Künstliche Intelligenz - Menschliches Gehirn vor Schaltkreisen
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Artificial Intelligence

Alphabet: Eric Schmidt über künstliche Intelligenz – und ein antiquiertes Apple Music

Eric Schmidt von Google bzw. Alphabet darf man wohl getrost als Visionär bezeichnen. Wenn so jemand was zu erzählen hat wie jetzt bei der BBC über künstliche Intelligenz, sollte man genau hinhören. Wir haben das getan und dabei auch einen Seitenhieb auf Apple Music erkannt.

von Carsten Drees am 16. September 2015

Eric Schmidt ist eines der großen Google-Urgesteine, auch wenn auf seiner Visitenkarte nun Alphabet statt Google stehen wird, das neue Dach-Unternehmen der Kalifornier. Er stammt also noch aus der allerersten Riege der Google-Köpfe und schon zu deren Anfangstagen haben sich die Macher der populärsten Suchmaschine des Planeten als Menschen mit Weitblick und Visionen ausgezeichnet.

Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert und so ist Eric Schmidt ein äußerst beliebter Gesprächspartner, wenn man sich zum Beispiel – so wie die BBC aktuell – in einer mehrteiligen Reihe mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Dass diese künstliche Intelligenz bzw. Artificial Intelligence (AI) auch ein Steckenpferd Googles ist, dürfte unbestritten sein. Das macht Schmidt zu einem perfekten Ansprechpartner, was sich auch in seinem Beitrag für die BBC in ein paar interessanten Aussagen manifestierte.

Künstliche Intelligenz bei Musik-Software

In the next generation of software, machine learning won’t just be an add-on that improves performance a few percentage points; it will really replace traditional approaches. Eric Schmidt, Chairman bei Alphabet, vormals Google

Schmidt spricht über Musik-Software und bringt in diesem Zusammenhang obiges Zitat, in welchem er anklingen lässt, dass wir dank des Niveaus, welches AI aktuell erreicht, riesige Qualitätssprünge erwarten dürfen. Man kann dieses Zitat aber generell auf Software-Möglichkeiten übertragen, denke ich – auch, wenn Schmidt hier ein ganz konkretes Beispiel bringt. Er sagt, dass man vor zehn Jahren vermutlich eine Handvoll Musikexperten versammelt hätte, um für eine digitale Musik-Plattform trendige Musik ausfindig zu machen. Heute hingegen kann man das Software erledigen lassen, die so lernfähig ist, dass sie viel präziser absehen kann, was jeder Einzelne vielleicht am liebsten als nächstes hören möchte – oder erahnen kann, wer auf dem Weg dazu ist, der nächste Weltstar in der Musik zu werden.

Apple-Music-vs-Adele

Auch, wenn es nicht explizit von ihm erwähnt wird: Er spricht ja eigentlich ziemlich abstrakt darüber, welches Niveau künstliche Intelligenz speziell bei dieser Musik-Software erreicht hat, beschreibt dabei aber im Grunde ziemlich präzise exakt das, was Apple mit Apple Music derzeit macht! Zwar gibt es auch dort Algorithmen, die euch die möglichst passende Musik liefern soll aufgrund dessen, was ihr sonst hört. Aber Apple legt auch Wert darauf, dass man sich Top-Leute rangekarrt hat, die euch diese Entscheidung abnehmen und für euch die Sounds kredenzen, von denen angenommen wird, dass sie für euch passen.

Mit diesem Feature will man sich von Spotify und Co abgrenzen – alles andere, was Apple Music bietet, kennt man so oder so ähnlich ja auch längst von anderen Plattformen. Schmidt teilt uns nun durch die Blume mit, dass es exakt dieses Alleinstellungsmerkmal bei Apple Music ist, welches komplett antiquiert – mit 10 Jahren Verspätung –  daher kommt und heutzutage besser gelöst werden kann – auch, ohne den Namen dabei selbst in den Mund nehmen zu müssen.

Künstliche Intelligenz steht jetzt an einem Wendepunkt

Wir reden schon ewig lange über künstliche Intelligenz, aber erst jetzt dringen wir langsam in disruptive Bereiche vor, in denen sich ein Produkt nicht nur marginal gegenüber einem Vorgänger verbessern kann, sondern riesige Qualitätssprünge macht und komplett neue Ansätze verfolgen kann, um die Probleme unseres Lebens in Angriff zu nehmen.

Bereits am 31. August 1955 sprach John McCarthy davon, dass er sich über den Sommer mit einem Projekt beschäftigen möchte, in welchem es um intelligente, lernfähige Maschinen geht. Damals wurde durch ihn der Begriff “Artificial Intelligence” geschaffen. Heute – 60 Jahre später – wissen wir, dass er mit seinem Zeitfenster ein wenig daneben gelegen hat und man diese intelligenten Maschinen eben nicht binnen eines Monats erdenken konnte, sondern erst nach mehreren Jahrzehnten in diese Richtung vorstößt.

Eric Schmidt befasst sich in seinem Text auch damit, wieso das nun wirklich so lange gebraucht hat und bringt als Beispiel Geoff Hinton, der bereits in den Achtzigern an Software zur Spracherkennung arbeitete, dem damals aber aufgrund viel zu langsamer Rechner die Hände gebunden waren. Mittlerweile geht er mit seinem Team in der Google-Mannschaft auf und ist mit seiner Story das perfekte Beispiel für die lange Spanne zwischen “Das könnte funktionieren” und “Wow, das funktioniert besser als alles, was wir bislang kannten!”.

Schmidt spricht davon, dass wir in einer sehr komplexen und chaotischen Welt leben und dass es daher äußerst schwierig ist, die Lernfähigkeit von Maschinen auf diese Welt und all ihre Eventualitäten einzustellen. Er sagt, dass die bisherigen “Spielzeug”-Probleme, mit denen man sich in den letzten Jahrzehnten beim Thema AI abgerackert habe, nur ein Witz wären im Vergleich zu den heutigen tatsächlichen Ansprüchen, bei denen die Messlatte für künstliche Intelligenz um ein Vielfaches höher liegt.

Was ist überhaupt AI und ab wann ist mein Job gefährdet?

Die Aussagen des Eric Schmidt sind wie oben erwähnt nur ein Teil einer ganzen BBC-Reihe, die sich mit dem Begriff Artificial Intelligence beschäftigt. Der obige Clip ist die Einführung, in der zunächst mal die Frage geklärt wird, was diese Bezeichnung überhaupt bedeutet. Künstliche Intelligenz finden wir schon dann vor, wenn uns beispielsweise Facebook vermeintlich passende Freundschaftsvorschläge macht, oder auch dann, wenn sich Dein programmierter Gegenspieler bei FIFA Soccer möglichst authentisch verhält.

Unter dem Strich will man aber erreichen, dass eine Maschine einen solchen Intelligenzgrad erreicht wie unser menschliches Hirn. Dann ist eben nicht an dem Punkt Schluss, an dem man möglichst schnell möglichst viele Rechenprozesse beendet werden sollen. Dann wird eine Maschine auch Entscheidungen treffen können, selbstständig Ideen entwickeln und umsetzen können und eben all das, was bis dato auf diesem Planeten nur vom menschlichen Gehirn bewältigt werden kann.

Artificial intelligence would be the ultimate version of Google. It would understand exactly what you wanted, and it would give you the right thing. Larry Page (Google) im Jahr 2000

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und die Menschheit ist bei der Erwartung dieser Entwicklungsstufe absolut zwiegespalten: Die einen können es nicht mehr abwarten – zu der Fraktion, zu der mit Sicherheit die Jungs und Mädels bei Google gehören, zähle ich mich persönlich auch. Dann gibt es aber auch diejenigen, die sich sorgen und befürchten, dass derart intelligente Maschinen das unwiderrufliche Ende der Menschheit bedeuten würden – spätestens an dem Punkt, an dem ein Roboter, der intelligenter ist als ein menschliches Wesen, feststellen würde, dass es die Menschen nicht braucht, um selbst existieren zu können. Zu dieser Fraktion  gehört auch Stephen Hawking:

Wie gesagt: Von dieser Stufe sind wir noch weit weg, aber bereits lange vorher werden wir feststellen, dass künstliche Intelligenz dafür sorgt, dass der ein oder andere Beruf obsolet wird. Auch dieser Frage ist die BBC nachgegangen und verweist auf die Boston Consulting Group, laut deren Berechnung bereits im Jahr 2025 – also zehn Jahre von heute entfernt – ein Viertel aller Jobs von Maschinen oder Software bewältigt werden kann.

Liste der am ehesten durch AI gefährdeten Berufe
Pro-Tipp: Verkauft ihr beruflich irgendwas übers Telefon, dann solltet ihr langsam vielleicht schon mal umschulen

Eine Studie der Oxford-Universität besagt, dass binnen der nächsten 20 Jahre 35 Prozent aller Arbeitsplätze in Großbritannien davon betroffen sein könnten. In der Folge geht der Bericht der BBC auf verschiedene Jobs ein und deren Wahrscheinlichkeit, schnell durch ein Programm oder einen Roboter ersetzt zu werden. Weder wir von der schreibenden Zunft, noch Barkeeper oder erst recht Fabrikarbeiter können sich diesbezüglich in Sicherheit wiegen. Hier könnt ihr selbst mal testen, ob euer Job in den nächsten Jahren betroffen sein könnte.

Auswertung des BBC-Tests: Ist der Beruf "Journalist" durch künstliche Intelligenz bedroht
Ist der Beruf “Journalist” durch künstliche Intelligenz bedroht? Scheinbar bin ich erst mal relativ sicher ;)

Ich kann euch die Reihe der BBC nur wärmstens ans Herz legen, wenn ihr am Thema interessiert seid. In den nächsten Jahren werden noch hochinteressante Entwicklungen und Fortschritte zu beobachten sein, was KI bzw. AI angeht und mich als Tech-Schreiberling freut es ungemein, dass ich diese spannenden Zeiten miterleben darf. In der Folge dürfen wir uns Gedanken machen, welchen Impact all das auf unsere Leben haben wird: Werden wir unsere Arbeit noch behalten, wenn sie evtl. von einer Maschine besser ausgeführt wird? Was werden wir mit unserer zusätzlichen Freizeit anfangen? Welche Bereiche des Lebens werden betroffen sein? Müssen wir uns wirklich sorgen, dass die Maschinen zu intelligent werden? Oder können wir Maschinen vorab “einimpfen”, dass sie den Mensch als höchste Instanz anzuerkennen hat?

Ich würde mich freuen, wenn ihr eure Gedanken zu dem Thema in die Kommentare schreibt (meinetwegen auch, wenn ihr euch nur über Schmidts Apple-Bashing aufregen wollt ^^) und uns Mobile Geeks wissen lasst, was ihr über das Thema “Artificial Intelligence” denkt und ob ihr eher zur besorgten Fraktion gehört oder aber zu denen, die sich auf diese Zukunft freuen. Als Rauswerfer gibt es jetzt den Trailer des Spielberg-Films A.I., der sehr eindrucksvoll mit der Idee spielt, wie es ist, einen absolut menschlichen Roboter zu besitzen. Ein Film, den ich persönlich sehr mag, der sehr emotional ist, aber eben auch sehr “creepy”.

Quelle: BBC

Bildquelle Titelbild: christian42