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An alle, die WhatsApp-Sprachnachrichten verteufeln: Bitte lasst diesen Quatsch!

Vor zwei Tagen hat CHIP ein sehr pauschales und plattes Sprachnachrichten-Bashing veröffentlicht. Ich möchte in dieser Replik gern einige der Vorwürfe kommentieren.

von Carsten Drees am 8. Oktober 2019

Eins vorweg: Persönlich finde ich, dass aus Chip Online eine ganz haarsträubende Nummer geworden ist mit den Jahren. Ich hab die Chip als Print-Ausgabe vor vielen Jahren regelmäßig gelesen, später dann auch die Online-Version stets auf dem Schirm gehabt. Wie sich das Magazin seitdem entwickelt hat, macht mich gleichzeitig traurig und wütend. Dennoch will ich hier nicht pauschal ein Magazin bashen, von dem ich weiß, dass dort immer noch fabelhafte Tech-Journalistinnen und -Journalisten arbeiten.

Ich möchte mich in meiner Replik daher nur konkret auf diesen Artikel beziehen, in dem mit der WhatsApp-Sprachnachricht abgerechnet wird. Fairerweise muss man dazu sagen, dass dieser Artikel von Amelie Graen stammt und von ihr bereits 2017 für die deutsche Huffington Post verfasst wurde. Mittlerweile wurde sie ja längst eingestampft — also die deutsche Ausgabe der HuffPost, nicht Amelie Graen, ist klar. Das wäre übrigens auch etwas, was mich (nicht nur an der Chip) nervt, wenn solche Beiträge Jahre später auf anderen Seiten wieder rausgekramt werden.

Aber kommen wir jetzt konkret zu dem Beitrag von Frau Graen, die mittlerweile beim Stern gelandet ist. Es ist natürlich nur ein Opinion Piece von ihr und daher selbstverständlich subjektiv. Dennoch möchte ich als Sprachnachrichten-Fan dazu Stellung beziehen und aufzeigen, dass ihre Sichtweise vielleicht doch nicht ganz zu Ende gedacht ist.

Das geht für mich eigentlich schon mit der Headline los: “An alle, die WhatsApp-Sprachnachrichten verschicken: Bitte lasst diesen Quatsch!”

Mich stört hier schon, dass ein Feature einer App so pauschal verteufelt wird, bzw. all ihre Nutzer aufgefordert werden, diese Funktion einfach nicht mehr zu nutzen. So pauschale Aussagen nerven mich oft, weil es immer schwierig ist, vom eigenen Nutzungsverhalten ableiten zu wollen, ob etwas nicht für andere Menschen mit einem anderen Nutzungsprofil doch einen Mehrwert haben könnte.

Liebe WhatsApp-User: Ich hoffe, ich überfordere euch jetzt nicht, nur weil ich diesen Text nicht als Sprachnachricht aufgenommen habe. Jetzt müsst ihr tatsächlich etwas lesen. So sorry.

So eröffnet sie ihre Anklage und stellt gleich klar, dass Sprachnachrichten-Nutzer das lediglich deswegen tun, weil sie von Texten offensichtlich überfordert sind. Woher kommt dieser Zusammenhang, dass man, weil man Tätigkeit A schätzt, Tätigkeit B nicht beherrscht? Ist Frau Graen vielleicht überfordert, wenn sie jemandem zuhören muss, anstatt seine Aussagen geschrieben zu lesen? Vermutlich nicht, deswegen wäre es Quatsch, so etwas abzuleiten. Umgekehrt halt aber ebenso. Ich schreibe allein schon beruflich tausende Wörter täglich, lese beruflich und privat noch viele tausend Wörter mehr jeden Tag. Dennoch schätze ich die Sprachnachricht als Instrument der Kommunikation und ich verstehe nicht, wo sich das ausschließen soll.

Los, klickt schnell weg, haltet das Handy wieder waagrecht an den Mund und schickt eurer Freundin eine wütende Sprachnachricht!

Mein Kompromiss-Vorschlag, falls ihr gerade in der U-Bahn sitzt: Lest meinen Text doch einfach laut und deutlich vor. Dann haben trotzdem alle was davon. Baut noch ein paar mal “Ähmmmm” und “Joaaah” ein und gebt an ein paar Stellen lachende Grunzlaute von euch – und tadaa, schon ist es quasi eine Sprachnachricht.

Denn aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund gelingt es euch Sprachnachrichten-Fetischisten ja nicht, euer Handy so ans Ohr zu halten, dass tatsächlich nur ihr die für euch gedachte Nachricht hört.

Allein in diesem ersten Abschnitt des Textes versammeln sich gleich mehrere Vorwürfe. Immer wieder gern wird sich darüber echauffiert und lustig gemacht, dass man sein Smartphone waagerecht vor den Mund hält. Ich hingegen mache mich lustig über Leute, die sich etwas ans Ohr halten, obwohl es gar nichts zu hören gibt. Will ich eine Sprachnachricht hören, halte ich mir das Smartphone selbstverständlich nicht waagerecht vors Gesicht. Will ich aber eine aufnehmen, halte ich mir das Handset so vors Gesicht, dass ich dem Mikrofon möglichst nahe bin. Es besteht kein Grund, sich in diesem Fall das Smartphone ans Ohr zu halten. Ganz unabhängig davon staune ich, dass es jemanden so aus der Ruhe bringen kann, auf welche Art wildfremde Menschen ihren Besitz halten. Von mir aus sollen sich Leute ihre Handys doch auf den Kopf legen oder damit jonglieren, wenn es sie glücklich macht — ich muss es schließlich nicht nachmachen, wenn ich es behämmert finde.

Auf die “Ähmmmm”-und-“Joaaah”-Nummer will ich gar nicht groß eingehen. Ich ertrage die Art, wie meine Freunde sprechen oder lachen, egal, ob es in einer Sprachnachricht ist, im Telefongespräch, oder wenn sie leibhaftig vor mir stehen.

Ohne den Kommentar unserer Sprachnachrichten-Hasserin zu sehr zu spoilern, will ich aber doch anmerken, dass sie im Laufe des Textes immer wieder ansprechen wird, wie genervt sie davon ist, dass Menschen in der Öffentlichkeit Sprachnachrichten a) laut anhören und b) auch eigene aufnehmen. In diesem Punkt bin ich sogar bei ihr: Niemanden geht es was an, was mir mein bester Freund gerade im Vertrauen sagt, niemanden geht es was an, was ich ihm darauf entgegnen werde.

Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, dass der Einsatz von Sprachnachrichten pauschal Quatsch ist — zumindest nicht so lange, bis jemand uns vorschreibt, dass man diese Voice Messages tatsächlich nur noch in der Öffentlichkeit abhören und aufnehmen darf. Alle anderen können es weiterhin ruhig so machen, wie ich es mache: Bin ich in der Öffentlichkeit, höre ich Sprachnachrichten zumeist über Kopfhörer ab. Will ich umgehend unterwegs antworten, tue ich das, wenn ich außer Hörweite anderer Leute bin. Ist das nicht möglich, weil ich beispielsweise gerade in der Bahn sitze, warte ich eben mit meiner Antwort, bis ich zuhause sitze.

Übrigens verschicke ich fast alle meine Sprachnachrichten von zuhause. Einfach, weil ich da am entspanntesten über die Dinge reden kann, die ich besprechen möchte und weil ich dort zumeist auch die Sprachnachrichten anderer abhöre. Ich bin da natürlich auch in einer glücklichen Lage, da ich im Home Office arbeite und auf keine anderen Personen Rücksicht nehmen muss. Aber auch das spricht ja dafür, dass man dieses Feature nicht pauschal verteufeln sollte, weil es eben unterschiedliche Nutzer mit unterschiedlichen Lebensentwürfen gibt. Einige meiner Freunde nutzen übrigens die Zeit ,wenn sie länger im Auto unterwegs sind, um sowohl Sprachnachrichten abzuhören, als auch welche zu versenden. Auch dabei stören sie keine Seele.

Nein, Telefonieren ist nicht das selbe!

Ärgerlich, dass noch keine Technik erfunden wurde, die es ermöglicht, sofort eine Antwort zu hören. Stellt euch nur vor, wie praktisch das wäre. Ihr sprecht in euer Telefon – und erhaltet schon im nächsten Augenblick die unverfälschte Reaktion eures Gesprächspartners. Ach Moment. Das gibt es ja schon: telefonieren. Aber verständlich, dass ihr das nicht kennt. Hat sich wohl noch nicht so rumgesprochen, gibt es aber auch erst seit 1861.

Klar — Nutzer von Sprachnachrichten sind nicht nur zu faul zum Schreiben, sie sind auch dämlich und kennen dieses “Telefonieren” nicht, von dem die Autorin da spricht. Schon klar, es ist ein überspitzter Kommentar und da gehört dieser Schuss Polemik ihrerseits wohl dazu. Das ändert aber nichts daran, dass man das Hören und Verschicken von Sprachnachrichten und das altbekannte Telefonieren nicht synonym sehen darf. Ich hab mich schon mal in einem längeren Text über die Vorzüge von Sprachnachrichten ausgelassen und dabei auch über die asynchrone Kommunikation geschrieben. Kurz zusammengefasst geht es bei dieser Art der Kommunikation darum, dass ich nicht drauf angewiesen bin, dass beide Gesprächspartner gleichzeitig Zeit für ein Gespräch haben müssen.

Hier mein Beitrag aus dem letzten Jahr, in dem ich erkläre, welche Vorteile die Sprachnachricht für mich persönlich hat: 

What’s up, WhatsApp: Eine Lanze für die Sprachnachricht

Ich bin nachts sehr lange wach, viele meiner Freunde sind aber recht zeitig in der Falle. Was spricht also dagegen, dass ich die nachts vollquatsche und sie es sich am nächsten Morgen oder Vormittag im Auto auf der Fahrt zur Arbeit anhören?

Einen letzten Satz aus dem Kommentar möchte ich noch zitieren und zwar diesen hier: “Nehmt bitte ein bisschen Rücksicht auf eure Mitmenschen.” Den möchte ich selbstverständlich hundertprozentig unterschreiben. Mich nervt es auch, wenn Leute in der U-Bahn laut Sprachnachrichten abhören oder aufnehmen. Allerdings nervt es mich auch, wenn sie laut telefonieren, laut Musik hören oder sich einfach unangemessen laut mit denen unterhalten, die mit ihnen Bahn fahren. Das ist eine Frage des Respekts und des fairen Miteinanders und keine Frage der Technologie.

Daher möchte ich die gute Amelie Graen auch dazu auffordern, ebenfalls Rücksicht auf ihre Mitmenschen zu nehmen. Lasst sie doch ihre Smartphones merkwürdig halten, solange es uns nicht bei irgendwas stört oder einschränkt und lasst doch Menschen Sprachnachrichten nutzen, wenn es für beide Seiten okay ist. Das gehört für mich übrigens auch zwangsläufig zum Miteinander dazu: Ich verschicke keine Sprachnachrichten an Leute, bei denen ich weiß, dass sie davon genervt sind und tendenziell eh nicht antworten werden. Kommunikation ist sehr vielseitig, die Technik gibt uns glücklicherweise viele Möglichkeiten an die Hand und es wäre verrückt, freiwillig auf Technologien zu verzichten, bloß weil Einzelne sie nicht mögen und nicht selbst nutzen möchten.

Ganz zum Schluss will ich Amelie direkt mal selbst ganz frech fragen: Mittlerweile sind zwei Jahre ins Land gezogen, seit dieser Kommentar erstmals im Original veröffentlicht wurde. Hast Du vielleicht mittlerweile selbst Gefallen an Sprachnachrichten gefunden? Dann schick mir ruhig mal eine – ich verrate es auch niemandem ;-)