auf die “Klima-Hysterie” reinfallen.

Um hier jetzt mal langsam zum Ende zu kommen. Mir ist der Trubel um ihre Person auch schon lange zu groß. Wie gesagt: Sie möchte Aufmerksamkeit fürs Thema, nicht für sich. Wenn ihr in dieser Hinsicht aber jemandem den schwarzen Peter zuschustern wollt, dann schaut auf die Medien. Es gibt Live-Ticker zu Greta und wir erfahren, dass sie ordentlich geschlafen hat in ihrer ersten Nacht an Bord. Jeder Schritt von ihr, jedes Wort, jede Idee wird berichtet und kommentiert — und wenn es das Heiligenbild Gretas ankratzt, so wie die Meldung der taz, die ich oben angesprochen habe, dann funktioniert das alles natürlich noch mal deutlich besser. Klicks und Likes sind eine harte Währung und wo es die zu holen gibt, bleiben die Medien dran.

Und damit komme ich zur lustigen Schluss-Pointe für all die Greta-Hater mit ihren unzählgen “Sack Reis in China”-Sprüchen unter jeder Meldung:

Liebe Greta-Hasser und Klimaleugner,

könnt ihr euch vorstellen, wie viele Medien tagtäglich über Greta Thunberg berichten würden, wenn ihr euch nicht stundenlang in den Kommentarspalten schimpfend an ihr abarbeiten würdet? Ganz genau, kaum welche. Dann würden wir hoffentlich immer noch über FridaysForFuture und unsere Umwelt- und Klimaprobleme sprechen. Aber dass aus Greta diese Ikone werden konnte, als die sie zur Zeit gehandelt wird und bei der augenscheinlich aus Mediensicht jeder einzelne Schritt berichtenswert ist — daran tragt ihr eine riesige Mitschuld. Lebt damit und überlegt euch, ob ihr weiter über sie schimpfen wollt. 

Wenn ich noch Muße und Langeweile hätte, würde ich jetzt wieder erzählen, dass wir medienkompetenter werden müssen. Dass wir nicht auf reißerische Schlagzeilen und Fake-News reinfallen dürfen. Dass wir lernen müssen, auch auf Facebook wieder Diskussionen führen zu können, die beinhalten, dass wir unserem Gegenüber zuhören und dessen Punkte mal durchdenken. Aber das verkneife ich mir mal — über das Thema spreche ich dann nächstes mal wieder.

PS: Schaut auch beim Volksverpetzer vorbei, der sich auch lesenswert zum Thema zu Wort gemeldet hat.

Und falls ihr wissen wollt, wo das Boot mit Greta gerade steckt, braucht ihr keinen beknackten Live-Ticker von Focus und Konsorten, schaut direkt hier vorbei.