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Android 11: Das neue Betriebssystem ist langweilig und damit genau richtig

Google hat nach diversen Developer Previews nun die erste Beta von Android 11 veröffentlicht, die für ein größeres Publikum gedacht ist. Riesig sind die Unterschiede zu Android 10 nicht - und das geht durchaus in Ordnung. 

von Carsten Drees am 11. Juni 2020

Gestern gab Google bekannt, dass Android 11 als Beta veröffentlicht wurde. Seit Februar wurde das mobile OS der Kalifornier mit insgesamt vier Developer Previews bedacht. Jetzt ist man also weit genug, dass man die Beta im größeren Rahmen verteilen kann. Zunächst gilt das für Pixel-Devices, wird aber natürlich in der Folge weiter ausgeweitet.

Wie immer müssen wir euch auch dieses mal nicht wirklich darauf hinweisen, dass es eben noch keine finale Version ist und damit fehlerbehaftet. Das bedeutet, dass sie eben jetzt auch noch nicht für jedermann geeignet ist. Nichtsdestotrotz kann man jetzt schon mal auf die Neuerungen blicken, die sich Google für dieses Update auf Android 11 ausgedacht hat.

Das Thema Datenschutz hat man sich für Android 11 auf die Fahnen geschrieben, Benachrichtigungen wurden optimiert, vernetzte Geräte sollen schneller und leichter bedienbar werden, Screen Recording wird eingeführt und einiges mehr. Der oben verlinkte Google-Beitrag des Unternehmens stellt die Neuerungen übersichtlich vor, falls ihr wissen wollt, was noch auf euch zukommt.

Ich möchte hingegen folgendes über Android 11: Es ist ein langweiliges Update und genau deswegen goldrichtig!

Never change a boring System

Ja, ich weiß — der Spruch geht anders: Never change a running System. Und ja, natürlich muss sich auch ein Betriebssystem weiterentwickeln. Dennoch sind die Veränderungen von Android 10 auf Android 11 eher subtil und überschaubar und wenn wir ganz ehrlich sind, dann war Android 10 nach Android 9 schon keine Software-Revolution.

In einer Welt, in der wir uns von Superlativ zu Superlativ hangeln, könnte es auf den ersten Blick vielleicht als schlechtes Zeichen verstanden werden, wenn eine neue Android-Version nicht das komplette System auf links krempelt. Ich sehe es aber komplett umgekehrt: Google ist mit Android längst an einem Punkt angelangt, an dem das Betriebssystem so gut, so schnell und so sicher geworden ist, dass es keiner Neuerfindungen des Rads bedarf.

Nicht falsch verstehen: Natürlich freue ich mich über Neuerungen, die mir die Bedienung meines Smartphones einfacher machen oder Funktionen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie mir wünsche und die ich mir ab da dann nicht mehr wegdenken kann. Aber über die Jahre, in denen Google teils von einer auf die andere Version Funktionsumfang und Design des OS komplett auf den Kopf stellte, hat sich nun eben eine durchdachte Idee eines Betriebssystem herauskristallisiert, an die man eben nicht mehr ständig fundamental herumdoktern muss.

Erinnert euch mal an Android 2.3 Gingerbread: Danach kam Honeycomb und dann schließlich Android 4.0 Ice Cream Sandwich und von 2.3.7 Gingerbread bis zur ersten Version von Ice Cream Sandwich ist gerade einmal ein einziges Jahr vergangen. Ein Jahr, nachdem Android kaum noch wiederzuerkennen war.

Jetzt haben wir es natürlich immer noch mit neuen Funktionen und optischen Modifizierungen zu tun, aber im Wesentlichen wird nachjustiert und das System in Nuancen geändert. Wir sind als Android-Nutzer ja auch nicht direkt kolossal überfordert, wenn es ein neues Feature gibt, oder die Benachrichtigungen, der App-Drawer oder die Einstellungen ein leicht anderes Erscheinungsbild erhalten.

Würde man jetzt aber ohne Not — einfach weil man nur mal wieder was Neues bieten möchte — das komplette Design umkrempeln, Schaltflächen völlig anders positionieren, bestimmte Funktionen an anderer Stelle zur Verfügung stellen usw, würde heilloses Chaos herrschen und der Shitstorm, der dann folgt, wäre nicht nur logisch, sondern auch berechtigt.

Erinnert euch mal an die Jungs und Mädels von Microsoft und was die sich für verschiedene neue Versionen von Windows anhören mussten. Niemanden hat Windows Vista wirklich glücklich gemacht, als es Windows XP beerbte. Darauf folgte dann das wieder etwas herkömmlichere Windows 7, welches viele Nutzer wieder versöhnte. Genau so ging es weiter, denn mit Windows 8 wollte Microsoft dann erschreckend viel anders machen, was dazu führte, dass sich plötzlich niemand mehr zurechtfand. Jetzt sind wir bei Windows 10 angekommen, welches Windows 7 deutlich mehr ähnelt als dem direkten Vorgänger und die Leute sind deutlich zufriedener.

Das liegt auch beileibe nicht daran, dass Software-Nutzer grundsätzlich Schwierigkeiten mit Veränderungen haben. Denn gerade bei den alten Android-Versionen, die ihr Erscheinungsbild von mal zu mal deutlich veränderten, waren es auch tatsächlich wichtige Schritte, die gemacht wurden und die Bedienbarkeit von Smartphones signifikant verbesserten.

Noch vor wenigen Jahren beklagten wir — gerade im Vergleich zum iPhone und iOS — zu wenig Leistung, so dass man nicht mal flüssig durch einen Text scrollen oder von einem Bildschirm zum nächsten wechseln konnte. Der Funktionsumfang war spartanisch, manche Features einfach umständlich zu erreichen und das Design nicht konsistent.

Google hat hier kontinuierlich nachgebessert — mal hat man Funktionen kopiert, die sich woanders bewährten, mal hat man selbst das Tempo vorgegeben. Jetzt haben wir ein solide funktionierendes System, auf dem sich alle Android-Nutzer zurechtfinden, selbst bei neuen Handsets (was nichts mit den Modifikationen der jeweiligen Hersteller zu tun hat).

Man muss nicht nur des Änderns Willen Dinge ändern, Schriftarten austauschen usw., wenn man an diesem Punkt angelangt ist. Die Technik lässt sich so oder so nicht aufhalten: Optimierte KI-Funktionen beispielsweise beim Kamera-Interface, mehr (Daten-)Sicherheit, angenehmer betrachtbare Screens, logischer aufgebaute Benachrichtigungen und vieles mehr verschönern uns unsere Smartphone-Welt. Das ist toll und wird auch weiter passieren. Aber weder bei Android noch bei der iOS-Konkurrenz werden Quantensprünge gemacht.

Wenn ich heute lese, dass Smartphone XY das Update auf die neue Version eines OS erhält und mein eigenes Smartphone noch nicht, dann interessiert mich das wirklich nur am Rande und das trotz meiner Affinität zur Technik und trotz meines Jobs hier. So oder so weiß ich nämlich, dass ich ein sehr gut funktionierendes und vernünftig ausgewogenes Betriebssystem auf dem Gerät vorfinde — egal, ob ich es heute gekauft habe oder vor zwei Jahren. Mein Samsung Galaxy S9+, welches immer noch mein Zweit-Phone ist, nickt mir gerade von der Seite zustimmend zu.

Ärgert euch also nicht, wenn ihr — egal wann — einen ersten Blick auf Android 11 werft und feststellen müsst, dass so ziemlich alles irgendwie wie immer aussieht. Es ist gut, dass es so ist und Android mittlerweile so erwachsen geworden ist, dass wir diese riesigen Sprünge von Version zu Version nicht mehr erleben müssen.