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#AllefürsKlima: Zeichen setzen, Weichen stellen

Unter dem Motto #AllefürsKlima sind heute nicht nur die FridaysForFuture-Kids aufgerufen, auf die Straße zu gehen, sondern wir alle. Gleichzeitig erwarten wir heute die Antwort des Klimakabinetts auf die Frage, wie wir noch die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen können.

von Carsten Drees am 20. September 2019

Es ist Freitag und ich bin in Geberlaune. Daher haue ich heute gleich zwei Appelle zum Preis von einem raus — einen an Angela Merkel und ihr Klimakabinett, einen an den ganzen Rest. Was macht diesen Freitag so besonders? Hin und wieder ruft die Bewegung #FridaysForFuture zu globalen, koordinierten Aktionen auf, wo dann noch mehr Menschen als üblich an den Demos teilnehmen. Heute ist wieder so ein globaler Streiktag und dieses mal hat man ganz explizit die Erwachsenen eingeladen, mit auf die Straße zu gehen.

Das wird auch passieren bzw. es passiert schon: Die Australier sind uns ja bekanntlich ein paar Stündchen voraus und dort sollen ersten Meldungen zufolge über 300.000 Menschen landesweit für die Einhaltung der Klimaziele demonstrieren.

#AlleFürsKlima – wow, #Australien legt mächtig vor beim #GlobalClimateStrike: "Mehr als 300.000 #Changemaker streiken…

Gepostet von Echte Demokratie jetzt am Donnerstag, 19. September 2019

Auch in Deutschland wird erwartet, dass viele Tausend Menschen demonstrieren gehen — allein in unserem Land sind fast 600 Aktionen geplant, ebenso Hunderte in Österreich. Ich selbst werde hier in Dortmund am Start sein, wo es um 12 Uhr losgeht. FridaysForFuture listet bereits 575 Orte auf, in denen ihr in Deutschland für den Klimaschutz heute auf die Straße gehen könnt:

Ich muss euch nicht erklären, dass das Wort “Streik” in diesem Klima-Zusammenhang ein schwieriges ist. Politische Streiks sind in Deutschland nicht erlaubt, was für uns bedeutet, dass wir eben demonstrieren und nicht streiken. Wichtig ist dieser Unterschied nicht in der Außenwirkung, wohl aber auf der rechtlichen Seite. Soll heißen: Es drohen Konsequenzen, wenn ihr einfach die Arbeit blau macht mit der Begründung, streiken zu gehen.

Dennoch — und jetzt kommt die Stelle mit dem Appell — möchte ich euch auffordern, nach Möglichkeit gleich auch auf die Straße zu gehen. Vielleicht habt ihr so viel Glück wie die Mitarbeiter bei Circ — die sind nämlich in Berlin für die Demos freigestellt, damit sie ein Zeichen für die Zukunft setzen können. Und auch alle anderen können profitieren, denn Circ bietet seine Leih-Roller, die in vielen Städten Deutschlands zu finden sind, heute ohne die sonst üblichen Kosten für die Freischaltung an, wenn ihr den Code “Future” nutzt:

Ein wenig trommeln in Arbeitgebersache…. :-)Morgen (Freitag, 20. September 2019) entscheidet die Bundesregierung…

Gepostet von Stefan Keuchel am Donnerstag, 19. September 2019

Wer nicht so viel Glück mit seinem Arbeitgeber hat, kann sich aber andere Wege suchen. Vielleicht kann man freinehmen, Überstunden abfeiern oder einfach mal beim Vorgesetzten vorstellig werden und gegebenenfalls klären, ob heute aus genau diesem wichtigen Grund mal ein früherer Feierabend drin ist.

So oder so: Diejenigen, die eh jetzt zuhause auf der Couch sitzen oder draußen in einem Café: Überlegt euch bitte, ob ihr euch den Protesten anschließt. Je mächtiger die Zeichen sind, die wir heute raussenden in die Welt, desto mehr Druck wird sowohl auf Politik und Industrie erzeugt und desto eher ändern sich die wirklich längst überfälligen Dinge.

Wann wollen wir die Erde denn retten, wenn nicht jetzt? Und wer soll es machen, wenn nicht wir? Die Dinge sind leider schon lange aus dem Ruder gelaufen und dennoch haben wir das wahnsinnige Glück, dass wir es immer noch aus eigener Kraft schaffen können. Dazu gehört eine wahnsinnige Kraftanstrengung, die dann aber auch genau jetzt beginnen muss, damit es noch was wird. Das Thema Klima bzw. der menschgemachte Klimawandel war noch nie so präsent wie heute.

Das sollten auch ruhig diejenigen erkennen, die sagen, “dass das alles sowieso nichts bringt, was dieses 16-jährige Mädchen da macht, die sowieso lieber in der Schule sitzen sollte”. Es sollten auch diejenigen erkennen, die sagen, dass es überhaupt nichts bringt, wenn Deutschland beim Klimaschutz voranschreitet. Damit will ich mich jetzt mit meinem Appell jetzt an meinen anderen Adressaten wenden:

Liebe Bundeskanzlerin Angela Merkel, liebes Klimakabinett,

Ihr sitzt jetzt schon seit gestern Abend zusammen und bastelt (hoffentlich) am ganz großen Klima-Wurf. Ich will jetzt gar nicht drauf herumreiten, wieso solche eminent wichtigen Dinge oft in so kruden Nacht-Sitzungen entschieden werden. Die Probleme sind ja viele Jahre bekannt, da muss man also nichts übers Knie brechen, aber das soll wie gesagt jetzt nicht das Thema sein.

Ich will einfach nur an euch alle appellieren, dass ihr da in Berlin gerade tatsächlich Nägel mit Köpfen macht. Dass ihr einen Konsens erarbeitet, der nicht nur für CDU, CSU und SPD passt, sondern auch tatsächlich einen großen, wichtigen Schritt in die richtige Richtung darstellt. Und wir reden hier von Sieben-Meilen-Stiefel-Schritten, denn es genügt jetzt nicht mehr, richtige Dinge anzuregen, Kommissionen zu bilden und die wirklichen Lösungen wieder zu vertagen. Jetzt, heute muss angepackt werden und für mein Empfinden muss hier die wichtigste Entscheidung eine schnellstmögliche Bepreisung von CO2 sein. Mir egal, ob ihr Emissionen handeln wollt oder eine neue Steuer beschließt — Hauptsache, es geht flott los.

Generell will ich euch aber gar nicht vorschreiben, was ihr zu tun habt, denn ich bin weder Wissenschaftler noch Politiker. Aber ich möchte mich Greta Thunberg anschließen mit meiner Forderung: Hört denen zu, die seit vielen Jahren erzählen, dass der Klima-Karren im Dreck gelandet ist — also exakt den Profis, von denen ja auch die Oppositions-Rakete Lindner fordert, dass man ihnen die Lösung des Problems überlassen sollte.

Die versammeln sich längst unter ScientistsForFuture und die haben einen Katalog an Maßnahmen ausformuliert. Den könnt ihr normalerweise auf der Seite der Wissenschaftler auch lesen, heute allerdings nicht. Heute hat man die Seite quasi aus dem Verkehr gezogen (ebenso wie Die Ärzte übrigens) mit dem Hinweis, dass man heute nicht spricht, sondern streikt — und darauf hofft, dass die Politik die richtige Entscheidungen trifft.

Mein Appell an euch Politiker daher: Falls ihr euch gerade auf der Zielgeraden befindet und es noch Unklarheiten gibt: Ruft euch die Forderungen der Wissenschaft nochmal ins Gedächtnis. Ihr kennt die Fakten alle und wisst, welche Forderungen auf dem Tisch liegen. Bekommt eure Hintern hoch, vergesst mal euren Stolz und Parteien-Denken und macht einfach das Richtige — ganz unabhängig davon, ob ihr damit kurzfristig Wähler verschrecken könntet, oder nicht.

Falls irgendjemand noch eine kleine Entscheidungshilfe benötigt, egal ob bei den Verhandlungen in Berlin oder sonst wo in Deutschland: Hört vielleicht einfach nochmal kurz diesem Mädchen zu!

Damit habe ich zum heutigen, so wichtigen Tag erst einmal genug gesagt. Ich gehe jetzt raus auf die Straße und ich würde mich verdammt freuen, wenn ich euch da treffe, oder ihr mich wissen lasst, dass ihr euch irgendwo anders auf dem Planeten heute den Protesten anschließt.