Amoklauf von München
Hurra, es waren wieder die Killerspiele!

Für den Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist die Sache "klar": gewaltverherrlichende Killerspiele sind eine der Ursachen für den Amoklauf von München. Damit macht es sich die Politik, 7 Jahre nach Winnenden, erneut zu einfach, richtet den Fokus auf einen Nebenkriegsschauplatz und verhindert eine dringend notwendige gesellschaftliche Debatte über Mobbing und seine Folgen.

Keine 96 Stunden ist es her, da tötete ein 18jähriger in München 9 Menschen, zumeist Jugendliche, und danach sich selbst. Keine 24 Stunden später begann in Deutschland eine Debatte, durch die sich der ein oder andere 7, 10 oder 14 Jahre in die Vergangenheit katapultiert sah. Alles auf Anfang, Günther Becksteins „Killerspiele“ sind zurück. Die Waffe kommt diesmal aus dem „Darknet“, nicht aus dem Waffenschrank eines Sportschützen. Und Mobbing … oh, schau‘ mal da, ein Eichhörnchen.

Der Bundesinnenminister Thomas de Maizière gab am vergangenen Samstag eine Pressekonferenz und berichtete über die vorliegenden Erkenntnisse zum Amoklauf in der bayrischen Hauptstadt am Vorabend. Auch links und rechts der politischen und gesellschaftlichen Mitte hatte sich da bereits herumgesprochen, dass der Terror zu diesem Zeitpunkt doch noch nicht Deutschland erreicht hatte und dass es sich „nur“ um die Tat eines Einzelnen handelte. Auch „das Internet“ hatte sein Urteil bereits mehr oder weniger übereinstimmend gefällt: von Arschloch über Irrer und Psychopath bis hin zu Was-auch-immer-einem-an-Schimpfworten einfällt wurde alles bedient.

Und dann fiel beinahe beiläufig ein Satz. Thomas de Maizière sagte, es sei „klar“, dass das „unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen hat.“ Das könne, so der Minister weiter, „kein vernünftiger Mensch bestreiten.“

Thomas de Maizière machte in diesem Moment das, was Politiker in solchen Situationen gerne tun, weil es von ihnen so erwartet wird: Er lieferte eine simple Erklärung für einen eigentlich viel komplizierteren Sachverhalt, wohlwissend um die mediale Durchschlagskraft seiner Worte. Der Schuldige ist tot, gebt uns einen Schuldigen! Bereits nach den Amokläufen in Erfurt (2002), Emsdetten (2006) und Winnenden (2009) hatten deutsche Politiker recht zügig Ego-Shooter wie Counter Strike als Mitverursacher der furchtbaren Taten ausgemacht. Dass es durchaus „vernünftige Menschen“ gibt, die de Maizières Schlussfolgerungen seit mehreren Jahren bestreiten, weiß auch der Minister. Auf jede Studie, die einen einfachen Zusammenhang zwischen Computerspielen als Ursache und Gewalt als Wirkung belegen soll, kommt mindestens eine Studie, die das Gegenteil belegen will. Katharsiseffekt. Geschenkt.

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Doch im Rückblick auf die vielen mittlerweile vergangenen Jahre und die währenddessen stattfindenden Diskussionen sind die Äußerungen des Ministers einfach nur eine perfide populistische Vernebelungstaktik, mit der die Tatenlosigkeit der Verantwortlichen in ganz anderen Bereichen unter den Teppich gekehrt werden soll. Das kann, um die Wortwahl aufzugreifen, „kein vernünftiger Mensch bestreiten“.

Ego-Shooter gehen mir völlig am Arsch vorbei

Wer hier und heute eine einem Tech-Blog angemessene Auseinandersetzung mit „Killerspielen“ und der Unbedenklichkeit selbiger erwartet hat, darf an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Ego-Shooter gehen mir völlig am Arsch vorbei. Ich persönlich könnte Counter Strike nicht von Doom, Crysis, Half-Life oder Call of Duty unterscheiden und habe nie einen Sinn darin gesehen, anderen virtuellen Figuren den Schädel wegzuschießen. Mir geht das Geballer auf die Nerven und über eine berufsbedingte Faszination für die mittlerweile beeindruckende Grafik kann ich den Games nichts abgewinnen.

Was ich aber durchaus genreübergreifend zu würdigen weiß ist die Tatsache, dass sich rund um diese Spiele weltweite Communities gebildet haben, die in der Realität genau das leben, was Politiker wie Beckstein und de Maizière ihnen pauschal absprechen. Begeisterung, Freundschaften, Neugier, Spannung, gemeinsame Interessen über das Spiel hinaus. Also all das, was man normalerweise eben nicht mit einem vermeintlich typischen Amokläufer verbindet: ein, wenn auch „nur virtuelles“, soziales Umfeld. Und ich kann deshalb durchaus nachvollziehen, dass Millionen von Menschen auf diesem Globus nicht in Sippenhaft genommen werden wollen und sich plötzlich in ihrem familiären Umfeld oder im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis für etwas rechtfertigen sollen, dass in dieser billigen Simplifizierung nicht für sie gilt. Genauere Erkenntnisse kann sich de Maizière bei seinen Kollegen im Bundesfamilienministerium abholen, die waren dort recht fleissig.

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Das eigentlich Unerträgliche an de Maizières Worten ist aber die daraus resultierende Ignoranz anderer Faktoren, die nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen beim Amoklauf von München eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten. In einem mittlerweile wohl hinlänglich bekannten Video vom Deck eines Parkhauses brüllt der Täter, er sei in einer „Hartz-IV-Gegend“ aufgewachsen. Zudem spricht er ausdrücklich von „Mobbing“.

Ich hab‘ Stunden für die Überlegung gebraucht, wie man das einordnen kann, ohne den Eindruck zu erwecken, dass man „Mitleid“ oder „Verständnis“ für den Amokläufer oder seine Tat hege. Hab‘ ich nicht. Aber ich will auch nicht hinnehmen, dass nun 7 Jahre nach Tim K.‘ Amoklauf in Winnenden eine längst überfällige Debatte über völlig ausgeklinkte Jugendliche mit einem hektischen Fingerzeig auf das „Darknet“ oder auf irgendwelche Ballerspiele pofalla-artig für beendet erklärt wird. Diesmal nicht, nicht schon wieder.

Mehr als ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden und dementsprechend medial kaum beachtet hatte eine Nachhilfelehrerin schwere Vorwürfe gegen Mitschüler und Lehrer des Todesschützen erhoben. Schon auf dem Schulweg sei der damals 17jährige vor allem von Mädchen gehänselt worden, in der Klasse habe er bei Fragen der Lehrer regelmäßig gezittert, bei schlechten Noten sei er in Tränen ausgebrochen. Die damalige Rektorin der Albertville-Realschule Astrid Hahn stellte klar, ihr sei davon nichts bekannt, Tim K. sei ein „völlig unauffälliger Schüler“ gewesen.

Immer wieder taucht in der Entwicklung von jugendlichen Amokläufern das Thema Mobbing auf – und immer wieder endet die breite gesellschaftliche Diskussion darüber in einem resignierten, mitunter sogar verständnislosen Achselzucken.

Ich kann die Kommentare, in denen schlaufurzige Mittfünfziger davon berichten, dass man „ihnen auch auf’m Schulweg das Brötchengeld geklaut hat“, bis sie (angeblich) „dem größten der drei vier fünf Jungs eins auf die Nase gehauen haben“ nicht mehr zählen. Die Frage, ob es denn von dieser Heldentat, wie heutzutage üblich, ein in den Sozialen Netzwerken kursierendes Video gibt, hat sich angesichts des Alters der Herren ja ohnehin erübrigt.

‚Er hatte überhaupt niemanden in der Klasse, der sich mit ihm abgegeben hat‘, sagt ein Bekannter. Seine ‚Sing-Sang-Stimme‘ habe alle genervt, er habe Namen immer ‚blöd ausgesprochen‘. Auch wegen seines ‚komischen Gangs‘ habe man sich lustig gemacht, er habe das linke Bein so merkwürdig aufgesetzt.‘ Micky Beisenherz bei stern.de

Columbine, Winnenden, Kauhajoki, Jokela, Emsdetten, Ansbach – während Mitschüler und Bekannte regelmäßig davon berichten, dass der oder die Täter unter einer subjektiv lebensbestimmenden Zurückweisung gelitten hätten, wollen Lehrer, Eltern, oder andere „Aufsichtspersonen“ davon meistens kaum etwas mitbekommen haben. Und so beschränken sich auch nach den furchtbaren Taten eventuelle Reaktionen auf einen ganz kleines, unmittelbar betroffenes Umfeld.

Wenn die Mutter einer in Winnenden ermordeten Schülerin bei Plasberg mit Tränen in den Augen davon berichtet, dass man dem kleinen Bruder nur eine Schule weiter kaum Verständnis für seine besondere Situation entgegengebracht hat, dann steht das exemplarisch für eine Scheiss-Egal-Mentalität in einem System, in dem „besonderen Fällen“ und „Einzelgängern“ nur in absoluten Ausnahmefällen Beachtung geschenkt wird. Mehr noch: Beispiele wie dieses zeigen, dass irgendwie – auf eine ganz widerlich erschreckende Weise – Täter und Opfer gleichermaßen ignoriert werden, wenn sie nicht „funktionieren“.

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Folgt man der Sandkasten-Logik von Beckstein und de Maizière und reduziert seinen Aktionismus auf möglichst simple Zusammenhänge, dann müsste es hierzulande längst ein „Mobbing-Verbot“ geben, das von Eltern, hochqualifizierten Lehrern und Psychologen bei den geringsten Anzeichen durchgesetzt wird. Gibt es aber nicht, trotz der über einen Amoklauf hinausgehenden gesellschaftlichen Relevanz.

Genaugenommen dürfte man, will man den Vergleich beibehalten, noch nicht einmal Mobbing „spielen“.

Der eigentliche Irrsinn in der Reaktion de Maizières und anderer Politiker manifestiert sich nämlich dort, wo sich kein durchgeknallter Jugendlicher eine Waffe besorgt und andere Menschen hinrichtet. Das, was wir mit Entsetzen am Freitag erlebt haben, ist das absolute Gewalt-Maximum in einem Mikrokosmos namens Schule. Man muss kein Statistik- oder Mathematik-Genie sein um sich auszurechnen, was auf den darunter liegenden Ebenen an emotionalem und körperlichem „Terror“ stattfindet und trotzdem politisch und gesellschaftlich nahezu vollständig ignoriert oder verniedlicht wird.

Das darf uns nach 7 erneut verstrichenen Jahren nicht noch einmal passieren.

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